Gemeinüeblatt ^4 4 V ♦ / 4 & d fSjjl —r ' ^ lllttfr 4^ turnt? mnnfmifhf v i • ‘jl ' LjÜ mA Jw,U Vif fLiJ H fUi Uli iUI4lli|illfil/i N | - 1 Ifc j| y\i\ ii/i iit^i iiiiiiiu v JäßW — WSkM»« VDimriL Nr. 17. Gieren, Sonntag Cantate 2. Mai 1915. 4. Jahrgang. Am Grabe einer gefallenen Helden. Evangelium des Johannes 15, II, Niemand hat größere Liebe denn die, daß er sein Leben lasset für seine Freunde, „Zum Schuß! hoch legt an! Feuer!" So erging das Kommando an die Abteilung, die dem in seiner Heimat seinen Wunden erlegenen, jungen Helden die letzte Ehre erwies. Dreimal krachte die Ehrensalve über das offene Grab, es ging nach dem alten Soldatenliede: „Was freut einen alten Soldaten? Drei Kugeln über sein Grab; die geben ihm die Kameraden, daß er seine Ehre Hab'." Dann wurde es still aus dem Friedhofe, über den die Frühlingssonne ihr mildes Licht verbreitete. Die Leidtragenden gingen in ernstem Nachsinnen ihrer Behausung zu, und die Menge, die teilnehmend am Grabe gestanden hatte, verlief sich. Um Grabe aber blieb die tiefe Trauer zurück, und sie wird bleiben, so lange die Menschen leben, die mit dem Toten in inniger Gemeinschaft standen. Die Eltern haben den Sohn mit großer Treue erzogen, haben sich seines kraftvollen Werdens und Wachsens gefreut, nun haben die Sprengstücke einer Granate diesem Werden und Wachsen ein Ziel gesetzt. Die Geschwister, die mit dem Toten als Kinder die gleiche Luft geatmet und die gleichen Spiele gespielt haben, die mit ihm einst im Schutze des Vaterhauses wohl geborgen waren, erfahren nun den ersten tiefen Schmerz ihres Lebens. Nun geht die Braut einsam ihren Weg, die mit dem Heimgegangenen in treuer Liebe verbunden war; der frohe Hochzeitstag im befreiten Vaterlande und im Frieden der Heimat ist beiden nicht beschieden worden. Ts klagen auch alle die, die den Toten nur gekannt haben. Er war rüstig an Leib und Seele, hochgemut und ideal veranlagt, seinem Berufe mit Treue und Begeisterung ergeben. Man setzte große Hoffnungen auf ihn und erwartete reiche Frucht von seinem späteren Leben. Diese Hoffnungen sind nun dahingesunken. Tonrad Ferdinand Meper hat in hinreißender Form das ungelebte Leben eines Frühvollendeten geschildert: „Maiennacht. Oer Sterne mildes Schweige» . . . Dort! Sch fetz' cs aus der Erde steigen! Unterm Rasen quillt hervor es leise, Flatterflammen drehen sich im Kreise, Ungelebtes Leben zuckt und lodert Kur der Körperkraft, die hier vermodert, Kbgemähter Jugend letztes walten, Letzte Glut verrauscht in wunschgestalten, Eine blasse Jagd! Durch die Brandung mit verstürmten tfaaren Seh' ich einen kühnen Schiffer fahren. Linen jungen Krieger feh' ich toben, tfelmbedeckt, das lichte Schwert erhoben. Liner stürzt sich auf die Uednerbühne, weites Volksgetos beherrscht der Kühne. Ein Gedräng, ein Kämpfen, Ringen, Streben! Rrmc strecken sich und Kränze schweben — Kränze, wenn du lebtest, dir beschieden, Nicht erreichte! Knabe, schlaf' in Frieden!" Trotz aller Trauer und Klage ist das Grab eines Mannes oder Jünglings, der für sein Vaterland starb, nicht nur eine heilige Stätte, sondern auch eine Stätte, von der Großes, Gutes, herzerhebendes seinen Nusgang in die Welt nimmt. Kein besseres Los kann der Mann erwerben, als für Kaiser und Neich, für Vaterland und Volkstum, für die heiligsten Güter seiner Nation sein Leben hinzugeben. Nuf manchem Heldengrabe steht das Wort des Heilandes geschrieben: „Niemand hat größere Liebe denn die, daß er sein Leben lüsset für seine Freunde." Nagt das Opfer, das der Herr gebracht hat, auch weit hinaus über alle