Nr. 36. Giehen, 15. Sonntag nach Trinitatis, 12. September 1915. 4. Jahrgang. Schlaflose Nächte. Psalm Z, 6. Ich liege und schlase und erwache; denn der Herr hält mich. Schlaflose Nächte! Dem kleinen Kinde sind sie unbekannt. Wenn es sich den Tag über munter im Spiele getummelt und keinen Augenblick Buhe gehabt hat, so umfängt es am frühen Abend tiefer, traumloser Schlummer, aus dem es erst erwacht, wenn die Sonne schon längst über die Berge gestiegen ist und die Erwachsenen mehrere Stunden gearbeitet haben. Auch der junge Mensch weiß nicht, was es heißt, schlaflos die Nacht verbringen. Lr erfreut sich noch ungestörter Gesundheit, ihn plagen noch keine Sorgen, froh erwacht er beim Schein des Frührotes. Anders ist es mit dem, der vom Leben schon tüchtig hin und her geschüttelt worden ist. Sorgen um die Existenz, Kummer um Leid, das in der Vergangenheit liegt, trübe Aussichten in die Zukunft, eine erschütterte Gesundheit rauben ihm den Schlummer. Es gibt kaum etwas peinvolleres, als Stunde um Stunde in der Nacht die Uhren schlagen zu hören. Man wälzt sich von einer Seite auf die andere, man versucht, seine Gedanken von dem, das Sorgen schafft, abzulenken und in eine andere Uichtung zu bringen, alles ist umsonst, der Schlaf bleibt fern, bis der Morgen kommt und zur Arbeit ruft, an die man mit mattem Geiste und schweren Gliedern geht. Gerade die Kriegszeit schafft schlaflose Nächte in großer Zahl, draußen im Felde und daheim im Vaterlands. In einem Gedichte, das uns im Augenblick nach seinem genauen Wortlaute nicht gegenwärtig ist, berichtet der fromme Graf Zinzendorf von einer schlaflosen Nacht, die ihn gequält hatte. Der hochbegabte religiöse Dichter und Erneuerer der Missionstätigkeit der christlichen Kirche in Deutschland erzählt, daß er krank und bekümmert gelegen habe, fortwährend vom husten geplagt. Stunde um Stunde verging ihm in Schmerzen und in trostlosem Grübeln. Da gedachte er der Treue Gottes, er malte sich aus, wie der Herr ihn seither geführt, geleitet, mit Gnade bedacht und beschützt habe, und über diesen Gedanken schlief er fröhlich ein, um neugestärkt zu erwachen. Es war mit ihm nach dem Psalmwort gegangen: Ich liege und schlafe und erwache! denn der Herr hält mich. Emil Frommel, der Hofprediger Kaiser Wilhelms I., erzählt von einem jungen Mädchen, das er in einem Kurorte der Alpen getroffen hatte. Die Bedauernswerte war nervös so erschöpft, daß der Schlaf sie floh und sie die ersten Stunden der Nacht ruhelos auf dem Lager zubrachte. Da gab ihr der erfahrene Seelsorger einen guten Nat. Sie solle, so sagte er, jedesmal, bevor sie sich zur Nuhe lege, ein Kapitel aus dem Neuen Testamente lesen und dann langsam und andächtig das Vaterunser beten. Dieses Mittel half. Das Mädchen, das lange Zeit ohne Gott dahingelebt hatte und in allerhand Zerstreuungen nicht zur Nuhe gekommen war, fand Gesundheit und Frieden. Möchten wir alle, wenn schlaflose Nächte kommen, uns ganz zu Gott wenden, die Wege, die er mit uns gegangen ist, bedenken, ihm auch für die Wege danken, die er in großer und ernster Zeit zuletzt mit unserem Volke gegangen ist, dann werden wir den erquickenden Schlaf finden und das Wort aus dem 4. Psalm erfahren: Ich liege und schlase ganz mit Frieden,- denn allein du, Herr, hilfst mir, daß ich sicher wohne. h- B. wie man Gott im Heide dient. Daß unsere Krieger draußen im Lande des Feindes Gottes Nähe deutlich empfinden und daß unter dem Eindrücke des Großen und Furchtbaren, das sie erleben, vieler Herzen ganz zu Gott gezogen werden, ist uns aus manchem Feldpostbriefe bekannt geworden. Wir