mmm Nr. 31. Gießen, 10. Sonntag nach Trinitatis, 8. August 1915. 4. Jahrgang. Lin Zahr Weltkrieg. I. Buch Samuelis 7, 12. Bis hierher hat uns der Herr geholfen. Sn diesen ersten Tagen des August wird eine Fülle von Erinnerungen an das vorige Jahr in uns lebendig. Jeder Tag stellt uns neue Bilder vor die Seele. Km 3. und 4. August 1914 füllten sich in den Abendstunden unsere Kirchen mit Gemeindegliedern, die vor ihrem Ausmarsche mit den Ihrigen das heilige Abendmahl feiern wollten. Eltern und Geschwister kamen mit dem Sohn und Bruder, die Frau mit ihrem Lebensgefährten. Ernste, wehmütige Stimmung lag über der Versammlung, aber aus manchem verweinten, totblassen Frauenantlitze sprach doch die fromme Ergebung, die das Gotteswort ausspricht: Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft, und den Männern war es anzumerken, daß sie gewillt seien, bis zum letzten hauche Heimat, Volkstum und Familie zu schützen. Km 5. August, dem vierten Mobilmachungstage, strömten aus der ganzen Provinz Dberhessen die einberufenen Beservisten nach unserer Stadt. Es war ein Bild, das zu Tränen, rührte, zu sehen, wie die Züge vor der Einfahrt auf den Geleisen standen. Alle Fenster, Türen und Trittbretter waren dicht besetzt von jungen Männern, die die hüte schwenkten und aus den mit Grün umkleideten Wagen den Vorübergehenden zuwinkten. Brausend mischte sich dann, als der Zug wieder in Bewegung kam, in das Bollen der Bäder der Gesang: Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt. In den Abendstunden des 6. August feierten die ausrückenden Krieger das heilige Abendmahl. Im feldgrauen Waffenkleide kamen sie in das Gotteshaus, um im Vpfertode des Heilandes die Kraft zu suchen, die die Angst und Not des eigenen Todes überwinden hilft. Am 7. August verließ das Begiment, das seit beinahe einem halben Jahrhundert in Gießen seine Garnison gehabt hat, die Stadt. Manche Frau und manche Mutter sah den Ehegatten und Sohn in der Abenddämmerung dahinziehen, um ihn nicht wieder zu Gesicht zu bekommen. Sonntag, der 9. August, war der allgemeine Kriegsbettag. Boch nie waren unsere Kirchen so gefüllt wie an diesem Tage, Hunderte mußten wieder umkehren, weil sie nicht einmal mehr einen Stehplatz fanden. Alle kamen aus eigenem Antriebe, um in schwerer Zeit das Angesicht ihres Gottes zu suchen und zu beten: Ach, bleib mit deinem Schutze bei uns, du starker Held, daß uns der Feind nicht trutze, noch fäll die böse Welt. Schwer und ernst waren diese Tage, aber auch heilig und erhebend. Wir haben im Leben mancherlei gesehen, großes und kleines, gutes und böses, niemals aber eine solche einmütige Erhebung unseres Volkes und eine solche Bereitschaft, für das bedrohte Vaterland einzustehen und für es Gpfer zu bringen. Ueber Konfessionen und Parteien hinweg reichten sich die Deutschen die Hände und gelobten: Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Bot uns trennen und Gefahr. Diese Stimmung ist auch jetzt noch da. Sie spricht aus den unvergleichlich tiefen und eindrucksvollen Worten, die unser Kaiser am Jahrestage der Mobilmachung an sein Volk gerichtet hat. Noch in Jahrtausenden wird diese Kundgebung ein hochwichtiges Dokument deutscher Geschichte sein, und die Worte: „vor Gott und der Geschichte ist mein Gewissen rein, ich habe den Krieg nicht gewollt" werden in London, Paris und Petersburg den verblendeten und gewissenlosen Politikern, auf deren Schuldkonto der Krieg steht, manche unruhige Stunde machen. Biemals im ganzen verlaufe dieses Weltkrieges war unsere Lage günstiger als jetzt. Fünf Millionen deutscher Männer zertrümmern in diesen Tagen die russische