Opfer, die im Kriege gebracht werden, können ihm nach seinem göttlichen Ursprünge und seiner ewigen Bedeutung diese Opfer auch nicht an die Seite gesetzt werden, im Dienste Jesu und in seiner Nachfolge standen doch alle, die die Feldschlacht verschlungen hat und die in den Lazaretten ihren wunden erlegen sind. Die Jugend, die in kommenden Jahrzehnten an unseren Heldengräbern stehen wird, wird von heiligen Entschließungen durchzogen werden, ein Schauer der Ehrfurcht wird sie durchrinnen,- wenn sie laut gekommen ist, so wird sie still Weggehen. Ein Volk, das seine Heldengräber noch schmückt und ehrt, wird stets seine Eigenart, seine Würde, nationale Existenz gegen jeden Feind behaupten, und der Treue bis an den Tot hat Gott verheißen die Krone des ewigen Lebens. h. B. 66 Nriegsbil-er aus -er Mainzer Geschichte alter und neuer Zeit. (Fortsetzung.) 4. 1794/95. Neue Belagerung und Eroberung. Den Verlust der schönen Festung am Mittelrhein konnte die französische Negierung nicht verschmerzen, und ein frisches Aufatmen und Erholen war der geängstigten Stadt nicht vergönnt. Nur ein Nuhejahr war ihr beschieden, und der Nurfürst, der wieder in seine Residenz zurückgekehrt war, hatte eine rege Aufräum- und Bautätigkeit begonnen. Da kamen die Franzosen im November 1794 mit einem starken Heere wieder und begannen eine regelrechte Belagerung. Sn weitem Bogen um Mainz herum von Laubenheim bis Budenheim wurde eine 2 Zfache Neihe von Schützengräben aufgeworfen mit pallisaden, Wolfsgruben und dahinter liegenden Erdhütten, das Ganze eine fast uneinnehmbare Gegenfestung. Aber auch Mainz hatte diesmal eine starke Besatzung von 15 000 Mann und war mit Geschütz, Munition und Nahrungsmitteln genügend versehen. Buch vermochte der Feind nicht, die Stadt von der rechten Nheinseite vollständig einzuschließen, so daß fast immer noch verkehr und Zufuhr aus der Außenwelt möglich war. So wogten denn die Kämpfe zwischen den beiden Linien monatelang mit wechselndem Glücke hin und her, und die Orte, die in der Kampslinie lagen, hatten schwer zu leiden. Kostheim, wo sich die zurückgekehrten Bewohner auf den Trümmern wieder Notwohnungen errichtet hatten, ging wieder vollständig in Flammen auf. Nachdem über den Schützengrabenkämpfen Winter, Frühling und Sommer ergebnislos vorübergegangen waren, wurde .man in Paris, wo man Mainz um jeden Preis wieder haben wollte, nervös und schickte eine Verstärkungsarmec unter .General Jourdan. Mit ihrer Hilfe gelang es auch, Mainz wenigstens für einige Tage auch auf der rechten Seite einzuschließen. Aber am 11. Oktober kam der österreichische .General Tlairfait mit einem Heer von 50 000 Mann am rechten Nheinuser an, und bei seinem Nahen zog sich das französische Hilfsheer fluchtartig nach dem Niederrhein und es blieb nur das ursprüngliche Belagerungsheer, das inzwischen seine Laufgräben der Stadt genähert hatte, zurück. Aber auch seine Tage waren gezählt. In der Nacht vom 28. auf 29. Oktober hatte Tlairfait, dessen Heer am Main bei Flörsheim oberhalb Hochheim lag, einen Teil seiner Truppen möglichst geräuschlos über Kaste! und Weisenau auf die französischen Linien bei Laubenheim zu Vorgehen lassen, ein anderer Teil war ebenso unbemerkt südlicher über den Nhein gefahren und bei Bodenheim gelandet. Während beim Morgengrauen am entgegengesetzten Ende der Belagerungslinie bei Mombach Scheinangriffe gemacht wurden, wurde bei Bodenheim— Laubenheim die französische Stellung von Nord und Süd zugleich angegriffen und in heftigem Kampf mit stürmender Hand genommen, von hier aus setzte sich der Kampf weiter fort, und am Abend war der Feind auf der ganzen Linie in die Flucht geschlagen. 