Nr. 3. Eichen, 3. Sonntag nach Epiphanias, 24. Januar 1915. 4. Jahrgang. Dem Kaiser! Pjalm 146, 5. Wohl dem, des fjilfc der Gott Jakobs ist, des Hoffnung auf den Herrn, seinen Gott, stehet. Sn der Kommenden Woche feiern wir den Geburtstag unseres Kaisers, wir werden dieses nationale Fest diesmal ganz anders feiern als sonst, wenn sonst der 27. Januar gekommen war, so herrschte Jubel im deutschen Lande, von Tilsit bis zum Bodensee, von wetz bis nach Kattowitz und Leuchen im oberschlesischen Kohlengebiete flatterten im Winterwinde die deutschen Fahnen, wenn der Festgottesdienst zu Ende war, so fanden festliche Veranstaltungen statt' in gehobener, freudiger Stimmung wurde der Tag begangen. Sn diesen! Jahre wird der Geburtstag des Kaisers auf einem räumlich viel größeren Bezirke gefeiert werden als sonst. Vicht bloß auf deutschem Boden, sondern auch in der eintönigen Ebene Polens, wo der Sand sich meilenweit ausdehnt und grundlose Wege das Fortkommen unserer Truppen erschweren, werden die deutschen Krieger begeistert ihres obersten Kriegsherrn gedenken. Sn Flandern, wo die Kanäle das Land durchziehen und die Nordsee gegen die vünen rauscht und schäumt, wie auch in Kord- und Gstfrankreich, wo unsere Truppen im Schützengraben liegen oder in halbzerschossenen Dörfern Unterkunft finden, werden die Landeseinwohner mit Staunen sehen, daß unser Kaiser in den Herzen seines Volkes eine Stätte hat. Sm übrigen aber wird unser Fest diesmal auf einen anderen Ton gestimmt sein als in früheren Jahren. Der Ernst wird bei weitem überwiegen, wie könnte es auch anders sein, da unser vo.k jetzt unter der Führung seines Kaisers um seine Existenz kämpft und da dieser Kampf so schwere Gpfer fordert! Jeder nach innen gerichtete Mensch wird es deshalb von ganzem Herzen billigen, daß das preußische Staatsministerium angeordnet hat, daß Festessen, Theatervorstellungen und Veranstaltungen ähnlicher 5lrt diesmal am Geburtstage des Kaisers wegfallen und daß die gottesdienstliche Feier die eigentliche und einzige Feier sein soll. Uuch darin ist unsere patriotische Feier anders als sonst, daß wir in diesen Kriegszeiten von unserem Kaiser viel weniger sehen und hören als früher, wir wissen nicht, wo er sich befindet, und wir haben lange keine Ueußerung aus seinem Munde gehört. Uber wir wissen von ihm doch mancherlei, das uns das Herz erhebt. Unser Kaiser ist jetzt dort, wo die preußischen Könige im Kriege stets gewesen sind und wohin auch ihn sein Pflichtgefühl geführt hat, er ist mitten unter seinen kämpfenden Soldaten, er teilt mit ihnen Mühsal und Gefahr, unter seinen Uugen haben sie vom 12. bis 14. Januar bei Soissons große Erfolge errungen. Sodann aber wissen wir, daß die Hilfe unseres Kaisers der Gott Jakobs ist und daß er seine Hoffnung auf den Herrn, seinen Gott, stellt. Um Kriegsbettage hat er das ist das letzte Wort gewesen, das wir von ihm gehört haben — seinem Volke gesagt: „wie ich vonJugend auf gelernt habe, auf Gott den Herrn, meine Zuversicht zu setzen, so empfinde ich in diesen ernsten Tagen das Bedürfnis, vor ihm mich zu beugen und seine Barmherzigkeit anzurufen." Fester denn je steht das deutsche Volk in dieser Zeit zu seinem Kaiser, wir haben zu ihm in den Jahren der Friedens gehalten, den seine kluge und erfolgreiche Politik uns so lange erhalten hat, wir haben mit ihm vor anderthalb Jahren das 25jährige Jubiläum seiner Negierung gefeiert, nun halten wir zu ihm furchtlos und treu in der Kriegszeit. Mit ihm sind wi> entschlossen, den Kamps so durchzuführen, daß uns ein ehrenvoller Friede beschieden ist und unsere Kinder und Kindeskinder auf Jahrzehnte hinaus gegen die Uänkesucht und den Neid fremder Nationen gesichert sind. In diesem Kampfe wird der Herr, unser Gott, mit uns und unserem Kaiser sein