Nr. 4. Gießen, Sonntag Septuagesimä, 31. Januar 1915. 4. Jahrgang. Jetzt und hernach. Evangelium des Johannes 13, 7. Jesus antwortete und sprach zu il)m: was ich tue, das weißt du jetzt nicht, du wirst es aber hernach erfahren. Es liegt sehr nahe, daß wir den gegenwärtigen Krieg mit dem Kriege vergleichen, der unseren Vätern vor 44 Jahren auserlegt war. Sehr viele unter dem heute lebenden Ge- schlechte waren 1870/71 Kinder oder junge Menschen, sehr viele von uns sind in den ersten Jahrzehnten, die auf diesen Krieg folgten, aufgewachsen. Durch eigenes Erleben, durch den Schulunterricht, durch patriotische Feste, durch Bücher und Bilder ist unser Heist mit dem Geiste jener großen Zeit in Berührung gekommen. Rber wir sahen jenen Krieg nie als ein schweres Ungemach, nie als harte drückende Not, wir sahen vielmehr das Jahr 1870 stets als ein Jubeljahr ohnegleichen: große Begeisterung im ganzen vaterlande, rasche, glorreiche Erfolge, von Not und Teuerung im Lande nichts zu spüren, als Frucht des Krieges die Einigung der deutschen Stämme und die Wiederaufrichtung des deutschen Kaiserreiches, wie ganz anders gestaltet sich der gegenwärtige Krieg! Zwar haben auch diesmal unsere tapferen Truppen große Erfolge errungen. Der sechste Kriegsmonat geht nun zu Ende, und wenn wir von einigen Ouadratmeilen im vo- gesenzebiete ab eh n, s) stehm feindliche Soldaten auf deutschem Gebiete nur als Gefangene. Ls wird ewig in der Geschichte fortleben, daß sich Deutschland im Osten und im Westen gegen die Millionenheere dreier großer Staaten behauptet hat. Uber auch aus weiter Ferne ist jetzt der holde Schein des Friedens noch nicht wahrzunehmen, und sehr groß sind die Opfer, die von uns gefordert werden. Schwere Trübsal geht durch das ganze Land, wie schneidet es in das Herz, wenn ein im Felde stehender Mann den Tod seiner Gattin anzeigt. Seine Kinder sind verwaist, ihn aber hält die Pflicht im Feindesland zurück. Mancher bekümmerte Mensch spricht jetzt mit dem psalmisten: Ich sage zu Gott, meinem Fels: warum hast du mein vergessen, warum muß ich so traurig gehen, wenn mein Feind mich dränget? Uber auch das fragen sich jetzt so viele: warum ist das so gekommen, warum hat Gott das zugelassen? wenn diese Frage uns quält, wollen wir uns an das Wort halten, das der Heiland zu Petrus gesprochen hat: was ich tue. das weißt du jetzt nicht, du wirst es aber hernach erfahren. Den plan, den Gott mit der Welt im Ganzen, mit unserem Volke und mit einem jeden einzelnen unter uns hat, enthüllt er uns in der Kegel nicht so klar und deutlich, daß er vor uns liegt wie eine gute Landkarte. Gottes weg führt vielfach durch das Dunkel hindurch, aber hernach, wie der Heiland sagt, wird klar, was er gewollt hat. was Gott jetzt mit uns vor hat, ist uns verborgen, doch ist es uns nicht ganz verborgen. Lins wissen wir jetzt schon: Er hat uns in die Tiefe geführt, damit wir vertieft werden sollten, wir haben täglich in dieser Zeit Rnlaß, mit dem frommen Matthias TIaudius, dessen 100. Todestag auf den 21. Januar gefallen ist, zu beten: Gott, laß dein heil uns schauen, aus nichts vergängliches trauen, nicht Eitelkeit uns freuen, laß uns einfältig werden und vor dir hier auf Erden wie Kinder fromm und fröhlich sein! Seither haben sehr viele, auch in deutschen Landen, auf vergängliche Güter getraut, auf Macht, Ehre, Stellung, Geld und gute Beziehungen. viele haben sich der Eitelkeit gefreut, an putz und Vergnügen hing ihre Seele; eine Rolle in der Welt zu spielen, war