GietzenerZamilieiiblätter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
^abraana l93b Montag, den S. Oktober Nummer 77
FELIX TIMMERMANS
Die Delphine
EINE GESCHICHTE AUS DER GUTEN ALTEN ZEIT Aus dem Flämischen übertragen von Peter Mertens /Insel-Verlag Leipzig
13. Fortsetzung.
Er seufzte: „Da steckt nun genug drin, um meinen Kopf wie Mus auseinanderspritzen zu lassen! Es ist doch sonderbar, daß eine so unschein- bare Klatschbüchse, mit Wasser, Kies und ein wenig Papier gefüllt, eine Menschenseele in den Himmel bringen kann."
Pirruhn wog die Pistole in der Hand. Dann blickte er sich um. Er betrachtete sich eine Weile in der blauen Glaskugel, die an der Decke ^‘"eine bläuliche Rheinlandschaft mit dicken, weißen Wolken, die Schwan gemalt hatte, nahm er von der Wand und stellte sie verkehrt in den erloschenen Herd, lieber das Spinett breitete er ein rotes Tischtuch. Den Globus ließ er stehen. „Mein Fleisch darf bis nach Afrika fliegen , sagte er. „Was habe ich jetzt noch zu tun?" Er sah um sich. „So, mein Bild! Das muß noch dran glauben. Es gibt nur dies eine Bild von mir, und ich will nicht, daß man später sagen könne: Das war der Mann, der das getan hat." _ ,,
Er riß das Handtuch herunter und stieg auf einen Stuhl, um das Gemälde von der Wand zu nehmen. Die Holztäfelung, worauf ihn Schwan mit hohem, weißem Hut und purpurnem Mantel auf dunkelbraunem Grund gemalt hatte, war mit starken Nägeln an der Rückseite des goldenen Rahmens befestigt. Er zog und zerrte, aber er konnte sie nicht losreißen. Seine Hände waren plötzlich schmutziggrau von Staub, als hätte er in Asche gewühlt.
„Schade um den Rahmen, aber dann muß er eben auch dran glauben! Jetzt noch ein Hackbeil!"
Pirruhn ging in den Schuppen, um das Beil zu holen. Er schimpfte über Kato, weil er es nicht sand. „Dann muh es mit der Säge gehen", meinte er. Er reckte sich, um die Sage vom Haken zu nehmen, da wurde geklingelt. t
Pirruhn blieb mit erhobenem Arm wie versteinert stehen und wurde ganz blaß.
„Ich mache nicht auf", murmelte er.
Wieder wurde geklingelt. „Ich bin für niemand zu sprechen, fu niemand", zischte er, mit der Säge ins Haus stürmend. Jetzt läutete die Klingel ununterbrochen, so daß das ganze Haus davon erdröhnte.
Er lief ein paarmal mit der Säge in den schmutzigen Händen verzweifelt um den Disch, fluchte, schimpfte und schrie, daß ihm der Speichel aus dem Munde spritzte, während die Klingel immer lauter und lauter lärmte, so daß ihm Hören und Sehen dabei verging. Plötzlich, mit dicken Adern im roten Gesicht, lief er zornig in den kühlen Gang, riß fluchend die Tür auf, und da stand, blaß und keuchend, Adelaide van Sint-Jan.
Pirruhn erschrak gewaltig und wurde genau so weiß wie sein Halstuch..
Angst lag in ihren Augen, sie war erstaunt über seinen schwarzen Anzug und seine weiße Halsbinde, aber als sie die Säge in seinen schwarzen Händen sah, glitt ein freudiges Lächeln über ihr Gesicht.
Er war ichllchtern und verlegen und sagte, ohne nachzudenken: „Kommen Sie herein!" Sie stieß ihn beiseite und lief durch den Gang in die Stube. Sie schlug die Hände vors Gesicht, als sie am hellen Tage die geschlossenen Borhänge und die brennenden Kerzen sah; und als sie aus dem Tisch die Pistole bemerkte, stieß sie einen Schrei aus, der ihr halb in der Kehle stecken blieb.
„Diese Pistole, Simon?"
„Um Mücken totzuschießen."
„Oh, das habe ich doch gleich gedacht, als Schwan es mir erzählte! D Simon, lieber Simon", sagte sie weinend.
„Was ist denn mit ihr los?" dachte Pirruhn verwundert, „hat sie nun nicht ,lieber Simon“ zu mir gesagt?"
„Simon, lieber Simon, tue es nicht, tue es nicht!" flehte sie durch ihre Tränen. „Du mußt mir verzeihen, guter, bester Freund!"
Pirruyn wußte nicht, wie ihm geschah.
Sie kam dicht an ihn ' eran und streichelte seine Backen. „Nun weiß Ich erst, wie lieb ich dich habe. Als ich merkte, daß du, nachdem ich dich abgewiesen hatte, nie wieder mein Haus betreten würdest und du auch nicht mehr kamst, da fühlte ich, wie lieb ich dich habe und wie deine Liebe mir stets ein Trost gewesen war. Ach, ich vermutete wohl, was
du vorhattest, oder vielmehr, ich glaubte dich dazu imstande, aber ich hoffte, dir irgendwo zu begegnen, und dann wäre alles wieder gut geworden. Ich habe in diesen Tagen deinetwegen sehr gelitten, Simon, aber als Schwan mir von dem Fest erzählte, o Simon, dann, bann, nein, ich kann es nicht sagen ..." Sie nahm seine schmutzige Hand in Ihre weißen Hände.
