— ' jr~ —" /TT ♦ n \ .f* f ^ vDememöeblatt / ( i J tu Ult (UUiiytU|U;l hu inniunnunui; »L T'f 1 Gleszew Nr. 43. Bietzen, 22. Sonntag nach Trinitatis, 31. Oktober 1915. 4. Jahrgang Reformationsfest. von Generalsuperintendent E>. Klingemann- Toblenz. Evangelium der Dohannes 8. 36. 5o euch nun der Lohn frei machet, so seid ihr recht frei. Ls gehört zu unseres Volkes schwerer geschichtlicher Führung, daß es seiner größten Geistestat, der Deformation, nie rückhaltlos sich hat freuen dürfen, daß bis heute das Bild seines großen Sohnes Martin Luther, von der Parteien Gunst und haß verwirrt, nicht allen Kindern unseres Volkes in seiner Kraft und Schönheit leuchtet. Schon der schroffe Gegensatz zwischen Luther und Zwingli vertiefte unseres Volkes Zerklüftung, und nach dem Scheitern von Zwinglis oberdeutschen Bundesplänen gingen die Deutschen in der Schweiz entschlossener als zuvor ihren eigenen, gesonderten weg. Für die Erkenntnis, daß die notwendige trennende Gewalt einer geistigen Bewegung die Einheit eines Volkes nicht auszuheben brauche, war das Geschlecht jener Tage noch nicht reis, und als der Augenblick, die von einheitlichem, großem Gedanken erfaßte Kraft unseres Volkes zu einem Ziel zusammen zu schmieden, ungenützt vorübergegangen war, vollendete sich die Trennung in zwei geschiedene Lager, und die unglückliche politische Gestaltung des alten Kelches entwickelte sich dem Zerfall, dem großen Unglück des dreißigjährigen Krieges entgegen. Mag man dafür hier die Keformation, dort die Bekämpfung der Keformation verantwortlich machen, so steht das eine fest: Unser Volk hat für die Errungenschaften der aus seinem Gewissen geborenen großen Bewegung einen hohen Preis gezahlt. Um so mehr ist es Pflicht, diese Errungenschaften in ihrem Wert zu erkennen und in Treue sestzuhalten. von den großen Gedanken, die aus dem Mittelpunkt der Gewißheit von des Sünders Kechtfertigung vor Gott aus Gnaden durch den Glauben Luther zuflossen, hat kaum einer so tief in des Volkes Seele gezündet als der von der Freiheit des Thristenmenschen. Sn eine gärende, wogende Zeit kam Luthers unvergängliche Volksschrift: „Von der Freiheit eines Thristenmenschen", die eine Sprache redete, wie sie vorher aus deutschem Boden noch nicht vernommen worden war. Kein wunder, daß die gewaltigen neuen Gedanken auch mißdeutet und mißverstanden wurden, daß die innere Freiheit in Thristus, die Luther verkündigte, ohne weiteres auf das Freiheitssehnen der Geknechteten in trüber Zeit übertragen wurde, von den beiden großen Sätzen jener Schrift: „Ein Thrist durch den Glauben ein freier Herr aller Dinge und niemandem untertan" und „Ein Thrist durch die Liebe ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan" ist der zweite bis heute für viele eine unbequeme Forderung geblieben, und daran leidet auch die Anwendung des ersten Satzes. Klle wahre Freiheit wurzelt für Luther in dem Glauben an Thristus, und darum ist sie völlig unabhängig von des Menschen Stand und Lage. So wenig wie Paulus hat Luther daran gedacht, mit seiner predigt der Freiheit in des Lebens, des Volkes äußere Verhältnisse hineinzugreifen. Und doch mußte schließlich die innerlich frei gewordene Persönlichkeit den weg zur äußeren Freiheit suchen, doch mußte die Befreiung des Glaubens von Menschenwerk und Menschensatzung den weg auch zu äußerem Fortschritt bahnen, ein neues Wertmaß schaffen für die Verhältnisse dieses Lebens, für all das veraltete, knechtische Wesen, das mit innerer Freiheit im Widerspruch zu stehen schien. Die soziale Umwälzung jener Tage, der Kufstand der Bauern, kam über unser Volk, kam auch über die geistliche Bewegung der Zeit als ein großes