geben im nachfolgenden die Schilderungen zweier Mitkämpfer wieder, die über ihre religiösen Eindrücke berichten. Die Briefschreiber sind Brüder und Glieder der evangelischen Gemeinde Gießen. Ihre Mutter, die dem Herausgeber unseres Gemeindeblattes die Briese übergeben hat, bemerkt sehr treffend: ,,Es ist ja ein Segen dieses Krieges, daß so vieles, was mancher sonst fest in sich verschlossen hielt und was gleichsam wie ein Keim in ihm geschlummert hatte, nun mit elementarer Kraft hervorbricht und uns Trost gibt über den Seelenzustand unserer Kinder." Der erste Brief ist schon vor längerer Zeit geschrieben und schildert die Gedanken und Empfindungen, die in der Frühe des himmelfahrttages einen Krieger erfüllen, der in den Vogesen einsam auf seinem Posten steht. Dieser Brief lautet: „Wir sind ja wohl im Kriege, aber es will uns scheinen, als ob mein Schreiben ziemlich friedlich werden wollte,' denn 142 heute geht etwas vor in der Natur. Um 3 Uhr nachts stand ich Wache am jenseitigen Waldrand. Da war es dunkel, aber Mäuse, Ratten, Ratzen und Füchse waren meine Vorhut. Ich dachte, solange die so ruhig weiter rascheln, ist keine Gefahr, erst wenn sie in eiliger Flucht das weite suchen, dann heitzt es: Gewehr vor! vie Tannen standen und breiteten ihre Reste aus, wie die Henne ihre Flügel ausbreitet,- die Wipfel waren gen Himmel gereckt als die Finger der Natur, die nach oben zeigen. So stand Tanne um Tanne, Reihe um Reihe am Lcrgeshang, ein betendes Volk, das da rief: Herr, hilf uns! vie Stunden vergingen und der Tag brach an, duftig und rein zog es vom Tal herauf und strich an den Tannen empor, und es ging ein Raunen durch die Zweige: heute ist Himmelfahrt! Ls war Tag, die Tannen aber standen, Stamm um Stamm, von Rerg zu Berg, soweit das Rüge reichte, als eine Orgel im Weltall. Sie folgten meinen Gedanken, es ging ein Sausen und Brausen von Berg zu Berg, verstärkte sich und ging dröhnend im vonner zuin Himmel: Herr, hilf uns! Jetzt ist es ruhig geworden, milder Sonnenschein lacht im Tale hernieder auf blumige Wiesen. Rlare Tröpfchen rinnen von Strauch und Halm zur Wurzel, sie bringen Wachstum, Gedeihen und Nahrung für den Menschen. Fleißige Bienchen tragen Honig und summen sich zu: Eile, Schwesterchen, eile, den Menschen zur Freude, auch Würze zur Nahrung sollen sie haben. Rleine Sänger singen in den Zweigen gar lieblich von Frieden und Heimat, und der Bach murmelt dazu, und der Röhrenbrunnen plätschert, daß es wie ein leises Richern klingt. Rm Bach steht einer und wäscht sich, patsch, fährt er hinein, jetzt fliegt der ganze Strahl über ihn, und die Tropfen funkeln im Sonnenschein. 3m Walde klopft einer eine weiden- pseife. Friedlich und froh ist die Ratur, darüber hin wandern Wölkchen, weiß und licht in endlosem Zuge, wie schuldlose Jungfrauen, sie sprechen: Ruf, laßt uns zum Feste ziehen, zur Feier der Himmelfahrt! Rls ich das sah, da sagte ich mir: der Herr wird helfen, wenn seine Stunde gekommen ist." ver zweite Brief beschreibt mit folgenden Worten einen Feldgottesdienst, der am 1. Rugust, dem Jahrestage der Mobilmachung, gehalten wurde: „Gestern war Feier des Jahrestages der Mobilmachung. Tine wunderbar ergreifende Rnsprache hat der Feldprediger gehalten, ver Text war: Beschließe einen Rat, und es werde nichts daraus, viele Soldaten haben sich die Tränen weggewischt, lauter Helden, die ohne Furcht und Zittern dem Tod in das Rüge gesehen haben. Sie haben die Größe und Herrlichkeit unseres Gottes erkennen müssen bei der überzeugenden, hinreißenden Rnsprache des Predigers. So eine Rede kann nur der halten, der mit dabei und Zeuge des großen Sterbens ist, das über die Menschen gekommen ist. Wohl tausend Mann haben dem Gottesdienste beigewohnt, und Musik begleitete die Thoräle. Still sind alle nach Hause gegangen, und manchem wird dieser Tag unvergeßlich im Gedächtnisse stehen. Wollte der liebe Gott mehr solcher Prediger erleuchten, daß endlich die breite Masse ergriffen und hingeführt werde zu den Bergen, von welchen uns Hilfe kommt." vie vurgtirche zu Gießen. 