Macht, und bange Ahnungen beschleichen unsere Gegner im Westen. Bach Warschau, so sagen sie, kommen Paris und Talais. Wir fügen hinzu: Und nach Talais kommt London. Noch lebt ein Gott, zu strafen und zu rächen. Wir können das Ende des Krieges noch nicht absehen, so viel aber ist gewiß: die längste Zeit hat er gewährt. Bis hierher hat uns der Herr geholfen, er wird weiter helfen. h. 6. Zur Geschichte der Siehener Gerberzunft. In der Stadt Gießen hat von jeher ein reges Arbeitsleben geherrscht. In dem Baum, den der Schoorgraben umschloß, haben sich die Gelehrten eifrig ihrer Wissenschaft gewidmet, haben die Kaufleute kalkuliert und korrespondiert und die Handwerker gehämmert und geklopft. Dabei hat unsere Stadt immer eine nicht unbeträchtliche ackerbautreibende Bevölkerung gehabt. Aber das Bild menschlicher Tätigkeit verschiebt sich von Jahrhundert zu Jahrhundert. Gießen 122 — ist heute eine Stadt der Gelehrten und Beamten, als Eisenbahnknotenpunkt beherbergt es in seinen Mauern sehr viele Beamte, die mit dem Verkehrswesen zu tun haben. Obwohl das Stadtbild nicht durch hochragende Schlote verunziert wird, so ist in der oberhessischen Provinzialhauptstadt doch eine nennenswerte Industrie aufgeblüht. Bcker- und Gartenbau wird immer noch eifrig betrieben, obwohl die Gemarkung durch die Busdehnung der Stadt naturgemäß kleiner geworden ist. Daß das Handwerk heute noch blüht, zeigte im vorigen Jahre vor Busbruch des Krieges ein Bundgang durch die Gewerbeausstellung. Das Gießener Handwerk hat eine reiche, beinahe tausendjährige Geschichte, und von einem Handwerkszweige der letzten drei Jahrhunderte wollen diese Zeilen Bericht erstatten, allerdings von einem Handwerkszweige, der im Laufe des 18. Jahrhunderts in Gießen bedeutend zurückgegangen ist, von dem Gerberhandwerke. Buch hier beobachten wir, daß die Großbetriebe die Kleinbetriebe verschlungen haben. Die Erfindungen, die die moderne Zeit gemacht hat, haben manchem Zweige menschlicher Tätigkeit den Untergang bereitet. Vas Frachtfuhrwesen ist der Eisenbahn zum Opfer gefallen, an vielen Orten des Großherzogtums Hessen haben die Weber und Uagelschmiede den Konkurrenzkampf mit den Fabriken nicht aushalten können. Daß die kleinen Gerbereien den Großbetrieben haben weichen müssen, ist zu bedauern. Die Gerbermeister waren einst in Deutschland, vor allem in Süd- und Mitteldeutschland, in der Begel angesehene Bürger, die vom Vater und Großvater her ihr Geschäft hatten und an ihrem Wohnorte manches Ehrenamt bekleideten. Die Industrialisierung unseres Vaterlandes hat manche selbständige Existenz vernichtet, was dem volksganzen nicht zum Segen gediehen ist. In alter Zeit hat das Handwerk einen gewissen aristokratischen Zug an sich getragen. Durch viele Generationen hindurch blieb eine Familie bei derselben Tätigkeit. Den Zuziehenden war es nicht leicht gemacht, in einer Stadt seßhaft und Meister zu werden, weil das Handwerk in den Zünften streng organisiert war. Die Zunftgenossen fühlten sich als eine Familie und hielten fest zusammen, sie waren auch vom Staat mit erheblichen Privilegien ausgestattet. Um das Jahr 1800 gab es in Gießen folgende Zünfte: Tuchmacher, Barbierer, Botgießer, Wagner, Schmiede und Schlosser (diese drei waren in einer Zunft vereinigt), Krämer, Leineweber, Buchbinder, Maurer, Küfer, Glaser, Drechsler (diese drei ebenfalls vereinigt), Schneider, Eisenkrämer, Schwarz- und Schönfärber, Schreiner, Weiß- und Botgerber, Fuhrleute, Säckler, Seiler, Schuhmacher, Zimmerleute, Hüfner, Hutmacher, Strumpfweber und Perückenmacher. Wie aus dieser Zusammenstellung zu ersehen ist, so sind oft