Ausgabe 
28.12.1936
 
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(Fortsetzung folgt.)

Als ich fuhr durch das Kanonentor, Spielte mir der Schiffsmann Weisen vor, Spielte mir aus der Harmonika Bon der großen Schiffskanonika ...

Wie ich weiterfuhr nach Dukatan, Legt ich bei den Austerbänken an, mich an viel tausend Austern satt,» Baute mir von Perlen eine Stadt ..."

Das WortKanonika" gefiel Klick ganz besonders. Er wiederholte em paarmal die Zeile. ....

Ein hübjches Haus hast dul", rief Saffafraß.Ganz mit Muscheln und Algen bewachsen. Deine Vogelscheuchen im Garten, sind das nicht große Quallen auf Stöcken? Wie Regenschirme mit Fransen ..."

Ich hab sie aus dem Meer gefischt", antwortete Klick mit der Leber- tran'faß-Stimme. m

Ich werde mir auch ein paar in meinen Garten stellen , antwortete d^Wlis ^willst du, meinte die Wirtschafterin, wieder auf das Gespräch hinhorchend. Regenschirme mit Fransen in den Garten spießen? Na warte, ich komme dirl Nicht zu glauben. . m

Es wäre hübsch, dachte Klick, wenn der Hustenonkel einen Regenschirm mit Quallendach hätte. , _ . ,

Wieviel Wasservögel hast du schon ausgebrutet? , fragte Sassafratz. Hunderttausend!", antwortete Klick.

Lauter Schwindel und Unfug!, sagte sich Marie. Das Bürschchen schneidet schon genau so auf, wie der Alte. Die sind, weiß Gott, nicht gescheit. Liegen am Teich, spielen mit einem Kinderschisfchen und machen sich was vor. Die zwei passen zueinander.

Zur Freude der Seesahrer kam nach einer Weile etwas Wind auf, und nun konnte dieAnastasia" segeln. Die Segel spannten sich an ihren Seinen.

Und zu Ehren des Windes und der guten Fahrt beförderte der Kapitän feinen Matrosen zum Obermatrosen.

Wenn er so weitermacht, dachte Klick, bin ich heute abend Steuermann. Bielleicht gibt es sogar Löhnung. Verpflegung hab ich schon.

Aber als es von einer Loschwitzer Uhr sechs schlug, verwandelte sich der Herr Obermatrose wieder in den ranglosen Jungen von der Weber­gasse, der sich plötzlich seines Küchenamtes, der Schulaufgaben und anderer häuslicher Obliegenheiten erinnerte. Die Marinelaufbahn wurde nicht fortgesetzt.

Ich muß heim!", sagte er.

Schluß für heute!", rief der Kapitän.

Und dieAnastasia" wurde in den Hafen zurückgelotst. Klick verab­schiedete sich, der Kapitän drückte ihm die Pfote. Und als Klick hinter dem Haus war, blickte er in feine Hand. Es waren wahrhaftig fünfzig Pfennig hineingefchlüpft. Er beeilte sich Heimzukommen. Fröhlich summte er etwas von einem Kanonentor und einer großen Schiffskanonika und dachte an den Kapitän, der ein prächtiger Mensch war und ein feiner Spielkamerad.

Abschied im Tierladen.

Klick hatte seinen Schulfreund Peter Stenzel und dessen Tiere besucht. Das Krokodil döste, sattgefressen, auf dem Fußboden in Peters kleiner Stube neben dem offenen Käsig. , .

Was hat es nun davon, daß es ein Krokodil ist, dachte Klick. Es krabbelt aus den Brettern herum, wo es vergeblich nach seinem Nil schnuppert.

Aus Stuhl- und Tischbeinen schien es sich nicht viel zu machen. Die Tapete glich schon mehr den Sümpfen des ägyptischen Stromes, schwärzlich sah sie aus mit ihrem gedruckten Blätterdickicht. Doch auch für sie hatte das amphibische Tier keine Zuneigung. Auch dem grünlackierten Blech- krokodil, das Klick mitgebracht hatte, wußte es keine Liebe abzugewinnen. Die Räder unter dem gelben Bauch und der Federantrieb in seinem Innern befähigten das Spielzeug, auf dem Boden hin und her zu rennen. Es stieß gegen das lebende Tier, ohne daß dieses die Störung empfand. Aus nichts machte es sich etwas.

