Nr. 42. Gietzen, 21. Sonntag nach Trinitatis, 24. Oktober 1915. 4. Jahrgang vrüderlichkeil. Brief des Apostels Paulus an die Galater 6. 2. (Einer trage des andern Last, jo werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Die Welt wundert sich, welch eine Menge Lasten unser Volk nach den verschiedensten Leiten anscheinend mühelos bewältigt. 5luch uns selbst ist es ein Rätsel, wo die Kraftquellen alle Herkommen, die gleichsam aus dem Nichts Hervorbrechen, sobald sich nur nach einer Leite hin ein Bedürfnis zeigt. „Unser Volk hat Nerven", lautet die Rntwort, wenn man seiner Verwunderung durch eine Frage Rusdruck gibt. Zum Beweis dafür wird auf die oft übermenschlichen Leistungen hingewiesen, die draußen vollbracht werden. Es ist vorgekommen, daß Verpflegungskolonnen bei entsetzlichen Wegen tagelang Märsche von 90—95 Kilometern zurückgelegt haben, während unter gewöhnlichen Verhältnissen schon 40 Kilometer als achtbare Leistung gelten, allerdings hing von der rechtzeitigen ankunft der beförderten Nahrungsmittel das Schick- sal von Urmeen ab, und darum wurde das unmöglich Scheinende möglich und wirklich. Rher zu so etwas reicht die Nervenkraft allein nicht hin. In den adern, die derartiges vollbringen sollen, muß noch ein anderes Feuer lodern. Es ist dasselbe urdeutsche Empfinden, das Blücher bei der Schlacht von Waterloo zu seinen ermatteten Soldaten sagen ließ: „Ich habe es meinem Bruder Wellington versprochen." Es ist die Brüderlichkeit. Dabei verschlügt es nicht, ob derjenige, dem solches Gefühl entgegengebracht wird, dessen auch wirklich wert ist oder nicht. Daß unser Volk einen solchen Reichtum von Brüderlichkeit besitze, haben wir, die wir seine Lebensgewohnheiten in den letzten Jahren und Jahrzehnten beobachtet haben, am wenigsten geglaubt. Wir daheim können uns immer noch keine Vorstellung davon machen, wie dieses Gefühl draußen Wunder wirkt, wie es in den Unterständen haust, unter dem Krachen der Granaten umgeht, auf Märschen voranfliegt und nach gewaltigen Werken tut, als wäre nichts vorgefallen. Leider ist es ein viel zu seiner Stoff, als daß er aufgespeichert und als Lebenselixier denen verabreicht werden könnte, die es bei allen Rnstrengungen nicht fertig bringen, es aus ihrem eigenen Innern heraus hervorzubringen. Vas Herstellungsverfahren ist vorläufig noch nicht gesetzlich geschützt. Rber eine kleine Untersuchung darüber, wie auch jetzt wieder das glückhafte Gefühl der Brüderlichkeit unserem Heere eingeimpst worden ist, um dieses zu so unvergleichlichen Taten zu entflammen, wollen wir doch nicht unversucht lassen. Rls der Kaiser, unter dessen Rügen unser Volk jetzt um sein Dasein kämpft, vor 27 Jahren zur Regierung kam, wurde ihm alsbald von den fremden Nationen der Name „Soldatenkaiser" beigelegt. Neugierde im Verein mit halb gutmütigem, halb bösartigem Spott prägten diese Bezeichnung. Die Kunde von seiner Betätigung auf den Exerzierplätzen als Kronprinz war an die Geffentlichkeit gedrungen, und so fühlte diese sich verpflichtet, in ihm alsbald einen Rbleger von dem Geiste, der schon einmal an dem hohenzollernstamme in Gestalt des „Soldatenkönigs" Blüten getrieben hatte, zu wittern. Mit den Ueberraschungen, die aus dieser Vorliebe für den „Drill" möglicherweise hervorspringen könnten, hoffte die Rußenwelt schon fertig zu werden. Die Rußenwelt ist nicht aus ihre Rechnung gekommen. Rnstatt des erwarteten „Rmüsements" ist blutiger Ernst auf die Bühne der Weltgeschichte getreten. Der „Soldatenkaiser" steht dabei ganz im Hintergrund. Rn seiner Stelle aber steht ein Fürst, der mit seinen Soldaten alle Leiden und Röte des Krieges teilt und von dem sie alle wissen, daß er, wenn es nötig werden sollte, auch bereit