1633 Gefangene, darunter 151 Offiziere, 138 Kanonen, 300 Gepäck- und Munitionswagen waren die Beute des Tages. Die Erstürmung der Mainzer Linien gehört zu den hervorragendsten Waffentaten der Kriegsgeschichte. Vas geschlagene Heer ergoß sich plündernd, stehlend und sengend durch das Mainzer und Pfälzer Land. Mainz war nach dieser Belagerung, die ein volles Jahr gedauert hatte, wieder frei. (Fortsetzung folgt.) Bilder aus Alt-Giehen. (Schluß.) 8. Mädchenerziehung vor beinahe 1 OOJahren. Die Frage nach den Bildungsmöglichkeiten, die man dem Heranwachsenden weiblichen Geschlechts bieten soll, ist heute lebhaft im Flusse. Man hat den Mädchen viele Schulen, die seither nur von Knaben besucht waren, geöffnet und wird nun zunächst abwarten müssen, ob sich diese Maßnahme bewährt oder ob sie in der Zukunft wieder außer Geltung gesetzt wird. Geh. Kirchenrat D. Engel, der sich in der ersten Hälfte seines Lebens viel mit Jugendunterricht beschäftigt hat, hat über Mädchenerziehung ganz vernünftige Ansichten bekundet. Er hatte zeitweise ein junges Mädchen aus seiner Verwandtschaft bei sich in seinem Hause. Wer sie war, geht aus den Briefen nicht hervor, wir können hier nur noch sehen, daß sie Marianne hieß. Ueber den Unterricht, den er ihr erteilte, und die Lektüre, die er ihr empfahl, schreibt Engel am 16. September 1820 folgendes an seinen Onkel Göbel: „Marianne ist fleißig und ordentlich. Ich habe ihr einen plan gemacht, nach welchem sie ihre Zeit zwischen weiblichen Arbeiten und Geiftes-werken teilen soll. Ich lasse sie Briese und Aufsätze machen und leite ihre Lektüre. Gegenwärtig liest sie das Luch aller Bücher für Mädchen: Tampes väterlicher Bat an meine Tochter, ein goldenes Luch, vor kurzem habe ich auch auf einer Auktion den ganzen Schiller (18 Teile) in Halbfranz und mit goldenem Titel gebunden für 12 Gulden 40 Kreuzer gekauft. In der Kürze, meine ich, soll sich auch Gelegenheit zum Tanzen finden. Gestern abend war sie mit uns auf einem Ball im Hörnchen (Einhorn), wo es recht lustig und vergnügt herging." Interessant ist, hieraus zu entnehmen, daß Schillers Werke damals, 15 Jahre nach des Dichters Tod, noch recht teuer waren. Während man sich jetzt schon j/u einige Mark eine schöne Nusgabe der Werke unseres beliebtesten Nationaldichters kaufen kann, kosteten Schillers werke damals, sogar noch auf einer Versteigerung, nach unserem Münzfüße ungefähr 22 Mark, wobei noch berücksichtigt werden muß, daß das Geld damals einen weit größeren Wert hatte als heutzutage. Damals um 1820 war Heinrich Pestalozzi (gestorben 1826) auf dem Gebiete des Erziehungswesens unbestritten der Führer. Wir wundern uns deshalb nicht, daß junge Lehrer, um seine Erziehungsgrundsätze und seine Art des Unterrichtes kennen zu lernen, zu Pestalozzi nach der Schweiz reisten. So schreibt Engel am 27. Januar 1819: „Tandidat Braubach von Butzbach, Lehrer einer schön aufblühenden Mädchenschule von Kindern der Honoratioren, hat, um sich für sein Fach noch mehr zu bilden, eine Neise nach der Schweiz zu Pestalozzi unternommen, wozu er von Unserem Großherzog 300 Gulden erhalten hat. Auf sein Ersuchen habe ich nicht nur während seiner Abwesenheit das Direktorium über das Ganze übernommen, sondern erteile auch selbst wöchentlich 10 Stunden in der Anstalt, vorzüglich den größeren Mädchen." 