ihr Bestreben. Jetzt hat uns Gott, der Herr, gezeigt, daß damit nichts getan ist. was hilft das alles, wenn der Tod wie mit einer Riesensichel blühendes Leben niedermäht, wenn die, die ausgezogen sind zum Kampfe, nicht mehr zurückkehren und wenn hunderttausende am Grabe ihres Glückes stehen? wer aber mit seinem Gott im Reinen ist, wer mit Jesus im Bunde steht, der hält auch in diesen Zeiten des Sturmes und der Rot aus. Venn die Wege des Herrn, so sagt der psalmist, sind eitel Güte und Wahrheit denen, die seinen Bund und Zeugnisse halten. h. B. Weihnachten bei Ser Zeldpost. Lin Gießener Landwehrmann, der im Feindeslande Postdienst verrichtet, entwirft in einem Briefe an seine Gattin von seinem Dienste, seiner selbstgebauten Behausung und von der Weihnachtsfeier mit seinen Kameraden folgende anschauliche Schilderung: wie lange hast Du nun wieder warten müssen! Ich will doch wieder versuchen, wenigstens öfter eine Karte zu schreiben. viel Rrbeit haben wir eben durch die Weihnachts- und Reujahrskarten. Gestern sortierten wir bis 12 llb r einen 14 großen Sack Briefe und Karten und immer bei Stearinkerzen und Bauch und schlechten Adressen. Aber wir tun es gern, haben wir es doch besser als die Kameraden draußen, die nur kaltes Essen und Kaffee bekommen und jede Bacht sechs Stunden wachen müssen, ob es regnet oder friert. Vas brauchen wir nicht,' wenn unsere Arbeit fertig ist, können wir ruhig schlafen. Ueber meinem Lager sind zwei Stellen, wo es tropft, wenn es regnet, wie in den letzten Tagen. Im Wasser liegen wir aber nicht,- denn mein Lager wird bei Tag sorgsam zugedeckt. Buch frieren wir nicht,- denn die Beine stecken in einem postsack, die Knie werden mit dem Bock und der ganze Kerl mit Mantel und wollenen vecken zugedeckt. Vas Kopfkissen besteht aus einem Bündel Wäsche, vaß ich es nicht vergesse: wenn irgendwo wieder ein Waggon Liebesgaben gesammelt werden soll, dann sagt, sie sollen das lassen und einen Waggon vachpappe schicken, das kostet vielleicht die Hälfte und hat hier den zwanzigfachen Wert. Und dann sollten die Leute überhaupt weniger Liebesgaben schicken und lieber das Geld sparen und für die Hinterbliebenen der Gefallenen anlegen. Verhungern tut hier keiner und, wenn die Leute trotzdem abnehmen, so ist das die Folge der andauernden Bnstrengung. ven Franzosen muß es aber viel schlechter gehen,- denn die meisten Gefangenen, die ich in der letzten Zeit sah, strahlten vor Freude, vor unserer Front ist es wieder ruhiger geworden- denn die Bothosen haben, wie mir scheint, ihr nutzloses Beginnen eingesehen, nachdem das vor ihnen liegende Gelände strichweise mit Toten bedeckt ist. Sch hoffe zuversichtlich, daß wir Sieger bleiben,- denn unser alter Gott lebt noch. Gestern bekam ich Kuchen und Bauchwaren mit Brief von vir. Ich danke vir, daß vu vir immer wieder die viele Arbeit machst, um mich zu erfreuen, hoffentlich kommt auch wieder die Zeit, wo vu nicht mehr so viel zu packen brauchst, vie Büchse, in der vu mir das Kotelett geschickt hast, wollte ich vir wieder schicken, sie geriet aber unter die Füße von fünf Mann Besuch, so daß ich sie nicht mehr retten konnte. Za, fünf Mann, M. und ich, also sieben Leute, schliefen in meinem neuen Hause, in dem sich auch ein Thristbaum, Postsäcke, Tornister und eine große Kiste aufhielten. Lin seines Haus ist es, mit schrägem Vach, der Baum innen ist wohl 5 Meter lang und 2,30 Meter breit. In der Mitte ist ein vertiefter Gang, in dem man fast gerade stehen kann und an