3m Unterschied von mancher deutschen Stadt fehlt es in Gießen ganz und gar an alten Rirchen. Städte wie Rugs- burg, Regensburg, Nürnberg, Heidelberg, Hildesheim — ganz abgesehen von den großen, zumeist katholischen Städten wie Mainz, Röln und Trier - weisen eine Fülle von alten, interessanten Rirchenbauten auf. vie Gießener Rirchen stammen meist aus neuerer Zeit, vie Stadtkirche wurde in den Jahren 1809 — 1821 erbaut, nur der Turm ist bedeutend älter,- wie eine Inschrift an einer Tür dieses Bauwerkes ausweist, so hat man 1483, also 10 Jahre vor Luthers Geburt, mit dem Lau begonnen, vie Johanneskirche wurde erst 1893 vollendet, vie alte katholische, jetzt zum Vereinshaus umgebaute Rirche stammt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, und die neue katholische Rirche ist ein ganz modernes Bauwerk, vie alte Pfarrkirche zu Selters, die auf dem Seltersberge lag, wurde um das Jahr 1533 abgebrochen, vie alte Stadtkirche, auch Pankratiuskirche genannt, ursprünglich ein schöner, stilgerechter Lau, dann aber durch Rn- und Umbauten entstellt, wurde 1809 abgebrochen, nachdem man sich nach langjährigen Verhandlungen zu einem Reubau entschlossen hatte. Fünfzehn Jahre später wurde auch die Burgkirche ein Raub der Vergänglichkeit. Ueber diese Rirche, die ihren Standort im heutigen Botanischen Garten hatte, sei auf Grund eines Rufsatzes, der sich in den hinterlassenen Papieren eines längst verstorbenen Gelehrten fand und später in die Thronik der evangelischen Rirche Gießen Rufnahme gefunden hat, hier einiges mitgeteilt. Schon im Jahre 1607, bei Begründung der Universität, dachte man in Gießen an den Lau einer zweiten Rirche. Sie sollte in den Burggarten, der damals für Wohnhäuser (die späteren „Reue Bäue") bestimmt war, zu stehen kommen. Zu den Baumitteln hatten die Zünfte der Stadt bereits einen nennenswerten Beitrag in Russicht gestellt. Ruf Veranlassung des damaligen Rommandanten und Rmtmanns von Schrautenbach sollte zu derselben Zeit das Wasser von Rödgen bis nach Gießen geleitet und auf dem Markte ein Springbrunnen errichtet werden, vie Rusführung dieser beiden Projekte schien der Gießener Bürgerschaft jedoch zu kostspielig zu sein, und man entschied sich in sehr weiser Ueberlegung dafür, keines davon zu. verwirklichen, vamals sagte der Gießener Superintendent und Pfarrer 0. Winkelmann eines Sonntags auf der Ranzel: „Man gibt bei uns viel an und führt wenig aus. Wo bleibt unsere Rirche? wo unser Springbrunnen? Ich glaube, was die gemeinen Leute obschon im Sprichwort sagen: die Rirche ist in den Brunnen gefallen." Rber ein anderer plan kam damals zur Rusführung. Tin italienischer Ballmeister, namens Peter Toutier (der Rame klingt allerdings mehr französisch) schlug vor, man solle ein Ballhaus bauen, viese Rnregung fiel auf guten Soden. Leider ereignete sich bei der Fertigstellung dieses Laues ein Unglücksfall. Tin Balken stürzte herab und traf den Zimmermann Johannes Zimmermann so unglücklich, daß er starb, vieses Ballhaus, das nach unseren modernen Begriffen eine Turnhalle, ein Raum für Ballspiel und Leibesübungen war, wurde auf demselben