Am liebsten, meinte Peter, verkröche es sich unter den alten Plüfchfeffel der Großmutter. Vielleicht, «eil es darunter dunkel war. Hätte die alte Frau, wenn sie noch lebte, die gräßliche Schnauze unter ihrem Schlummer­stuhl erblickt, sie wäre vor Schreck gestorben. Davor blieb sie gottlob! bewahrt.

Kannst du denn nicht im Garten ein stehendes Wasser anlegen?", fragte Klick.

Es wird geschehen, sobald das Schwesterchen Elli etwas älter ist", sagte der künstige Zoodirektor.Vorläufig ist es damit nichts, die Mutter erlaubt es nicht. Weißt du, Klick, mit kleinen Schwestern ist das fo eine Sache. Sie sind blöd."

Es ist freilich besser", meinte Klick,daß das Krokodil zu wenig Wasser kriegt, als das Schwesterchen zu viel. Wie ist es aber mit einer Badewanne?"

Manchmal nimmt das Krokodil ein warmes Bad in unserer Bade­wanne, dann wird ihm die Schnauze zusammengebunden, damit es nicht schnappt", erklärte Peter.Für gewöhnlich muß es jedoch mit der Käfig­wanne vorliebnehmen. Ich hab Wasser hineingeschüttet."

Das Krokodil hatte die Lider zugeklappt. Wie ein Bügeleisen lag feine Schnauze auf der Diele.

Schon zahm?"

Cs war nicht wild."

Ali Baba!", lockte Klick.

Der Name wirkte nicht. Regungslos verharrte das Tier.

Keine Sprechstunde", meinte Klick.

Gehn wir zum Storch!", sagte Peter.

Der Storch, dem die Flügel gestutzt waren, strolchte im Garten. Sein langer Schnabel hieb ins Gemüse.

Er ist sehr nützlich im Garten", erklärte Peter.Er frißt die Nacht-

Was ist ein Jahr?

Von Hermann Claudiu».

Was ist ein Jahr?

Ein Blatt vom Baum der Ewigkeit.

Da sinkt es hin.

Was ist der Mensch?

Ein Aederchen an diesem Blatt, das schnell verdorrt.

Doch ist dies alles Sinnbild nur und nichts lebendig als wir selbst.

Doch ist nur Eins, das köstlich ist: der Augenblick, der Atem tut.

O saug' ihn! Er will durch dich zur Ewigkeit.

Doch alles ist

H ein Sinnbild nur.

Glocken und Gläser klingen ...

Eine Betrachtung an der Jahreswende.

Von Wilhelm von Scholz.

Glocken und Gläser klingen zum Beginn eines Erdenjahres. Ein feier­licher und ein fröhlicher Klang mischen sich in die Nacht, in der ein Blatt des hundertjährigen Kalenders fällt und das nächste dahinter erscheint, die neue Jahreszahl zeigend.

Rückblick und Vorschau! Es gibt wohl keinen ernsten besinnlichen Menschen, der in der Silvesternacht nicht überdächte, was er im abge- laufenen Jahr erarbeitet, erreicht, erlebt hat, was an Glück und an Schwerem ihm begegnet ist und der nicht seine Fragen an das kom­mende stellte. _ . .. , .

Mancher auch betrachtet zuerst den bedeutsamen Tag und die geheimnis­volle Stunde selbst, die für die ganze Menschheit die Zusammenfassung eines vorübergegangenen Zeitraumes wird und zugleich das Aus- chlagen einer schneeweißen, noch unbeschriebenen Seite im Buch der Jahrhunderte ist. Er vergegenwärttgt sich, daß man den ewigen Umlauf der Erde um die Sonne beginnen läßt mit dem Wiedererwachen des Lichtes, dem Sichwiedererheben des Sonnenbogens, der eben feinen tiefsten Stand erreicht hatte und mag sich dabei vielleicht bewußt fein, daß er dieses Fest ja vor kurzem als Weihnacht, in der es von der göttlich-menschlichen Feier von Christi Geburt überleuchtet ist, schon einmal beging; daß sich diese heiligste aller jährlichen Nächte in zwei nahe einander solgende teilen mußte, um die ganze Fülle ihrer Bedeutsamkeit, um neben der gütig- tröstlichen überirdischen auch die irdisch-praktische Sinnwesenheit des Neu­beginnes aller Tätigkeiten und aller Ordnungen des äußeren Daseins tragen zu können.