und UNS in seiner Gnade verleihen, daß wir den 27. Januar in der Zukunft noch recht oft als nationalen Festtag feiern, wenn der Friede im Lande wohnt und reiches, tätiges Leben segenspendend durch Deutschlands Gaue flutet. h. B. Der Krieg und die Mission. wir haben in diesem Jahre unser Landesmissionsfest unter traurigen Umständen gefeiert. Vas schöne, blühende Werk der deutschen Heidenmissionsarbeit ist jetzt zum größten Teile lahm gelegt, ja zerstört. Schmerzlich hat uns die Kunde berührt, daß die Engländer die Basler Missionare in Indien gefangen genommen haben, nachdem sie das schon vorher mit den Missionaren in vuala (Kamerun) gemacht hatten, wir müssen leider annehmen, daß auch unser Landsmann Missionar Heinrich Walther aus Beuern, der früher für unser Gemeindeblatt so anschauliche Berichte aus seinem Arbeitsgebiete 10 geschrieben bat, von diesem Schicksale betroffen worden ist. Gott wolle alle diese friedlichen Missionsarbeiter in seinen Schutz nehmen! Im Hinblick auf die Sorgen und Befürchtungen, die in dieser schweren Zeit jeden Missionssreund bewegen, führt das Kirchenblatt der Pfalz „Union" in ebenso ernster wie tröstender Weise Folgendes aus: Wenn wir heute auf das Missionsfeld hinausschauen, könnte uns bange werden, bange um das Leben unserer Missionare, die nicht bloß den mit uns im Kriege liegenden Feinden, sondern auch der von diesen aufgestachelten heidnischen Bevölkerung schutzlos preisgegeben sind, bange um die mit so vielen Opfern erkämpften Missionsgebiete, bange um die Zukunft der heidnischen Völker, die kaum noch Vertrauen haben auf die Siegeskraft des Evangeliums und der predigt vom Frieden, wenn die Völker, die ihnen dieses Evangelium bringen, in denen das Evangelium schon so viele Jahrhunderte wirksam ist, selbst keinen Frieden unter sich haben. Besonders das Volk, das sich so gern das Mis ions- volk und Bibelvolk nennt, ist es, das den Weltkrieg entfacht hat und immer weiter schürt. Jetzt zeigt es sich, daß sein Missionsinteresse aus Habgier und Gewinn'ucht entsprungen ist, daß seine Krämerseele auch das heiligste, die Menschenseele, mißbraucht um schnöden irdischen Gewinnes willen. Wie ein vernichtendes Urteil steht über ihm geschrieben: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon." Für den Geldbeutel hat es Mission getrieben, seine Frömmigkeit war ihm Geschäft. Und wir haben dieses Volk stets bewundert als ein Missionsvolk, von dem man nur lernen kann. Nun hat uns der Krieg die innerste Triebfeder dieses Volkes zur Mission offenbart und hat der Mission einen Schlag versetzt, von dem sie sich so schnell nicht mehr erholen wird. Uicht bloß werden draußen die Missionsvölker mit Mißtrauen, ja Verachtung auf die christliche Missionsarbeit schauen, auch bei uns werden sich viele vom Missionswerk abwenden und die Mis ionsgaben uns verweigern. Die bisherigen nicht wenigen Feinde der Mission werden spottend triumphieren. Die Missionsarbeit ist durch den Krieg mit am meisten geschädigt. Wir Könnens nicht leugnen, das Missionswerk befindet sich in einer schweren Krisis. Es könnte wahrhaftig manchem Missionsfreund bange werden. Uber wir verzagen nicht. Wenn wir diesen Krieg mit Gottes Hilfe siegreich bestehen, erwachsen unserem Volke große Uufgaben und nicht die geringsten auf dem Gebiete der Mission. Deutsche Wahrheit und Treue, deutsches Gottvertrauen und deutsche Frömmigkeit, deutschen Glauben und deutsche Bedlichkeit, deutsche Gründlichkeit und Urbei.samkrit, kurz deutsches Ehristentum den Völkern, auch den heidnischen zu bringen ist unsere größte Uufgabe und Pflicht. Vas ist unsere feste Hoffnung, daß Gott uns noch zu Großem braucht. Tine gewaltige Verantwortung wird da auf unsere Schultern gelegt. Eine unendlich große, ernste, wichtige Ausgabe wird uns