dessen Ende sich der Kamin befindet. Bus beiden Seiten des Ganges befinden sich die Galerien, ver die Füße am nächsten bei dem Feuer hat, das bin ich. Vas Vach besteht aus nebeneinander gelegten Stämmchen mit grünen Beisern, dann mit umgedrehtem Basen und ist weiter mit Postsäcken und altem Stroh gedeckt. Boden und Wände sind vollständig trocken und werden nur, wenn es regnet, von oben angefeuchtet. Die ganze Bnlage liegt am oberen Ende einer 'kleinen Schlucht und gefällt allen, die sie sehen. Könntest vu sie nur einmal begucken! Weihnachten haben wir gefeiert mit fröhlich-wehmütigem Herzen. Wir haben ein Kiefernbäumchen geschmückt und unsere Behausung rein gemacht. Ls wird dämmrig und der heilige Bbend, den wir so oft und ich immer — zu Hause gefeiert haben, ist da. Lin Heller, klarer Sternenhimmel ersetzt uns reichlich den gewohnten großen Thristbaum. Draußen tönt es von nah und fern, vielfach von Kapellen begleitet: „Stille Bacht, heilige Bacht", in weiter Lntfer- nung von uns brennt im Freien ein großer Weihnachtsbaum. Still hören wir zu und weilen mit lebhaften Gedanken zu Hause bei Tuch, Ihr Lieben, vie ganze Feier, wie ich sie von dem Llternhause her gewöhnt bin, zieht an mir vorüber. Deutlich sehe ich den Vater am Klaviere stehen und höre ihn verkünden: Luch ist heute der Heiland geboren, und wie höre ich der Mutter Helle Stimme heraus: Ls ist ein Bos' entsprungen. Ls ist kalt, wir gehen in unser heim, bringen noch die Lichter in Ordnung und erwarten vier zur Feier eingeladene Kameraden. Bach der Begrüßung lassen wir unser Bäumchen brennen und singen: „Stille Bacht, heilige Bacht". dann lese ich die passende Stelle aus Deinem Weihnachtsbrief vor. Geröstete Kartoffeln, Kaffee, Gebäck sowie Bauchwaren bringen uns wieder in Fluß. Bach dem Lfsen lese ich aus dem Weihnachtsheftchen „Weihnachten vor Beifort 1870" vor, so daß wir am Schlüsse zufrieden und unter herzlichen Glückwünschen auseinandergehen mit der Erkenntnis, daß man auch im Kriege Weihnachten feiern kann. Bm ersten Feiertag hatten wir herrliches Wetter mit Frost, während wir dann bis heute wieder Begen hatten. Wenn Gott will, feiern wir in ähnlicher Weise Neujahr. Nun wünsche ich vir und dem ganzen Hause von ganzem Herzen ein gesegnetes neues Zahr, hoffend, das nächste Weihnachtsfest durch Gottes Gnade wieder mit allen meinen Brüdern und Luch zusammen feiern zu können. Zwei Kameraden, L. aus Elpenrod und S. aus Frankfurt, die oft bei mir übernachten, lassen Dich grüßen und hoffen, uns später in Gießen besuchen zu können. Das Leben in Giehen vor und während der Volksbewegung in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. von h. h—r. (Fortsetzung statt Schluß.) Lin Vorfall, der leicht zu schwerwiegenden Folgen hätte führen können, muß noch erwähnt werden, ver Bedakteur und einige Mitarbeiter vom „jüngsten Tag" mochten die Grenzen des Erlaubten wohl zu weit überschritten haben,- denn sie wurden eines Tages ganz stillschweigend in Untersuchungshaft genommen und in dem neuen Brresthause fest- gehalten. Da verbreitete sich eines Sonntags das Gerücht, die verhafteten sollten zur Bburteilung nach varmstadt verbracht werden. Um dieses zu verhindern und wenn möglich bei dieser Gelegenheit die Gefangenen zu befreien, hatten ihre treuesten Bnhänger vor dem Brresthaus Posten gefaßt. von dem ganz in der Bähe wohnenden Kreisrat Küchler wurde das bemerkt und beobachtet. Sei es nun, daß dieser ernstliche Busschreitungen befürchtete und glauben mochte, daß