Unglück. Ein unreifes Geschlecht, seit mehr als einem Menschenalter in immer neuen versuchen des Kufftandes an seinen Ketten rüttelnd, mußte den Gedanken der Freiheit mit eigner Kot und eignem Sehnen verquicken. Es vernahm den lockenden Klang Freiheit und wollte nichts wissen von Zucht. Manch tapferes deutsches Wort vom Kecht der Waffen, vom Kecht des Krieges und der Notwehr hat Luther gesprochen, wo aber Aufruhr und Gewalt wider die Gbrigkeit sich erhebt, da will er allezeit auf seiten derer erfunden werden, die Unrecht leiden, nicht bei denen, die Unrecht tun. Und mit einer Klarheit, die für alle Zeiten wegweisend geblieben ist, verwahrt er sich dagegen, daß geistliche Fragen gelöst werden mit der Gewalt des Schwertes, daß die Grenzen zwischen geistlichen und weltlichen Fragen verwischt werden. So ruft er vor Aus- bruch des Bauernkrieges den Lauern, die das Wort von evangelischer Freiheit für ihre Sache sich anmaßen wollten, die zürnenden Worte zu: „Uber den christlichen Kamen, sage 170 — ich, den laßt stehen und macht den nicht zum Schanddeckel eures ungeduldigen, unfriedlichen, unchristlichen vorneh- men§,' den will ich euch nicht lassen noch gönnen, sondern beides, mit Schriften und Worten, euch abreißen nach meinem vermögen, so lang sich eine Ader regt in meinem Leibe." Freiheit in der Zucht begehren wir für unser deutsches Volk als den besten Siegespreis nach dem schweren klingen dieser Tage. Sie Kann nur da erblühen, wo die Grundlage der sittlichen, geistlichen Freiheit gewonnen wird, wo ein im Glauben starkes Geschlecht Gottes und seiner Gnade gewiß geworden ist. So soll uns die Freiheit im Glauben das große Erbe der Deformation sein, das wir pflegen und hüten wollen als unseres Volkes bestes Teil, An Jesus Christus ist diese Freiheit gebunden, seine Gabe ist das in der Freiheit wurzelnde, starke vertrauen auf Gott, wenn durch unsere Zeit der mannhafte Klang der Lutherlieder hindurchtönt, wenn wir singen von der festen Burg, von guter wehr und Waffen, von ritterlichem Ningen durch Tod und Leben zu gottgewiesenem Ziel, so sei darüber der Kern- und Mittelpunkt nicht vergessen: Es streit' für uns der rechte Mann, Den Gott selbst hat erkoren. Fragst du, wer der ist? Er heißt Liesus Christ, Der Herr Zebaoth, Und ist kein andrer Gott, Vas Feld muß er behalten. Meine Erlebnisse in der französischen Fremdenlegion. von einem Gießener. (Fortsetzung.) Bis zum 1. Dezember 1883 verblieben wir in Sidi-Bell- Abbes, von diesem Tage an aber wurden wir, d. h. ungefähr 20 Mann, nach Bou-Kanifis auf eine Strafanstalt zur Bewachung gefangener Araber kommandiert. Ls waren dort Leute untergebracht, die in dem bekannten Araberaufstand von 1881 bis 1882 sich gegen die französische Herrschaft ausgelehnt und ganze Ansiedlungen dem Erdboden gleich gemacht hatten. Diese Ansiedlungen waren zumeist von Spaniern bewohnt, welche Napoleon so um das Jahr 1857 zur Auswanderung nach Nordafrika veranlaßt hatte. Diejenigen unter den Gefangenen, die sich gut führten, wurden zu leichten Arbeiten verwendet, die anderen mußten, mit hacke, Spaten und picke ausgerüstet, jeden Tag Land urbar machen. Die Schwerverbrecher unter ihnen, bei denen man Fluchtversuche fürchtete, wurden in sogenannten Silos (Erdgefängnissen) verwahrt. Es wird da ein Loch in die Erde gegraben, das ungefähr 3 Meter tief ist, die obere Geffnung hat einen Durchmesser von ungefähr 3/4 Meter, nach unten ist die Grube so ausgeweitet, daß der Loden einen Durchmesser von 2 bis 2 V 2 Meter hat, die wände sind mithin abgeschrägt, so daß es keinem Gefangenen möglich ist, aus diesem Loche herauszukommen. Täglich kommen die bedauernswerten Leute eine