anvertraut. Jetzt gilts die Verheißung, die dem deutschen Volke gegeben ist, erfüllen zu Helsen: „Und es soll an deutschem Wesen noch einmal die Welt genesen." Wie erhaben, wie heilig ist dieser Berus, wie groß die Zeit, die wir erleben dürfen! Ein Wendepunkt der Geschichte ist da. versäumen wir den Augenblick nicht! Jeder muß mithelfen an seinem Teil und nach seinem vermögen die uns von Gott gestellte Aufgabe zu erfüllen. Darum müssen wir auch noch mehr, noch intensiver, noch ernster und aufopfernder arbeiten auf dem großen weiten Missionsfeld. Die Schäden, die der Krieg hier verursacht, müssen ausgebessert, aus den Buinen blühenden Missionslebens müssen noch blühendere Mißionsstätten erbaut werden. Darum dürfen wir von der Mission nicht lassen, besonders nicht in dem Land, das uns in diesem Kriege sehr enttäuscht hat, Iapan. Sollen wir jetzt aus Bache für seine Hinterlist unser dortiges Niissionswerk aufgeben und die vielen treuen Thristen dort im Stiche lassen, wie viele meinen? Sollen wir sprechen: Kein Pfennig mehr für die Mission in Japan? Wie kurzsichtig, wie falsch wäre das! Wollen wir ihnen doch lieber zeigen, daß unser Ehristentum größer ist als ihr Heidentum, zeigen, wie Thristen handeln, zeigen, daß unsere Liebe zu ihnen, den Heiden, echt ist! Wenn wir die Mission in Japan ausgäben, würden wir den Engländern die größte Freude machen, wir hätten nur Bachteil davon. Bein, das deutsche Ehristentum, das deutsche Wesen muß dort noch mehr als bisher verbreitet werden. Darum, wollen wir deutsche Thristen sein, dann mü sen wir Missionsfreunde sein. Daran können wir unser Deutschtum, unsere Vaterlandsliebe zeigen. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. Da? Leben in Giehen vor und während der voli?- bewegung in den vierziger Jahren de? vorigen Jahrhundert?. von h. h—-r. (Fortsetzung.) Lin vollständiges, recht gutes Musikkorps, aus Berufs- musikcrn und Musikfreunden zusammengestellt unter Leitung des Musiklehrers Schierholz, ein Trommlerkorps mit Tambourmajor, Sappeure mit stattlichen Bärten, mit weißen Schurzfellen und Aexten auf den Schultern, zogen beim Aus- marsch der Lürgerwehr voran, und das Ganze bot dem Auge einen recht hübschen militärischen Anblick. Das Kommando über die gesamte Bürgerwehr führte ein Oberst, dem für Fragen der Organisation oder besondere Maßnahmen ein Generalrat beigegeben war. Zum Generalrat gehörten außer den Ofsizieren noch einige Wehrleute, die besonderes vertrauen und Ansehen genossen. von den Gießener Frauen und Jungfrauen wurde der Lürgerwehr eine reich in Seide gestickte Fahne gestiftet und an einem Sonntag der auf dem Brand in Parade aufgestellten Wehr in feierlicher Weise übergeben, hieran schloß sich ein Umzug durch die Stadt und ein Weihefest mit Konzert und Ball im Lusch'schen Garten. Fahnenträger war der Schneidermeister horepseck, ein stattlicher Mann. Oberst der Lürgerwehr war zuerst der Professor Karl Vogt, der aber infolge seiner Wahl zum Abgeordneten in das Parlament nach Frankfurt bald wieder abtrat, ebenso konnte sein Nachfolger Postmeister Schön wegen Versetzung von hier das Kommando nicht lange behalten. Bach diesen wurde Oberstleutnant Fresenius, der als hessischer Hauptmann den spanischen Feldzug milgemacht hatte, damit betraut. Sämtliche Offiziere und Unteroffizierstellen in der Bür- gerwehr gingen aus freier Wahl hervor. Das Einexerzieren der Mannschaften fand durch gediente Militärpersonen auf dem Brand statt, während größere Gesamtübungen auf dem Trieb abgehalten wurden. Vas war dann jedesmal ein kleines Volksfest für die ganze Einwohnerschaft. wer nur konnte, zog mit, um den Bedungen zuzusehen. Die Marketender hatten Stände aufaeschlagen, da gab es Erfrischungen, Bier und warme Würstchen. In den Pausen fanden sich die Wehrleule zu ihren Familien und vergnügten sich mit diesen bei den Klängen der Lürgerwehrmusik. 