9. Hinrichtung von Verbrechern. In der Zeit, da Engel ein junger Mann war, wurden viel mehr Verbrecher hingerichtet als heutzutage, da die Todesstrafe nicht nur auf Mord, sondern auch auf Brandstiftung und Naub gesetzt war. Ls ist zu verstehen, daß man damals mit so großer Strenge gegen das Naubgesindel, wie überhaupt gegen die Verbrecher vorging. Eben erst waren 67 ja die Franzosenkriege zu Ende gegangen, die über das westliche Deutschland eine Flut von Verbrechern gebracht hatten. Nur mit strengen Strafen konnte man diesem Unwesen steuern. Darum kamen in dieser Zeit auch in Gießen sehr viele Hinrichtungen vor, die wohl alle auf dem Trieb unter dem Zulauf großer Volksmengen vollzogen wurden. Ueber eine Hinrichtung schreibt Engel am 7. Oktober 1824: „Ich habe eine heiße, sauere Woche. Um vergangenen Mittwoch ist den Beraubern des Gladenbacher Goldkarrens das Todesurteil publiziert worden und künftigen Samstag wird es vollzogen. Das hofgericht hat den Inspektor Drum- Hardt von Langgöns zu meiner Unterstützung hierher kommen lassen. Wir treiben das Geschäft der Vorbereitung gemeinschaftlich und werden auch zusammen mit hinausgehen. Wollen Sie hierher kommen, so sind Sie mir, wie immer, ein herzlich willkommener Gast." Wenn wir nicht irren, so hatten die hier erwähnten Verbrecher in strenger Winterkälte einen Postwagen überfallen und aus diesem eine große Summe Geld, das für staatliche Zwecke bestimmt war, geraubt. Menschenleben waren, so viel wir wissen, diesen Verbrechern nicht zum Opfer gefallen. Daß man damals weite Ueisen nicht scheute, um einer hin- richtung zuzusehen, geht aus der Einladung Tngels an seinen GnKel Göbel hervor. Bls der Schinderhannes mit seinen Spießgesellen jm Fahre 1803 in Mainz hingerichtet wurde, sahen 30 000 Menschen, die zum Teil aus weiter Ferne gekommen waren, dem traurigen Bkte zu. Bereits zwei Fahre vorher waren in Gießen zwei Missetäter hingerichtet worden, hierüber schreibt Engel am 20. Funi 1822: „Um vergangenen Freitag vor 8 Tagen wurden hier zwei Missetäter hingerichtet, die beide gegen 300 Diebstähle und Bäubereien verübt hatten, und die, weil sie der katholischen Beligion angehörten, von dem katholischen Geistlichen begleitet wurden." von den Zuständen der damaligen Zeit kann man sich ein Bild machen, wenn man sich vergegenwärtigt, daß diese beiden Verbrecher, ehe sie gefaßt wurden, sich 300 Untaten haben zuschulden kommen lassen. Daß die Erzählung von dem eigenartigen verhalten Engels dem Uaubmörder Heß gegenüber („Heß, laß dich köppe!") eine völlig aus der Luft gegriffene Unekdote ist, haben wir neulich erst erwähnt. Wahrscheinlich handelt es sich hier um einen schlechten Wirtshausscherz. Lin pfälzischer Musitant. Erzählung von Heinrich vechtolsheimer. (Fortsetzung.) Das war ein Vorschlag, der mit augenblicklicher Wirkung mich so erfaßte, daß es mir war, als habe mich ein elektrischer Strom berührt. Ls war richtig, was der erfahrene, mir so wohlgesinnte Mann sagte: Sobald Fritz zu mir zog, war uns beiden geholfen. Der Bruder konnte sich um mein Hauswesen kümmern, meiner Frau zur Seite stehen, dafür hatte er häusliche Ordnung und pflege. Uun besaß ich allerdings noch nicht die Uecker, die Fritz bebauen sollte. Uber auch hier wußte Hinkel Uat. Er kam auf der Fagd oft nach Fürfeld und wußte Bescheid über die dortigen Verhältnisse, besser natürlich als ich, der ich Monate lang abwesend war. So hatte er in Erfahrung gebracht, daß ein Fürfelder Bauer demnächst ungefähr 12 Morgen Uckerland zur Versteigerung bringen werde. Der Mann war durch eigens Schuld in den Bückgang gekommen. In jungen Fahren war er fast ohne Uushören im Lande hin und her kutschiert und zu allen