Ausgabe 
8.4.1932
 
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Bank anstellt!"

Eine Dame spricht über Literatur. Emer ihrer Begleiter versichert: .Er ist weiß Gott, vorgestern am Abend mit ordinärer Post arriviert und hat, wie man sagt, bei den ,Drei Rosen' auf der .Wiese' Logis genom­men."Ich habe den Götzen mit der eisernen Hand in Berlin gesehen , meint die Dam« und schürzt die Oberlippe,eine brutale Komödie. Es stinkt einen von den Brettern an, sie trampeln nut den Rüstungen auf, daß es nur klirrt. Man ist hineingerannt, um das alte Kostüm zu begasfen.

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Und trinkst du es aus oder verschüttest du es ... einmal wird es leer sein" denke daran!" Rach etlichen lauschenden Schritten setzte sie bestimm­ten fast trotzigen Tons hinzu:Du fällst auf deine Wertherzeit. Das macht dein Umgang mit den eigenen Werken. Ich wollte, Herder wäre schon da. Er ist der einzige, der dich darüber hält."

Goethe lachte. Sie sah rasch auf.

"Well^du" nicht merkst, Lotte, daß du jetzt aus meine Wertherzeit ein geringe eifersüchtig warst, und das ist hübsch an dir."

Glaub' was du willst", sagte sie kurz.

Herdern zu Hilfe rufen", meinte er laut mit einer ungeduldigen Bewegung.Als ob ich nicht selber hinter Werther, Götz und allem, allem mit Furien des Gewissens stünde! Aber ich habe dir geschrieben, daß Karoline, sie allein ganz ohne meinen Beistand, ihren Generalsuper­intendenten auf das artigste zum Schweigen gebracht hat, da er meinem Werther die durchwetterten Locken hat frisieren wollen. Und das bringt dich auf. Ruf dir nur Herdern zu Hilfe! Bald ist es da."

Ich brauche Hilfe nicht, du aber. Und dazu reiche ich kaum mehr.

"Weiß Gott, ich habe Hilfe nötig und just von dir!"

Das sagte er unbefangen, daß ihr Gesicht den 'Merger verlor.

Wie immer", kam es besänftigt von ihr.Es scheint mir der schönste Teil' meiner Liebe, daß du meiner bedarsst."

Mache mich nur weiter gut, Lotte", sagte er nicht ohne leisen Spott, dann wirst du einmal den besten Menschen aus mir gemacht haben."

Das war nicht edel gemeint, Goethe. Wenn du allein bist und mir schreibst, dann meinst du' es besser. Du auch, auch du redest besser zu deinem Traumgebilde." Ihre Stimme war matter.

(Fortsetzung folgt.)

^IHorttich; Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch, und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.

Hnb dann, was wollen Sie weiter, mein lieber Legationsrat, mit diesem Werther?"Oh, beachten Sie die Seele, Madame, die hingerisiene Seele! Welch ein Sentiment, welch feurige Passion! Die ganze Welt war erschüttert!"Und es ist aus mit einer Delikatesse in der Literatur. Er soll eine Amour von ihm sein, der ganze Werther, und man erzählt, die Leute die er damit betroffen, sind bis zur Irritation nibigmert. Enfin eine Indiskretion! Bedenken Sie, sich vor aller Welt ausgezogen zu wissen!"Es ist die Kunst, ma chere, die neue Kunst, ihre Freiheit! ?,Der Mann ist Geheimrat, er ist geadelt, er sollte derlei aus dem Handel ziehen. Ich lese gerade des Geheimrat von Thummel entzückende .Wilhel­mine'. Sehen Sie: auch ein Geheimrat, aber welch eine Noblesse we ch ein Charme, spirituell, pikant! Was sollen uns die deutschen Gesuhls- schlächtereienl" Die Dame ist empört und weiß nicht, daß der vernichtete Autor sie hören könnte, denn er steht nicht weit von ihr bei einem dicken Herren, der sich unter tiefen Bücklingen empfiehlt:

Dero Exzellenz Anwesenheit haben mir die 3ntontrnobitat einer ordinären Postfahrt zum beneideten Souvenir gemacht. Man hat mich schon gefragt. Ich stehe hier und in Leipzig feder Zeit zu dero Exzellenz 0ei)2)erltgiüe1 ^rr°Richter! Goethe reichte ihm freundlich die Hand. Herr Richter war also seinetwegen angegangen worden.

Auch andere bemerkten ihn. Er verließ den Sprudel, um Charlotte .und ihre Gesellschaft am Reubrunnen zum Spaziergange zu treffen und dann mit ihr die Schokolade zu nehmen. Er fand sie itn Gehen. Sie reichte der Harfenspielerin, die ihre klägliche Kunst zum Heiltrunke hat, eine Münze so zartgeneigt und freundlich, daß ihm das Herz vor Liebe schlug.

