Gemeinüeblatt füröik evangelische Kiichengemeinöe <5ief3ett Nr. 32. Bietzen, 11. Sonntag nach Trinitatis, 15. August 1915. 4. Jahrgang. Das vierte Gebot im Kriege. 2- ITtofe 20, 12. Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf daß du lange lebest im Lande, da; dir der Herr, dein Gott, gibt. Kuf zwei Tafeln schrieb Moses die heiligen 10 Gebote. Huf der einen die Pflichten gegen Gott. Huf der andern aber, die Pflichten gegen die Menschen enthaltend, stand obenan die Forderung: Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren. Und wahrlich, sie verdient diesen Ehrenplatz an der Spitze aller anderen Verpflichtungen,' denn sie ist das unumstößliche Grundgesetz aller Menschen-, ja im gewissen Sinne auch aller Gottesordnung. Ist das Elternhaus doch die Keimzelle des menschlichen und göttlichen Rechtes überhaupt, hier wird die erste Saat gestreut für Irdisches und Ewiges. Insbesondere aber ist das Elternhaus auch der unverrückbare Grundstein für den stolzen Vau von Staat und Vaterland mit ihren gewichtigen Ordnungen und der Kraftfülle aller inneren und äußeren Güter des menschlichen Lebens und Seins. Vas ist bei geringem Uachdenkren so unwiderleglich für unser Erkennen, daß es keiner weiteren Begründung bedarf. Uber gerade für den Weltkrieg, in dem wir jetzt stehen, hat das 4. Gebot noch eine besonders hohe und heilige Bedeutung, wie all die Riesenkräfte und all der starke Wille, die sich zum Schutze von Heimat und Vaterland einsetzen, ihren eigentlichen Rusgangspunkt doch einzig vom stillen Elternhaus eines jeden Einzelnen nehmen, so gilt der Einsatz an Gut und Blut von Millionen schließlich doch einzig wiederum dem selbeü stillen Elternhaus. Venn es ist und bleibt die wiege aller familiären und nationalen Ueberliefe- rung und Triebkraft nach vorwärts, die das Ganze eines Volkes zusammenschweißen und in Glück und Not unlösbar aneinanderketten. Es gibt das Wort vom ,,edlen deutschen Blut", und wunderbar geheimnisvoll, für unser menschliches verstehen nicht ergründbar, ist jener Tropfen, der dem Blute jedes Einzelnen einer Nation beigemischt ist, in dem sich alle hohen und heiligen Güter wie freilich auch alle Mängel, Fehler und Leidenschaften ein und derselben Volksgenossenschaft vererben, vie Veredelung dieses geheimnisvollen Tropfens spielt sich von Jahrhundert zu Jahrhundert ab in der Stellung der Geister von Eltern und Rindern ein und desselben Hauses zueinander, und hierbei bildet sich das, was halt und Rrone der ganzen Volksgemeinschaft wie jeder einzelnen Familie ist: Ehre, Ehrfurcht, Rutorität, und die daraus sich entwickelnde freiwillige Unterordnung zur Erlangung eines höheren und höchsten Ziels. Ehre Vater und Mutter, und du wirst von selbst Vaterland und Heimat und alle wahren Güter der Gesittung und Kultur ehren. Und diese Ehrfurcht ist nicht bloß vom jungen, noch werdenden Menschen gefordert; auch Mann und Frau in grauen haaren werden, wenn sie das Herz auf dem rechten Fleck behielten, das Bild verklärter Ehrfurcht vor ihren Eltern, ihrem Llternhause und der Kindheit lichten Träumen als kostbarstes Vermächtnis bei sich haben und mit sich nehmen in die Welt der Vollendung. Um Wahrung dieses „Tropfens edelsten deutschen Blutes" stehen jetzt unsere Väter und Söhne im Feld, schließen daheim die Reihen sich fester mit dem Gelöbnis des vurch- haltens um jeden Preis zusammen. Und in ganz neuem Lichte strahlt uns nun vielleicht die jahrtausendalte Wahrheit des Mannes Gottes vom Berge Sinai auf: vu sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, aufdaßdulang lebe st im Lande, das dir der Herr, dein Gott, gibt. Zur