Nr. 34. Eichen, 13. Sonntag nach Trinitatis, 29. August 1915. 4. Jahrgang. Lin gutes Mittel in böser Zeit. Brief der flpojtels Paulus an die Lphefer 5, 16 u, 17. Kaufet die Zeit aus, denn es ijt böje Zeit. Darum werdet nicht unverständig, sondern verständig, was da fei des Herrn Iville Lin eigenartiges Wort ist das Kpostelwort: Kaufet die Zeit aus, denn es ist böse Zeit. Kein für sich genommen, gerade aus dieses Kpostels Munde, ein merkwürdiger Kat! Venn ^,die Zeit auskaufen" kann nichts anderes bedeuten, als sie sich zu Nutze machen. Damit wären wir aber bei einer Kützlichkeitslehre angelangt, die lediglich den eigenen Vorteil zum ausschlaggebenden Beweggrund alles Handelns macht und somit zum ödesten Egoismus, dem Todfeind allen währen Christentums, führt. Kriegszeiten sind noch immerdar böse Zeiten gewesen. Und es ist wahr: gerade in Kriegszeiten hat es stets Menschen gegeben, die es meisterlich verstanden, sie für sich auszukaufen, um nach Möglichkeit für ihr ganzes späteres Leben klingenden Gewinn einzuheimsen. Löse Zeiten! Damit sind wir wieder vor dem großen Kätsel des Dösen in der Welt überhaupt angelangt, schwierig gerade auch für so manche, welche vom Glauben an die Güte und Liebe eines lebendigen Gottes nicht lassen wollen. Uber niemand hat von jeher das Döse in der Welt machtvoller überwunden, als die im unerschütterlichen vertrauen zum Heiland verankerten Gottgläubigen, und gerade Paulus ist eines ihrer leuchtendsten Vorbilder gewesen. So hat er, der allewege in den Tiefen des Welt- und Gottverstehens goldene Wahrheit schürfte, auch in wahrhaft befreiender Kraft enthüllt, was es vor Gott und dem eigenen Gewissen heißt, böse Zeiten auszukaufen, indem er fortsährt: Werdet nicht unverständig, sondern verständig, was da sei des Herrn Wille! Hier ist der Urgrund wahren Thristenwesens aufgedeckt, der himmelweit von aller platten Selbstsucht wegführt: Gott lebt, und weil er lebt, muß auch hinter Bösestem sein allmächtiger Wille wirken,' und sein allgütiger, denn Gott ist die Liebe! Klles kommt deshalb darauf an, daß wir lernen, im Geist der Zeiten so treu zu lesen, bis wir selbst aus dem Dösesten das Gute und Ewige herausgefunden haben, was Gott damit bezweckt. Unwillkürlich wird man in diesem Zusammenhang an ein Wort gemahnt, das Goethe im „Faust" einmal seiner Verkörperung des Dösen, dem Mephistopheles, in den Mund legt, das Wort „von jener Kraft, die stets das Düse will und stets das Gute schafft". Buch der satanischste Wille wird durch eine höchste Kraft und Mackt umgebogen, Gutes zu wirken, das ist das große, tiefe und im letzten Grunde doch beseligende Geheimnis des Weltendaseins ! Es gilt für uns Menschen nur, um mit Paulus zu reden, so verständig zu werden, daß wir aus den bösen Zeiten die verborgenen Linien des großen Gotteswillens aufdecken und diesen auskaufen. Gotteslinien sind stets Lebenslinien. Buch hinter dem Kriege muß sich trotz alles Todes und Verderbens schließlich Leben und Förderung verbergen. Und wenn wir ehrlich sein wollen: spüren wir es nicht durch viel Seufzer und Tränen hindurch auch jetzt wieder, wie un- gemein viel Leben Förderndes, Leben Erneuerndes, auf höhere Stufen der Gottes- und Lebenserkenntnis Führendes aus diesem bösen Kriege, in dem wir stehen, sich für uns enthüllt? Es gilt nur, bei allem Geschehen nicht an der Oberfläche, dem rein Sichtbaren, hasten zu bleiben. Wie Manche im Spätherbst wohl von der sterbenden Katur zu sprechen pflegen und dabei bloß an all das vergehen und verwesen denken, was vor ihren Kugen sich ausbreitet, während doch in Wahrheit Kiesenkräfte neuen Keimens und Werdens am Werke sind, so dürfen wir gewiß sein, daß auch hinter dem jetzigen Kriege nicht bloß für die KIlgemeinheit, sondern auch für unser persönliches Einzeldasein Lebenskräfte von hohem irdischen und von noch weit höherem Ewigkeitswerte verborgen sind. Darum kaufet die Zeit aus, mit Ewigkeitsmünze, gerade weil es böse Zeit ist! Zur Geschichte der Eichener Gerberzunft. 