Stunde lang zu ihrer Erholung heraus, wenn es regnet oder schneit, wird eine Art Dach über die Grube gestellt. wir hatten zwei Tage zu marschieren, bis wir an Drt und Stelle ankamen. Traurige Wochen waren es, die wir dort verlebten, wir mußten viel Hunger leiden und hatten eine große Menge von Wachen und Patrouillen zu versehen. Die eine Hälfte des Kommandos zog auf wache, die andere Hälfte ging mit den gefangenen Arabern hinaus auf das Feld, das war regelmäßig vormittags von 7—12 und nachmittags von 2 -5 Uhr: es war zum verzweifeln, wenn man bedenkt, daß gewöhnlich 12 Mann 60 -70 gefangene Araber zu bewachen hatten und daß diese auf der Arbeitsstätte die gefährlichsten Werkzeuge, wie Nodhacken, Aexte, Beilpicken hatten, so versteht man, daß wir in großer Gefahr waren. Mit geladenem Gewehr und ausgepslanztem Seitengewehr waren wir rings um die Gefangenen aufgestellt, unsere Instruktion lautete, auf jeden zu schießen, der sich der Postenkette nähere. Die Posten, die das Gefängnis bewachten, mußten sich vom Dunkelwerden an jede Viertelstunde zurufen: „Lentinelle, prenez garde ä vous“ („Schildwache, Hab acht auf dich!"), und der letzte Posten, der in der Nähe der wache stand, mußte dem wachhabenden Zurufen: „Kien de nouveau!“ (Nichts Neues!). So ging es Tag für Tag, nur Sonntags waren wir davon befreit, die Gefangenen hinaus auf das Feld zu führen, denn alsdann wurden diese gar nicht herausgelassen. Interessant war es zuzusehen, wie die Araber mit einem scharf gemachten Löffelstiel einander die Kopfhaare abrasierten. Die Beköstigung der dorthin abkommandierten Soldaten hatte der Kommandeur übernommen, der dafür eine Pauschalsumme erhielt. Da dieser Herr bei diesem Geschäfte recht viel Geld gut machen wollte, so war die Kost, die wir erhielten, erbärmlich. Es gab jeden Tag weiße Nüben und ein bißchen Hammelfleisch. Um Abwechselung in diese eintönige Kost zu bringen, gingen wir nachts heimlich zu der spanischen Ansiedlung und suchten Kartoffeln auszugraben. Aber die Ansiedler waren meist auf der Hut und schossen scharf nach uns. Am 12. Januar 1884 wurden wir wieder abgelöst und marschierten zurück nach Sidi-Bell-Abbes. Daselbst blieben wir bis zum 18. Februar und wurden dann unserem Bataillon zugeteilt, das in Mecheria lag. (Obwohl bis dahin die Eisenbahn ging, mußten wir doch die.große Strecke zu Fuß zurücklegen. Sn Afrika sind die Märsche das Schwierigste, das der Soldat zu leisten hat. von Sidi-Bell-Abbes bis nach Mecheria sind es 16 Tagesmärsche, wir hatten unterwegs drei Nuhetage, den ersten in Sidi-Laß-Aines, den zweiten in Saida, den dritten in Kreiter. Auch die anderen Stationen haben wunderbar klingende Namen, sonst ist aber dort nichts zu finden, kein Baum, kein Strauch, kein Haus, nur Sand und manchmal zwischen Heidekraut ein wasserloch. Die genannten Stationen sind so verschieden weit voneinander entfernt, daß man an einem Tage 60 Kilometer marschieren muß, am andern nur die Hälfte. Diese Märsche sind so furchtbar, daß es in der Negel auf ihnen eine Anzahl von Selbstmorden gibt, und zwar sind es meist die ganz jungen Leute, die nicht imstande sind, die Strapazen zu ertragen und infolgedessen Hand an sich legen. Auch begehen die Gebildeten, die in der Hoffnung kamen, bald befördert zu werden, häufig Selbstmord. Entsetzlich ist die Hitze, furchtbar quält der Durst, nirgendswo ist Wasser zu finden, der glühend heiße Sand verbrennt das Schuhwerk. Unter solchen Umständen kommt es leicht vor, daß der eine oder der andere nicht mehr mitmarschieren will und zurückbleibt. Alles Aufmuntern, auch alles Schelten hilft nichts. Da wird dem Unglücklichen sein Tornister abgenommen, man läßt ihm nur das Gewehr und die Patronen. Aber auch jetzt kann er nicht mehr sich aufraffen, der Durst quält ihn zu furchtbar, aus einmal kracht ein Schuß, das Leben ist entflohen. So ging es auch auf diesem Marsch, vom vierten Marschtage an verging kein Tag, daß nicht einer oder zwei ihrem Leben ein Ende machten. 