Kirchweihen der Umgegend gefahren. Man sagte im Dorfe: Wenn er für zehn Pfennig Kordel für seine peitsche braucht, so fährt er nach Kreuznach. Später hatte er dumme Pferdehändel gemacht, bei denen er um viel Geld gekommen war. Uun war er mit Schulden überlastet und mußte Uecker versteigern. Hinkel versprach, zur Versteigerung zu kommen, um mir mit seinem Uat zur Seite zu stehen. Zuvor besprach ich natürlich die Sache mit meiner Frau. Sie war nicht so, daß sie wie manche Frau den Plänen des Mannes stets Hindernisse bereitet hätte. Wohl überlegte sie gründlich, wenn ich ihr mit einem neuen Vorschläge kam, wir sprachen auch, wie es ein Ehepaar tun soll, alles ausführlich miteinander durch, aber Lina hatte doch großes Zutrauen zu mir, sie wußte, daß ich kein leichtsinniger Mensch sei. Ueberhaupt, wer sein Geld mit schwerer Mühe erwirbt, der geht hinterher nicht leichtsinnig damit um. Lina hatte auch großes Zutrauen zu meinem Freunde Wilhelm Hinkel. So beschlossen wir denn, daß ich bei der Versteigerung bieten und mein Glück versuchen solle. Einen viel schwereren Standpunkt hatte ich indessen mit meinem Bruder Fritz. Ich ging gleich, nachdem ich mit Lina einig geworden war, nach Uuppertsecken, um mit ihm das Nötige zu verabreden. Es war ein Sonntagnachmittag, als ich zu ihm kam. Er saß im Wohnzimmer und versuchte, einen Flicken auf den Ellenbogen der Facke zu setzen, die er werktags trug. Vas war für ihn ein sehr mühsames Geschäft. Wer die ganze Woche hindurch den Karst und die Heugabel in der Hand hält und neben den Kühen einhergeht, der hat keine Finger, die Schneiderarbeiten verrichten können. Fritz hatte eine Stopfnadel, weil es ihm schwer hielt, das Garn in eine Uähnadel einzufädeln, und machte sehr ungefügte Stiche. Ich sah mich im Zimmer um. Eine dicke Staubschicht lag über dem Ofen und der alten Kommode, die schon die seligen Eltern besessen hatten. Die Wanduhr tickte nicht, und auf dem mit keiner Decke versehenen Tische standen die Beste des Mittagessens. Ich glaubte, unter solchen Umständen würde der Bruder leicht geneigt sein, in meinen Vorschlag einzuwilligen, zu mir zu ziehen. Uber er hatte tausend Bedenken. Fetzt, so meinte er, fände sich kein zahlungsfähiger Käufer für Haus und Becker, auch fürchte er, Heimweh zu bekommen, wenn er nach Fürfeld zöge, da er schon damals, als er ein halbes Fahr beim Train in Speyer diente, fast jeden Bbend vor Heimweh geweint habe. Ich lachte den Bruder aus, als er mir von seinem Heimweh vorredete, und forderte ihn auf, sich einmal in meine Lage hineinzudenken, der ich doch schon viele Fahre gewöhnt war, fremde Länder zu bereisen und lange Zeit von den Meinen getrennt zu bleiben. Ich erhielt von Fritz keinen klaren Bescheid, er versprach nur, sich die Sache zu überlegen. Trotzdem hätte er sein Funggesellenleben nicht aufgegeben, wenn ihn nicht ein besonderer Umstand dazu gedrängt hätte. Er hatte mit seinem Kuhfuhrwerk Kartoffeln nach Bockenhausen gebracht, die er an Bathan Silberschmidt verkauft hatte, und war, da die Kühe es nicht eilig hatten, den Berg hinaus nach Hause zu kommen, erst spät am herbstabend wieder in Buppertsecken angelangt. Da merkte er, daß ein Fenster, das von der Küche nach dem Hofe führte, offen stand, obwohl er sich genau entsann, es vor seinem Weggang geschlossen zu haben. Fritz sah nach und fand, daß eine Scheibe eingedrückt war und daß augenscheinlich durch 68 diese Oeffnung der Fensterriegel zurückgeschoben worden war. In der Büche war alles in Ordnung, aber im Wohnzimmer war die Tischschublade erbrochen, und