Nr. 10. Gießen, Sonntag Lätare, 14. März 1915. 4. Iahrganq. Vas ttreuz der Herrn. 1. Brief des klpoftels Paulus an die Torinther 1, 18. Vas Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es eine Gotteskraft. Km 10. März waren es 102 Jahre, daß der fromme preußische König Friedrich Wilhelm III. das Eiserne Kreuz gestiftet hat. Tr stiftete es am Todestage seiner Gemahlin, der früh Heimgegangenen Königin Luise,- für Tapferkeit im Felde sollte es verliehen werden. Diese Kuszeichnung entsprach ganz der damaligen Zeit, von Tisen war das Kreuz und nicht aus Silber oder einem anderen Edelmetall, aus dem einfachen Grunde, weil man kein Edelmetall hatte, weil man in einer sehr armen Zeit lebte und das, was man hatte, dem Vaterland zum Opfer brachte, viele Ehefrauen gaben damals ihre goldenen Trauringe hin und erhielten dafür eiserne Trauringe, auf denen eingraviert stand: Gold gab ich für Eisen. Gtzern war das Kreuz auch deshalb, weil die Zeit eisern war. 5ie war nicht geschaffen für Spiel und Tanz, sie war eine Zeit, in der es sich für Preußen um Liegen oder Untergehen handelte. Und ein Kreuz war es, daß man damals als Zeichen der Knerkennung an tapfere Feldsoldaten gab, keine Münze, keine Krone,- denn auf das Kreuz des Herrn Jesus waren damals die Kugen unserer Vorfahren wieder gerichtet. Zn den Jahren 1813 bis 1815 und ebenso in den Jahren 1870 und 1871 hat das Eiserne Kreuz die Brust vieler Tapferen geschmückt, in diesem Weltkrieg ist es abermals das Zeichen, mit dem der oberste Kriegsherr, der Kaiser, seine tapferen Soldaten ehrt. Ein hohes und würdevolles Zeichen ist das Eiserne Kreuz, höher aber steht das Kreuz Thristi. Dieses Kreuz hat jetzt in der Kriegszeit erhöhte Bedeutung. vn Uot und Tod, in Kampf und 5turm schauen die Menschen zu ihm auf, sie denken an den, der am Kreuze so unsagbare Oual für sie gelitten, der am Kreuze ihnen die Seligkeit erstritten hat, und da bekennen sie dankbar: Jm Kreuze Thristi finden wir unser heil. Ende November des vorigen Jahres teilte ein deutscher Major und Bataillonskommandeur der Frau eines Landwehrmannes mit, daß dieser im Kampfe gefallen sei. Dieser Brief hatte folgenden Wortlaut: „Ihr lieber Mann, der uns Ende Oktober vom Ersatz- Bataillon zugeführt wurde, ist gestern zwischen 8 und 9 Uhr vormittags auf einem patrouillengang beim Dorf Klein- Medunischken gefallen. Er erhielt einen Schuß durch die Stirn und sank lautlos nieder, der Tod hatte ihn sofort umfangen, wir haben ihn hierher gebracht und seinen Körper zusammen mit dem eines Wehrmannes, der neben ihm die tödliche Kugel erhielt, unter Tannengrün in das offene Grab gelegt. Ein Ehrenposten steht davor, bis der Pfarrer, den wir in den nächsten Stunden erwarten, die Toten einsegnen und das letzte Gebet am Grabe sprechen wird. Der Grabhügel liegt hier im park unter hohen Tannen, unter deren flüsterndem Bauschen er im ewigen Schlaf ruhen wird, bis Gott der Herr ihn auferwecken wird zu ewigem und seligem Leben. Ein schlichtes Kreuz haben die Kameraden auf dem Grabhügel errichtet, auf demselben sind die Worte geschrieben: hier ruhen in Gott die Wehrleute Gefreiter B_ und v., 8. Kompagnie des Landwehr-Infanterie-Begiments . . . ., gefallen auf einem Patrouillengang am 27. II. 1914. Ihr lieber NIann.war einer unserer besten und tapfersten Patrouillenführer, der sich hierzu stets freiwillig meldete. Ich gab ihm den Kuftrag zu seinem letzten Patrouillengang persönlich und habe oft meine Freude an seiner Unerschrockenheit, seinem frischen,Mut und an seiner steten Bereitwilligkeit