1 (Schluß.) Buch die Knnahme von Lehrlingen oder „Lehrknechten", wie man in der alten Zeit sagte, war durch strenge Bestimmungen geregelt. Sm siebzehnten Jahrhundert mußte jeder Meister, sobald er einen Lehrjungen annahm, an den 'Landesfürsten und an die Zunft je 2 Gulden entrichten. Dazu kamen 8 Gulden für Wein und kleinere Gebühren für „Gebottsgeld" und das Waisenhaus. Ebenfalls waren Kosten zu entrichten, wenn der Lehrling losgesprochen wurde. Die älteste, in dem Zunftbuche enthaltene Urkunde über die Knnahme eines Lehrlings hat folgenden Wortlaut: „Knno 134 — 1636 geschehen den 31 tag May hat Jörg Milchior Etling einen Lehrjungen auff gedingt! und! soll der lehrjung lern 3 jar undt ist der Jung bürtig von Frietbergk und! heißt der Jung mit namen niclauß Faurbach." Km 4. Februar 1717 nahm ein Gießener, im Zunftbuche nicht genannter Meister den Lehrling Johann Daniel Blank (plank) von Schotten an. Mit diesem, der fünf Löhne hatte, die alle Gerber waren, ist der erste Vertreter der »Familie plank, die bekanntlich heute noch in unserer Stabt in Blüte steht, nach Gießen gekommen. Die Glieder dieser Familie sind bis in die neueste Zeit hinein insofern ihrem Ltammvater treu geblieben, als sie zumeist Gerbermeister waren. Km 16. Leptember 1826 wurde Johann Baspar Barl Daniel plank (gestorben am 1. Kpril 1861) Meister. Km 5. Oktober 1860 wurde Franz plank (geboren 14. Dezember 1832, gestorben 3. Juni 1910) Meister. Die feste Organisation der Zunft brachte es mit sich, daß tnan streng auf die Erfüllung der den Meistern obliegenden Pflichten hielt. Me wir schon bemerkt haben, so sollten sich alle Meister zur Bestattung von Zunftangehörigen einfinden. Das scheint im 18. Jahrhundert nicht immer befolgt worden zu sein,' denn, nachdem schon 1657 diese Pflicht den Zunftgenossen eingeschärft worden war, wurde 1776 folgendes Litzungsprotokoll ausgenommen: „heut dato den 24. Julius ist das Erbar Handwerk bepsammen gewesen und ist beschlossen worden, daß wann ein Meister gestorben oder eine Meisterin welcher meister Nicht ohne Verlaub vom Zunftmeister Mit aus den Birchhof geth soll straf erlegen. Der Meister soll in dem Zunftmeister seinem hauß erscheinen welcher nicht erscheinet von den Trägern der soll 10 alb straf Erlegen die übrigen Meister aber 6 alb straf erlegen." Interessant ist aus dieser Keußerung zu entnehmen, daß die Leichen der Zunftangehörigen nach dem Birchhof nicht immer gefahren, sondern auch getragen wurden, wenigstens geschah das in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts. In ähnlicher Meise wurde auch der bestraft, der zu Zunftversammlungen entweder gar nicht oder zu spät erschien. Ueber den Handel mit häuten waren in alter Zeit strenge Bestimmungen festgesetzt. Der Zwischenhandel war verboten, wer dagegen fehlte, wurde von der Zunft mit Geldstrafen belegt. 5o steht im Zunftbuch vom Jahre 1700 zu lesen: „Jacoph Jud gestraft, weil er eine haut verkauft hat." vom Jahre 1708 heißt es: „Ein Gerber von Dillen- burg, welcher mit Toller hausiert, gestraft." 