Geschichte der Gietzener Gerberzuuft. (Fortsetzung.) Rlle Zünfte waren durch eine feste Organisation zusammengehalten. Rn der Spitze standen zwei Meister, die als der „alte und als der „junge" Meister bezeichnet wurden. heute würde man wohl sagen „Vorsitzender" und „Stellvertreter des Vorsitzenden". Jedes Jahr erfolgte durch die Zunftversammlung die Neuwahl der beiden, wobei eine Wiederwahl möglich war. Vie Listen der Zunftmeister sind in dem sunftbuche ziemlich vollständig erhalten, sie geben uns Russchluß über Familiennamen, die seit der Zeit des Dreißigjährigen Krieges in Gießen Vorkommen, vie Zunftmeister aus der Zeit von 1629 bis 1640 waren Lehnhardt Schlegel, Nicolaus Löber, Caspar Kangißer, Melchior Sack, Peter will, Bernhardt Kangißer, Kraft Kleh, Taspar Bech- toldt, Johannes von Sandt, Johannes Satler, Taspar Sack, Georg Schlegel, Henrich Sack, Ludwig Weißgerber, Henrich Will, Jost Kangißer, Peter Weißgerber, Balßcr weißgerber, Johannes Simon, Georg Löber, Krafft Löber, Rnthonius Sack. Tonradt Kühl, Johannes Löber, Johannes Jacob, 126 Johann Lonradl £öber, hanß Weißgerber, Dinges Sack, Henrich £öber, Philippus Maus, Johannes IDillj Georg Melchior Ltling, hanß Henrich Weißgerber, hanß Kreuter, Caspar £öber, hanß wirtz, Hermann Bender, Johannes Krämer. Nach dieser £iste waren von den heute noch in Gießen lebenden Familien damals schon vertreten die Familien £öber, Sack, will, Simon, Kreuter, Lender und Krämer, dagegen sind die Familien von Sandt, Ltling, Satler und Kanngießer ausgestorben. flm Anfang des achtzehnten Jahrhunderts waren folgende Gießener Bürger Zunftmeister: Johann Henrich Sack, Adolf Müller, Philipp Melchior £öber, Jakob Kaupert, Johann Jakob pfadler, Johann Heinrich vetzberger, Johannes Ferber, Georg Friedrich £äber, Johannes Simon, Johann Konrad Merkel, Philips Balßer vetzberger, Georg £udwig Unna, Johann hqronimus £öber, Martin Klock. Die letzten Zunftmeister, soweit wir das aus dem Zunftbuche ermitteln können, waren Jakob Sack (alter) von 1840 bis 1855 und Balthasar plank II. (junger). Alle Zünfte der alten Zeit, auch die Gerberzunft, waren Organisationen, die zur Wahrung der gemeinsamen Interessen nach außen eine strenge Geschlossenheit aufwiesen und allezeit ein konservatives Gepräge aufwiesen. Vor allem lag den Zünften die Aufgabe ob, die, die darum nachsuchten, als Meister anzunehmen. Ueber eine derartige Aufnahme berichtet ein in dem Zunftbuch enthaltenes Protokoll, das mitten in der schwersten Zeit des Dreißigjährigen Krieges aufgenommen- wurde. Ls heißt daselbst: „heutt dato am 5 Tag Martii 1635 hatt Johannes Ninner Nohtgerber bei beiden Zunftmeistern, als Just Kanngießer Und Hans Kreu- tern angesucht, ihn als ein mit Zunftgenossen bei das Handwerk auf und anzunehmen, auf welches ansuchung er also- baldt von allen Zunftgenossen mitt Und dazu ausgenommen worden, deren gestalt daß er Unserem gnädigen Fürsten und Herrn Und dem Handwerk drei Gulden entricht, item ein halben gülden dem Handwerk zum Becher, item ein achtel ortsgulden in gemeinen Gotteskasten." Man sieht hieraus, daß es in alter Zeit Geld kostete, wenn man Meister wurde. Der £andsfürst und die Zunft bekamen je drei Gulden, ein halber Gulden wurde dem „Handwerk", d. i. der Zunft, zum „Becher" gegeben, d. h. der neue Meister mußte ein Faß wein zum besten geben, endlich wurde auch der „Gotteskasten", nämlich die Armenbüchse in der Kirche, nicht vergessen. Bei dieser Gelegenheit sei bemerkt, daß es doch schade ist, daß das schöne alte wort „Gotteskasten", das £uther in seiner Bibelübersetzung anwendet, dem heute lebenden Geschlechte verloren gegangen ist und durch das Wort „Opferbüchse" ersetzt wird. Ls war vernünftig, daß die alten Meister beschlossen, keinen zu früh Meister werden zu lassen. 