Ausgabe 
5.12.1908
 
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Herr Lecoq.

Kriminal-Roman von E. Gaboriau.

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

BiS zur Erledigung der mancherlei noch erforderlichen Förm- lichkeiten sollte der Baron heimlich in die von Marianne bewohnte Borderie gebracht werden. Er mar in der Dachkammer des Bauern­hauses sehr schlecht aufgehoben, und sein Zustand war immer noch recht bedenklich, in der Borderie aber war ein mit allem Luxus vornehmer Leute eingerichtetes Wohn- und Schlafzimmer vor­handen. Der frühere Besitzer hatte einmal gehofft, hast Marianne seine Frau werden Böititie und hatte sie mit allen Bequemlich- leiten umgeben wollen, an die sie einst als Tochter des Schioßherrn Lacheneur getvöhnt gewesen war.

Maurice d'EScorval eilte mit mir wieder über die Grenz« zurück. Endlich hoffte er daS Glück au der Seite seiner schönen jungen Fron zu finden. Boll Hoffnung betrat er die Borderie, er eilt die Treppe zum ersten Stockwerk hinauf und findet Marianne entseelt auf dem Bette liegen!

Sie hatte den alten Bawn d'Escorval in der Nacht erwartet; einige Sachen, die er zu seiner Bequemlichkeit brauchte, waren schon vomusgeschickt worden, desgleichen der Arznei lasten seines Pflegers, des Abbö Midon.

Als der Abbö kam, um nachzusehen, ob alles für die Auf­nahme des Kranken in Ordnung wäre, fand er Marianne tot in einem Lehnsessel sitzen. An ihrem schmerzverzogenen Gesicht, an den starren Gliedern, erkannte er sofort, daß sie vergiftet fein mußte. Auf dem Tisch stand ein leeres Fläschchen, das Strychnin enthalten hatte. , . .,

W§s mar da vorgegangen? War eZ denkoar, daß die schone junge Frau sich selbst das Leben genommen hatte? Sie hatte -mar viel Schweres durchgemacht, aber gerade jetzt war ia das Ungemach überstanden, sie erwartete nach langer Trennung ihren ^Cn 90>erÄ wär es denkbar, daß man sie etwa mit Gewalt ge­zwungen hatte, das Gift zu sich zu nehmen? Das Zimmer wrcs keine Spuren von Kampf auf. Man mußte ihr das Gift heimlich eingegebcn haben. Aber >ver war in die Borderie emgedrungen

'Noch mehr! Es fand sich, wenige Schritte von der Tur der Borderie entfernt, eine große Blutlache, und eine Blutspur war deutlich auf dem Erdboden zu verfolgen. Der verwundete Mensch mußte sich mühsam auf alle» Vieren enrlanggeschnppt haben. Mail folgte der Spur sie führie zn Chupins Hütte. Der alte Wilddieb lag mit einem furchtbaren Messerstich '»der Seite tot in einem Winkel der Sttibe. Seine Frau mtb Kinder waren dabei, mit Hacke und Grabscheit den Lehmboden aufzuwuhlcn, sie suchten das Blutgeld, das er für die Gefangeuiiahme des alten Lacheneur erhalten hatte.

Wer war Chupins Mörder? Auch das hat man Nicht genau erfahreii. Man glaubte ailfangs, Jean Lachermur habe die Tat vollbracht; dann erfuhr nran aber später, daß lener Balstmn, dem Chu Pin znvorgekonrmen war, sich gerühint hatte, c Y

endlich den bei der heiligen Jungfrau geleisteten Schwur cm'M und brauche nun nicht mehr mit den Fingern zu essen. Unmittel- bar darauf war Balstmn verschwunden, und man hat ihn niemals! wieder gesehen.

lieber den Tod der schönen Marianne ist nieinals der lvahi» Sachverhalt bekannt geworden. Noch viele Jahre lang aber sprach das Volk in jener Gegend von dem Geheimnis der Borderie.

Und was wurde aus Jean Lach-eneur? fragte Lecoq.

Kurz nach dem Tode seiner Schwester wurde auf den Mav- quis de Courtomieux, als er einen Spaziergang im Walde machte, ein Schuß abgefeuert. ES wurde zwar nur sein Hut von b« Kugel getvoffen, aber der alte Lierr verlor vor Schreck den Bev- stand uiid starb nicht lange daraus in völliger GeisteSumnachttm^ Einige Monate nach' dem Attentat stützte der alte Herzog de Saiv- mcuse auf einem Spazierritt in einen Abgrund. Man sagte, es set ein Unglückssall, aber es wurde doch vielerlei gemunkelt. So­viel ist sicher, daß nach dem Tode der beiden vornehmen Zerre« Jean Lacheneur plötzlich aus der Gegend verschwand. Man sagte, er sei wieder unter die Komödianten gegangen. Marquis Martial war durch den Tod seines Vaters Herzog geworden; er hatte sich seiner von ihm verlassenen jungen Gemahlin wieder genähert, und sie zogen zusammen nach Paris. Ich habe sie oft in ihrer prachtvollen Equipage über die Esplanade des Invalides fahre« sehen. . ,

-Zer alte Korporal hatte seine lange Erzählung geendet. Sems beiden Zuhöver saßen nachdenklich schweigend auf ihren Stühlen. Man konnte ihren Gesichtern ansehen, wie sehr das Gehörte sie beschäftigte. Endlich sagte Lecoq zum alten Tabaret:

Kann ufy Sie auf einen Augenblick unter vier Augen spreckM k

Gewiß, mein Junge; komm mit in die Bibliothek, da sind rott ungestört.

Als sie in dem Bücherzimmer waren, fuhr er fort. Nun, mein braver Lecoq, was willst du tun?

Witts sch tun will? Das Geheimnis der Borderie heraus- hriugen! Da liegt.der Schlüssel zu allent anderen, lind darum will ich wir durch Herrn Segmüller sofort Urlaub auswirke» lassen und noch heute abend nach Mvntaiguac und Schloß Sato- meuse abreisen. Ich habe geschworen, Mai sein Geheimnis zu entveißen, und ich werde es haben! Billigen Sie nicyt auch meinen Entschluß, Papa Tirauclair?

Gewiß, mein Sohn. Du kannst mchtS Besseres tun; ja, du mußt es sogar tun! Aber vor allem, laß dir einen Rat gebeut Sei vorsichtig! . . .

Lecoq nickte. Aber als er sich mit einem kräftigen Hande- druck und einem kurzen Dank voll Herrn Tabaret verabschiedet hatte und nun der Tür zuschritt, da blähten seine Nasenflügel sich auf, wie die eines Spürhundes, der eine schon verlöre«« Fährte wieder aufgefunden hat.

44. Kapitel.

An demselben Bormittag, an welchem Sero» in Baba Tirau- clairs Wohnung der Erzählung des Korporals Bavois »»hörte, betrat der Herzog von Sairmeuse das Boudoir seiner Gemahls Die Herzogin empfing ihn, anf einer Chaiselongue ausgestreckl.