1715 heißt es „Jud Lchmul von Linnes wegen verkauff der häute gestraft" und im Jahre 1748 wurde ein Jost Peter Lchmitt gestraft, weil er eine haut gekauft, so noch keinen Tag'gelegen", er mußte einen Gulden 15 Klbus entrichten. Noch vom Jahre 1817 heißt es: „Den 27. März ist Philipp hoch, ein hiesiger Schuhmacher wegen verkauf einer Lchmalhaut um 1 Reichsthaler gestraft worden und bei Vermeidung von 10 Beichsthalern Strafe der fernere Handel mit Leder untersagt, als Johann Kndreas Sack das Zunftmeisteramt begleitete." Die letzten, in dem Zunftbuche erwähnten Zunftmeister waren Jakob Sack und Balthasar plank II. Sack, der sein Kmt von 1840 1855 inne hatte, wird als alter Zunftmeister, und plank, der sein Kmt 1855 antrat, wird als junger Zunftmeister bezeichnet. Nähere Kngaben, wer bis zur Kuflösung der Zunft an deren Spitze stand, fehlen. Im Jahre 1867 wurde die Zunft aufgelöst und die Zunfteffekten wurden am 12. Juni 1867 an die Meistbietenden versteigert. Barl Becker steigerte für 5 Gulden die Zunftlade, Balthasar plank für zwei Gulden die zwei Leichentücher, Kugust Schultheiß für einen Gulden 12 Br. die alten Rechnungen und die sonstigen Schriftstücke, während Jakob Sack für 3 Gulden das Zunftbuch Erwarb. Damit hatte die Loh- und Meißgerber-, wie auch die 'Bürschnerzunft in Gießen aufgehört zu existieren, sie ist wie so vieles der rastlos fortschreitenden Zeit zum Opfer gefallen und gehört heute nur noch der Geschichte an. h. B. Griechische Sommerfrischen. von Geh. Gberkonsistorialrat v. M. petersen in Darmstadt. (Fortsetzung.) Nach solchen Knstrengungen war dann die Buhe im Maldesfrieden besonders köstlich. Bei der Anwesenheit des Hofes fehlte es nicht an Abwechselung, waren doch mannigfache Verpflichtungen zu erfüllen. Jeden Sonntag war Tafel um 3 Uhr, zuweilen schloß sich eine Einladung zum Tee an. Alle Namens- und Geburtstage der Glieder der königlichen Familie wurden mit Gottesdienst und Tafel gefeiert. Zuweilen wurden auch, besonders von der Bönigin, Ausflüge veranstaltet, wozu alle Sommerbewohner Tatois, die mit dem Hofe zusammenhingen, befohlen wurden. Es war für uns Mühlenbewohner nicht ohne Beschwerde. Die Festliturgie wurde um 11 Uhr gehalten, nachher wurde eine Schokolade verabreicht, worauf ich mich in der Mittagsglut wieder heimzubegeben hatte, um meine Frau zur Tafel um 3 Uhr zu geleiten. Ich habe durch meine Teilnahme an den Festgottesdiensten während fünfzehn Jahren den griechischen Gottesdienst gründlich kennen, z. T. auch in seiner Wirkung aus das Volk schätzen gelernt. Jedoch erregten die bei den Namenstagen und andern Gelegenheiten wiederkehrenden Texte bei mir sehr gemischte Gefühle. Es schien mir des Guten zu viel, wenn bei Dankgottesdiensten immer nur die zehn Aussätzigen an die Dankespflicht erinnern sollten, oder wenn beim Namenstag einer jugendlichen Prinzessin immer die Begegnung zwischen Maria und Elisabeth herhalten mußte. Um Vs3 setzte sich dann jedesmal eine seltsame Baval- kade in Bewegung: Meine Frau hoch zu Esel, ich als Führer und Treiber hinterher im Frack mit fliegenden Schwänzen, auf dem Haupte die Kngströhre, in der einen Hand den Sonnenschirm, in der andern einen handfesten Bnüppel zur etwa notwendigen persuadierung unseres braven Esels Michalaki. Kn kühleren Tagen war der Ritt auf „unserer" Straße mit dem schönen Blick auf unfern Maidkessel nicht ohne Beiz, aber es gab auch Tage, wo die heiße Luft aus der Ebene sich am parnes staute, kein Blättchen sich regte und das Thermometer 33° R. im Schatten zeigte. Dann war es fürchterlich, zumal man innerlich und äußerlich sich einem Zerfließen, einer Kuflösung nahe fühlte. Der Verkehr mit der königlichen Familie war durchaus ungezwungen, wenn nach der Festtafel auf einem freien, luftigen, von Bäumen beschatteten Platz der Tercle