die Bürgerwehr hierbei versagen könne, kurzum er ließ die Butzbacher Theveauxlegers nach Gießen kommen und vor der Stadt halten. Bn diesem Sonntage war in Klein-Linden Kirchweihe, und Leute, die des Bbends von dort zurückkehrten, brachten die Kunde mit, daß auf der Thaussee nach Klein-Linden unter den Pappelbäumen Kavallerie hielte. Noch unter dem Eindruck des in Frankfurt ausgebrochenen Septemberaufstandes und in der Bnnahme, daß das Militär zum Kampfe gegen die Bürger herangezogen sei, entstand unter den aus dem Seltersberg angesammelten Leuten eine furchtbare Bufregung. Man schritt sofort zur Errichtung einer Barrikade, die an der katholischen Kirche quer über die Straße aus umgestürzten Wagen aufgebaut wurde. Einige Leute liefen in die Stadt und holten die zu einem Balle im „Prinz Karl" versammelten Turner zu Fjilfe, andere schlugen Alarm, erbrachen den Turm und läuteten Sturm. 15 Dadurch stieg die Aufregung immer mehr, und der Tumult und das Schießen wurde immer ärger. HIIcs, was Helsen konnte, half beim Ausbau der Barrikade. Alle möglichen Gegenstände wurden herbeigeschleppt, und selbst Damen in Ballkleidern beteiligten sich und trugen Pflastersteine herbei, die zur Neupflasterung der Stadt am Zelterstor aufgeschichtet waren. Unterdessen war die zweite Kompagnie der öürgerwehr, die den Wachdienst hatte, auf dem Seltersberg angekommen, und ihr hauptmann Ferber kam noch gerade zurecht, um den Kreisrat von Leuten zu befreien, die in seine Wohnung eingedrungen waren und ihn ernstlich bedrohten. Mit dringenden Vorstellungen setzte es Ferber durch, daß der Kreisrat Gegenbefehl gab und die Theveauxlegers wieder in ihre Garnison zurückbeorderte. Alsdann beruhigte sich die Menge wieder, und die Gefangenen blieben hier. Zu einer großen Kundgebung gestaltete sich die Gedächtnisfeier für Nobert Blum. Diese Feier ging vom Turnverein aus, dem sich alle hiesigen Vereine und auch die Bürgerwehr anschlossen. Lin endloser Zug mit dem Bildnis Nobert Blums bewegte sich durch die Stadt nach dem Lärchenwäldchen. Dort wurde in feierlicher weise u-nter Ansprachen und Gesangsvorträgen die sogenannte Blumlinde gepflanzt. Als das Bäumchen im darauffolgenden Frühjahr in schönem Blätterschmuck stand, sind ihm von schnöder Hand über Nacht sämtliche Beste abgesägt worden. Der Täter konnte ermittelt werden und entging der wohlverdienten Strafe nicht, die er in der Form einer gehörigen Tracht Prügel erhielt. Der Baum ging trotzdem nicht zugrunde, neue Aeste schlugen wieder aus und jetzt ist er eine Zierde in der Anlage. Im herbst 1849 war die Strecke Marburg -Gießen der Main-Weserbahn fertig ausgebaut und konnte dem Betrieb übergeben werden. Mit dem ersten Probezug fuhr die gesamte Bürgerwehr mit nach Marburg. Dieser Besuch wurde kurz darauf von der Marburger Lürgerwehr hierher erwidert. (Schluß folgt.) Ein pfälzischer Musikant. Erzählung von Heinrich Bechtokheimer. (Fortsetzung.) Ts gab einige unruhige Stunden, ich überlegte die Sache ganz genau, wollte mich nicht in eine große Schuldenlast stürzen, endlich wurde das Geschäft doch abgeschlossen. Der wöllsteiner Notar, ein kleiner, witziger Herr, kam herbei, und der Akt wurde gemacht. Ich erinnere mich noch genau, daß der Notar - er war aus Mainz gebürtig und hielt mit Leib und Leben zu seiner Vaterstadt — während des Geschäftsabschlusses beständig vom Mainzer Karneval erzählte. Tr führte uns sogar, während der Schreiber den Akt zu Papier brachte, den Mainzer Narrhallamarsch vor, so daß ich