ist, in ihrer Mitte zu sterben. Rls kürzlich ein konservativer Berichterstatter von dem Kaiser zu einem Besuch in seinem Hauptquartier eingeladen wurde, trat ihm dieser mit der Frage entgegen, was die Soldaten, die zu des Kaisers Sicherheit als Posten aufgestellt waren, alle wären. Rls der Besucher überrascht antwortete, das könne er unmöglich wissen, erwiderte der Kaiser: Das sind alles Sozialdemokraten. Er wollte damit sagen, daß er seine persönliche Sicherheit ruhig auch solchen anvertraue, die eine von der seinen völlig verschiedene politische Ueberzeugung haben. Ruch wenn sie später in ihrem Zivilverhältnis wieder ihren roten Zettel abgeben sollten, wird er sie darum in nicht weniger guter Erinnerung als Soldaten haben, die unter allen Umständen ihre Schuldigkeit taten. Was unserem Volke von diesem herrlichen Erleben als Erbgut dauernd bleiben wird, steht dahin. Sieht man auf den Rusfall der Kriegsanleihe, so könnte einen die frohe Hoffnung beschleichen, es wäre auch in seinen an dem Kriege nicht unmittelbar beteiligten Kreisen von mehr als einem flüchtigen Hauch berührt. Ls wäre die schönste Frucht, die ihm aus der Hitze dieses Krieges hervorreifen könnte, wenn das Gefühl der Brüderlichkeit zu bleibendem Einfluß gelangte. K. G. Meine Erlebnisse in der französischen Zremdenlegion. von einem Gießener. (Fortsetzung.) Gegen Mittag kamen wir in den spanischen Kriegshafen Lartagena, wo das Schiff Aus- und Einladungen vornahm. Nach einigen Stunden des Aufenthaltes ging die Fahrt weiter, und am nächsten Morgen — es war der 9. November 1883 — kam die afrikanische Küste in Sicht. Mir landeten in Gran. Als es völlig Tag war, wurden wir auf ein Fort geführt und blieben da bis zum nächsten Tag. hier bekamen wir die ersten Militäreffekten: eine Fußdecke, ein Zelttuch mit Stäben, pfählen und einer Seine sowie eine zwei Liter fassende Feldflasche aus Blech, außen, um die Sonnenstrahlen nicht zu sehr anzuziehen, mit Tuch überzogen. Bei französischen Kriegsgefangenen habe ich in diesem Fahre diese Feldflaschen wiedergesehen. Am 11. November wurden wir mit der Bahn nach Sidi- Bell-Abbes gebracht, wo sich das Kekrutendepot befand, dort kamen wir erst abends gegen 9 Uhr an. hier wurden wir in Zelten untergebracht, wie überhaupt damals die französische Fremdenlegion meist, auch an den Standorten, nur in Zelten wohnte, nur an einigen Garnisonen gab es Baracken, jetzt wird man wohl überall Baracken haben. Unsere erste Uacht in Afrika war eine schlechte Nacht. Mir sollten erfahren, daß es in Afrika nicht nur heiß ist, sondern auch bitter kalt werden kann. Da die meisten unter uns schlecht gekleidet waren, so froren wir sehr. Seit 11 Uhr des Morgens hatten wir nichts gegessen, auch nach unserer Ankunft hatte es nichts gegeben, auf steinigem Boden mußten wir unter dem Zeltdache die Uacht zubringen. Meine Feldflasche war mein Kopfkissen, meine Fußdecke mein Unterbett, mit dem Zelttuche deckte ich mich zu. hungriger Magen, steiniger Boden, bittere Kälte, welche trostlose Uacht war das! Mie wurden in dieser Uacht Gedanken der Ueue in mir wach, und nach den großen Hoffnungen kam nun die bittere Enttäuschung. Am andern Morgen waren unsere Zelte von einer größeren Anzahl älterer Soldaten umgeben, die ebenfalls ihre Zelte in diesem Lager, aber etwas von den unsrigen entfernt, hatten. So ist es immer, wenn neue Fremdenlegionäre ankommen. Sie werden von den Altgedienten ausgebeutet' denn in der Kegel besitzen die Ueuankommenden allerhand, was den Alten erwünscht ist. Mas diese erwischen können, das wird mitgenommen. Sie erboten sich, uns etwas zu essen zu holen - denn wir durften unsere Zelte nicht verlassen. Fast ein jeder von uns gab Geld her, damit die „Kameraden" ihm etwas holen sollten. Einige waren auch ehrlich und brachten Brot und sonstige Sachen. Sch selbst gab meinen letzten Frank einem „Kameraden", damit er mir Brot holen solle, aber er kam nicht wieder. Meine Leidensgenossen teilten das wenige, das sie hatten, mit mir, ich aber war um eine Erfahrung reicher geworden, wenn später wieder einer der Alten kam mit dem Anerbieten, mir etwas zu besorgen, so wies ich ihn ab; denn diese Alten sind oft nichts als Gauner und Diebe. Gegen 10 Uhr bekamen wir etwas Kaffee. Für je zehn Mann wurde eine Schüssel Kaffee aufgetragen, in welcher verschiedene Zwiebackbrocken schwammen. Einige von uns hatten Tassen, andere Löffel, andere hatten nichts und mußten warten bis zuletzt. Dann wurde der übliche Haarschnitt vorgenommen, wir wurden verlesen, und fort ging es in das Städtchen auf das Bekleidungsbureau, wo wir sämtliche Sachen, welche wir als Soldaten brauchten, in Empfang nahmen. Miefes jetzt im Kriege auch mit dem deutschen Soldaten geschieht, so wurden auch wir mit Ausnahme von Gewehr, Bajonett, Tornister, Mantel, Koppel und Patronentasche ganz neu ausgerüstet. Fetzt erst bekamen wir etwas zu essen und wurden in die zwei dort liegenden Kompagnien eingeteilt. Bemerken will ich, daß in Sidi-Bell-Abbes das Ke- krutendepot lag. Ls bestand aus zwei Kompagnien, die fast jeden Monat eine ausgebildete Abteilung an die verschiedenen Bataillone schicken. Ls war dort so wie jetzt in Deutschland in der Kriegszeit, daß die Depots die Kekruten ausbilden und dann an die verschiedenen.Truppenteile abgeben, während im Frieden bei uns jede Kompagnie selbst ihre Mannschaften ausbildet. Die Bataillone haben in Afrika auch keine Kammern, sondern die gibt es nur bei den Depots. Wird ein Bataillon kriegsmäßig ausgerüstet, so kommt es zum Depot. Mit der militärischen Ausbildung geht es in der Fremdenlegion ganz anders als in Deutschland. Meine Leser werden sich wundern, wenn ich ihnen mitteile, daß ich schon am zweiten Tage nach meiner Ankunft in meiner nunmehrigen Garnison aus Wache kam und Posten stehen mußte. Das kam so. Wir hatten am Morgen Exerzieren, nicht einzeln oder truppweise, sondern in der ganzen Kolonne unter einem Offizier. Weil ich am Flügel stand, die französische Sprache noch nicht beherrschte und deshalb die Kommandos nicht verstand, so kam ich mit den Uebungen immer nach, weil ich zuerst sehen mußte, was die andern machten, und dann erst die befohlenen Exerzitien ausführte. Nach Schluß der Hebung kam ein Korporal, ein geborener Badener, zu mir und sagte: „Du hast zwei Tage Salle de Police!" Sch hatte beim Exerzieren gar nicht gehört, daß der OMzier mir diese Strafe diktiert hatte, darum sagte ich dem Korporal, er solle mich doch zu dem Offizier führen, damit ich ihm sagen könne, daß ich deshalb immer beim Exerzieren nachgekommen fei, weil ich das Kommando noch nicht verstehe. Der Korporal aber meinte, meine Strafe sei nicht so schlimm, ich solle mich nicht beschweren, denn es käme doch nichts dabei heraus. Sch solle mich heute und am nächsten Tage im Wachanzuge auf der Wache melden, um jede Nacht vier Stunden Posten zu stehen. Auf meine Erwiderung, daß ich das nicht könne, weil mir die Wachinstruktion unbekannt sei, sagte der Korporal : „Das macht alles nichts, es wird schon gehen!" Es half alles nichts, ich mußte auf Wache ziehen, und es ist auch gegangen, aber welche Gefühle einen dabei überkamen, das kann man niemand sagen. Bevor ich weiter berichte, will ich eine kleine Schilderung des Truppenteils, dem ich nun angehörte, geben. Der Fremdenlegionär hatte die Uniform eines französischen Sn- fanteristen: lange rote Hosen, dunkelblauen Waffenrock, der indessen nur in den Garnisonen