Ausgabe 
8.7.1911
 
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ganz der Apostel: er trug ein »vallendes weißes Gewand', höchst malerisch im Fall der Falten; auch waren seine Füße nackt und mit Sandalen umschnürt. Er blätterte in einein kleinen Buche, in WildesDe profundis", und auch, Niels Kruse las: in der Morgenzeitung.

Nun legte Moebius den Wildeschen Ausschrei wieder auf das mit Perlmuttintarsien geschmückte Ebenholztisch- chen zurück und blickte prüfend zu Kruse hinüber.

Du scheinst etwas sehr Interessantes in unserm Klatsch- blättchen gefunden zu haben," sagte er.

.Jawohl," entgegnete Niels und nickte.Hör zu." Und er las vor:Weizen eröffnete willig unter der letzten Schlußnotiz, da ausländische Nachrichten keine Anregung boten."

Bitte," sagte Moebius und fuhr mit der Hand durch die Luft.

Es fteilt mich, daß du meinen Geschmack teilst," er­widerte Niels und las weiter:Der Maismarkt nahm wie gewöhnlich einen lustlosen Verlauf, so daß sich bei willigem Schluß 'die Notierungen ein Drittel niedriger stellten."

Was ich lebhaft bedauere, "entgegnete Moebius,Aber ich mache dich darauf aufmerksam, daß ich doch mehr mit geistigen Werten handle als mit materiellen."

Niels legte die Zeitung fort und schlug die Beine über-, einander, die in ungeheuer weiten, nach unten zu sich ver­engenden Pantalons ans goldgelbem Velvet steckten. Dazu trug er rote Saffianschuhe mit Pompons an den Spitzen und eine türkisch gemusterte Morgenjacke mit Dolmanver- schnürung.

Beweis dafür, daß dir das Verständnis für den wohl­tuenden Reiz des Wechsels fehlt, lieber Arthur. Das ist die Realität, die das zu hoch schnellende Phantasiegeivicht auf der Wäge unseres Denkens wieder ein wenig hernnter- drückt und denk sogenannten Gleichheitsprinzip "zum Siege verhilft. Du aber freilich wirst niemals aus dem Schwan­ken deiner Empfindungen h'erauskommen. Philosoph und Pastor ---- Liebster, auch mit den schönsten Dednkationen

wirst du nicht das unvereinbar Gegensätzliche znsammen- schweißen können!"

. Moebius nahm einen letzten Schluck Kaffee.

Das alte Thema," sagte er.Du rührst gern daran. Warum nur?"

Weil ich aus dir noch immer nicht klug geworden bin. Wenn deine Philosophie auf festen Fußen wandelt und keine luftigen Sprünge macht wie ein Klinischer Ballon, so mußt du auch der Ueberzeugung sein, daß es keine ewige Wahrheit gibt, sonderri nur eine Wahrheit der Zeit. Natürlich der Heilige Augustin sprach und lehrte anderes a!s du, der mo­derne Reformer. Aber sein Eredere non potest homo nisi volens ist doch auch für dich noch Grundlage. Und das ist ein Unsinn der neuen Erkenntnis gegenüber."

Nach deiner Anschauung, Niels, nicht nach der meinen. In der Tat kann der Mensch nur glauben, wenn er will das ist heute so, wie es damals war. Und wenn, aller mystische Glanz der Ueberlieferungen bis auf den letzten Schimmer verflogen sein wird: die Lebenskraft der Religion wird dennoch nicht beeinträchtigt werden können. Selbst­verständlich: das Weltbild ändert sich von Geschlecht zu Ge­schlecht, und die Wahrheit von gestern kann morgen schon Irrung sein. Aber das Eine bleibt ganz gewiß ewig: allen Gegenbewegungen der Kultur zum Trotz bleibt in UM die tiefe Sehnsucht nach dem Unwirklichen. ° Greif doch in dein eigenes Herz, Niels! Was zwingt dich denn zu der Eigenart deiner Kunst? Ein ausgesprochen religiöses Emp­finden, das einer inneren Erhöhung."

Er erhob sich rasch und trat aii das große Bild heran, das rechtsseitig des Fensters auf der Staffelei stand.

Schau her," sagte er,schau einmal deine letzte Schöp­fung an! Es ist eine Illustration zu dem, was ich meine; eine Abkehr vom Weltlichen und in der ganzen Auffassung erfüllt von dem Ausdruck frommer Gesinnung."

Nun sagte Niels Kruse etwas Unfrommes. Er rief -Donnerwetter!" und sprang in die Höhe und pflanzte sich, die Hände in den Hosentaschen, breitbeinig vor seinem Bilde auf. Er wollte, in diesem Bilde seine Frömmigkeit sehen. Mber er sah ganz etwas anderes. Er sah nicht das, was! da war, sondern das, was fehlte. Und da zogen sich seine starken ;chwarzen Brauen, die sich so schön beinahe berühr­ten, noch mehr zusammen.