es fehlten ungefähr 60 Mark, die Fritz dort aufbewahrt hatte. Tr machte sofort Anzeige bei der Bürgermeisterei und der Gendarmerie, aber der Täter wurde nicht ermittelt, und selbstverständlich erhielt mein Bruder nicht mehr sein Geld, vielleicht hatte ein Landstreicher am dunklen, regnerischen herbst- abend die Tat begangen, vielleicht auch hatte ein schlechter Mensch aus dem vorfe sich die Abwesenheit des Hausherrn zunutze gemacht. Fritz war unendlich zornig, daß ihm dieses Mißgeschick widerfahren war, er sah ein, daß dergleichen Lachen noch öfter Vorkommen könnten, wenn das Haus allein stand, da schrieb er mir kurz entschlossen, er wolle zu mir ziehen, sobald er sein Unwesen vorteilhaft verkaufen könne. Buch hierzu gab es Bat. Ich steckte mich hinter Nathan Silberschmidt, der nun freilich ein alter Mann war, aber die alte Vertrautheit mit Personen und Verhältnissen noch besaß. Tr brachte schon nach acht Tagen einen Bäufer. (Es war ein junger Maurer, der auswärts arbeitete und seither in Miete gewohnt hatte, va er strebsam und tüchtig war, so wurde Fritz bald mit ihm handelseinig, und das elterliche Unwesen wurde verkauft. Bis zum 1. Februar sollte Fritz noch in der Heimat bleiben, dann sollte er alles dem Bäufer übergeben. Obwohl wir mit dem Handel zufrieden fein konnten, so tat es uns beiden doch leid, daß äußerlich auch die letzten Beziehungen mit dem Orte unserer Geburt, an dem die Vorfahren durch mehrere Jahrhunderte ansässig gewesen waren, gelöst waren. Der Bame wiltinger kam nun in Bupperts- ecken nicht mehr vor. Bber wo gibt es in der Welt etwas Bauerndes? Im Psalter steht geschrieben, daß Gott die Menschen dahinsahren läßt wie einen Strom, „und sind wie rin Schlaf, gleichwie ein Gras, das doch bald welk wird, das da frühe blühet und bald welk wird und des Bbenbs abgehauen wird und verdorret". Ts kam der Tag, an dem die Becker, die ich gern erwerben wollte, zur Versteigerung gebracht wurden. Tine rheinhessische Versteigerung ist ein halbes Volksfest, zumal, wenn sie, was in der Begel geschieht, im Spätherbst und im Winter abgehalten wird, in der Zeit, da die Feldarbeit beendet ist. Va kommt schon aus Neugier jeder herbei, der Zeit hat, auch der, der nicht imstande ist, auch nur eine Hundehütte oder ein Salatbeet zu erwerben. Vicht gedrängt saßen die lllänner in dem niedrigen wirtszimmer, und die kurzen pfeifen .machten einen Oualm, daß man ihn beinahe mit dem Messer schneiden konnte. Ich hatte mich mit Wilhelm Hinkel in eine Tcke gesetzt und erwartete klopfenden Herzens die Versteigerung. (Fortsetzung folgt.) kirchliche Anzeigen. Sonntag, den 2. Mai, Cantate. Gottesdienst. In der Stadtkirche. vormittags 8 Uhr: Pfarrer Schwabe. Zugleich Thriftenlehre für die BeuKonfirmierten der . Markusgemeinde. vormittags 9Vs Uhr: pfarrassistent h offmann, vormittags ll Uhr: Militärgottesdienst. Pfarrer Schwabe. Uachm. 27 2 Uhr: Binderkirche für die Matthäusgemeinde, pfarrassistent hoffmann. In der Iohanneslirche. vormittags 8 Uhr: Pfarrer Busfeld. Zugleich Thristenlehre für die BeuKonfirmierten der Iohannesgemeinde. vormittags 9Vs Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. Vormittags I I Uhr: Binderkirche für die Lukasgemeinde. Pfarrer Bechtolsheimer. Bbends 8 Uhr: Versammlung und Bibelbesprechung im Iohannessaal. Mittwoch, den 5. Mai, abends 8 Uhr: Briegsbetstunde. Pfarrer B u s f e l d. LAnkündig lungen empj ehlenswerter Firmen J Carl Loos Kirchenplatz 13 :: Telephon 797 Manufaktur- und Weißwaren Herren- u. 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