gehalten wurde, und noch mehr, wenn sich die ganze Hofgesellschaft zu dem Festmahl der Soldaten und der Gutsarbeiter begab, die, auf Zweigen gelagert, die am Spieß gebratenen Lämmer und Ziegen mit den Händen zerrissen und aus Gießkannen den bitteren Mein kredenzt bekamen, oder wenn man zum Tee befohlen war, und der Bönig als Hausvater eigenhändig den Bartoffelsalat mischte und hernach entweder getanzt wurde, oder man mit einfachen Laufspielen wie „das letzte paar heraus", oder mit Pfänderspielen sich vergnügte. Auch 135 — in der Nähe unseres Waldhauses, an der ruinenhaflen Mühle, die von hohen waldbäumen umgeben war, wurden zuweilen bei Laternenbeleuchtung Tees veranstaltet, bei denen die Waldumgebung durch die Beleuchtung einen etwas theatralischen Lindruck machte. Bei den Pfänderspielen wurde der Witz der Teilnehmer manchmal auf schwere Proben gestellt. Als ich mich einmal recht ungeschickt anstellte, rief die Königin zito! (er lebe hoch!), doch hatte ich die triumphierende Genugtuung, daß es der erhabenen Fürstin hernach nicht besser ging. Besonders wenn der König auf Neisen im Ausland war, liebte es die Königin, Nusflüge zu veranstalten. Liner der schönsten führte uns über die Paßhöhe nach Njos Merkurios. Man hatte da vor sich ein mannigfaltiges Bergland, das sich von parnes bis zum Luripus hinzieht. Man konnte die einzelnen Täler und Vergarme, mit denen er in das Land hineingreift, verfolgen. Der blaue, euböische Lund lag vor einem bis Nulis und Thalkis, und jenseits erhoben sich die majestätischen Bergrücken Tuböas, die sich in der Pyramide des Delphps zusammenfassen. Man sah die Sonne über diesem großartigen Panorama untergehen und hernach den Mond alles in ein Zauberland verwandeln, wo die Straße, die meistens an Nbgründen entlang führt, sich nach Njos Merkurios hinabsenkt, gleicht sie an Großartigkeit der Serpentine der Gotthardstraße im val Tremola. Unser Zug war immer sehr malerisch, vorne die Prinzen und Ndjutanten zu Noß, dann die königlichen wagen mit den allerhöchsten Damen und dem unberittenen Gefolge, hinterher die Maultiere und Karren mit den Dienern und den Lebensmitteln für das nach den Spielen bei Lampenlicht und Mondschein gebotene Nbendessen. Lin andermal wurden alle zur Lröffnung von drei Gräbern außerhalb der Grenzen Ta- töis, etwa 3 4 Stunden von unserem Waldhaus entfernt, befohlen. Der Direktor hatte sic aufgedeckt und vermutete mit der Ueberzeugung des Finders darunter das Grab des Sophokles. In den Marmorsarkophagen, in 7 Meter Tiefe, waren die Skelette mit ausgezeichnet erhaltenen Gebissen und einige ärmliche Vasen, sonst nichts. Ls war also eine Lnt- täuschung und doch interessant. Man erfreute sich an dem Bild der reitenden perrschaften und ihres Gefolges auf dem herrlichen pintergrund der großartigen Bergnatur. Die königlichen Kinder hatten mit Nusnahme genau bemessener Ferien auch auf Tatoi ihren Unterricht, zu dem die Professoren aus Nthen heraufkamen. Ieden Sommer wurden im Juli regelrechte Fahresprüfungen abgehalten, denen ich auch beizuwohnen hatte. Sein Schlußexamen bestand der Kronprinz, der jetzige König Konstantin, im Fuli 1886. Mein damals über ihn gefälltes Urteil lese ich im Fahre 1915 mit erneutem Interesse: „Ls muß eine Freude sein, einen solchen Sohn zu haben/' Der Prinz wurde in jedem Fach eine geschlagene Stunde examiniert und zwar in vier verschiedenen Sprachen, die er alle mit der gleichen Leichtigkeit handhabte. Lr hat ein ausgezeichnetes Gedächtnis, einen guten verstand (er sagte nicht bloß so Ungelerntes her) und eine merkwürdige Uuhe. Der König, der sich bescheiden