Platze errichtet, den man für eine Rirche ausersehen hatte. Sehr bald stellte sich heraus, daß es sehr übereilt und töricht gewesen war, den plan des Italieners auszuführen. Ts fanden sich nämlich nicht genug junge Leute, die sich an seinen Uebungen beteiligten. Obwohl damals in Gießen, wie es in dem alten, von uns benützten Rufsatze heißt, „viele junge Grasen, Freiherren, edle und unedle, reicher Leute Söhne studierten", so konnte der Lallmeister doch sein Leben nicht fristen, und er versuchte bald sein Glück an einem anderen Grte. Tinem Lallmeister, der von Marburg herüberkam, ging es nicht besser, auch ihn trieb mangelnder Verdienst 143 — bald wieder weg. Vollends, als im Jahre 1623 die Universität nach Marburg verlegt wurde, verödete das Ballhaus immer mehr. Ls wurde immer abgängiger, da niemand etwas zu seiner Wiederherstellung aufwenden wollte. So gingen 20 Jahre in das Land, sie waren für Deutschland, auch für Gießen, unendlich unheilvoll. Während jetzt, abgesehen von einem ganz kleinen Bezirke im Gber- elsaß, der große Weltkrieg auf fremdem Loden ausgefochten wird, war damals Deutschland der Schauplatz der wildesten Kämpfe, Hunger und Seuchen gingen verderbenbringend durch unsere Gaue, und die Unsicherheit nahm immer mehr zu. Da Gießen in Unbetracht der damaligen Verhältnisse stark befestigt war und man die furchtbaren Geschütze, die jetzt in Gst und West die Festungen unserer Feinde in unsere Hände gebracht haben, noch lange nicht Kannte, so suchten die Landleute der Umgegend Schutz innerhalb der Mauern unserer Stadt. Zeitweise hat hier die ganze Gemeinde Gleiberg einen Unterschlupf gefunden. Ls mag damals in Gießen ähnlich gegangen sein wie jetzt in den russischen Städten, die die Flüchtlinge aus den von unseren Truppen besetzten Gebieten aufnehmen. Unter diesen Umständen war die Stadt- Kirche zu Klein geworden. Viele Kirchenbesucher saßen während des Gottesdienstes auf Blöcken und Steinen und in Winkeln, die durch die Feuchtigkeit des Mauerwcrks kaum zu benutzen waren. Darum schlug im Jahre 1645 der Gber- kommandant der Stadt und Festung Gießen Generalleutnant Ernst Ulbrecht von Eberstein vor, daß man in dem Ball- Hause einen gottesdienstlichen Kaum herrichte, in dem Garnison- und Feldprediger Stephan Schüßler Gottesdienst halten solle. Diesem Vorschlag erteilte Landgraf Georg II. seine Genehmigung. (Fortsetzung folgt.) Warum der Grenzer-Rarl die Rosen lieb hat. Erzählung von Karl Hesselbacher. (Fortsetzung.) Die Fränz wußte nicht recht, ob sie annehmen wolle. Für den Festzug mußte jede „Ehrendame" geschmückt sein mit einem Strauß, den einer der Burschen ihr gebunden hatte. Wer würde ihr den Strauß reichen? Sie konnte ja den Forstmeister bitten, ihr aus dem Garten Blumen zu schenken, und dann konnte sie den Strauß selber machen. Uber ihr Stolz bäumte sich gegen den Gedanken auf. Und von selber dachte der Forstmeister natürlich nicht daran. Durch den dämmernden Hof schritt der Grenzer-Karl. Er stutzte, als er das Mädchen in Gedanken versunken sah. Es war sonst nicht ihre Urt, still zu sitzen. Er wagte es, neben sie zu sitzen — wie schon lange nicht mehr. Um hin- und herreden verriet sie den Grund ihrer Unsicherheit. Der Bursch faßte sich ein Herz: „Fränz, wenn Ihnen der Walzbruder nicht zu gering ist — ich wüßt einen, der Ihnen einen Strauß bringt, wie ihn kein Ulädchen am Sonntag trägt. Ulle im ganzen Dorf müssen Sie beneiden." Die Fränz sah ihn an. „warum sollt ich den Strauß nicht nehmen? wenn er aus gutem Herzen kommt, findet er einen guten Platz. Stolz sein — Hab ich nicht gelernt