gehabt. Tr war zur Verleihung des Eisernen Kreuzes vorgeschlagen. Nun steht das Kreuz, welches aufwärts zum Himmel weist, auf.seinem Grabe! Im Tode und in Gedanken können wir nur noch den Lorbeerkranz, den er verdiente, auf seine bleiche Stirn drücken. Die Vorgesetzten und Kameraden sind tief ergriffen über den Tod Ihres lieben Mannes, denn er war ja einer unserer Besten, von dessen Tapferkeit wir noch viel erwarten durften, wir gedenken Ihrer und der beiden verwaisten Kinder in herzlicher und aufrichtiger Teilnahme, wir können Sie in Ihrem Jammer nur an das Kreuz auf dem Grabe, welches zur lichten höhe weist, erinnern,- möge Ihnen, liebe Frau, von dort Kraft und Trost gegeben werden. Möge Ihr Schmerz durch den Gedanken gemildert werden, daß Ihr Blann sein Leben für eine große, heilige Sache hingab, und daß aus diesem Liebesopfer ein Segen für Ihre Kinder, für unser Vaterland erwachsen muß." Dieser Brief des wackeren deutschen Offiziers ist ein schönes Zeichen deutschen Geistes, deutschen Glaubens und 38 deutscher Tapferkeit. Tr weist auf die Gotteskraft hin, die im Kreuze Christi verborgen ist, auf die Gotteskraft zum Ertragen des Leides. Ts ist jetzt viel Leid unter uns. viele in unserem Volke tragen Leid um Gefallene, verwundete und Gefangene. Groß ist namentlich der Kummer derer, die sich um vermißte grämen, um solche, die auf dem Schlachtfelde spurlos verschwunden und verschollen sind. Aber das Kreuz Christi hält uns aufrecht in Kampf und Leid, kündet es uns doch, daß die ewige Liebe auch dann noch über uns ist, wenn Jammer und Not uns umgeben, wie den Heiland auf Golgatha. Am Kreuze des Herrn halten wir fest, es ist eine Gotteskraft uns, die wir jetzt kämpfen und leiden, durch Gottes Gnade aber auch selig werden. H-B. Kricgsbüöcr aus der Mainzer Geschichte alter und neuer Zeit. I. Der Dreißigjährige Krieg. von Kriegsgeschrei und Kriegsnot hat Maiyz und seine Umgebung viel erlebt in seiner 2000jährigen Geschichte. Am härtesten war wohl die Not in dem schwersten und längsten Krieg, der jemals auf Deutschlands Fluren getobt hat, im 30jährigen Krieg, 1618 1648. Nicht umsonst hat ja Paul Gerhardt die Schrecken dieses furchtbaren Krieges besungen in dem Lied, das, verkürzt, in unserem Gesangbuch Nr. 422 steht: „Das drückt uns Niemand besser In unsre Seel und kserz hinein, Als ihr zerstörten Schlösser, Ihr Städte voller Schutt und Steins Ihr vormals grünen Felder Mit frischer Saat bestreut, Nun aber lauter Wälder Und dürre, wüste kfeid': Ihr Gräber voller Leichen Und tapfern heldenschweiß Oer ksetden, deren Gleichen Uns Erden man nicht weiß." Zwar gingen die ersten 12 Fahre des großen Krieges an Mainz noch gnädig vorüber. Man hatte, als Gefahr nahte, im Fahre 1620 die verwahrloste Festung wieder in Stand gesetzt; alle Stände wurden aufgebolen, und selbst die in Mainz so zahlreich vertretene hohe und niedere Geistlichkeit hatte sich mit den Bürgern und Bauern in eine Neihe gestellt und mit Schippe und Spaten Schanzarbeit verrichtet. Buch mit Waffen wurde sie versehen und zu Wachdiensten herangezogen, und so wurde Nlainz durch seine Festung zunächst noch von den Kriegsdrangsalen, die so furchtbar auf dem platten Lande lasteten, verschont. Anders wurde es, als König Gustav Adolf in den Krieg eingrisf. -Nach seinem entscheidenden Sieg bei Leipzig 1631 wandte er sich der Mainlinie entlang in raschem Siegeslauf auf Mainz zu. Würzburg, Aschaffenburg, Frankfurt, höchst fielen in seine Hände. Lei seinem Nahen trat eine wilde Flucht ein. Die hohe Geistlichkeit, der