171 — Don Saida aus kamen wir in das Gebiet, in dem zwei 3at]re vorher der große Uraberaufstand statlgesunden hatte. Lou-Umenana, der Führer der Uusständischen, hatte mit großem Geschick den französischen Truppen schwere Verluste beigebracht. Unsere zweite Etappe von Saida aus, eine meist von Italienern bewohnte Unsiedlung, war damals bis auf die Grundmauern vernichtet, alle Bewohner waren ermordet worden. Lei unserer Unkunst war diese Unsiedlung noch ein Trümmerhaufen, und ich glaube, daß sie bis auf den heutigen Tag nicht wieder aufgebaut worden ist. von Saida an beginnt das Hochplateau, es zieht sich bis zum kleinen Utlas hin und wird auch die kleine Sahara genannt. Dieses Hochplateau ist eine scheinbar unendliche Ebene, aus der nichts wächst als Ulfa, eine Urt Heidekraut, das unserem Flachse ähnlich ist. Die Unsiedler verpacken es und schicken es mit der Bahn weg, es wird alsdann zu Stoff verarbeitet, nämlich es werden aus ihm Drillzeug, Urbeiterhosen und Urbeiterblusen hergestellt. Gebahnte Straßen gibt es in dieser Gegend nicht, fortwährend muß man in Schlangenlinien um die Ulfabüsche herumgehen, was unendlich mühsam und anstrengend ist. Uuch wächst dort ein wohlriechendes Heidekraut, Daine genannt. Diese beiden Pflanzen bilden die Nahrung der Gazellen und Kamele. (Fortsetzung folgt.) Erlebnisse einer Mitglieder der Deutschen Zlottenvereinr in Rußland IM 15. (Fortsetzung.) Der Baum hatte ein eisenvergittertes Fenster, war hell und sauber und sollte uns dadurch noch lange eine schone Erinnerung bleiben. Es dauerte nicht allzu lange, und weitere Leidensgenossen füllten die bisher noch leergebliebenen Zellen. Unter Vermutungen, weschalb wir verhaftet worden seien, verging der Tag. Um 7 Uhr abends ging es dann unter Polizeibegleitung nach der Kanzlei des Obersten Martpnow von der Geheimpolizei. Nun sollte uns klar werden, welch große Verbrecher wir waren. wir waren wegen der Leistungen kleiner Beiträge zur deutschen Flotte, also wegen Bekundung unserer deutsch-patriotischen Gesinnung, verhaftet worden. Die Unklage lautete nach § 21/431 des russischen Strafgesetzbuches auf Zugehörigkeit zu einer, die Sicherheit des russischen Staates bedrohenden Vereinigung und stellte Festungshaft oder Gefängnis bis zu einem Jahr in Uussicht. Die Sache war also vielversprechend, und Herr Oberst Martpnow hatte noch die Freundlichkeit, uns zu erklären, daß wir als Bussen, in deutscher Hand, für unsere Tat mindestens sofort wären erschossen worden, wie dies einem gewissen Fränkel in Polen passiert sei, den man zuvor jedoch noch beraubt habe. Ich erlaubte mir die Frage, ob er glaube, daß zweimalige Jahresbeiträge zu 5 Kübel für eine deutsche wohl- sahrtseinrichtung eine derartige Bestrafung verdiene, nachdem wir Deutsche jährlich Hunderte von Kübel für wohl- wohltätige Zwecke an russische Unstalten abgaben. Nach abermaliger Notierung aller Personalien und Familienverhältnisse entließ mich der Herr, und ich wanderte aufs neue ins Gefängnis zurück, um dort bis zum ly. September zu verbleiben. Inzwischen hatte man eine ganze Unzahl Flottenvereinsmitglieder, ungefähr 70 Mann, zusammengefangen, und am 22. September sollte der ganze Transport mit noch Hunderten von Kettensträflingen, Zivilkriegsgefangenen aus Ostpreußen, Polen, Taurien usw. nach den Gouvernements wologda, Wjatka und Sibirien