getragen wird und eine Art Prunkstück ist. Sn den Krieg wird dieser Wasfenrock nicht mitgenommen, auch nicht, wenn es zu irgend einem Kommando geht. Zu der Ausrüstung gehört ferner eine dunkelblaue Weste, die man auch als kurze Sacke bezeichnen kann und die das Hauptbekleidungsstück ist. Auf Märschen wird 167 — fajt immer der graublaue Mantel getragen, dessen vordere Enden zurückgeknöpft werden. Kopfbedeckung ist das bekannte Käppi. Line fünf Meter lange und einen halben Meter breite hellblaue Linde (Tenturon) wird über dem Mantel oder über der Weste um den Leib getragen. Die Löhnung, die wir alle fünf Tage bekamen, betrug 7 Sous - 28 pfg-, in Frankreich gibt es nur 5 Sous = 20 pfg. Morgens erhielten wir einen halben Schoppen guten Kaffee mit Zucker, zwischen 10 und 11 Uhr Suppe und Fleisch und nachmittags um 5 Uhr das zweite Essen, das eine kräftigere Zubereitung aufwies, hierzu gab es auch einen halben Schoppen guten Uotwein mit Ausnahme des Donnerstag, an dem es einen viertel Schoppen Tafia das ist eine Art Fruchtschnaps — gab. Auch gab es an diesem Tage kein Brot, sondern Zwieback. Für zwei Sous konnte man auch ein Paket Tabak bekommen, die meisten Haben ihn aber wieder verkauft, obgleich eine schwere Strafe darauf stand. _ (Fortsetzung folgt.) Erlebnisse einer Mitglieder der Deutschen Zlottenvereinr in Rußland J9W/J5.*) Ls war in den Augusttagen des Jahres 1914 in Moskau, die Wellen der slawischen Begeisterung, aufgepeitscht durch die Kriegshetzer, gingen hoch. Allabendlich zogen von der Polizei bezahlte Banden, meist halbwüchsige Menschen, durch die Straßen, das Bild des Zaren voran, und manifestierten für die slawische Verbrüderung, für Frankreich und England. Mit bangem Herzen horchten wir Ueichsdeutschen der aufgeregten menge, deren Gegröhle uns nichts Gutes verhieß. Schon hörte man von Verhaftungen einzelner hervorragender Mitglieder der deutschen und österreichischen Kolonie; doch im allgemeinen rechnete man darauf, auch während der Dauer des Krieges unbehelligt in Moskau leben zu können. Bereits am 7. August 1914 waren Ueichsdeutsche und Oesterreicher von 18—45 Jahren genötigt, in der Krutizkp- Kaserne sich zu stellen, wurden dort interniert und am 20. August nach den Gouvernements wjatka und wologda als Zivilkriegsgefangene abgeschoben. Die weiteren Verordnungen, keiner deutschen oder österreichischen Firma oder deren Vertretern bei Geldstrafe bis 3000 Kübel oder bei Arrest irgend etwas zu zahlen, die Entlassung des reichs- deutschen und österreichischen Personals mit Ausnahme der Leute polnischer und tschechischer Herkunft, die Liquidation der Filialen deutscher und österreichischer Firmen, die Konfiskation von Wagen, Schlitten, Pferden und Fourage brachten schon mehr Unruhe in die Kolonie. Die deutsche Kolonie namentlich war innig mit dem moskowitischen Leben verwachsen, hatte hervorragende Vertreter im öffentlichen Leben, in den verschiedenen Hilfsvereinen, Wohltätigkeitsanstalten, *) Nachfolgender Bericht gibt ein erschütternder Bild der schrecklichen Leidensgeschichte, die unsere Landsleute in Rußland nach 5lur- bruch des Krieges zu bestehen hatten. Der Verfasser lebte 40 Zahre in Rußland. Nls Vertreter bedeutender deutscher Firmen stand er mit den gebildeten Kreisen Moskaus in innigstem Verkehr, nahm aber auch im Kreise der deutschen Gemeinde eine führende Stelle ein. Sofort nach Rusbruch des Krieges suchte man nach einer Ursache, sämtliche Deutschen hinter Schloß und Riegel zu bringe». Endlich hatte man einen Grund gefunden, viele Mitglieder der deutschen Gemeinde zahlten zum Besten der deutschen Flotte einen Jahresbeitrag von 5 oder 10 Rubel. Die Liste, die die Namen dieser Leute enthielt, fiel in die