zahlreiche Adel, Bürger, Studenten, Mönche und Nonnen flohen, zum Teil verkleidet — gerade so wie die pariser im Oktober des vorigen Fahres; zuletzt auch der Kurfürst-Trzbischof. Dieser hatte sich zum Schutz der Stadt 2000 spanische Soldaten aus den Niederlanden erbeten. Sie wurden bald den Bürgern zur Last und hausten wie in Feindesland. Nach nur dreitägiger Belagerung wurde die Stadt von der Besatzung gegen freien Abzug überleben. vorher hatten sie aber, um den Schweden nichts übrig zu lassen, gründlich geplündert. Am 23. Dezember 1631 war der Heldenkönig eingezogen, um seinem Heere eine Nuhezeit zu gönnen. Wohl hielt Gustav Adolf auf strenge Zucht in seinem Heer, aber eine hohe Kriegssteuer, und die Verpflegung von 16 000 Mann 12 Wochen lang waren für die verarmte und verminderte Bürgerschaft eine große Belastung. Die glänzende Hofhaltung, die der größte Feldherr und Staatsmann seiner Zeit hier führte, die Besuche von Fürsten und Gesandten, die sich einfanden, halfen über die Lasten nicht hinweg. Für sein Heer waren die 12 Wochen in Mainz eine Zeit der Nuhe, aber nicht für rastlosen Geist des Königs, der diese Zeit zur Erweiterung der Festung, Einrichtung der Verwaltung und zur Neuorganisation seines Heeres benutzte. Auch nach des Königs Wegzug im März 1632 und nach seinem Heldentod im November desselben Fahres behielt Mainz eine starke schwedische Besatzung und war der Stützpunkt der schwedischen Stellung im westlichen Deutschland. Schon im Fahre 1632 traten in Mainz infolge der starken Belastung schwere wirtschaftliche und gesundheitliche Notstände ein. Das leidenvollste Fahr, das die Mainzer Geschichte kennt, wird wohl 1633 gewesen sein, ein Leidensjahr ohnegleichen für die meisten Gebiete von Deutschland. Sn der langen Kriegszeit war das ganze Land verarmt und die Heere in unglaublicher weise verwildert. Und als Ende 1634 das schwedische Heer bei Nördlingen geschlagen war, wendete es sich nach dem Nheine zu, und ihm folgte das feindliche Heer, beide plündernd und raubend, und wo sie nahten, ergriff alles, was fliehen konnte, die Flucht. Die Manneszucht, die einst Gustav Adolf in seinem Heer geübt, war auch bei den Schweden längst dahin, wehe den Gegenden, in welche sich diese zuchtlosen Horden ergossen es waren die fruchtbarsten, die sie anzogen . Die gesegnete Pfalz, das südliche Hessen, die wetterau wurden furchtbar heimgesucht. Städte und Dörfer verödeten; was die Kriegsscharen übrig gelassen, fiel dem Hunger und der Pest zur Leute. (Fortsetzung folgt.) Silber aur Alt-Gichen. (Fortsetzung.) 3. Engel wird ein Ehemann, verhältnismäßig früh, nämlich im Alter von 24 Fahren, ist Engel in den Ehestand getreten, er war Lehrer am Gieße- ner Pädagogium, der Anstalt, aus der später das hiesige Gymnasium hervorgegangen ist, als er sich verheiratete. Ueber seine Hochzeit macht er am 25. November 1914 seinem Onkel Göbel folgende Mitteilung: „Sie werden doch hoffentlich nicht böse seyn, daß Sie so lange von uns nichts gehört haben? Mancherlei tata (Ereignisse) haben es gehindert, vor allen Dingen muß ich Ihnen melden, daß ich copuliert bin. Sn einer Zeit von drei Tagen hatte ich meine Dispensation von varmstadt und da dachte ich, bis Weihnachten ist noch eine lange Zeit und ließ mich vergangenen Montag vor acht Tagen durch Herrn Superintendenten Buß telieitor (glücklich) trauen. Nach der Trauung verzehrten wir eine Gans unter uns und schlangen das weinchen aus Zärtlichkeit in uns hinein. Nach dem Abendessen saßen wir noch traulich zusammen, meine Schwiegermutter und