verschiedene Lerufszweige, die miteinander Berührungspunkte hatten, zu einer Zunft vereinigt worden. So gehörten der Gießener Gerberzunft die Lohgerber, die Weißgerber, die Botgerber und die Kürschner an. Wann diese Zunft entstanden ist, ist uns nicht bekannt. Die Bngaben, die wir im nachfolgenden bringen, entnehmen wir dem alten Zunftbuche,*) in das wir Einsicht nehmen konnten. Dieses Luch ist *) Bei der Beschäftigung mit der Geschichte der Gießener Gerberzunft haben mich verschiedene Gießener Herren unterstützt. k)err Prokurist lvill, der jetzt im Gsten als Dffizierstellvertreter im Felde steht, hat mich auf das Zunflbuch aufmerksam gemacht, das mir der Bescher Herr Georg hoß freundlichst zur Verfügung gestellt hat. Die Herren Ltadt- verordneter plank und Buchhalter Wörth haben mir über manches, das mir in dem Zunftbuche unverständlich war, Aufklärung gegeben. Ollen sei hier herzlicher Dank gesagt. f). B. im Jahre 1628, also mitten im Dreißigjährigen Kriege, angekauft worden. Darüber findet sich in dem Buche folgender Eintrag: „Zunftmeister Johannes Salier Henrich Sack 1628 haben wir beiden ein Schreibbuch gekauft für den hantwärgt für IV 2 Beißtaller (Beichstaler) haben wir Zunftmeister acht ehlen schwartz wolnduch gekauft für die leichkar zu einer Decken das 3Vr Beißtaler geschehen den y. November 1628. Jost Kangißer hat sein Sohn der erste übergedecht. den 10. November 1628." Diese Bngabe macht uns damit bekannt, daß die Zunftgenossen verpflichtet waren, ihre verstorbenen Glieder, auch deren Bngehörigen, zum Grabe zu geleiten. Zu diesem Zwecke hat die Gerberzunft ein schwarzes Bahrtuch angeschafft, das bei Bestattungen über den auf dem Leichenwagen ruhenden Sarg gebreitet wurde. Wir hören, daß ein Sohn des Zunftgenossen Jost Kanngießer der erste war, der auf diese Weise zu Grabe gebracht wurde. Diese Sitte hat bestanden, bis die Zünfte aufgelöst wurden, was im Jahre 1867 erfolgte. Bls Georg Keil am 4. Mai 1861 in die Zunft aufgenommen wurde, wurde ihm ausdrücklich die Verpflichtung auferlegt, zunftangehörige Leichen zur Gruft zu begleiten. Das „schwartze wolnduch" wird sicherlich im Jahrzehnt, das auf das Jahr 1628 folgte, sehr oft gebraucht worden sein; denn in dem nämlichen Jahre kam die Pest nach Gießen und forderte aus der Stadt viele Opfer. (Fortsetzung folgt.) Griechische Zommersrischen. von Geh. Gberkonsistorialrat D. W. petersen in Darmstadt. (Fortsetzung.) Oberhalb der Sommerresidenz bog eine Straße links vom Passe ab nach westen, die bis zu einem großen, von mächtigen Platanen überschatteten Wasserbassin führte, in dem die Ouellwasser einer Waldschlucht sich sammelten, um von dort in offener Leitung an der einen Seite der Straße nach Tatöi geleitet zu werden. Die Straße führte im Halbkreis um den Waldkessel herum, in dem unser Waldhaus lag. Bechts von ihr erhoben sich Berge des parnes, der Kukuretzi mit prachtvoller Bussicht, und weiter zurückliegend der Band des Hochplateaus, der in eine steilabfallende Felswand ausläuft, die wir kurzweg die „Base" nannten, vom Hochplateau herunter liefen zwei Schluchten, eine in der Witte des Wegs, äußerst wild und romantisch mit abenteuerlichen Felsbildungen, ähnlich denen der sächsischen Schweiz, die den Namen Lpkostoma, d. h. wolfsmaul, trägt, und eine zweite, die gerade an dem Wasserbassin auf die Straße stieß, eine Schlucht, die im Sommer nur wenig Wasser führte, aber mit ihrer übcraschend üppigen Vegetation unter dem Geröll verborgene Bodenfeuchtigkeit verriet und durch lauter hohe Felsenstufen in Bbschnitte geteilt war. „Unsere Straße" war eine der schönsten Teile des ganzen