11 fln dem Linexerzieren der Lürgerwehr zeigte unsere männliche Schuljugend das größte Interesse. Oie einzelnen Schulen und Klassen bildeten Züge und erkoren ihre Häuptlinge. Anstatt der Gewehre trugen sie hölzerne Lanzen und exerzierten damit so gut und so richtig, daß sie manchem ihrer Väter als Muster hätten dienen können. Die Bürgerwehr war in das Leben gerufen worden zuin Schutze der Stadt und ihrer Bewohner in der so aufgeregten Zeit, und es war zuweilen gar keine leichte und angenehme Aufgabe für sie, die (Ordnung wieder herzustellen und die Buhe zu erhalten. Gleich zu Anfang mußte ein ständiger Wachdienst eingerichtet werden, da die Tumultuanten ihr Unwesen zu treiben nicht ausgeben wollten. Tine Kompagnie stand stets in Alarmbereitschaft und gab denn auch die nötige Mannschaft für den nächtlichen Wachdienst unter dem Uachaufe und für die Uachtpatrouillen ab, die sich häufig der Neckereien angetrunkener Studenten zu erwehren hatte, hierbei kam es einmal vor, daß ein Student, namens pfannmüller von hier, von einer Patrouille erschaffen wurde. Tr wurde dann als Korpsstudent mit Fackelzug und allem studentischen Pomp beerdigt, die Neckereien hörten aber nachher auf. Für die Bildung politischer Parteien mit festen ausgesprochenen Zielen war die Zeit noch zu kurz und die Anschauungen noch zu unklar. Außer den schon erwähnten Anhängern einer Nevolution um jeden Preis, gab es Abstufungen in den Ansichten über Deutschlands zukünftige Gestaltung, viele schwärmten für eine Nepublik, andere wieder für einen Bundesstaat mit Preußen, andere mit (Oesterreich an der Spitze, aber immerhin die Einigung aller deutschen Stämme mit einer freien Verfassung wollte die Mehrzahl. Tin Bäuerlein aus der Umgegend, das in Volksversammlungen gerne das wort nahm, verlangte sogar eine Nepublik mit unserem Großherzog an der 5pitze. Tin jeder suchte seiner politischen Ansicht Ausdruck zu geben, und man benutzte sogar die in Mode gekommenen bemalten Pfeisenköpfe, um Gesinnungen zur Schau zu tragen und Ideale zu verherrlichen. Schon zu Anfang der Bewegung war ein politischer Verein als „Märzverein" mit ausgesprochener demokratischen Tendenz gegründet worden. Diesem traten sehr viele frei- gesinnte Bürger und Staatsbeamten bei. Seinen Sitz hatte er im neueröffneten Tafö Leib, und seine Bestrebungen waren darauf gerichtet, die Mitglieder durch Vorträge und durch Auslage von Zeitungen über politische und aktuelle staatsrechtliche Fragen auszuklären. Tin zweiter Verein mit konservativer oder reaktionärer Tendenz tagte in Tbels Kaffeehaus. Dieser nannte sich „Vaterländischer Verein", und es gehörten ihm zumeist ältere Staatsdiener an, die mit der ganzen Volksbewegung nicht einverstanden waren und den alten Zustand wieder herbeiwünschten. Man ließ diese Leute, die sich sonst ruhig verhielten, unbehelligt, nannte sie nur etwas verächtlich „Dunkelmänner". Bald nach dem Zusammentritt des Frankfurter Parlaments waren dort die Grundrechte des deutschen Volkes beraten und beschlossen und von den deutschen Fürsten und ihren Negierungen genehmigt worden. (Obwohl ohne eine große praktische Bedeutung war damit wenigstens ein äußeres Zeichen der Einheit und Zusammengehörigkeit aller deutschen Stämme gegeben, und das wurde schon allgemein mit Freuden begrüßt. Deshalb fand wie überall in deutschen Landen, so auch in Gießen, eine größere weihefeier statt. An dem festlichen Umzuge nahmen außer der Bürgerwehr sämtliche hiesige Vereine und notablen Personen teil. Die Grundrechte, aus Pergament und in Kunstschrift ausgeführt, mit Blumengirlanden geschmückt, wurden von drei Schülern, je einem aus dem Gymnasium, der Nealschule und der