Schwägerin, ich und meine himmlische Luise. So lebe ich denn nun als Ehemann heiter und vergnügt. O wahrlich, im Besitz eines solchen Engels zu seyn, wie meine angebetete Luise ist, wie angenehm, wie heiter fließt da das Leben hin. Alle meine wünsche sind befriedigt, ich lebe ein Götterleben schon hier auf Erden durch meine herrliche, treffliche, edle Gattin, über deren Leben Heiterkeit und Freude 39 zu verbreiten mir heilige Pflicht sepn wird. ® könnten Sie uns in unserem Sepn und wirken beobachten, Sie würden uns gewiß als seelige Menschen finden." Interessant ist aus dieser Mitteilung, zu sehen, wie einfach damals die Verhältnisse waren, Daß man Hochzeiten oft in der bescheidenen, einfachen weise gefeiert hat, wie es hier geschildert ist, scheint sicher zu sein. Man lebte eben in einer armen Zeit,- die Napoleonischen Kriege waren vorausgegangen, 1813 und 1814 hatte die Kriegspest in ganz Deutschland große Verheerungen angerichtet, da ist es zu verstehen, daß es bei Familienfesten nicht üppig zuging und daß außer dem jungen Ehepaare, wie es hier der Fall war, nur zwei Gäste aus dem allernächsten Verwandtenkreise zugegen waren. Die „angeketete, himmlische" Luise entpuppte sich leider bald als ein sehr zänkisches Wesen. Allgemein ist heute noch bekannt, daß sie dem heiter und frohsinnig angelegten Männchen das Leben recht verbittert hat. wenn in seinem Hause eine scharfe Luft wehte, so pflegte Engel seinen Freunden zu sagen: „Es weht heut ein scharfer wind aus Bromskirchen." Daraus hat man gefolgert, daß Frau Engel aus Bromskirchen im damaligen hessischen Hinterlande gebürtig gewesen sei. Das war jedoch nicht der Fall, sie war die Tochter eines Lehrers aus Heuchelheim, Bremskirchen war als einer der rauhesten Grte Hessens bekannt, daher der Ausspruch Engels, der sich mit Humor über sein wenig erfreuliches Familienleben hinwegzufinden wußte. Dem Einflüsse der sehr energischen Frau war es auch zuzuschreiben, daß das gemeinsame Kapitalvermögen, das 20 000 Gulden betrug, einer ihrer verwandten, die mit einem nassauischen Pfarrer verheiratet war, durch das Testament zufiel. Dadurch waren die Gießener nach dem Tode des Geheimen Kirchenrates vr. Engel, der zehn Fahre nach seiner Frau, am 24. März 1864, starb, sehr enttäuscht,- denn man hatte erwartet, daß das vermögen des kinderlosen Ehepaares städtischen Einrichtungen zufallen piürde. Die Beliebtheit, der der langjährige Gießener Geistliche sich ln der Stabt erfreut hatte und die bei seinem Begräbnisse durch eine außergewöhnliche, noch nie dagewesene Beteiligung zum Ausdrucke gekommen war, schlug dadurch rasch in das Gegenteil um. (Fortsetzung folgt.) Cm pfälzischer Musikant. Erzählung von Heinrich Bechtolsheimer. (Fortsetzung.) In den ersten Wochen nach meiner Entlassung aus dem Krankenhause mußte ich mir noch Schonung auserlegen, ich fuhr deshalb mit der Eisenbahn, während meine Musikanten zu Fuß gingen, auch stand ich zunächst noch davon ab, selbst Musik zu machen. Als wir aber nach Notterdam gekommen waren, war ich wieder so gesund wie früher,- neue Lebenslust erfüllte mich, und ich konnte mich wieder von früh bis spät meinen Geschäften widmen, wir spielten in allen Teilen der Stadt auf den Straßen und bekamen auch Aufträge, bei Hochzeiten und anderen Festlichkeiten mitzuwirken. wir wohnten in einem bescheidenen, viel von Schiffern besuchten Gasthause in der Nähe des Hafens. Tags über lagen wir unserer Tätigkeit ob, abends ruhten wir in dem geräumigen Gastzimmer aus und unterhielten uns mit den holländischen