die größte Angst ausstand, der Schreiber würde unsinniges Zeug schreiben. Der war jedoch so sehr an die Schnurren seines Herrn gewöhnt, daß ihn dessen musikalische Darbietungen nicht mehr störten. Als der Akt vorgelesen war und alle Beteiligten unterschrieben hatten, empfahl sich das „Uotärche", wie die Leute in der ganzen Gegend sagten, und ich war Hausbesitzer. Ts war ausgemacht worden, daß ich am 1. April mein Eigentum antreten solle. Ts war mein plan in diesem Jahre wir schrieben nun 1887 —, mit meiner Kapelle wieder nach Holland zu gehen, weil ich im Jahre zuvor dort so gute Geschäfte gemacht hatte. Diesmal konnte ich nicht so zeitig im Jahre ab- reisen,' denn ich wurde für Anfang April zu einer militärischen Uebung nach Worms einberufen. Ts war mir lieb, daß diese Uebung nicht in den Sommer fiel,' denn sonst hätte ich meine Reife unterbrechen müssen, was für mich mit großem Nachteil verbunden gewesen wäre, hauptsächlich gestattete es aber die Uebernahme des neuen Anwesens nicht, daß ich schon im März abreiste. Ich hatte mich mit meiner Frau entschlossen, daß wir ein Spezereigeschäft betreiben wollten, wie es seither schon in dem Hause geführt worden war. Leicht hatte ich mich allerdings hierzu nicht entschlossen. Ts war doch eine große Last, die ich damit meiner Frau aufbürdete. Sie mußte mindestens sieben Monate im Jahre das Geschäft allein führen, hatte ein kleines Kind zu pflegen und sollte den Garten, der zum Anwesen gehörte, bestellen. Aber Lina fürchtete sich vor keiner Arbeit. Sie erklärte: „Jetzt sind wir jung, jetzt können wir, wenn wir tätig sind, etwas erobern,' wenn wir uns aber auf die faule haut legen, so kommen wir in den Rückgang." Zudem versprachen die Eltern meiner Frau und ihr lediger Bruder, daß sie während meiner Abwesenheit nach dem Rechten sehen und in meinem Anwesen nach Möglichkeit helfen wollten. So bestellte ich denn getrost in Kreuznach, Worms und Mannheim die erforderlichen Waren und hatte auch insofern Glück, als die Geschäfte, die sich jedenfalls nach mir erkundigt hatten, erst im herbste Zahlung verlangten. Alles ging glatt und gut. Am 1. April bezogen wir unser Haus und richteten alles ein. Kurz darauf kamen die Warensendungen an, die Zuckerhüte, die Kaffeeballen, die Fässer mit Essig und Gel, die Kisten mit Seife und anderen Gegenständen. Ich dachte in dieser Zeit daran, daß ich früher davon geträumt hatte, in meinem Geburtsorte die Tochter des Krämers Lip- pert zu heiraten und dessen Geschäft zu übernehmen. Jetzt war ich doch ein Krämer geworden, obgleich meine damaligen Hoffnungen zerronnen waren. Ich dankte Gott, daß diese Hoffnungen sich nicht verwirklicht hatten,' denn von Ruppertsecken kam die Kunde, daß der Krämer Lippert so mit Schulden überlastet sei, daß er alles versteigern lassen mußte. Nicht das geringste war ihm geblieben, er mietete sich ein Zimmerchen bei der Altpeter-Lene, in dem er fortan mit seiner Frau wohnte. Seinen kärglichen Lebensunterhalt gewann er, indem er Maklergeschäfte trieb. Wenn fremde Geschäftsleute, Metzger, Kartoffel- oder Getreidehändler in das Dorf kamen, ging er mit ihnen von einer hofreite zur andern und spielte den Mittelsmann. Und Gottfried Keiper zog mit seiner Frau nach Ludwigshafen, wo er Fabrikarbeiter wurde. Die Musik gab er von diesem Tag an auf, weil er sonst seine Stelle in der Fabrik verloren hätte, wenn er mehrere Monate im Jahre gefehlt hätte. Ich habe später von ihm und seiner Frau nichts mehr gehört, beide scheinen im