im Leben, wenn man zu den Geringen gehört, lernt man beizeiten das Ducken und bas Lücken. Ich bin hier so fremd wie Sie, und fremde Leut, die sich auf der Straß treffen, sollen nicht gegen einander hart sein, so haben Sie einmal gesagt. Das Wort hat mir gefallen." Dem Burschen schlug das Herz bis an den hals. So hatte die Fränz noch nie zu ihm gesprochen. Er mußte an den Forstmeister und die Begonien denken. Blüht sie jetzt, die Blume, die so stolz ist und weiß, wieviel sie wert ist und darum so lang braucht, bis sie ihren Kelch auftut? Die Fränz duldete, daß er ihre Hand nahm. „Bm Sonntag morgen liegt der Strauß vor dem Fenster der Küche!" ♦ * „Frisch, fromm, froh, frei! hoch edle Turnerei!" Im Taktschritt ging's über die weiße Landstraße. Die schlanken Gestalten der jungen Männer in ihren knappen weißen Turnhosen und den hellgrauen Jacken gingen, wie wenn sie Sprungfedern in den Gelenken hätten. Ihre Gesichter sprühten vor Lebenslust. Ls waren die Turner aus dem nahen Städtchen. Zwischen die Lieder, die sie sangen, flogen Scherze und frisches Lachen. Eben führte der weg an dem weißen Staketenzaun des Forstmeistergartens vorüber. Lin Bosenbäumchen ließ seine Krone über den Weg herüberhängen. Weiße, mit seinem rosa hauch überschimmerte Blüten waren wie Schnee, den die Morgensonne bestrahlt, über das rötlich leuchtende Laub gestreut. Lin Blütenbusch, wie ihn sonst nur der Sommer zeitigt. Ls war der Stolz des Forstmeisters: die Bose, die er „errötende Jungfrau" nannte. Liner der jungen Leute rief übermütig: „Das lasse ich mir gefallen. Die Vruchhäuser haben ihr Dorf zum Fest schön geschmückt, her mit der Herrlichkeit!" Er zog ein Messer aus der Tasche und schnitt mit ein paar kecken Schnitten die allerschönsten Llütenzweige ab und steckte den mächtigen Bosenstrauß in den Busschnitt seiner Turnjacke. Im strammen Marsch ging es in das Dorf. Durch das Dorf klang bald der Ton jauchzender Lust. Becher klangen, Lieder schallten. Wägelein rasselten durch die Gassen. Mädchen mit weißen, steifgestärkten Kleidern und bunten Schärpen über der Brust schritten reihenweise durch die drängenden Turnerscharen. vom Dorseingang her kam die Fränz. wie lieblich sie aussah! Das einfache Kleid floß um die geschmeidige Gestalt wie ein lichter Schimmer. Das Goldhaar trug sie heute wie ein Krönlein aufgesteckt, und um dies Krönlein lag ein schmaler Kranz von Herbstastern, die in lichtem Blau wie zarte Sterne aus dem anmutigen Kopfe strahlten. Statt der Schärpe hatte sie einen Gürtel aus einem buntfarbigen Seidenband, so wie es die Mädchen sonst um den Spinnrocken schlingen. Das Land war in der frühsten Morgenfrühe vor ihrem Fenster an der Küche gelegen. Um einen Bosenstrauß von wundervollen weißen Rosen geschlungen, die einen seinen rosa Schimmer ausstrahlten, wie wenn die lichten Morgenwölkchen am Hellen silbernen Himmel stehen, ehe die Sonne über den Kamm des Waldes emporgeklommen ist. Die Musik schnarrte und dröhnte. Die grellen pfiffe der Flöte und das Cjuieken der Klarinette gaben die Melodie, und die Laßtrompeten spielten die Begleitung dazu. Mit Krach und Lumm ging es zum Festzug, der auf dem Festplatz unten aus der wiese am Flusse endete. Die Bede des Turnwartes des Turngaus war „unbeschreiblich schön". Dann kamen die Bedungen der Turner an Barren und Beck und Pferd, und schließlich das Bllerschönste, die Turnreigen mit den Stäben und den Keulen. Das lachende ' Bild der Gewandtheit und Kraft strahlte über den grünen Bnger und die blitzenden Wellen des Flusses wie ein Triumph der Menschenschönheit über die Pracht der