stets als Vater und Erzieher des ersten hellenischen Königs betrachtete, gab ihm lauter ausgezeichnete Lehrer, aber es ist an dem Prinzen auch nichts verloren gegangen. Mit gleichem Lrnste hat er alles getrieben und zwar auch das, wofür er weiter kein persönliches Interesse hatte. So ist er drei Tage lang, jeden Tag drei Stunden, geprüft worden, und es war die ganze Zeit ein reines Vergnügen, ihm zuzuhören, man brauchte nicht um ihn zu sorgen und zu bangen. Zum Schluß hat er seinem königlichen Vater eine Kompagnie vorgeführt und vorexerzieren lassen. Dieser sagte dabei: „Gebe Gott, daß dem Kronprinzen eine bessere Zukunft in Griechenland beschert sein möchte und daß er Gelegenheit findet, seine Kenntnisse, die er natürlich zu vermehren und zu vertiefen fortfahren wird, zum peile Griechenlands zu verwerten. Ich hoffe, daß der Kronprinz Militär wird, wenn nicht aus natürlicher Neigung, so doch in klarer Erkenntnis des für die Zukunft Griechenlands Notwendigen. Pier auf der Balkanhalbinsel muß jeder Fürst Krieger und Feldherr sein, denn zuletzt wird doch alles mit den Waffen entschieden und wer weiß, wie schnell an Griechenland die Notwendigkeit herantritt, sein Schwert in die Wagschale zu werfen!" (Fortsetzung folgt.) warum der Greuzer-Rarl die Rosen lieb hat. Erzählung von Karl pesselbacher. (Fortsetzung.) Der Fränz sagte der Forstmeister: „past du nicht voriges Frühjahr mir ein Blumenstöcklein von dem Dorf holen müssen bei der alten Nppenzellerin? Damals hast du gesagt: ,Das ist ein Nexer, aus dem wird meiner Lebtag nichts. Bloß Nerger hat man mit solchem Kraut!' Und wie ich den Stock ein halbes Fahr gehabt habe, ist er voller Blüten gestanden, so daß ihn kein Mensch mehr gekannt hat. Du hast gemeint, ich sei ein pexenmeister; ich habe dir aber gesagt, daß der Blumenstock bei der Nppenzellerin keine Sonne gehabt hat und daß er darum hat verkümmern müssen. Ich habe ihn in die Sonne gebracht, und da ist er aus einmal geworden, was er hat werden können, warum willst du den Grenzer- Karl schelten, der jetzt auch ein Nexer ist und wüst tut und bös aussieht? Siehst du nicht, daß der arme Kerl keine Sonne gehabt hat - vielleicht schon zehn Fahre lang, seit er von daheim fort ist? Lasse ihn bei mir ich gebe ihm Sonne!" Da war die Fränz dunkelrot geworden und hatte leise gesagt: „pelf ihm Gott!" Im stillen hatte sie hinzugesetzt: „und mir!" aber davon konnte der Forstmeister nichts wissen.- (Es war ein heimeliges Arbeiten im Forstmeistergarten. Unter den guten Augen des Forstmeisters wuchsen die Pflanzen wie von selbst. Das Auge des Perm ist der beste Sonnenschein, pflegte er zu sagen. Und dem Grenzer-Karl ging Auge und perz auf, als er in das geheimnisvolle werden und wachsen der Blüten tiefer und tiefer cinblicken durfte. Lines Tages fand ihn der Forstmeister sinnend vor dem Kasten stehen, in dem die jungen Geranienstecklinge wuchsen. Line von den kleinen Pflanzen hatte eine Blüte getrieben, wie ein Feuerball duschte sie sich in die pöhe. „was gibt es zu sinnieren?" fragte der Forstmeister. Der junge Mann lächelte: „Sie werden mich aus- lachen. Aber unsereiner ist halt dumm. Bei meinen Litern daheim gibt es keine Blumen. Die Leute im Dorf sind zu arm und tragen schwer am Leben. Sie können sich nicht freuen am Blühen. Sie müssen zu viel Staub schlucken. Drum ist mir das alles so fremd, als wäre ich nie auf dem Land gewesen, lind mein Meister in der Stadt hält mich schön gejagt, wenn ich hätt wollen in seine Staatsstube gehen und seiner Frau Blumen angucken, lind wie ich eben die kleine Pflanze da habe blühen sehen, die noch vor ein paar