3m Jahre 1729 kam man überein, daß keiner angenommen werden sollte, „er sey denn 25 Jahre alt." Eigentlich sollte auch nur derjenige Meister werden, der einige Jahre auf der Wanderschaft zugebracht hatte. Auch mit dieser Bestimmung hatten die Alten das rechte getroffen. Ls war früher heilsam und ist jetzt noch heilsam, wenn ein junger Mann sich den Wind hat um die Nase wehen lassen und die Welt sich angesehen hat, um sich in seinem Berufe auszubilden. Im neunzehnten Jahrhundert gingen die Gerbergesellen aus Hessen meist nach Süddeutschland und Oesterreich, weil dort das Gerberhandwerk in besonderer Blüte stand. Jeder, der Meister werden wollte, mußte den Nachweis erbringen, daß er „seine Zeit erwandert" hatte. So besagt ein altes Protokoll: „heute dato am 24. Januar 1689 ist Christian £öber Meisterworden und hat seine Jahre erwandert." Indessen gab es in alter Zeit in Gießen auch recht viele Muttersöhnchen, die nicht wissen wollten, daß auch anderwärts Brot gebacken wird, und sich von der Vaterstadt nicht trennen konnten. Sie mußten die Verpflichtung, einige Jahre zu wandern, mit Geld ablosen, wenn sie Meister werden wollten. Diese Muttersöhnchen hatten bei ihrer Aufnahme nicht zu wenig zu zahlen. Am 4. Januar 1677 faßte die Zunft folgenden Beschluß: „was ein Meisters Sohn oder Frembder, der nicht gewandert ist, erlegen muß. Der muß seine Wanderzeit für Ihre hochfürstl. Durchlaucht verbüßen mit 12 Nth. Lin Fremder aber muß dem Handwerk 10 Gulden Wandergeld verbüßen. Einem Meisterssohn wird sein Wandergeld — 4 Gulden und 29 Albus — vom Handwerk geschenkt." (Fortsetzung folgt.) Griechische 5ommerfrischen. von Geh. Gberkonsistorialrat D. w. petersen in Darmstadt. (Fortsetzung.) Die Bergeinsamkeit wurde ja freilich auch belebt und gestört. Belebt durch den Besuch von Freunden, die aus der Stadt zu uns kamen, Lage oder Wochen mit uns verlebten, Genesene, die völlig gesundeten, Kranke, die Genesung suchten, gestört durch unliebsame Naturereignisse, wie Erdbeben, wir waren schon Jahre in Griechenland gewesen, ohne mit Bewußtsein ein Erdbeben zu erleben, da Attika kein Erdbebenboden ist und nur die Berge bei Erschütterungen von Fernbeben mitzittern. Auf dem parnes erlebten wir zuerst mit vollem Bewußtsein ein Erdbeben und seitdem hatten wir die Empfindlichkeit, der kein Erdbeben mehr entgeht, auch nicht im Schlafe. Eines Tages saß ich im September in meinem Dachzimmer und arbeitete. Eine leere eiserne Bettstelle klirrte ganz leise. Ich notierte sofort die Stunde. Einige Tage später erfuhr ich von dem Vulkanforscher Dr. Schmidt in Athen, unserem Freunde, daß ein schweres Erdbeben in Tschesme in Kleinasien stattgefunden hatte. Meine Notiz war neben einer anderen die einzige Beobachtung, die in Griechenland gemacht worden war,' danach konnte man ziemlich genau die Schnelligkeit der Wellenbewegung berechnen. In einem Sommer, in dem der Peloponnes von schweren Erdbeben heimgesucht wurde, kamen wir wochenlang überhaupt nicht aus der Beunruhigung heraus. Auf dem Erdboden schlafende Soldaten fühlten den Boden unter sich wanken. Bei erstickend schwüler £uft horte man unterirdische Geräusche wie ein dumpfes heulen. Lines Tages war ich ganz in der Frühe von Athen heimgekehrt, wir saßen mit Freunden am Kaffeetisch und lasen die mitgebrachten Zeitungen. Da fühlte ich plötzlich meinen Stuhl bewegt werden, sah an der Decke eine schwankende Bewegung, Kalk rieselte hernieder. In einem Augenblick