Ausgabe 
26.8.1938
 
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Die Giraffenmutter.

Wachsende Unsicherheit. Löwe auf vergeblicher Jagd D i e Giraffenmutter. Die Einkreisung. Ihre gefährlichste Waffe. Eine bange Stunde.

Abziehcnder Feind.

Während der nun folgenden Wochen blieb die kleine Pallah bei den Zebras, weniger deswegen, weil sie sich bei ihnen besonders geborgen fühlte, als weil sie Gesellschaft gefunden hatte: beim Spielen, beim Wei­den, beim Rasten immer und überall war ihr das junge Zebra zur Seite. Es nahm sie auch in Schutz bei den nicht eben seltenen Streitereien, die gern entstanden, wenn die Tiere in ihrem Eifer, die ersten am Wasser oder an den besten schattigsten Plätzen zu sein, einander stießen und an­rempelten. Und die kleine Pallah sand, daß sie unter ihres Freundes

nehmender Helligkeit nervös, denn allmählich wird es höchste Zeit für *'e' Mit°einem kurzen drohenden Jaulen springt die Hyäne mitten unter sie um nochmals ein Stück Aas zu ergattern. Sie reißt ein Stuck Bein ab, das für sie säst zu schwierig zu tragen ist; so packt sie es im Mütel- nel'enk mit den Zähnen, daß es zu beiden Seiten zwischen ihren Kiefern heraussteht Jetzt schnell zurück! Wie sie durch die Busche lauft, wird ihr der Kops dahin und dorthin gerissen, je nachdem sich das eine oder >andere Knochenende in den Zweigen verfangt Unter einem Baum n^t weit vom Fluß bleibt sie einen Augenblick stehen und legt den Knochen hm, um ihn wieder besser packen zu können. Doch da hebt sie nut ememmal den Kopf, die Nase mit den schnuppernden Nüstern nach links gerichtet, den ganzen Körper erwartungsvoll gespannt. Sie hört etwas. »Schrapp, schrapp schrapp, schrapp" macht es. Hinter einem nahen Busch macht sich ein Mungo mit den Ueberresten von irgend etwas zu schassen. An­scheinend gibt es da noch was zu holen! Möglich, daß em Serval es übrig gelassen hat. Unschlüssig bleibt die Hyäne stehen; der schwere Kno­chen allein ist schon lästig genug zum Tragen, aber hier wäre nun eine Gelegenheit, noch ein weiteres Stück Beute zu erraffen, und einerlei, ob sie es wird schleppen können oder nicht sie muh wenigstens ein­mal nachsehen, was das eigentlich ist. Also läßt sie ihren Knochen unter dem Baum liegen und schleicht ins Gebüsch. , .

Beim Geräusch ihres Nahens flitzt der Mungo davon und laßt seinen Schatz zurück die Ueberbleibsel eines Perlhuhns. Aermlich! Besonders im Vergleich zu Zebra! Und außer einer wirren Federmasse ist herzlich wenig mehr davon übrig! Ader mitgenommen wird es doch Sie packt es also zwischen die Zähne und während der eine zerfetzte glugel am Boden schleift, läuft sie zu ihrem Baum zuruck, um nach Möglichkeit Zebrabein und Perlhuhnrest zusammen aufzuladen

Als sie auf die kleine Lichtung kommt, wo der Baum steht, stutzt sie von neuem. Eine wohl mehr als sechs Meter lange Pythonschlange hegt lang auf einem niedrigen Ast und läßt ihren Kopf zum Boden herab- hänqen. Jetzt gleitet sie langsam nach unten Kopf und halber Vorder- leib kriechen schon auf dem Boden, während das Schwanzende noch um einen Ast gewunden ist.

Obgleich die Pythonschlange es in keiner Weise auf das Stuck Aas abgesehen hat, das die Hyäne am Boden niedergelegt hat, gerat sie zu­fällig beim Abgleiten vom Baum so dicht im dessen Nahe, daß die in argwöhnischer Habgier lauernde Hyäne besorgt ist, um ihr Hab und Gut I geprellt zu werden. Zwar ist sie feig von Natur aber wenn es um ihr Eigentum geht, setzt sie sich erbittert zur Wehr. Heute morgen aber ist sie besonders kämpferisch aufgelegt, denn sie weiß, daß niemand von der ganzen Sippe so große Beute gemacht hat wie ste. So laßt sie das Perlhuhn fahren und fpringt auf die Pythonschlange los, die sich mit aufgerichtetem Kopf nach rückwärts zieht, wobei ihr Leib eine nefige 8-Form beschreibt; aber die Hyäne rückt ihr nach und schnappt zu. Sie verfehlt den Schlangenleib um Zollbreite und ihre Zähne schlagen klap­pend aufeinander. Im gleichen Augenblick fährt die Schlange herab, der Kops schießt über den Rücken der Hyäne hinweg und die Ringe schließen sich um den Leib des Feindes. Wieder beißt die Hyäne zu enger und fester noch pressen sich die Ringe um sie zusammen, ziehen sie zu Boden, sind nahe daran, sie zu erdrosseln. Doch der zweite Biß der Hyäne sitzt gut; sie hat sich tief im Fleisch der Schlange festgebisfen und zerrt und reiht unter gehässigem Knurren und Gurgeln. Läßt auch nicht locker, als ihr schon fast der Atem ausgeht. Endlich gelingt es ihr, ein ganzes Stück Fleisch aus dem Schlangenkörper dicht hinter dem Kopf heraus- zureihen. Da lockern sich plötzlich die Ringe, der Schwanz gleitet schlajf vom Baum herab, der Python liegt im Todeskampf.