Zum erstenmal in seinem Leben sah er sie so zärtlich, mit diesen feuchten Augen, dieser zitternden Stimme, diesem liebevollen Ausdruck im Gesicht. Er sand daß sie schön war so, so echt menschlich, so ganz ohne Stolz und Hochmut.
„Kannst du mir verzeihen?" bat sie wieder.
„Und bann?" fragte Pirruhn, sie ruhig ausforschend, und holte tief Atem, während er aus ihre Antwort wartete.
Sie betrachtete ihre weit ausgeschnittenen Schuhe und ihre weißen Strümpfe, rieb sich die Hände, und während ihre Hängebacken vor Ber» legenheit flüchtig erröteten, sagte sie lispelnd und schüchtern wie ein Junges Mädchen: „Ich will deine Frau werden."
„Die Säge fiel zu Boden. „Du meine Frau", fragte Pirruhn mit ausgestreckien Händen, „du ... du ... ja? ja? Meine Frau ... aber du hast einen Namen ... einen schönen Namen."
„Ich werde deinen Namen tragen"
„Meinen Namen? Meinen? Gott, ach Gott!" Er wollte sie plötzlich umarmen, sah jedoch seine schmutzigen Hände.
.Warte, erst die Hände waschen!" Er eilte in die Küche, hielt die Hände unter die Pumpe und trocknete sie, wieder hereinlaufend, hastig an seinem schwarzen Anzug ab.
Während drinnen die Pumpe piepte und das Wasser klatschte, zog Adelaide entschlossen die Fenstervorhänge in die Höhe, öffnete die Doppeltür nach dem Garten und blies die Kerzen aus. Da stand sie nun in der späten Sonne, die hereinströmte und ihr grünseidenes Kleid, das wie fließendes -Wasser war, und die Reinheit ihrer weißen Haube beleuchtete. .
Mit nassen Händen kam Pirruhn zurück. „Komm nun, Honig meines Lebens!" jubelte er, schloß sie fest in seine Arme und drückte feinen Mund auf den ihren.
Und ihren Atem, ihr Fleisch, ihre ergrauenden Locken, ihre Hande auf feinen Backen, alles hatte er nun auf einmal! Diese Frau, auf die er zwanzig Jahre gewartet hatte, lag nun fest an seinen Körper geschmiegt, und ihr Herz gehörte ihm! Es war säst nicht zu glauben; es erfüllte ihn mit einem so großen Glücksgefühl, daß ihm die Tränen in die Augen sprangen.
„Noch heute abend gehen wir zum Pfarrer", sagte er, mit vor Seligkeit zitternder Stimme.
Die Tat.
Eine Stunde später lief die Nachricht durch die Straße, daß man Anna-Marie aus dem Wasser gezogen habe. Und durch den abendlichen Frieden der kleinen Stadt, die ihre Dächer und weißen Giebelspitzen im Gold der späten Sonne badete, klangen die hellen Töne einer Klingel, lieber die runde, steinerne Brücke, die sich im Wasser wiederspiegelte, schritt der Küster, gefolgt vom Dechanten, der unter den goldenen Falten seines Chorgewandes das Heilige Sakrament trug ....
In der Dämmerung der grünen Bettvorhänge, die mit silbernen Borten abgesetzt waren, lag sie in heißem Fieber. Der schwarzgelockte Kopf mit rosigen Wangen sank tief in die weißen Kissen, die blassen Lippen waren etwas geöffnet und zeigten die oberen Zähne. Die großen Augenlider lagen geschlossen unter den schwarzen, bogenförmigen Brauen, und die kleinen Hände ruhten auf der Steppdecke aus lachsroter Seide; sie lagen welk auf ihrem mageren Körper, waren kleiner und dünner als sonst, blaß, fast weiß, und zeigten scharf die Linien der blauen Adern. Dunkel und warm leuchtend glänzte der große Rubin am Ring ihrer linken Hand.
In einer silbernen Schale auf dem Nachtschränkchen lagen eine gelbe Birne und eine blaue Weintraube.
Wie Schwärme toller Fliegen summten die Gedanken in ihrem Kopf. Tatsachen und Ereignisse fielen wie spröde Asche auseinander, wenn sie nur flüchtig daran rührte. Aber wie eine silberne Kugel, mitten im Tanz der Schemen, stand ihre Tat fest und klar in ihrem Kopf. Eins jedoch wußte sie nicht, begriff sie nicht, wie sehr sie sich auch bemühte, es aus ihrem Gedächtnis hervorzuholen, nämlich: hatte sie sich ins Wasser fallen lassen, oder war es geschehen ohne ihren Willen, war es ein Unglück gewesen? Das mußte sie wißen. Sie sah ganz deutlich, wie es gekommen war, wußte aber nicht, wie es geendet hatte. So wie jemand, der etwas verloren hat und nicht weiß wo, in Gedanken den Weg zurückwandert, um die Stelle zu entdecken, wo ihm der Gegenstand abhanden gekommen ist so auch suchte sie. Ganz deutlich sah sie sich in der Kirche sitzen, wo sie vor dem Bild Unserer Lieben Frau der Sieben Schmerzen gebetet und die trostreiche Eingebung empfangen hatte, daß sie nun bald