Schiffern, die so weite Hosen anhaben und kleine Ohrringe tragen. Eines Abends, als wir vom Musizieren zurückkamen, waren in dem Gastzimmer ganz andere Gestalten neben den breiten, schwerfälligen Schiffern zu sehen. Ls saßen Leute da, die graue Nocke mit grünen Aufschlägen trugen und uns sofort, ehe wir noch ein Wort aus ihrem Munde gehört hatten, so heimatlich vertraut vorkamen. Als ich mich staunend nach ihnen umsah, stand Georg Dackermann von einem Tische, der hinter dem Ofen stand, auf und sagte: „Guten Tag, Meister, gelt ich habe Tuch in herzogenbusch gesagt, daß Ihr noch von mir hören sollt." Ueber diese Begegnung war ich nicht allzu sehr erfreut, so gern ich auch sonst mit pfälzern im fremden Lande zu tun hatte. Mit einem raschen Blicke hatte ich die Landsleute gemustert und dabei festgestellt, daß sie nicht so aussahen, wie Musiker aussehen sollen, die vor elegantem Publikum spielen. Alle waren unrasiert, die schwarzen, blonden, grauen und roten haare sproßten üppig um Kinn und Wangen, das Haupthaar war seit langer Zeit nicht mehr geschnitten worden und senkte sich tief auf den Nacken herab. Einige von den Leuten trugen hohe Schaftstiefel, die meisten hatten Schnürschuhe an, einer war mit holzschuhen versehen, als ob er ein richtiger Holländer wäre. Alle sahen verhungert aus, und ich gewahrte, wie sie keinen Blick von den Schiffern wandten, die am Nebentische vor gefüllten Schüsseln saßen. Ich ließ mir indessen meinen Unmut nicht anmerken und reichte dem Georg Dackermann freundschaftlich die Hand. „Ach Meister," sagte er, „das war eine Hetzjagd bis ich diese Burschen hier wieder gefunden hatte, von herzogenbusch aus zog ich los nach Norden bis nach Utrecht; denn ich hatte angenommen, daß meine Kameraden nach Amsterdam gereist seien. Das war ein schlechter Marsch, die Trompete unter dem Arm und kein Geld in der Tasche, wenn ich mir in den Ortschaften nicht manchmal ein Stück Brot gebettelt hätte, so wäre ich verhungert. Mein Nachtlager hatte ich in alten Schuppen, wo mir die Mäuse über das Gesicht liefen, und !unter den Brückenbogen der großen Kanäle, wo mir Leute begegnet sind, habe ich sie gefragt, ob sie keine Musikanten in grauen Nöcken mit grünen Aufschlägen gesehen hätten, aber alle haben den Kops geschüttelt. Endlich in Utrecht hörte ich in dem Gasthause, wo wir früher immer gewohnt haben, daß die Kapelle dagewesen sei und sich nach Notterdam begeben habe. Drei Tage bin ich in der großen Stadt kreuz und quer gegangen, da dachte ich: ich will es einmal bei dem deutschen Konsul probieren, und richtig, wie ich vor das Haus mit dem deutschen Wappen komme, steht hier der Karl Mandel vor der Tür und bläst nicht Klarinette, sondern Trübsal, weil man ihm auf dem Konsulate gesagt hatte, man habe kein Geld, um reisende Musikanten zu unterstützen. Da bin ich mit dem Karl gegangen und habe die anderen auf einem Zimmerplatze vor der Stadt getroffen, wo sie gerade ihr Geld zusammenlegten, um Brot zu kaufen." „habt ihr denn keine Musik gemacht?" fragte ich die hungrigen und verwahrlosten Leute. „Ach, Musik haben wir schon gemacht," lautete die Antwort, die mir ein alter Musikant gab, „aber wenn kein Meister dabei ist, der Ordnung hält, so ist Gift in dem ganzen Geschäft, wenn der eine auf einem freien Platze spielen will, will der andere vor einer Wirtschaft blasen, wenn der eine einen Ländler vorschlägt, so will der andere den Jäger aus Kurpfalz gespielt haben, und dann gibt es Streit und Geschrei, der eine rennt dahin und der andere dorthin. Ich muß es Euch