Die Hyäne arbeitet sich aus der sie noch umgebenden Masse heraus, schüttelt sich, wirst einen Blick auf den Schlangenkadaver, beschnüffelt ihn, chüttelt sich abermals und packt sodann ihre beiden Trophäen auf: das Zebrabein und die zerfledderten Ueberrefte des halbverspeisten Perlhuhns. Sie ist noch nicht weit damit gekommen, da rutscht ihr der Bogel aus dem Maul. Sie beißt wieder zu, bekommt die eine Flügelspitze zu fassen und schleppt die Last, die ihr nun zwischen den Beinen schleift, weiter.

Es geht dem Bau zu: einer Reihe enger Gänge in einem Felshaufen nah beim Fluß. Bon drei Hyänenfamilien bewohnt, stellt er eine Art finsteres übelriechendes Verließ dar. Außen am Eingang liegen ein paar Knochen; mit einem davon spielen zwei junge Hyänen. Im Innern des Baues kauern auf dem Boden die fünf großen Hyänen und sichren sich die Ausbeute der vergangenen Nacht zu Gemüte; die Knochen splittern und krachen zwischen ihren Kiefern, und ihr Mahl ist schon beinahe be­endet, als der Pythonbezwinger erscheint und seiner Gattin Zebrabein und Perlhuhn zu Füßen legt und sie verschmäht es nicht, mit ihm gemeinsam noch einmal zuzulangen; mit erneutem Appetit reiht sie das Fleisch vorn Knochen herunter, während ihre beiden Kleinen herber­krabbeln, um sich an den Gesliigelresten gütlich zu tun. Erst als alles bis auf einige herunifahrende Abfälle vertilgt ist, legen sich die Hyänen zum Schlafen hin. Und so bleiben sie den ganzen Tag auf dem Boden ihres von beißendem Gestank erfüllten Baues liegen eng aneinanbergeprefjt, eine einzige Masse struppigen grauschwarzen Fells.

Schutz oft ein viel besseres Plätzchen eroberte, als es ihr allein möglich , g°°Die" Herde' als Ganzes schenkte ihr nur geringe Aufmerksamkeit. Hie und da tarn wohl so ein nörgeliger alter Wichsigmacher her zu ihr und versetzte ihr eins mit der Schnauze. Sie sollte es nur fühlen, daß ie nichts andres als ein lästiger Fremdling war. Aber die meisten hetzen fie in Ruhe, und es wurde ihr nicht verwehrt, sich bei den lungeren Herden­tieren^ auszuhalten. Mit der Zeit gewöhnte sich sogar die Mutter des jungen Zebras daran, die kleine Pallah saft wie ihr eignes Fleisch und Blut zu betrachten. Wenn der Sohn umherstrolchte, kam sie gelaufen und schubste ihn mit der Schnauze zu einem gesicherten Platz kehrte um und wiederholte dasselbe bei der Pallah, jagte sie >n die TOitte ber Sjerbe, unb wenn sie sich nicht genug beeilte, stieß sie sie mit der Schnauze m die Seite. Wenn das Gebrüll des Löwen zu hören war, wenn bie Km labile wieder mal ein Opfer gefordert hatten oder sonst eine Gefahr um den Weq war, pflegte fie sich erst zu vergewissern, ob auch der eigne Sprößling in ihrer Nähe weilte;- danach «der schaute sie jedesmal auch nach der kleinen Pallah aus, ob die sich nicht leichtsinnig der Gefahr aU5Ueberl)aupt war die ganze Herde jetzt sehr scheu geworden. Eine Woche nach dem Uebersall der Löwen war wieder em anderes Tier zerrissen wor­ben? diesmal als Opfer der Krokodile; und obgleich die Zebras der Not ge< horchend regelmäßig zum Trinken an den Fluß kamen, zauderten fi« doch immer lange, kehrten vorher um, kamen wieder, und machten da­nach fo an die fünf-, sechsmal, bis sie die Gewißheit erlangt hatten, dof sie nun ungefährdet zum Flußufer vorgehen konnten. Tag und Nach! waren sie jetzt argwöhnischer denn je, sprangen vor jedem Schatten davon, schreckten bei der unerwarteten Bewegung eines Vogels zusammen, Der ließen sich weniger auf ihre Schildwachen und hoben beim Grasen em übers andre Mal die Köpfe, um lauschend auszuspahen.