Durch die eine wie die andere dieser beiden Jahresnachte, die eigentlich nur eine find, klingen die Glocken und klingen die Gläser; beide Nächte lenken den Blick vor und zurück; beide bewegen Herz und Sinn des Menschen in einer sowohl ernsten wie festlich-heiteren Ergriffenheit. Er denkt nicht nur an das eine eben abgelaufene Jahr mit den Sorgen und Freuden, die es gebracht hat, zurück; sondern er sieht fein und der Semen Leden auch in einer Reihe von Weihnachts- und Neujahrsnachten, an die er sich lebendig erinnert, die deutlich vor feiner Seele stehen, aus der Ver­gangenheit Heraufwachfen an das Jetzt, das Heut. Und er schaut von hier aus nun, die ihm nahen Lieben an der Hand, weiter in die Zukunst, die noch verborgene, der er mutig entgegengeht.

Dann lauscht er wohl in die Sternennacht hinaus zu den Glocken, die von den Türmen hallen und ihn mit ihrem Wogen in die große Gemein­samkeit seines Volkes ziehen, das jetzt überall im deutschen Land in gleicher Sitte, gleichem Brauch wie er die Neujahrsnacht begrüßt und sich zu gleicher Zukunft, gleichem Glück oder Leid innig verbunden fühlt. Mögen (ström ober Meer dazu rauschen ober bie klaren reinen Eisgipfel dazu schweigen, bie Bergwalbtannen bas Haus umstehen ober bie vom Schnee überbeetten Felder und Aecker in weiter Ebene davor sich breiten hier wie dort sind Fenster in die Nacht des Landes geöffnet und gehen die Segenswünsche hinaus. m , <_

Bei den wieder entzündeten Kerzen des Weihnachtsbaumes aber-- bie fo recht zeigen sollen daß auch hier unb hier zum zweitenmal d'e Wieder­kehr das Wiedererwachen des Lichtes gefeiert wird laßt er mit dem ihm nahen lieben, ihm befreundeten Menschen fröhlich die Glaser Hingen, gibt und nimmt auch noch mit Blick und Händedruck die freundlichen Wünsche fiir Glück und Heil des einzelnen und unseres Gesamtschicksals als Volk in dem beginnenden neuen Teil der Zeit.

In manchen Gegenden Deutschlands schallt dazu von draußen vielleicht noch der Knall von Feuerwerkskörpern unb bas laute Zusammenschlagen von Deckeln unb Geschirren ins Zimmer herein. Das ist eine treue, wenn auch unbewußte Erinnerung an frühe, starke, heibnifche Zeiten; an Zeiten, in benen es noch Geister unb Dämonen in ber Luft, in Walb und Flur gab, unselige Kobolde, die man lärmend vertreiben mußte, damit sie oem anhebenden Jahre nicht Unfegen und schlechte Gabe beimengen konnten! Denn dazu hatten sie nach dem Glauben unserer frühen Vorfahren m einer so wichtigen Nacht wie der Neujahrsnacht in der die Menschheit sich der Freude und dem Feiern überläßt am ehesten bie Möglichkeit. Wenn roieber erst bas Jahr der in sich zusammenhängenden Arbeit, der harten energischen Arbeit begonnen hatte, dann vertrieb schon der Fleiß unb der angespannte Wille unb bie tätige Hanb des Volkes alles Ge­spensterwesen von selbst. So dachten unb wußten die Vorvater.

Der jährliche Einschnitt in die Zeit ist damit eigentlich etwas, das uns mit den ältesten Epochen deutschen Sinnens über bie Natur, deutschen