Gutsgebiets. Von ihr aus schaute man über die niedrigeren südlichen Vorberge auf die charakteristischen Linien des pentelikon und des hpmettos und durch eine Lücke zwischen den Bergen in die Weite nach dem saronischen Meerbusen zu. vom Wasserbassin führte ein Landweg nach unserem Waldhaus und der in dessen Bähe gelegenen Buine einer Mühle, vom Wasserbassin aus überschaute man den größten Teil des königlichen Besitztums, nichts als Wald und Wald, grüne bewegte Baumkronen und dazwischen 123 wunderliche Felsbildungen, von den Gebäuden Tatois sahen wir nur den Turm und den freundlichen Schweizergiebcl der sogenannten Schule, dahinter an den breiten hängen wald- gekrönter Berge goldene Getreidefelder. Den Abschluß dieses den Augen wohltuenden Bildes bildete die Breitseite des pen- telikon mit seinen aus die Ebene von Marathon hinabschauenden östlichen Abhängen. In blässeren Farben und zarteren Linien erhob sich jenseits der unsichtbaren Meeresstraße des Luripus das Gchagebirge auf Euboä. Zog man vom Bassin die Straße weiter gegen Westen, die sich in der Wildnis verlor, gewann man einen Durchblick auf die attische Ebene, in der in bunter Folge grüne Streifen mit dem Erntegold der Felder aus dem lichteren Grün beleuchteter Baumstände wechselten. Inmitten dieses schönen Bildes glänzten im Schein der scheidenden Sonne die weißen Häuser von Bephissia, das im Laufe der seit durch den Vau einer Eisenbahn sich zu einem vielbesuchten Sommersitz der wohlhabenden Athener ausgewachsen hat. Als Hintergrund dienten das Giebeldreieck des pentelikon, die Stufenabsätze des hpmettos und in weiterer Ferne die mild gebogenen Bücken der Berge bei Laurion. Bach Westen sah man abends die drei Berghöhen von Athen rötlich strahlen, dahinter in verschleiertem Blau das Meer. Zwischen Waldhaus und Straße zog sich ein Obstgarten mit Birnen- und Feigenbäumen, deren Früchte uns z. T. zur Verfügung standen. Line besondere Zierde war in der Bähe des Hauses ein Myrtengebüsch, das mit seinen unzähligen zarten Blüten einem riesigen Hochzeitsstrauß von drei Meter Umfang glich. An unserem Hoftor stand, das Haus beschattend, eine gewaltige Silberpappel mit schillernden Blättern, davor eine Zisterne, in der die Frösche quakten und unsere Binder frei- und unfreiwillige Bäder erlebten. In herrlicher Freiheit tummelten sich unsere Binder in ihren freien Stunden in Sonnenbrand und Hitze im Freien herum. Am einfachen Holztisch saß ich und arbeitete im Freien, bis, was selten geschah, Begen oder empfindliche Bühle mich ins Haus trieb. Dort habe ich jeden Sommer in wenigen Wochen überreizte Berven ohne Arzneimittel zur Buhe gebracht. Tatoi war und ist ein wahres Ouisisana. Die Tage waren genau eingeteilt. Eigenes Studium der Erwachsenen, Unterricht der Heranwachsenden Binder, den königlichen Bindern zu erteilender Unterricht in deutscher Sprache, deutscher Literatur und deutscher Geschichte, regelmäßige Spaziergänge und größere Touren, Teilnahme an den Familienfesten der königlichen Familie. Abends versammelten sich die beiden Familien vor dem Hoftor, plauderten stundenlang, blickten hinaus in die Berg- und Waldeswelt, die da ausgebreitet lag im tiefsten Abendfrieden, überwölkt von einem allabendlich in ungetrübtem Sternenglanz strahlenden Himmel. Für mich persönlich wurde dieses stille Dahinleben in geordneter geistiger Arbeit und in ungestörtem Verkehr mit der Familie immer unterbrochen durch amtliche Verpflichtungen, die mich nach Athen und dem Piräus riefen. Ich war bei schweren Brankheits- und Sterbefällen in meiner sommerlich zusammengeschmolzenen Gemeinde oft nicht bloß tage-, sondern