waren wir alle wie auf Befehl draußen im Hof, jeder mit seiner Zeitung in der Hand. Genau in derselben Verfassung fanden wir unsere Nachbarn. Die Damen hatten Tränen in den Augen und waren außerstande zu gehen. Man kann sich denken, daß bei einem starken Erdbeben vielen die Beine plötzlich unwillkürlich den Dienst versagen und sie darum zugrunde gehen. Unheimlich waren die Erdbeben in der Nacht, z. B. dasjenige, welches wir Ende August 1886 erlebten. Eben vor Mitternacht wurden wir durch ein Erdbeben aus dem ersten Schlaf emporgeschreckt. Ich horte den Schreckensruf 127 meiner Frau nach Licht, das ganze Haus zitterte und klapperte. Mir fuhr es so in die Leine, daß ich die Streichhölzer neben meinem Bett nicht finden konnte. Es schien mir eine Ewigkeit, ehe ich die Lichter angezündet hatte und wir uns alle, wie wir waren, in einer Türöffnung (dem sichersten Platz bei solcher Gelegenheit) zusammenfanden. — Daß der Gipfel des parnes (1410 m) in jedem Sommer mindestens einmal bestiegen wurde, versteht sich von selbst. Zuerst hinaufgeführt, konnte ich später immer selbst meine Hausgenossen und Gäste führen. Es war eine recht anstrengende Tour von 8—9 Stunden. Der Anstieg auf schma- . len Bergpfaden geht meistens über Geröll. Sn lVe Stunden erreicht man die ersten Edeltannen, die hier erst bei etwa 800 m höhe als Waldbäume gedeihen können. Wie Weihnachtsbäume strecken sie ihre lichtgelben Blütenkolben in die Luft, als wären es Kerzen. Durch Gebüsche von Zwergeichen und lichtstämmigem Arbutus über einen Waldboden, auf dem im herbst Alpenveilchen und Krokus um den Preis zarter Schönheit wetteifern, arbeitet man sich in weiteren 334 Stunden hinauf aus das Plateau und eine halbe Stunde weiter zur ersten Ouelle mit Kamen Koromiliä in einem Gebirgskessel, in dem sich eine Wlachenniederlassung von Laubhütten befindet, wo man die erste Käst halten muß, um vor allem im Genuß des eiskalten Bergwassers Erquickung und neuen Mut zu finden. Die genaue Kenntnis der Ouellorte ist in Griechenland unbedingte Vorbedingung jedes Ausflugs. Bis zur nächsten (Quelle, 1 3 A Stunden weiter, bei welcher die Hauptmahlzeit gehalten werden mußte, ging es im wesentlichen auf derselben höhe, doch auch bergauf und talab an herrlichen alten Edeltannen vorüber, die mit knorrigen Kiesenwurzeln sich in den Boden klammerten, dann aber wurde die Bergszenerie wilder und öder mit ihren Steinhalden und Mulden und aussichtsreicher durch die gelegentlichen Blicke hinunter in die sonnverbrannte Ebene, auf Athen und das Meer, oder nach der andern Seite auf den wie ein blauer Bergsee uns zu Füßen liegenden Euripus und auf die stolze Pyramide des Delphys auf Euböa. Endlich erreicht man die Schneegruben am Fuß der Kegelspitze des parnes, aus der die Konditoreien Athens im Sommer ihren Schnee bekommen. Oben auf dem Gipfel sind riesige Felsblöcke übereinander getürmt, alte Tannen, die im Kampf mit dem Kordwind ihre Kronen verloren haben, haben sich zwischen sie eingeklemmt. Lin wahrer Garten herrlichster Alpenveilchen bedeckt den Boden. Lin Adler schwebt hoch über uns im blauen Luftrevier. Kie sah ich das Panorama oben herrlicher als im September 1890. Das Meer im Osten (das ägäische) war tiefblau, das Meer im Westen (der saronische Golf) silbern sonnenbeglänzt, so daß die Inseln Salamis, Aegina usw. so recht im Relief sich dem Auge darstellten. Wir sahen auf den Spiegel des korinthischen Busens und die peloponnesischen Berge. Im Korden erschien der Helikon wunderbar klar, der parnassos noch genügend deutlich, im Osten tauchten jenseits Euböas Skyros und obendrein Skopelos und