Als sie dann unter den Lauben des Böhmischen Saales in heiteren Gesprächen geruht und den köstlichen Hunger eines seit Stunden bewegten und nüchtern gehaltenen Körpers gestillt hatten, war es ihm möglich einige unbelauschte Worte an sie zu richten. Sie kamen durch die Allee bis an das Komödienhaus. Die andere Gesellschaft war zurückgeblieben, ein Graf Thun ritt hohe Schule. Man stand in der breiten Mltteallee, sah den Reiterstückchen zu, und das prächtige Fell des Goldfuchses schim­merte über dem Muskelspiele.

Du entziehst dich mir. Ich habe mich in Weimar nach dir verzehrt. Lange Wochen ...." ., .....

Di« Tepel-Aue, durch deren Bäume di« Sonne eines iugenbfrifd)en Morgens lockte, schien mitzusprechen. Ein schmaler Weg auf dem seicht- fallenden Rasenhang führte flußaufwärts, und das Wasser umrie elte Gesteintrümmer und Kiesbänke, auf denen üppiger Lattich stand. Etliche hundert Schritte voraus und noch in einem leichten Morgennebel verloren, denn die Berge hielten den Schatten lange, sahen sie gleichgewandten Blickes eine turmhohe Felsbrust gegen das Ufer gedrängt Auf dem schmalen Wege halten nur zwei Menschen nebeneinander Platz. Er ging, und sie folgte. , , ,

Das kurze Schweigen sammelte beider Herzen.

Und du, Lotte, hast du dich nicht nach mir gesehnt?" Rach dir, mein Freund, nicht nach deinen Bedrängnissen.

Er bekam eine finstere Stirn und nagte an seiner Lippe. Sie hob ue Singer leicht und strich ihm, rote ein Hauch so leise, quer über den Brauen hin schnell, ohne Scheu und lächelnd. Er konnte ihre Hand nidft fassen und sie an seine Lippen führen, die Menschen waren noch zu nahe; auch ließ ihre Haltung jeden gewandten.Rückzug vermuten.

Du bist gekommen", sagte sie ernster, rascheren Schrittes, denn er war bei der Berührung stehen geblieben,und es ist beinahe dahin, wonach ich mich gesehnt habe." .

Weil bu die Traumgestalt liebst, nicht den Menschen.

Jeder Liebende, mein Freund", brachte sie eilig entgegen. Und sie wiederholte, da er stumm blieb:Liebt nicht ein jeder nur seinen Traum in dem andern?" . , . . ., ,,

Das ist für uns nicht gut, Lotte; du hast mir zuviel angeschafsen. Mein Mensch möchte es kaum halten." .

.Drohst du wieder, mein Goethe? Es ist eine Furcht in dir. Aus Furcht wirst du stets angespannter, ungeduldiger." . v . .

Nichts Ungeduldigeres als ein Gefäß, das übervoll in der Hand

re»,. Weimar war geworben, von dem bie große Welt zunächst mit orübem Entsetzen, dann mit Neugier und endlich staunend oder erlednis- < (üftern sprach. Und er hatte es bis auf die Hefe getrunken, dieses Weimar, und hatte alle nur durstiger gemacht. Auch Herder strebte ungestillt for. Obne sie ohne Lotte, wäre er längst nicht mehr zu halten gewesen. S batte ihn an Grenzen und Maße zurückgebannt, kein anderes Wesen ver­mochte wie sik in ihn zu lauschen und so die treibenden Stemmen seines Innersten zu immer reinerer Gestaltung zu zwingen, traft ihres Herzens, kraft einer unveAetzlichen Zartheit, der Kühle ihres Blutes und gerade deshalb weil sie das alte Weimar, das er üb erstürmt und aus getrunken hatte unwandelbar, wie leibererbtes Wesen in sich trug, ©eine ^icbe zu ihr weckte den bildnerischen Zwiespalt, der einem schaffenden Menschen das Geben n>ert fein läfat, bis eine 9)Uffion erfüllt ift. «« r.

Schien sie erfüllt? Er hatte einen engen Hof dem Bürgertum der Welt verbunden und war dabei ... war dabei h°^h>g geworden Ihn brannte der Durst nach Menschen und Welt, neuen Menschen, neuer Welt.

Da war es die, vordem auch in Weimar nicht gewonnene, Freiheit der Begegnung und die anmutige, nie verpflichtende Geselligkeit der vor­jährigen Kurwochen in Karlsbad gewesen, die ihn kaum bewußt zu einer Umwandlung trieben. Karlsbad hatteihn die stets enge s h . Bezirke der thüringischen Residenz unerträglicher suhlen lassen. Aber Karls­bad brachte ihm auch ein anderes: das Erlebnis bes Sprudelquells, de alle Einwölbung bedrohenden heißen Springers dessen ungebandlgte Kraft Verderbnis werden konnte. Hier sah er das lebendige Zeichen einer zur Heilsamkeit gezwungenen Dämonie, die gleichwohl ihre Entladung findet; ihr muß nur Raum geschaffen sein. Und so fand er tfier emen Ueberqang. Es war ihm nicht mehr rote ehedem möglich, schroff zu brechen, Gewordenes gewaltsam zu stürzen. Er wollte alles halten und in ein erweitertes Gefild einfügen. Zahm geworden durch sie, durch Lotte, und freier zugleich, als sie ahnte!