wochenlang abwesend und dann genötigt, ein ungemütliches Funggesellenleben in einer heißen, staubigen Stadtwohnung zu führen. So erlebte ich jeden Sommer alle Unannehmlichkeiten des athenischen Sommerlebens, aber auch bei jeder Bückkehr in das Gebirge und zu den entbehrten Meinen die Dankbarkeit eines Mannes, welchen der Stadt entfloh und es empfinden durfte mit jauchzender Seele: Wie ist Natur so hold und gut, die mich am Busen hält! Der Verkehr mit Athen war nicht ohne Schwierigkeiten. Telephonisch und telegraphisch war man bei Tag und Nacht zu erreichen und zu verständigen. Wie ich aber nach Athen hinunter käme, war meistens meiner Sorge überlassen. Nicht immer standen königliche Wagen oder Gutswagen zur gewünschten Zeit zur Verfügung. In den ersten Sommern unseres Aufenthalts in Tatoi war man in solchen Fällen ganz auf seine Füße angewiesen. Es galt dann, im heißen Sonnenbrand auf baumloser Straße 24 Bilometer zu Fuß zurückzulegen, oder abends diese Strecke unter beständiger Furcht vor den wilden Hunden der abseits von der Straße weidenden Schaf- und Ziegenherden zurückzulegen, geleitet von dem fernen Lichtglanz der Städte Athen und Piräus und beleuchtet von dem bleichen Licht der Sterne, das die weiße Landstraße erkennbar machte. Als dann später die Eisenbahn von Athen nach Bephissia eröffnet wurde, hatte ich immer noch 12 Bilometer hin und zurück nach letztgenanntem Grt zu durchwandern, in der Sonnenglut eines Weges, auf den nur Telegraphenpfähle ihren Schatten warfen, im Munde Fichtennadeln oder Halme, um bei 27» B. die Zunge feucht zu erhalten. Wie manches Mal bin ich 3 3 A Uhr früh aufgestanden und habe eben nach 4 Uhr das Waldhaus verlassen, um um 6 Uhr im Licht des Morgensterns und des Grion auf unsicherem Waldpfad den Anschluß an den ersten Zug in Bephissia zu finden, hernach stürzte ich mich in den Lärm und die Hitze der Stadt, deren lautes Menschengewühl mich an die Einsamkeit gewöhnten Gebirgler ganz befremdend anmutete. Ich hatte dann wohl in den zwei Städten soviel zu tun, daß ich den ganzen Tag, den ich auskaufen mußte, nicht zum Essen kam, mit Zwieback und Baffee mein Leben fristete und abends nach einem Marsch von 12 Bilo- metern wieder in mein Waldheim zurückkehrte. Was die Natur in ihrer völligen tiefen Einsamkeit in Wald und Ebene einem bot, war freilich ein reicher Ersatz. Wenn ich morgens um 5 Uhr aus dem Walde heraustrat, durfte ich unfehlbar jedesmal den unbeschreiblich großartigen Sonnenaufgang erleben, das hinwegschnellen des Morgenlichts über die Berge, das erste Erglühen der Bergspitze, das träumerische Erwachen der Farben aus dem fernen Meer. Einmal sah ich gar etwa 15 Adler über mir in der Ebene ihre Breise ziehen. Abends erlebte ich dann ebenso unfehlbar die Wunder des Abendrots auf Gebirgen, Meer und Ebene und suchte im Dunkel meinen Heimweg. Wie oft habe ich, im milden Lichte des silbernen Gefährten der Nacht wandelnd, den Goetheschen Vers empfunden: „Füllest wieder Busch und Tal Still mit Nebelglanz, Lösest endlich auch einmal Meine Seele ganz." Gesegnet seien die einsamen Gänge, in denen Gott zu uns redet und das Herz jeden Nachklang froher und trüber Zeit fühlt! (Fortsetzung folgt.) warum der Grenzer-Rarl die Rosen lieb hat. Erzählung von Barl Hesselbacher. (Fortsetzung.) „halt, Bllrschlein!" schrie der Hannes. „Die Fränz läßt du aus dem Spiel. Um die Fränz handelt sich's heute nicht. Sondern darum handelt es sich, daß heut unser Herrgott mit uns Fraktur, geredet hat, und wer ein Mann sein will, der läßt an so einem Tag die Bübereien bleiben." Der Grenzer-Barl wurde kreideweiß vor Wut. „Herrgott? — Was ist das? Ich weiß nichts von einem Herrgott. 