Skiathos, Luböa in seiner ganzen Ausdehnung auf und im Korden davon entweder den pelion in Thessalien oder den Othrys an Thessaliens Grenze. Auf dem Kllckweg waren wir die Gäste der wlachen in ihren Zelten. Line Art Blätterteig mit Käse und einem bröckeligen Milchprodukt wurde in kreisrunder Pfanne uns vorgesetzt. Wir lagerten uns auf Tannenzweigen und lehnten höflich aber bestimmt die wollenen Decken ab, deren mancherlei Bewohner wir fürchteten. Ein Hirte schnitt vor und mit den Händen griffen wir nach den bereit vorliegenden Speisen. Auf kleineren Ausflügen machten wir mit den Heranwachsenden Kindern immer weitere Entdeckungsfahrten in die Schluchten, auf die Berge, an die Ouellen der an Schönheit so reichen Gebirgswelt des parnes, so auf den Kukuretzi, einen vorspringenden Berg von der höhe des Inselbergs, von dem man eine prachtvolle Aussicht auf Athen, die Ebene, die beiden Meere und Euböa hat, so auf den Thatsimyti, um dessen, antike Befestigung Alpenveilchen, deren Knollen eine Hauptnahrung der Wildschweine sind, und Krokus in überreicher Fülle standen und von wo man die Poststraße nach Attika und nach Böotien zu verfolgen kann und am Fuße der nördlichen Abhänge die böotische Ebene bis nach Thalkis unter sich liegen sieht, ein Blick wiederum von einem Meer zum andern, vom Delphys auf Luböa bis zu den Bergen des Peloponnes. (Fortsetzung folgt.) warum der Grenzer-Rarl die Rosen lieb hat. Erzählung von Karl Hesselbacher. (Fortsetzung.) Sie stellte dem Gast ein Glas mit dunklem, etwas abgestandenem Bier vor und setzte sich vertraulich zu ihm an den Tisch. Vas runde, vollwangige Gesicht leuchtete von lachendem Kot. Die schwarzen, „krallen" Augen funkelten wie zwei Kohlen, und das krause schwarze haar war nur mit Mühe in die modische Frisur mit dem schrägen Scheitel gebändigt worden. „Unsereins weiß, wie sie es einem machen, die stolzen Bauern," fing sie ohne Zieren eine Unterhaltung an. „Das garize Jahr ist man ihnen recht, wenn es ans Schaffen geht und'wenn sie einen ausnützen können. Wenn man aber an ihren Tisch sitzen will, dann heißt es: draußen ist daheim!" Die runden Hände des Mädchens ballten sich zu einer Faust, daß auf den Knöcheln der Finger weiße Grübchen sich zeigten. Mit einem schnellen Blick streifte sie den trübsinnig vor sich hinstarrenden Gast. Lr hatte sich tüchtig herausgemacht. Die Fränz hatte nicht umsonst an seiner Kleidung herumgeflickt und herumgebessert. Etwas von städtischer Flottheit lag ihm ohnehin im Blut. Der flatternde Schlips, den er um den sauberen Kragen gebunden hatte, stand zu dem dunklen Gesicht mit dem dichten Lockenhaar trefflich. Die breiten Schultern, im merkwürdigen Gegensatz zu der zierlichen Gestalt, erinnerten so gar nicht an das vierschrötige und Schwerfällige der Burschen in der Gegend, denen man das „Fahren mit den vier Gäulen" und das Führen des schweren Pfluges deutlich ansah. Ls war ein hauch von wirklicher Eleganz über dem Menschen, der noch vor sechs Wochen im Straßenstaub zu verkommen schien. „So ein Bursch wie Sie!" rief die Mine. „Sie sind doch auch nicht aus der vreckkiste herausgezogen? Man sieht es Ihnen auf hundert Schritt an, daß Sie ordentlicher Leute Kind sind, lind die Leut hier tun, als ob Sie einer aus einem wagen seien und als ob Sie der Pfarrer am Grabenrand hält taufen müssen." Der Grenzer-Karl blickte auf — schweigend schaute er dem Mädchen ins Gesicht. „lind warum denn nicht?" dachte er. „'s gibt noch andere als die hochmütige Fränz, die mich vor allen Leuten hat heute zuschanden werden lassen — ich will ihr zeigen, daß ich doch ein Kerl bin, der sich sehen