Schon am zweiten Morgen war er, zwar noch von wenigen erkannte aber von den meisten gewußt, mit seinem Porzellanbecher und dem Stock an dem Brunnen zu sehen. Dort losten sich die sonst herb geschlossenen Gesell chaftskreise, und wie vor Gott schien vor der heilkräftigen Natur­gewalt, der man sich ergab, alles gleich. Die Erregung der snuhen Mor­genstunde, das lebhaste Gedränge, züroeilen in bequemster ia salopper Kleidung, doch auch nicht ohne Coiffure, Puder, Schminke, Putz und Orden, die allgemeine Erwartung der Quellroirtfamtett und lebe Un- gebundenheit, die sie erforderte, zudem, daß sich die Kur unter den Äugen der drei Aerzte abspielte, die bei den Brunnen auf Banken faßen und ihre Patienten der Reihe nach zu sich luden all das wachte die Men­schen gegeneinander unbefangener und so sehr von ihrer beachtenswert gewordenen Natur eingenommen, daß sie sich gaben, rote sonst nur unter "^Bge" SbSer, Geistliche und Militärs, sie mochten völlig unbekannt sein, traten auf einander zu, schwenkten die Hute tief, falu- tierten, machten ihren Kratzfuß, boten die Dose zu einer JJnfe »raj ober auch nur Rape. Und dann war für das Mundwerk kein Einhalt mehr Man erwies sich der neuen Bekanntschaft als eine Persönlichkeit tiefsinnigster Beobachtungsgabe und erstaunlich sicherer Lebenshaltung ober als eine Dame erlesensten Geschmackes und feinsten Gefühls, lief auch di« Plappermühle voll Alltäglichkeit. Es kam auf das Gesicht an, in dem man sich gefiel, um andern zu gefallen, und eine bezwingende Form glaubte jeder zu meistern. So war bie leichte Laune und lene sauste Freudigkeit zu sinden, die ersprießlich zum Wasser wirkte und auch einige Menschen von Geist erheiterte, bie sonst kaum Geschmack an dem Jahrmarkt der Eitelkeiten gefunden hätten.

Haben Sie es schon beim Psefserküchler Urban, ,Zum goldenen Paperl' heißt das Schild, probiert? Verlangen Sie von. denen Pastarana- küchle. Ich esse sie unter den ersten Bechern auf meinem Logis. Die tarieren besser als das Salz. Runde Küchle mit Zucker und E, glaciert.

Nein das Dejeuner dansant war fade. Ich wäre vor purem Ennui fast unigestanden. Uebrigens die Pendeloques und das Collier der kleinen Darczinika! Näher besehen, es ist der Mühe wert, denn sie hat ein charmantes Dekollete, ich sage Ihnen: alles Sumte, Pariser Bijouterie ..." , , . . . . .

, Ich geb vierzig Kreuzer und hab eine Supp und drei Schusseln dafür- mein Diener ißt um neun Kreuzer eine Supp und die Portion Rindfleisch. Bei der Mühten Wittib auf dem Kirchplatz zum .Sanssouci. Ich bins zufrieden und die Hauswirtin wärmt mir die Menage auf, es ist akkordiert und das Gedeck dazu."Mühten sagen Sie, auf den^ Kirch­platz»" Ja oder wollen Sie einen besonderen Tisch, |o schicken Sie auf die Wiesen in den .Goldenen Löwen' zum Bartel Weißhaupt, auch m die .Sieben Kurfürsten' auf dem Ring Kost' aber einen (Bulben...

Zwei Herren unterhalten sich beim Springer über die Natur des Sprudels und der Sprudelsteine zufiirderst der alte Muller, der Steinschneider. Er hat ihn aus dem Fundament der Stadtkirchen gegraben, und der Doktor Becher hat ihn die Steine schleifen geheißen. Der Doktor hat seine Theoria darüber, er will zwo Gattungen scheiden, bie ein ist ftirdeni entstanden und heunt nit mehr, wird aber ausgraben, bie ander siehet man am Tage, und ist der gele Tossstein."Ein inventiöser Mann, dieser Doktor! Er hat auch die Fabrikation des Salzes dort in dem Haus aus denen Kesseln entdeckt. Sie sollen ihn darob nickst wenig moleftiert haben seine Eoncitoyens, aus Furcht, daß mit dem exportierten salz die Gäste ausbleiben."Ei was, das tut dem Doktor nichts an; der ist der reichste Mann im Ort. Bemerken Sie nur, rote man sich vor seiner