geschmückten Erde. 144 Sonderbar war nur, daß der Forstmeister fehlte. Der Schutzherr des Festes, der die Preise verteilen sollte. Endlich als schon die Trompeten zweimal den Preisrichtern geblasen hatten, daß sie ihre Sitzung halten sollten, kam der stattliche Mann in seiner grünen Uniform mit dem vergoldeten Hirschfänger an der Seite und dem Fägerhut, auf dem der Gemsbart nickte. Ueber sein Gesicht breitete sich ein Schatten, den man an dem freundlichen Mann noch nie gesehen hatte. Er sprach einige hastige Worte mit den Richtern, und man sah an ihren erschrockenen Gesichtern, daß etwas Unangenehmes geschehen sein mußte, das sie vergeblich gut zu machen sich mühten. Um die Tische, die allenthalben ausgeschlagen waren, erhob sich ein frisches Treiben. Um lustigsten war es an dem Tisch der Städter. Der junge Keckling, der am Morgen die Rosen abgeschnitten hatte, war im Turnen von höchstem Glanz gewesen. Seine Freunde wußten, daß er den ersten Preis erhalten werde. Sie hatten ihn auf die Schultern gehoben und über den Platz getragen, und nun war er umringt von einer Schar von jungen Burschen, die den Helden anstaunten. Und von Mädchen, die kichernd sich darüber unterhielten, welcher von ihnen der Ehrentanz mit dem Preisträger zufallen werde. (Fortsetzung folgt.) Kleine Mitteilungen. Am Montag, den 20. September, nachmittags 2 X A Uhr, wird im Saale der Fohanneskirche hier eine von Freunden der ,Konferenz für evangelische Gemeindearbeit" ausgehende Versammlung gehalten werden, in der über ,,Rrieg und Kirchengemeinde" verhandelt werden wird. Der Gegenstand wird in drei kurzen Vorträgen besprochen werden: Krieg und Stadtgemeinde (Pfarrer v. Waitz, Darmstadt),' Krieg und Industriegemeinde (Dekan Gußmann, Lollar- Rirchberg),' Krieg und Landgemeinde (PfarrerGeorgi, Ermenrod). Aussprache wird erfolgen. Alle in der kirchlichen Gemeindearbeit stehenden Evangelischen sind herzlich willkommen. Insbesondere sind die Mitglieder der kirchlichen Gemeindekörperschaften und der Gemeindefrauenvereine um ihre Teilnahme gebeten. Schi an. * Rächsten Sonntag um 1 l Uhr nimmt nach den Ferien sowohl in der Stadt- wie in der Fohanneskirche die Kinderkirche wieder ihren Anfang. Die Eltern werden gebeten, das ihren Kindern mitzuteilen,' an die Helferinnen ergeht die Litte, zur gewohnten Stunde zur Vorbereitung zu erscheinen. Am 13. September ist Kinderkirche für die Markus- und Fohannesgemeinde, am 20. September für die Matthäus- und Lukasgemeinde. kirchliche Anzeigen. Sonntag, den 12. Septbr., 15. nach Trinitatis. In der Ztadttirche. vormittags 8 Uhr: Pfarrer Mahr. Zugleich Thristenlehre für die Ueukonfirmierten aus der Matthäusgemeinde, vormittags 9‘A> Uhr: Pfarrer Schwabe, vormittags 1 l Uhr: Kinderkirche für die Markusgemeinde. Pfarrer Schwabe. Mittwoch, den 15. September, abends 8 Uhr: Kriegsbetstunde. Pfarrer Schwabe. Am künftigen Sonntag, den 19. September, findet Leichte und heiliges Abendmahl für Matthäus- und Markusgemeinde gemeinsam statt. Anmeldung vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. In der Johanneslirche. vormittags 8 Uhr: Pfarrer Lechtolsheimer. Zugleich Thristenlehre für die Ueukonfirmierten aus der Lukasgemeinde, vormittags M/r Uhr: Pfarrer Ausfeld. Beichte und heil. Abendmahl für die Lukas- und Fo- hannesgemeinde. Anmeldung vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Johannesgemeinde. Pfarrer A u s f e l d. £ Ankündic langen empfehlenswerte r Firmen j Carl Loos Kirchenplatz 13 :: Telephon 797 Manufaktur- und Weißwaren Herren- u. 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