lassen kann, wenn ich auch hundertmal auf der Landstraße herumgewalzt bin." 128 (Er nahm die Hand des Mädchens in die feine. Ein den Münzen des Armbandes herumspielend, sagte er: „Schöne Musik das, wenn die alle klingeln!" — Die Mine lachte: „Wie man's nimmt! Manchmal denke ich, 's sei eine schlimme Musik. Venn sie redt von Männertreu, die ist wie der vorjährige Schnee!" „Über so ein Andenken an einen ordentlichen Kerl hätte am Ende immer noch Platz an dem silbernen Keif?" fragte der Mann mit leisem Augenblinzeln. „Käm ganz darauf an, wer der wär! Lin hübscher Bursch müßte er von vornherein sein. Vas ist ausgemacht." . . Ls ging auf Mitternacht, als der Grenzer-Karl gegen das Forsthaus zu wanderte. Die Mine hatte ihm noch ein Stück Wegs weit das Geleit gegeben. Ihre Augen hatten gefunkelt, daß er es sogar im Dunkeln gesehen hatte. Ls war wie ein Blitzen über den schwarzen Himmel gewesen. Aber wie wunderlich — gerade über ihrem Kopf riß mit einem Male die hängende schwarze Wolkendecke, und ein Streif falben Mondlichtes flog über die stille Nacht und die weißen Selber, an deren Kand die schwarzen Wälder standen, und ein Sternlein blitzte auf. Vas sah aus wie ein gutes treues Auge. Ls war, als blicke ihn ein liebtrautes Gesicht an. Lin Gesicht, das er den ganzen Tag mit innerem Groll und doch wieder mit brennendem Schmerz vor sich gesehen hatte, das er hatte verjagen wollen, das aber immer wieder vor ihm gestanden war, voll Liebe und Weh zugleich. Bis zuletzt da im Schwanen — da war es verschwunden. Dort hatte es nichts verloren, warum stand es jetzt wieder vor ihm? War es nicht, als höre er eine Stimme: Wer einmal nach einer Krone gegriffen hat, der soll seine Hand nie mehr in den Schmutz stecken? (Fortsetzung folgt.) kirchliche Anzeigen. Sonntag, den 15. August, II. nach Trinitatis. Gottesdienst. I» der Stadtkirche. vormittags 8 Uhr: Pfarrer Mahr. Zugleich Thristenlehre für die Ueukonfirmierten aus der Matthäusgemeinde, vormittags y'/r Uhr: Pfarrer Schwabe. Mittwoch, den 18. August, abends 8 Uhr: Kriegsbetstunde. Pfarrer Schwabe. In der Johanneskirche. vormittags 8 Uhr: pfarrassistent Hoffmann. Zugleich Thristenlehre für die Ueukonfirmierten aus der Lukasgemeinde. vormittags 9Ve Uhr: Pfarrer Ausfeld. * * Wartburg, eoangel. Jünglings- und Männer-Verein. (Diezstratze 15.) Sonntag, den 15. August: Vortrag. Dienstag, den 17. August, abends 8-2 Uhr: Bibelstunde. Donnerstag, den 19. August, abends 8'2 Uhr: Leseabend. Samstag, den 21 . August, abends 8-2 Uhr: Aeltere Abteilung. Gäste stets willkommen. Ich bin bis zum 5. September verreist Die Amts- geschäfte der Lukasgemeinde sowie die Redaktion des „Sonntagsgrußes" übernimmt in dieser Zeit Herr Pfarrassistent Hoffmann, Wetzsteinstraße 38. Bechtolsheim er. f Ankündigungen empfehlenswerter Firmen ^ Carl Loos Kirchenplatz 13 :: Telephon 797 Manufaktur- und Weißwaren Herren- u. Knabenkleider Edgar Borrmann, Giessen Neustadt 11 Eisenwaren, Haus-u. Küchengeräte Teleph. 165 empfiehlt billigst Oefen, Herde, kupferne u. gußeiserne Waschkessel, Haus- u. Küchengeräte,SolingerStahl waren, landwirtschaftl. Maschinen u. Geräte, Vogelkäfige u. Züchterutensilien, Fischereigeräte etc. etc. Waffen u. Munition. Mädchen gef. f. altes Ehepaar z. 1. Oktober für Haus und leichte Gartenarbeit Gehalt nach Uebereinkunft. Geheimrat Brennecke, Mllenkolonie, Buchschlag bei Frankfurt a. M. jfrani Sette jUlsusburg JO ssernsprech-illr. 666 spejisl-iöelchslt in Kurj-,Woll-u.Wechwgren lkrstlings-SJusststtungen fftuswahtsrnüungrn bereitwilligst Geschw. Holberg Nacbl. 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