ksände der russischen Polizei. Sofort wurden sämtliche Deutsche verhaftet und von Gefängnis zu Gefängnis geschleppt, bis es sich endlich nach S Monaten ergab, daß sie unschuldig seien. Die Behandlung während dieser Zeit spricht allen Begriffen eines Rechts- und Kulturstaatcs tzohn und verdient der breitesten Dcffentlichkeit bekannt gegeben zu werden. D. Red. Gesangvereinen, und es hatte sich in Jahrzehnten des Zusammenlebens und gemeinsamen Schaffens mit der russischen Bevölkerung ein sehr gutes Verhältnis herausgebildet, auch hatte man gute Beziehungen zu den polizeigewaltigen der Stadt. Mit einem Male konnte oder wollte man wohl nicht so schroff das gute Verhältnis stören. Gehetzt und geschürt wurde im geheimen doch, und es sollte bald anders kommen. Die Ahonnementsliste der Zeitung „Der Ausländsdeutsche" mit der Iournalbeilage „Die Flotte" gab der Deutschenhetze neuen Stofs und das Material an die Hand, den Besten der Kolonie beizukommen. Die wenigen Beiträge zu den Wohlsahrtseinrichtungen für deutsche Seeleute mußten herhalten, die geachteten und unbescholtenen Elemente der deutschen Kolonie, die nie mit Polizei oder Gericht zu tun gehabt hatten, als Verschwörer gegen den russischen Staat zu brandmarken und die handhabe abgeben, administrativ gegen sie vorzugehen, sie zu ruinieren, in der scheußlichsten Weise zu mißhandeln und teilweise in den Tod zu schicken. Am 11. September morgens gegen drei Uhr überfiel meine in Moskau nicht weit vom Polizeihaus des Mias- nitzkp-Stadtteils gelegene Privatwohnung ein Polizeiaufgebot, ein Polizeileutnant nebst einem Gehilfen, vier Polizisten und vier Dworniki (Hauswächter) behufs Haussuchung und Verhaftung. Kaum, daß man mir und den Meinen Zeit ließ, uns notdürftig anzukleiden; man drang in die Schlafzimmer, untersuchte Betten, Schränke und Kasten nach Schriftstücken, Briefen und Dokumenten, durchstöberte privat- und Geschäftsbücher und nahm mit sich, was den Herren für passend erschien, Photographiealben, Ansichtspostkarten usw. Sn sieben großen Paketen verschnürt, schleppten sie alles hinweg nach dem Polizeihaus zur Verfügung der Geheimpolizei. Auf mein Befragen, weshalb man mich verhafte, wurde mir keine Antwort. Kober Verhaftung und Befund wurde vom polizeioffizier ein langes Protokoll abgefaßt, welches ich zu unterzeichnen hatte. Ausgestattet mit den allernötigsten Wäschestücken, einer Decke und einem kleinen Kopfkissen, ging es nach der polizei- wachtstube, eskortiert von dem ganzen Troß. Dort aufs neue Feststellung der Personalien und des Bestandes der Familie. Inzwischen war es acht Uhr geworden, es hatten sich noch einige Bekannte unseres Stadtteils eingefunden, die auch mit mir das gleiche Schicksal teilen sollten, vorerst war ich erledigt, und mein kleines Gepäck in der Hand zog ich mit einem Polizisten durch die stillen Straßen dem Polizeigefängnis des Miasnitzky-Stadtteiles zu. Wieder verhör, dann Leibesvisitation, Abnahme aller Gegenstände, Messer, Portefeuille, Portemonnaie nebst Inhalt, hierauf Einkerkerung in einem für 24 Sträflinge hergerichteten Gefängnis, wo je zwei in einem Kaum von zweimal 2 V 2 Meter untergebracht wurden. Zwei schmale Eisenbetten mit Strohsack, eine Bank und ein kleiner Tisch bildeten die Einrichtung. (Fortsetzung folgt.) Kleine Mitteilungen. Der Gberhessische Verein für Baseler Mission gedenkt Dienstag, 26. Oktober, nachmittags 31/4 Uhr, im Matthäussaale in der Kirchstraße seine Jahresversammlung zu halten. Im Mittelpunkte derselben wird der Vortrag von Direktor Dipper-Basel stehen über: „Der Einfluß des Weltkrieges auf die Baseler Mission". Dieser ist sehr einschneidend bis jetzt gewesen und alle blühende Missionsarbeit außer in Ehina ist durch den