eingestehen, Meister, in Geuda haben wir einander geprügelt, daß die Fetzen geflogen sind, sind von der Polizei eine Nacht lang eingesteckt worden, wie kann da Geld verdient werden? Dann haben wir auch Burschen unter uns, 40 die nicht ehrlich sind, wenn sie mit dem Vlechtellerchen umhergehen und das Geld erheben. Da der Fritz Laldner hat manchen Ztuiver von dem Teilerchen verschwinden lassen und hat sich nun heimlich aus dem Staub gemacht. Einmal bin ich ihm nachgegangen und habe ihn gesunden, wie er vor einem Metzgerladen stand, eine Wurst in der Hand hielt und auf beiden Lacken kaute." „Das lügst du, du alter Spitzbub!" ries aus der Ecke ein junger Mensch mit einem blonden Schnurrbärtchen, „keinen Kreuzer habe ich zurückbehalten, vu aber holst daheim den Leuten das Weißkraut von den Leckern, und in Krefeld hast du einem Wirt hinter dem Schanktisch eine Hand voll Zigarren weggenommen." „was, du nichtsnutziger Lub, du willst mir einen schlechten Kamen machen?" schrie der Lite und machte Miene, sich auf den Jungen zu stürzen. „Ruhig, ihr Leute!" sagte ich, indem ich zwischen die Streitenden trat, „wenn ihr euch prügeln wollt, so prügelt euch daheim in der Pfalz, hier aber im fremden Land müßt ihr Grdnung halten, sonst kann es euch passieren, daß ihr über die Grenze abgeschoben werdet, habt ihr denn eigentlich noch Geld?" „wir sind so arm wie die Kirchenmäuse," sagte Georg Dackermann, „wir haben heute nicht einen halben Gulden verdient, weil immer Zank und Streit unter uns war. Und Hunger haben wir wie die Wölfe." (Fortsetzung folgt.) kirchliche Anzeigen. Samstag, den 13. März: In -er Stadtkirche. Nachmittags 2 Uhr: Leichte. Pfarrer V. Schlosser. Sonntag, den 14. März, Lätare: In der Stadtkirche. vormittags YV? Uhr: Konfirmation der Kinder aus der Matthäusgemeinde,- Feier des heil. Lbendmahls. Pfarrer v. Schlosser. Nachmittags 2 Uhr: Kinderkirche für die Markusgemeinde. Pfarrer Schwabe. Lbends 6 Uhr: Pfarrer Schwabe. Lbends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten männlicheu Jugend der Markusgemeinde (Viez-Straße 15). Vienstag, den 16. März, nachmittags 3 Uhr im Matthäussaal: Frauenmissionsverein. Dienstag, den 16. März, abends 8 Uhr: Versammlung der Vereinigung konfirm. weiblicher Jugend der Markusgemeinde. Donnerstag, den 18. März, abends 8 Uhr im Markussaal: Versammlung des Frauenvereins der Markusgemeinde. In der Johanneskirche. vormittags W/2 Uhr: Pfarrer Lus seid, vormittags l 1 Uhr: Kinderkirche für die Johannesgemeind«. Pfarrer L u s f e I d. Uachmittags 2 Uhr: Vorstellung und Prüfung der Konfirmanden aus der Lukasgemeinde, wozu besonders auch die Eltern und Ungehörigen der Kinder eingeladen werden. Pfarrer Lechtolsheimer. Lbends 8 Uhr: Versammlung und Libelbesprechung im Johannessaal. Mittwoch, den 17. März, abends 8 Uhr: Kriegsbetstunde (Passionsandacht). Pfarrer Lechtolsheimer. f Ankündigungen empfehlenswerter Firmen ^ Carl Loos Kirchenplatz II :: Telephon 797 Manufaktur- unb Weißwaren Herren- u. Knabenkleiber f Kleiderstoffe Bilden ■ Stoffe flusffeuer=flrfikel Reffe außergewöhnlich billig efagengeTdiäff. Geringe Unkosten Gemeinschaftlicher Einkauf mit 3 Geschäften zufamnen hinaBernard Ließen, Bismorckltrcihe ö V--- J Eii 11. uuiuüiy i'uuilL Modes Gießen, Plockstraße 5 empfehlen sich in allen in ihr Fach schlagenden Ai beiten. Heinrich Noll Mäusburg Nr. 7 Telephon Nr. 292 Spezial-Geschäft für Bureaubedarf • Schreibmaschinen Papierhandlung, Buchbinderei. Gesangbücher. Moderne Kunstarbeiten. 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