abgeschoben werden. Nach zweitägigem Uufenthalt im Moskauer Uebersiede- lungsgefängnis, wo 65 Mann in einem Kaum zusammengepfercht waren, der sonst für 45 gerade reichte, wurde der Transport der Begleitmannschaft übergeben und wie üblich in der Uebernahmehalle einer Leibesvisitation unterzogen. Das wenige Gepäck wurde ebenfalls aufs genaueste untersucht und Kleidungs- und Wäschestücke in empörender weise auf dem schmutzigen Plattenboden herumgeworfen. Das Gepäck, ungefähr 35 Pfund schwer, in der Hand, wurden wir auf den Hof gestoßen und dort zu sechs in der Keihe aufgestellt. Hunderte warteten hier bereits, und endlich um 8 Uhr abends zog der ganze Trupp im Geschwindschritt unter Begleitung der Soldaten, die blank gezogen hatten, zum Bahnhof. wir waren ungefähr 400 Menschen, Männer, Frauen und Kinder, voraus marschierten einige Dutzend Sträflinge mit klirrenden Ketten, wir vom deutschen Flottenverein, ungefähr 35 an der Zahl, gleich hinterher. Ein Teil unserer Mitglieder war im Gefängnis zurückgeblieben und sollte dort in dem scheußlichsten und schmutzigsten Gefängnis, welches ich je sah, noch recht lange schmachten. Der Gefangenenzug setzte sich aus Urrestantenwagen und wagen dritter Klasse zusammen und reichte knapp für die eingebrachte Menge, wir wurden vorerst in wagen dritter Klasse untergebracht und erst 240 Kilometer von wjatka, in Jakschan, infolge einer Laune der Begleitmannschaften, die mit schlechter Gesellschaft die Nacht verbringen wollten, in einem Urrestantenwagen untergebracht. Um 26. September kamen wir endlich in wjatka an, müde, zerschlagen und hungrig nach der langen Fahrt. Nun ging es sieben Kilometer zu Fuß durch den Schmutz der kotigen Straßen, das Gepäck auf dem Kücken, nach dem Hof des Transportgefängnisses, wo wir, triefend vor Uässe, ankamen. Einige hundert Sträflinge, sowie neun der unsrigen, die sich für Jeläbuga gemeldet hatten, blieben in wjatka zurück und wurden nach peinlicher Leibesvhitation und Ubnahme ihrer Barmittel nach dem Transportgefängnis abgeführt, wir anderen, ungefähr 65 an den Zahl, Frauen, Männer und Kinder, marschierten nach der Polizeiverwaltung, wo wir von 10 Uhr morgens bis 6 Uhr abends, ohne irgend etwas zu essen, im Hofe im Kegen standen, um dann nach dem Halteplatz des Dampfers „Kommersant" der Wolga-Wjatka-Linie abgeschoben zu werden, der uns nach dem Drt unserer Bestimmung Slobodskoy bringen sollte. Durch mein Bitten und mit Uachhilfe einiger Kübel fand ich mit noch vier Flottenvereinsmitgliedern in der Damenkajüte des Dampfers Unterkunft und Nahrung; hier erfreuten wir uns unserer Freiheit bis zum nächsten Morgen V28 Uhr. Um diese Zeit kamen wir in Slobodskoy an. Die anderen Urmen, ungefähr 60 Personen, hatten, zusammengekauert unter dem Segel, auf dem verdeck kampiert: der Kegen hatte zwar nachgelassen, dafür aber war es kalt und windig, wieder ging es nun drei Kilometer durch den Kot zur Polizeiverwaltung, wo uns endlich um drei Uhr nachmittags vom polizeigewaltigen der Stadt erklärt wurde, daß die fünf Ueltesten unseres Tonvois, Männer im Ulter von 54, 57, 62, 65 und 68 Jahren, in Zlobods- kop vornächst verbleiben dürsten, die übrigen jedoch sofort zu Fuß weiter befördert würden und zwar nach Dörfern, die 65 bis 100 Kilometer entfernt waren. Unter ihnen befanden sich Frauen und viele Kinder. Uns wurde erklärt, wir hätten uns jeden Übend bei der Polizei zu melden, die Beförderung und der Bezug jeglicher Korrespondenz erfolge nur durch die Polizei, und über das Weichbild der Stadt hinaus dürsten wir nicht gehen,- im übrigen wären wir frei, könnten zusammen ein Ouartier beziehen und für unsere Rechnung wohnen. Um