Krieg lahmgelegt. Es werden neue - 168 Aufgaben zu lösen sein, sieht doch England die Baseler Mission als eine „deutsche" Mission an und macht ihr Schwierigkeiten. Davon wollen wir hören. Alle Missionsfreunde der Kirchengemeinde Gießen, die Mitglied unseres Vereins ist, sind herzlich eingeladen und willkommen geheißen. Worte zum Nachdenken in der Nriegszeit. Bewahre deine Seele durch Glauben und Gebet, daß du unsträflich bleibest und in der Hoffnung ausharrst, ein Erbe des ewigen Lebens zu werden. Cyrill. Koch leben wir, noch grüßen wir das Licht, Koch wandeln wir am Tage. Laßt uns danken Und unermüdlich laufen in den Schranken, Und laß uns wirken, bis die Kacht anbricht. * * • „Der Herr kam zu mir. Durch mein Auge gewahrte ich seinen Eintritt nicht," sagt Bernhard von Tlairvaux, „noch gewahrte ich ihn durch mein Ghr. Me aber wußte ich, daß er da sei? Mil er eine belebende Macht ist. Sobald er eintrat, erwachte meine schlafende Seele." ttirchliche Anzeigen. Sonntag, den 2 4. Oktober, 21. nach Trinitatis. In der Ztadtlirche. vormittags 9 Vü Uhr: Pfarrer Mahr. vormittags 11 Uhr: Militärgottesdienst. Gedenkfeier der 500jährigen Herrschertätigkeit des hohenzollern- hauses. Pfarrer Schwabe. Kachmittags 2 Uhr: Kinderkirche für die Matthäusgemeinde. Abends 6 Uhr: Professor v. Schian. Abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Matthäusgemeinde; die Keukonfirmierten sowie die Konfirmierten früherer Jahre werden hierzu herzlich eingeladen. Montag, den 25. Oktober, abends 8 Uhr: Versammlung des Frauenvereins der Markusgemeinde. Dienstag, den 26. Oktober, abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Markusgemeinde. Mittwoch den 27. Gkt., abends 8 Uhr: Kriegsbetstunde. Pfarrer Mahr. Am nächsten Sonntag, den 31. Oktober, am Uefor- mationssest, findet im Abendgottesdienst Beichte und heil. Abendmahl für die Matthäus- und Markusgemeinde gemeinsam statt. Anmeldung vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. In der Johanneskirche. vormittags M/s Uhr: pfarrassiftent ho ff mann. Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde. Pfarrer Bechtolsheimer. Abends 6 Uhr: Pfarrer A u s f e l d. Abends V 28 Uhr: Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Lukasgemeinde im Lukassaal. Abends V 28 Uhr:jvereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Johannesgemeinde im Johannessaal. Freitag, den 29 . Oktober, 7 2 6 Uhr: Vereinigung der konfirmierten Mädchen der Johannesgemeinde im Johannessaal. Am nächsten Sonntag, den 31. Oktober, am Kefor- mationsfest, findet im Abendgottesdienst Beichte und heil. Abendmahl für die Lukas- und Johannesgemeinde gemeinsam statt. Anmeldung vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. An diesem Tage wird nach allen Gottesdiensten in beiden Kirchen eine Kollekte für den Gustav-Adolss-Verein erhoben. * Sonntags-Derein für Mädchen. (Diezstraße 15 p.) Wiederbeginn der Zusammenkünfte Sonntag, den 24. Oktober. Carl Loos Kirchenplatz 13 :: Telephon 797 Manufaktur- unb Weißwaren Herren- u. Knabenkleiber Heinrich Noil Mäusburg Nr. 7 Telephon Nr. 292 Spezial-Geschäft für Bureaubedarf • Schreibmaschinen Papierhandlung, Buchbinderei, Gesangbücher. Moderne Kunstar beiten. Photographische Apparate und Zubehöre Beschw. Holberg Nacht. Modes Qießen, Plockstraße 5 empfehlen sich in allen in ihr Fach schlagenden Arbeiten. Pboenix-Nimaschine. Auch andere Systeme stets auf Lager. Preislage Mk. 60.— bisMK. 180.— Nur bestbewährte Qualitäten Zr. Linker, Ludwigstr. 16 ReparaturwerKstattf.Nähmafchinen in Kleiderstoffen sowie Weißwaren Wollwaren Knrzwaren Strickwolle etc. empfiehlt bill. K. Elle Nord-Anlage 35, Ecke Schottstraße C. 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