Tagen ein grüner Zweig gewesen ist und weiter nichts: da Hab ich fragen müssen — ’s ist dumm, ich weiß es, aber es 136 geht mir nicht aus dem Kopf -, woher kommt jetzt die Blüte ? Milten heraus aus dem grünen Stengel? Drin gesteckt kann sie doch nicht sein, sonst hätten wir ja die Knospe sehen müssen vorher. Woher kommt die Blüte?" Der Forstmeister hörte des Burschen nachdenkliches Fragen, und sein Gesicht wurde sehr ernst. ,,Was Sie fragen, Grenzer, das haben schon seil Jahrtausenden die Menschen gefragt. Und sie haben keine Untwort gewußt. Sie sagen, die Gelehrten, das sei die Macht des Lebens. Uber was das Leben ist, daran raten sie mit schweren Köpfen, und keiner hat es herausgebracht. Ls mag wohl sein, daß es niemand wird herausbringen können!" Der Grenzer-Karl wiegte seinen Kopf hin und her: „Sch glaub jetzt selber, was einmal der Hannes gesagt hat von uns Stadtkindern und ich bin ja auch eins. Venn seit ich denken kann, wirklich denken, bin ich ja in der Stadt gesessen. Der Hannes hat gesagt, wir seien blind geworden vor lauter Bauch, der aus den Fabrikschloten geht. Drum könnten wir nimmer an den Herrgott glauben. Meinen, die ganze Welt sei eine Maschine, weil wir selber nur mit den Maschinen zu tun haben. Der Hannes hat recht. Ganz recht. Man muß wieder einmal hineingucken in den deutschen Erdboden, dann sieht man erst, daß hinter all dem einer steht, der voller Wunder ist. Sch Hab in einer bösen Stunde ge- schrien, ich wisse nichts von einem Herrgott. Sch fange an zu sehen, daß ich ein Uarr gewesen bin." Der Forstmeister sah dem Grenzer-Karl in seiner gütigen weise in die Bugen: „Ls ist gut, wenn einer den Mut hat, zu sagen, daß er ein Narr gewesen ist. Vas ist sonst nicht junger Leute Urt. Sie wollen alles besser wissen als wir Ulten und Ultmodischen. Uber was die Ulten mit fester Hand gehalten haben, ist immer ein Stück Gold. Und ich preise jeden, der dies Gold findet. Er ist gesegnet sein Leben lang." Dann schritt er weg und ließ den Grenzer-Karl seinen Gedanken. Etwas nagte an dem Burschen. Vas merkte der Forstmeister sehr gut. Uber er wollte ihn nicht danach fragen. Der Grenzer-Karl mußte mit bitterem Weh fühlen, daß die Franz ihm auswich. Sie hatte nur kurze Untworten für ihn, wenn er in die Küche kam. Zu den abendlichen Plaudereien, die das Frühjahr gebracht hatte, gab es keine Zeit mehr. Der Sommer spannte alle Kräfte an. So sanken die müden Urbeiter abends gleich nach dem Essen in einen bleiernen Schlaf. Die Schnitzbank stand ungenutzt im Winkel. Und Sonntags, wenn Kirchgang war, stapfte der Hannes behäbig neben dem jungen Mädchen her, wie ein Vater, der fein Kind hütet vor unberufenen Spitzbuben. (Fortsetzung folgt.) kirchliche Anzeigen. Sonntag, den 2 9. Uugust, 13. nach Trinitatis. Gottesdienst. Sn der Ztadtfirchc. vormittags 8 Uhr: pfarrassistent h offmann. Zugleich Ehristenlehre für die Ueukonsirmierten aus der Matthäusgemeinde, vormittags 9Fs Uhr: Prof. D. E ck. Mittwoch, den 1. September, abends 8 Uhr: Kriegsbetstunde. pfarrassistent h offmann. Sn der Zohannesfirche. vormittags 8 Uhr: Siehe Stadtkirche, vormittags 9 l k Uhr: Pfarrer Uusfeld. Wartburg, evangel. Jünglings- und INänner-verein. (Diezstratze 15.) Sonntag, den 29. Uugust: Vortrag. Dienstag, den 31. Uugust, abends 8' ■> Uhr: Bibelstunde. Donnerstag, den 2. September, abends 8V2 Uhr: Leseabend. Samstag, den 4. September, abends 8V2 Uhr: Ueltere Ubteilung. Gäste stets willkommen. Carl Loos Kirchenplatz 13 :: Telephon 797 Manufaktur- und Weißwaren Herren- u. Knabenkleider *rr- C. Röhr & Co. 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