Stadtschule, getragen, flankiert von zwei Zügen der Lürgerwehr mit geschultertem Gewehr. Den Schluß des Festaktes bildete eine weiherede mit einer Huldigung auf dem Brand. Schon zwei Jahre bestand der Turnverein, der seither eine große Zurückhaltung bewahren mußte, und seine Uebun- gen zuerst in einem Stallgebäude des Gasthauses „zun. Schwanen" und dann in einem Gartenhaus am Asterweg abgehalten hatte. Diese trat jetzt mehr an die (vefsentlichkeit, er beteiligte sich an allen patriotischen Kundgebungen und verlieh die'en durch das jugendfrische Auftreten der Turner in ih en schmucken hellgrauen Drellanzügen ein glanzvolleres Gepräge. Im darauffolgenden Jahre konnte ein schöner großer Turnplatz vor dem Neuenwegertor auf dem jetzigen Grundstück der Bürgermeisterei festlich eingeweiht werden. (Schluß folgt.) Lin pfälzischer Musikant. Erzählung von Heinrich öechtolsheimer. (Fortsetzung.) Dennoch freut man sich auch in schwerer Stunde, wenn man treue Nlenschen, die man in den frohen Tagen der Kindheit und ersten Jugend kennen gelernt hat, wiedersieht. Traurig stand ich am offenen Grabe meiner dahingeschiedenen lNutter. Ts war ein schöner wintertag, der Donnersberg und das ringsum liegende Land waren mit dünnem Schnee bedeckt, hell leuchtete die Sonne, klar lag die Landschaft vor aller Augen. Pfarrer Weber sprach über den Text aus der (Offenbarung Johannis: Ich weiß deine Werke und deine Liebe und deinen Dienst und deinen Glauben und deine Geduld und daß du je länger, je mehr tust. Vas paßte so recht auf die Heimgegangene, die ihr Leben lang reich war an Liebe, Glauben und Geduld. Als dann die schweren Schollen auf den Sarg niedergerollt waren, trat ich mit meinen Geschwistern zu dem Grabe des Vaters, dort standen wir kurze Zeit, dann gingen wir nach Hause. Ich sah meine beiden früheren Lehrer, die nun alt und grau waren. Die Altpeter-Lene ging in ihrem schwarzen Kleid ganz gebückt und war lange nicht mehr so redselig wie früher, das Alter hatte sie stiller gemacht. Auch lNarie Keiper kam auf mich zu und gab mir, als ob nie zwischen uns etwas vorgefallen wäre, die Hand. Tinen Menschen aus meinem Heimatdorfe vermißte ich sehr an diesem Tage, das war der Nachbar Gerhäuser, er war vor geraumer Zeit sanft und selig entschlafen. Auch Bürgermeister Nodcn- becher schlief auf dem Friedhofe, auf dem meine Titern ruhten. Ts ist doch ein eigentümliches Gefühl, das einen beschleicht, wenn man nach längerer Zeit wieder in die Heimat zurückkehrt und auf den Grabsteinen die Namen von Menschen liest, die man im Leben gut gekannt hat. Ich freute mich darüber, daß auch der Nathan Silberschmidt aus Nockenhausen, nun ein weißhaariger Mann, gekommen war, um meiner Mutter das letzte Geleite zu geben. Tr gehörte zu den jüdischen Handelsleuten, die auf dem Dorfe in enger Fühlung mit der christlichen Bevölkerung leben, an deren Leid und Freud Anteil nehmen und sich schlecht und recht durch das Leben schlagen. Leider halte ich wenig Freude an meinem Bruder Jakob. Tr war nun schon viele Jahre in der Maschinenfabrik zu Mainz beschäftigt. Ich merkte an ihm, daß er anders war 12 als ich und meine Geschwister. Lr hatte die Rrt der Heimat abgelegt, sprach Mainzer Dialekt und redete in einem davon, daß Ruppertsecken ein elendes Nest sei, an dem er es keine drei Tage aushalten könne. Zu meinem Schrecken merkte ich auch, daß er unreligiös geworden war, er meinte, es sei doch Unsinn, daß am Grabe eines Derstorbenen über einen Bibelspruch gesprochen werde, man solle hier auf Erden den teuten das Leben gut und schön machen, damit sie nicht mehr so viel zu arbeiten brauchten. Das sei vernünftiger, als Kirchen zu bauen und die Kinder im Glauben zu unter^ richten. Ich bedauerte im tiefsten Herzen, daß die große Stadt und schlechter