Es war wieder ein Märchenbild oder doch etwas Aehn-

licyes. Der Frühlingswald' tat sich auf: ein Buchenhain- den der Mond durchleuchtete, und das Mondlicht spann! seinen alten Zauber zwischen den schlafenden Bäumen, rin­gelte sich goldig um die bemoosten Stämme und streute blanke Tupfen über Farren und Heidekraut. Ein Weg führte quer durch den Wald, ein schmaler Fußpfad, der war ganz hell und den schritt ein Mann hinab, in weißein­wallendem Gewände mit schönem sanftem Apostelkopf. Er trug etwas in der Hand, aber man wußte nicht was, denn es war noch nicht ausgeführt: die Stelle iuor frei geblieben. Doch sah jeder: es war gewiß ein heiliger Mann, vielleicht! ein frommer Siedler, der zu einer armen Kranken gerufen worden war und mochte ihr die letzte Oelung bringen oder eine Arznei oder aüch eine kräftigende Labung. Aber da der Weg sich wandte, stutzte er. Da kroch grünes' Wasser durch den Wald, und zwischen den Stämmen schimmerten auf braunem Moor metallische Flecken, ließet das Luch strich ein zarter Nebel, und aus dem Nebel löste sich eine gespenstige Gestalt, ein nacktes Mädchen, doch wie ver­schwommen und nur angedeutet, mit erhobener Hand, gleich­sam winkend. Auch diese Gestalt war noch unfertig: ihr fehlte der Kopf. Der schlanke Hals verlief in einem breiigen Gemisch fahler Farben.

Niels paffte sehr stark, als er vor dem Bilde stand. Seine rechteHand fuhr hin und her, Fakten gingen über feine Stirn und wichen wieder, im Ange flackerte ein unruhiges! Licht.

Es ist nichts," rief er,es geht so nicht! Der Wald! gut da andre ich nichts. Die Perspektive ist sogar famos; der verlaufende Sumpf mit den öligen Patzen ans dem stinkenden Wasser, auch vorn die nassen Steine und der verdämelte Froschkönig auch die Mondkringel int Nebel, auch die Durchsicht und der Mick den dampfenden Weg hinauf das ist alles in Ordnung. Das bleibt, wie es ist. Aber die Figuren! Ja, Arthur hörst du über­haupt auf das, was ich mir zu äußern erlaube?"

Moebius war an das Fenster getreten, hätte den Vor­hang ein wenig zurückgeschlagen und schaute hinaus. Doch er nickte gleichwohl.

Ich höre schon," sagte er.Aber das Fromme liegt nicht so sehr im Gesichtsausdruck als in der ganzen Bild­auffassung. Du kannst gar nicht anders malen.

Jetzt wurde Niels ärgerlich.

Ach, geh mir doch mit deinen moralinsaureu Philo- sophenem! Ich habe keine Tendenzen und keine andere Auffassung als die rein künstlerische Und wiederhole: dein Gesicht paßt mir nicht. Warum hast du eine so sanfte Larve?"

Such dir ein anderes Modell, mein Junge. Die Vet­tern von der Muckerseite werden so wie so räsonniereu- wenn sie mich in deinem Zauberwalde entdecken. Läßt sich ein protestantischer Geistlicher von einem nackten Nix­lein betören?"

Es ist kein Nixlein, es soll ein Irrlicht werden. Soll auch nur zu betören versuchen:

Aber wo finde ich das Vorbild! Sieben Modelle habe ich antanzen lassen. Keins taugt etwas. Die blonde Auni wäre geeignet gewesen."

Ich habe sie gestern besucht." Er riß an dem Ferister- vorhang . . .Sieh Niels, rief er,die kommen zu dir!"

Wer?"

Ich erkenne sie. Eberstedt voran, 'Noeldechen und Mur­sin na, Ellen Meier und Suse Appelmann 'das gibt einen Ueberfall, Niels."

Ich bin im Bade," sagte Niels trocken.Die Zwölf- mark kennt die Formel."

Aber er war neugierig geworden und spähte gleichfalls hinaus. Beide hielten sich hinter dem bernsteingelben Bor- hang und lugten mit Vorsicht aus dem Fenster. Sie wollten von draußen nicht gesehen werden.

(Fortsetzung folgte

Das Landhaus in Hampshire.

Eine Dctcktivgeschichte von Conan Dohle.

~ --Wer die Kunst um ihrer selbst willen liebt," begann eines Tages Sherlock Holmes, indem er das Anzeigeblatt desTele- graph" aus der, Hand legte,der findet häufig in den unwichtz ttgsten und geringfügigsten Erscheinmchen den höchsten Genuß« Wl« ich mit Vergnügen sehe, hast du dir, mein lieber Watson- duse Wahrheit bis zu einem gewissen Grade zu eigen gemacht