Stadtleben aufgegangen und nicht mehr nach der Heimat gekommen zu sein. Als ich meine Uebung hinter mir hatte, schrieb ich meinen Musikanten, daß sie sich reisefertig machen sollten. An Stelle des Gottfried Keiper hatte ich einen Musikanten aus Altenglan, der schon in Schweden und Nordamerika gespielt hatte, eingestellt. So schwer wie in diesem Jahre ist es mir niemals geworden, wenn ich von der Heimat auf die Reise gehen sollte. Das machte, daß ich jetzt Haus und Hof, Weib und Kind hatte. Unser kleiner Wilhelm machte mir viele Freude. Wenn er in seiner Wiege lag, sich mit seinen blauen Augen umsah, und ich dann zu ihm trat und ihm zurief: „Wo ist denn mein kleiner Bub?" so ging ein Lachen über sein Gesicht, und vor Vergnügen fing er an zu krähen. Tr hatte aber auch Stunden, in denen er weniger froh war und mit kräftiger 16 Stimme durch das Zimmer schrie. Da sagten meine Bekannten, wenn sie das hörten: „Vas wird auch einmal ein Musikant werden- denn er hat eine kräftige Lunge." Ich aber gelobte mir im Stillen, meinen Sohn später einmal einem anderen Berufe zuzuführen,- denn das Wanderleben eines Musikanten schien mir kein beneidenswertes Leben zu sein. (Fortsetzung folgt.) Meine Mitteilungen. vie Reihe der Vorträge über religiöse Fragen, die auf den Krieg Bezug haben, soll jetzt fortgesetzt werden. Km 31. Januar, 8 Uhr abends, wird Herr Pfarrer vr. Koch von Langd, früher Bibliothekar an der hiesigen Universitätsbibliothek, über das Thema sprechen: „wie vereinigen wir Krieg und Liebe?" kirchliche Anzeigen. Sonntag, den 31. Januar, Septuagesimä. Gottesdienst. In der Stadttirche. vormittags 9 l / 2 Uhr: Pfarrer Schwabe. vormittags I I Uhr: Kinderkirche für die Markusgemeinde. Pfarrer Schwabe. Kbends 5 Uhr: Pfarrer v. Schlosser. vienstag, den 2. Februar, nachmittags 3 Uhr, im Matthäussaal : Frauenmissionsverein. Dienstag, den 2. Februar, abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Markusgemeinde. In der Johanneskirche. vormittags 91/2 Uhr: Pfarrer Kusfeld. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Johannesgemeinde. Pfarrer Kusfeld. Kbends 5 Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. Kbends D/eUhr: Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Lukasgemeinde. Kbends 8 Uhr: Versammlung und Bibelbesprechung im Johannessaal. Mittwoch, den 3. Februar, abends 8 Uhr: Kriegsbel- stunde. Pfarrer K u s f e I d. Freitag, den 5. Febr., abends l / 2 6 Uhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Johannesgemeinde. Uüchstkünftigen Sonntag, den 7. Februar, wird in beiden Kirchen eine Kollekte für das hessische Krüppelhrim in Nie- der-Uamstadt erhoben werden. Kn demselben Tage findet im Kbendgottesdienst Beichte und heiliges Kbendmahl für die Lukas- und Johannesgemeinde gemeinsam statt. Anmeldungen vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. C Ankündigungen empfehlenswerter Firmen ^ Car! Loos Kirchenplatz 13 :: Telephon 797 Manufaktur- und Weißwaren Herren- u. Knabenkleider franj Alle Wusburg JO ffkrnsprech-jllr. 666 spejiab Lkschgft in Kurl-, Woll-U. Weißwaren Lrstlings-Slusstgttungen BuBrnflhlfmbiinopn brrritroillittfr Heinrich Nofl Mäusburg Nr. 7 |Telephon Nr. 292 Spezial-Geschäft für Bureaubedarf ♦ Schreibmaschinen Papierhandlung, Buchbinderei. Gesangbücher. Moderne Kunstarbeiten. PhotographischeApparate und Zubehöre Bllslh's Mjilhinis (Ecke Kirchenplatz-Lindenplatz Musik-Instrumente :: und Musikalien :: C. Leisler Ww. 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