Umgang meinen Bruder auf diese Rbwege gebracht hatten. c)u meinem Erstaunen hörte ich bei dieser meiner Unwesenheit in Ruppertsecken, daß der Krämer Lippert ein Mann fei, der über und über mit Schulden belastet sei. Lr habe nichts rechtes gearbeitet und mit seiner Familie leichtsinnig gelebt, namentlich habe Marie viel Geld" verschwendet. Der Bankrott, so sagten die Leute, stehe jeden Tag bei ihm vor der Tür. Das also war der Mann, der früher vor mir so sehr mit seinem Geld« geprahlt hatte. Damals war ich noch so unerfahren, daß ich jedem Prahlhans glaubte, heute weiß ich, daß die, die sich am meisten rühmen, am wenigsten dazu Ursache haben. Gedankenvoll und traurig ging ich an demselben Tage wieder nach Fürseld zurück. Ich fühlte, daß mit dem Tode der Mutter das Land zwischen mir und der Heimat so gut wie zerschnitten sei, aber gottlob, ich hatte ja eine neue Heimat, ich hatte eine brave Frau und ein kleines, liebes Kind, und war mit dem, das mir Gott gegeben hatte, zufrieden. Ruhig ging ich in den nächsten Tagen meiner Beschäftigung nach, da bot sich mir unerwartet die Gelegenheit zu einem hauskaufe. Ein Einwohner in Fürfeld, der seither ein Spezereigeschäft betrieben hatte, war gestorben, und seine Fra», gedachte, zu ihrer einzigen in (Obermoschel verheirateten Tochter zu ziehen. Die hofreite wurde auf diese Rrt feil. Ls war ein einstöckiges, geräumiges Haus, das an der Hauptstraße lag, dahinter war eine kleine Scheuer mit Stallung und Schuppen, und hinter der Scheuer dehnte sich ein großer Garten aus. Sofort zog ich meinen väterlichen Freund Wilhelm Hinkel zu Rat. Lr kam, besichtigte ganz ohne Rufsehen das Haus und meinte dann, es fei alles gut im Stande. Lines Rbends im Januar ging ich zur Besitzerin und fragte sie nach dem Preise. Sie forderte für das ganze Rnwesen nicht mehr als 6000 Mark und war offenbar sehr erfreut, alv ich mich als Käufer meldete, da sonst noch niemand angefragt hatte. Die geforderte Summe ging allerdings über meinen Besitz, aber ich hatte ja meinen Freund an der Hand. Lr war sogleich bereit, mir 4500 Mark gegen einfachen Schuldschein zu 3 Prozent zu leihen, so daß ich das Haus bar bezahlen konnte. _ (Fortsetzung folgt.) Nirchliche Anzeigen. Sonntag, den 24. Januar, 3. nach Epiphanias. In -er Staütkirche. vormittags 9-/2 Uhr: pfarrassistent hoffmann. vormittags I I Uhr: Kinderkirche für die Matthäusgemeinde. Pfarrassistent hoffmann. Rbends 5Uhr: Pfarrer Schwabe. Beichte und heil. Rbendmahl für Matthäus- und Markusgemeinde gemeinsam. Rnmeldung vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. Mittwoch, den 27. Januar, vormittags 10y 4 Uhr: ver- emtgter Zivil- und Militärgottesdienst zur Feier des Geburtstags S. Majestät des Kaisers. Pfarrer Rusfeld. Mittwoch, den 27. Januar, abends 8 Uhr: Kriegsbetstunde. Pfarrer Schwabe. In -er Johanneskirche. vormittags 9Vr Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. Vormittags I I Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde. Pfarrer Bechtolsheimer. Rbends 5 Uhr: Pfarrer Russe ld. Rbends 7Ve Uhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Lukasgemeinde im Lukassaal, sowie der konfirmierten männlichen Jugend der Johannesgemeinde im Johannessaal. Ankündigungen empfehlenswerter Firmen Carl Loos Kirchenplah 13 - Telephon 797 Manufaktur- und Weißwaren Herren- u. Knabenkleider f Kleiderstoffe Blufen - Stoffe flusffeuer-flrtikel Reffe außergewöhnlich billig eiagengerdiMt. Swinge Unkosten Semeinfcfiaftllctier Einkuuf mif 3 Sefdidften rulnmnien ki'na Bernard ^Liehen, Bismarcfaffraße 6 j Edgar Bor r mann, Giessen Neustadt 11 Eisenwaran,Haus-u. Küchengeräte Telepli. 165 empfiehlt billigst Oefen, Herde, kupferne u. guäeiserne Waschkessel, Haus- u. 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