124 Gäb's einen, so hält' er euch nicht alle eure schönen Bäume ruiniert!" Die Burschen wollten auf ihn Hineinstürzen - - aber der Hannes wehrte ihnen. Er schob sie leicht mit dem steifen Brm von sich weg. „Laßt den," sagte er mit ruhiger und beinahe sanfter Stimme. „Der findet schon seinen Herrn. Er ist ja in der Stadt gewesen. Da sieht keiner mehr was vom blauen Himmel. Kein Wunder, daß sie dort auch nichts mehr von unserem Herrgott sehen! Den nimmt unser Herrgott selber in seine Schule, und will er da nichts lernen, so geht er halt zugrunde." Die Burschen gingen still davon, und der Hannes ließ den Grenzer-Xarl stehen, der nicht wußte, wie ihm geschah ob er wache oder träume. Lr sah die Schneeballen zu seinen Füßen, mit denen er seine derben Werbungen um die Fränz hatte ausführen wollen. Linen grimmigen Fluch zwischen den Zähnen, trat er auf den Xugelhaufen, bis er die runden Ballen zu einer formlosen Masse zerstampft hatte eins war sicher, im Forsthaus ließ er sich heut nimmer sehen. - Wozu war denn der „Schwanen" da? Der Grenzer-Xarl war lange genug herumgestrichen den ganzen Nachmittag. „Im Zchwanen ist es warm" — im Dämmer des Bbends schwenkte er durch das dunkle Einfahrtstor und stieg die steile und nur schwach beleuchtete Treppe hinauf, die in die Gaststube führte, heute war die Wirtsstube völlig leer. Eine einzige Lampe, am eisernen Draht über den runden Tisch in der Mitte des Zimmers aufgehängt, ließ ein trübes Licht in den dunklen Naum fallen. Ein schwelender Geruch lag über dem trostlosen Dämmer. Der Wirt schraubte die Lampe etwas höher: „Lind keine Gäste dagewesen und unsereiner muß halt auch sparen," sagte er entschuldigend zu dem späten, unerwarteten Gast. „Und es ist schad! Gerade heute extra schad! Die Mine ist gestern gekommen, sie hat über den Zonntag frei gekriegt von ihrer Herrschaft. Die Burschen haben sie arg gern. Sie ist lustig und kann auch einen 5paß vertragen. Die hätt' nicht so einfältig getan wie die Gäns' heut' morgen. Gelt, Mine?" Er rief ins trübe Halbdunkel des Zchenktisches hinein, und eine Helle, etwas scharfe Ztimme gab zur Bntwort: „hoffentlich hat sich der Herr nicht zu viel draus gemacht. Lind halt ungebildete Leut hier auf dem Lauernneft. Wissen nicht, wie man sich benimmt gegen Leut, die die Welt gesehen haben." Die Sprecherin trat näher ans Licht. Sie war modisch gekleidet. Ihren Oberkörper umschloß eine Bluse aus einem billigen roten Seidenstoff. Ein weißes Xräglein um den hals -war mit einer dunkelblauen Xrawatte geschmückt. Die kurzen Ucrmel ließen einen starken weißen Unterarm sehen, um dessen Handgelenk ein silbernes Brmband sich schlang, von dem einige „Lettelmünzen" als Zeichen ihrer städtischen Eroberungen baumelten. (Fortsetzung folgt.) kirchliche Anzeigen. Sonntag, den 8. Bugust, 10. nach Trinitatis. Gottesdienst. Sn der Stadttirche. vormittags 8 Uhr: Pfarrer Schwabe. Zugleich Thristenlehre für die Ueukonfirmierten aus der Markusgemeinde. vormittags y'/s Uhr: Pfarrer Mahr. In der Zohanneskirche. vormittags 8 Uhr: Pfarrer Busse Id. Zugleich Thristenlehre für die Ueukonfirmierten aus der Iohannesgemeinde. vormittags 9V- Uhr: Pfarrer Bechtolsheim er. Bbends 8 Uhr: Versammlung und Bibelbesprechung im Fohannessaal. Mittwoch, den 11. Bugust, abends 8 Uhr: Xriegsbet- stunde. Pfarrer Lechtolsheimer. E Ankündigungen empfehlenswerter Firmen ^ Carl Loos Kirchenplatz 13 :: Telephon 797 Manufaktur- und Weißwaren Herren- u. Knabenkleider Edgar Bor rmann, Giessen Neustadt 11 Eisenwaren, Haus- u. 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