wenigstens von der Straße zu kommen, bezogen wir sofort möblierte Zimmer und machten uns später auf die Wohnungssuche. Bald hatten wir eine passende Wohnung gesunden und richteten uns ein. Vas Leben in Slobodskop war soweit erträglich, und als wir erst Nachrichten und Geldmittel von zu Hause hatten, fühlten wir uns leidlich wohl. Sch kann nicht umhin, auf die Behandlung unterwegs und die Beköstigung der Gefangenen zurückzukommen. Jeder erhielt täglich zehn Kopeken oder ein Stück Schwarzbrot und je nachdem heißes Wasser, um Tee anzubrühen, sofern sich solches auf der Station vorfand. Infolge häufig durchpassierender Militärzüge gab es vielfach nichts, und besonders die Ostpreußen, Polen und Kolonisten aus Taurien, die schon mehrere Wochen im Transportgefängnis in Moskau zugebracht hatten, waren recht ausgehungert und beklagten sich sehr über Ungeziefer, unsauberes und schlechtes Essen. 3m Uachbarwagen schlug ein Begleitsoldat einem Bedauernswerten, der zu rasch nach einem Stück Brot griff, den Daumen weg und zerschnitt ihm die Hand bis zum Handgelenk. „warum hast du ihn nicht gleich ganz totgeschlagen," meinte sein Kollege, „jetzt hast du nur noch Umstände durch die Sache." Die Begleitmannschaften waren recht rohe Burschen. _ (Fortsetzung folgt.) kirchliche Anzeigen. Sonntag, den 31. Oktober, 22. nach Trinitatis. U e f o r m a t i o ns f e st. Kollekte für den Gustav-Udols-Verein. Gottesdienst. 3n der Ztadtkirche. vormittags 9V- Uhr: Pfarrer Schwabe. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Markusgemeinde. Pfarrer Schwabe. Ubends 6 Uhr: Pfarrer Mahr. Beichte und heil. Ubendmahl für Matthäus- und Markusgemeinde. Unmeldung vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. Ubends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Markusgemeinde. Montag, den l. November, abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Matthäusgemeinde. 3n der JohannesNrche. vormittags 9V 2 Uhr: Pfarrer Uusfeld. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Johannesgemeinde. Pfarrer Uusfeld. Worte zum Nachdenken in der ttriegszeit. was mir fein Wort verheißt, Vas will ich fassen, Ich will mich seinen Geist Stets treiben lassen. Ich will mich aller schuld Mit Ernst entschlagen, Ich will auch in Geduld Mein Leiden tragen. Hiller. * * Un der entschiedenen Nachfolge Thristi hindert uns Dreierlei: der Welt Güter und Freuden, ihre Schmerzen und Sorgen, ihre Freundschaft und Gemeinschaft. K. Gerok. * ^ * (Es gibt keine wahre Verbundenheit mit Jesus, die nicht auch ein Kreuztragen für ihn wird. G. Benz. Ubends 6 Uhr: Pfarrer Lechtolsheimer. Beichte und heil. Ubendmahl für Lukas- und Johannesgemeinde. Unmeldung vorher bei! dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. Ubends 8 Uhr im Johannessaal: Versammlung und Bibelbesprechung Mittwoch, den 3. Uovember, abends 8 Uhr: Kriegsbetstunde. Pfarrer Bechtolsheimer. Sonntag, den 7. Uovember, wird nach allen Gottesdiensten eine Kollekte für die ev. Gemeinde zu Mühlheim erhoben. * * Sonntags-Derein für Mädchen. (Diezstratze 15 p.) Jeden Sonntag nachmittag Zusammenkunft. f Ankündigungen empfehlenswerter Firmen ] C f A O A rt r- J D _ M M ß!aecon 1 » < Carl Loos Kirchenplatz 13 :: Telephon 797 Manufaktur- und Weißwaren Herren- u. Knabenkleider sMufikslien Mikinstrumente lkrnfl llhsllier, tfiiefien Kuvolph's fflad)f. ptutnmrg 3 Telephon 571 Edgar Born mann, Giessen Neustadt 11 Eisenwaren, Haus-u. Küchengeräte Teleph. 165 empfiehlt billigst Oefen, Herde, kupferne u. gußeiserne Waschkessel, Haus- u. Küchengeräte, SolingerStahlwaren.Iandwirtschaftl.Maschinenu.Geräte, Vogelkäfige u. 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