Bald hatten fie mit ihrer Furchtsamkeit auch die andern Herden am gesteckt. Wenn fremde Zebras, Gazellen oder Gnus ihre übergroß« famteit bemerkten und Zeuge waren, wie fie beim Ietfesten urivermutetex Geräusch aufsprangen, beobachteten auch sie selber eine besondere Ve^ sicht; so teilte sich denn Nervosität und Aengstlichkeit auch denen mit, du gar nicht wußten, welche Gefahr drohte. Es lag einfach m der Lust. 5)a tonnte fo eine Herbe aus einem ganz andern Teil der Steppe Herkommen gleich hatte sie heraus, daß hier eine mehr als alltägliche Wachsam!' qeübt wurde; angesichts der allgemeinen Unruhe wurde nun auch su selbst nervös. Elefanten und Nashörner übrigens wurden von der banf? lichen Stimmung nicht minder erfaßt als die kleinen Mungos urch di Klippschliefer. Auch die Löwen, die die Miturheber der ganzen Aufregui-z waren, spürten die Unruhe der Tiere, an die sie sich anschlichen, merkten, daß sie größer war als sonst, und ohne den Grund zu wissen, nahm« sie selber etwas von dieser Art an und legten jetzt eine gesteigerte Way famteit und Vorsicht an den Tag.

Während sich die Dinge in dieser Weise entwickelten, wuchsen dsi Löwenjungen immer mehr heran, unb je großer sie wurden, um so mch Futter brauchten sie. Immer öfter wurde es für die Löwen notig, au Jaqd zu gehen, wenn auch die übermäßige Scheu des Wildes den sicher-' Erfolg mehr denn je in Frage stellte. Geschah es doch mehr als einmal, baß Lowe und Löwin des Nachts ausgingen und ohne Beute heimkehrten, und dann waren die Kleinen den Tag drauf hungrig und verdriehlick. Den Tieren war jetzt aber auch kaum mehr beizukommen! Kaum reg e sich bei ihnen der Verdacht einer Gefahr, dann waren sie schon über au Berge; sonst hatten sie die Gewohnheit, wenigstens noch so lange wartend und gespannt dazustehen, bis sich ihr Argwohn noch mehr «1 bidjtete- in diesem Augenblick hatte der Lowe dann oft Erfolg. Jetzt *' gegen! Gerade kürzlich war es der Löwin noch folgendermaßen gegangen sie war der Zebraherde, bei der die kleine Pallah lebte, mehr als z°><> Stunden lang durch dick und dünn gefolgt, immer in guter Grasdeckm-j Endlich denn hatte sie den Sprung gewagt, wie gewöhnlich nach öa)uu*i und Hals zielend. War da nicht das Zebra gleich beim ersten leisen JW schein im Gras davongestürzt? Öerabc knapp sein Hinterteil hatte sie not packen und ihm ein paar lange Schrammen ms Fell reißen tonn ", basür aber die ausschlagenden Hinterhufe des Flüchtlings in den -Baut gekriegt!

Schon wieder ist eine nächtliche Streife ergebnislos verlaufen. In M Frühe kehrt die Löwin zu ihren Jungen ins Lager zurück, wahrend Löwe seine Jagd fvrtsetzt. - Dort schleicht er durchs hohe braune Gr-' bas seinen Rücken knapp cerbetft! Behutsam bringt er vorwärts, bar- keine ausfällige Bewegung der Halme seine Anwesenheit verrat. A hat er eine Gnuherbe gesichtet, unb sofort schleicht er sie an Nun ift « keine dreißig Meter weit mehr von ihr entfernt und duckt sich meo« denn er weiß: wenn er jetzt weiter vorkriecht, werden ihn die Wach-"' die sich ihm eben zukehren, entdecken, und bann hat er wieder einmal » Nachsehen. Bleibt er aber unbeweglich liegen, werden sie ahnungslos ihn zugerast kommen, und bann kann er sich in voller Grasbeckung not näher aus sie zuschleichen, nah genug zum Sprung.

Aber wenn auch die Herde langsam und stetig auf ihn zuruckt ° Wachen müssen etwas gemerkt haben! In unverkennbarer Unruhe die* fie stehen unb starren in der Richtung, wo der Lowe versteckt kaue Sofort macht auch die Herde halt. Die Tiere grasen zwar ruhig w-iia ohne äußere Zeichen der Aufregung, innerlich ist aber ein ledes M auf dem Sprung, beim ersten Warnungszeichen loszugehen. Endlich «KV sich eine der Wachen ein paar Meter weiter vor. Der Lowe ruh« m regt sich nicht. Aber das Gnu wittert plötzlich Gefahr; ohne weiter nW zuforschen, macht es kehrt und springt davon. AugenblicNich donnert andre Woche und die ganze Herde quer über die Steppe dahm!

Nutzlos, do zu folgen. Es gibt noch mehr Tiere, man braucht w lange zu suchen; vielleicht wird er bei einer andern Herde mehr ® haben. Und ohne seinen Rücken aus dem Grasmeer auftauchen zu W schleicht der Lowe zurück.

(Fortsetzung folgt.)