Ausgabe 
29.12.1906
 
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1906 Nr. 191

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Jas Wärenrvcrkchen.

Humoreske von Käte Lubowski.

Nachdruck verboten.

Feodorowua Turkenitsch war das schönste Mädchen, das der junge Baron Kirstetten während seiner 29 Lebensjahre zu Gesicht bekommen hatte. In ihr vereinigte sich der Typus des russischen Vaters mit dem der nrdeutschen Mutter zu einer verblüssenden Wirkung. Und mit diesem Engel an Schönheit und Jugend mutzte Baron Benno von Kirstetten eine unabsehbare Reihe von Tagen auf dem Schloß seiner Bäter zusammen verleben. Feodorownas verstorbene Mutter war nämlich eine Cousine der alten Baronin Kirstetten gewesen. Sie hatte niemals versäumt, die verwandt­schaftlichen Bande durch Briefe und Geschenke zu stärken. Die Revanche der .Kirstetten bestand regelmäßig in einer Einladung nach Schloß Ebertsahl, die man aus dem heiligen russischen Reich mit einer Vertröstung auf die Zukunft annahni. Seit der letzten russischen Aufmerksamkeit und dem deutschen Dank war ein volles Jahr verflossen. Feodorownas Mutter war in diesem Zeitraum heimgegangen und die Ruhe des russischen Reiches zerbrochen. Feodorownas in Petersburg lebender Vater erinnerte sich in den Wochen der politischen Wirrnisse, die eine Gefahr für jeden Einzelnen brachten, der früheren Einladungen und schickte sein einziges Kind nach Schloß Ebertsahl zu den Kirstettens. Feodorowua Turkenitsch regte sich gar nicht über diesen Wechsel auf. Aber Baron Benno wurde seit dem Tage ihrer Ankunft mit dem Transpirieren nicht fertig. Er litt unter der beständigen Angst, daß er Feodorowna enttäuschen könnte. Mehr als einmal im Leben hatte er Wohlgefallen erweckt und empfunden, ohne darüber eine anhaltende Freude zu haben. Er vergaß und wurde vergessen, bis die Halbrussin in sein Leben trat. Trat ist eigent­lich schon äit, Wiel gesagt. Man hörte niemals, daß sie ging. Sie bewegte sich stets in laugen wallenden Schleppkleidern vor­wärts, die mit leisem Rauschen über das Parkett glitten. Sie wirkte wie die Mensch gewordene Harmonie. Sie spielte weder Tennis noch..mochte sie reiten, sie tanzte nicht und schürzte im ärgsteir Regenwetter niemals die schleppenden Säume ihrer Toilette.

Trotzdem. . . oder vielleicht gerade wegen ihres äußerlichen Gleichmaßes liebte sie Baron Bemw glühend. Jeden Abend legte er sich mit dem festen Vorsatz zu Bett, ihr morgen seine Liebe zu gestehen, und wenn dies---morgen" kam und er ihre

wundervollen melancholischen Augen auf sich gerichtet fühlte, schrumpfte sein Mut in nichts zusammen und der Angstschweiß brach ihin aus allen Poren. Er handhabte alsdann sein seidenes Taschentuch heftig und nannte sich innerlicheinen Feigling!" Aber er änderte sich nicht. Ihre Schönheit blendete ihn so, daß er allemal in ihrer Gegenwart Atembeklemmungen bekam. Und waren diese glücklich überwunden, war sie gewöhnlich in den entferntesten Teil des Parkes geglitten. Ja, wenn er auch nur den kleinsten Mangel an ihrer Schönheit entdeckt hätte, an dem sich ihre Zugehörigkeit zum Irdischen seststellen ließ. Dann wäre er vielleicht mutig gewesen.

In seinen jammervollen Seelenzustand hinein kam die Kunde, daß aus dem Hansemnanschen Zirkus, der im Dorf seine Kunst und dressierten Tiere zur Schau stellte, das Bärenweibchen ent­wichen sei.

Das gab seinen Gedanken wenigstens für eine kurze Zeit eilte andere Richtung. Die Bärin sollte beinahe noch ungezähmt sein und die Leute im Schloß zittevtMj daß sie sich irgendwo im Park versteckt halten konnte. Aus Baron Bennos Befehl wurde

bei deut Sinken der Dämmerung der Förster und sein Gehülfe als Wachtposten im Schloßgarten aufgestellt. In dieser Nacht schliefen sie alle herzlich wenig. Am wenigsten aber Feodorowna Tur­kenitsch.

Sie sitzt auf dem Rand ihres Himmelbettes und schluchzt fassungslos. Wenn ein junges Mädchen aus gutem und reichem Hause ohne sichtbare Veranlassung weint, dann muß sie entweder sehr unglücklich oder sehr glücklich sein.

Das letztere war Feodorowna wahrhaftig nicht. Sie staud schließlich auf und ging ans Fenster. Der Mond ging klar und voll zwischen den Wolken und im Park schlugen die Nachtigallen. Ihr sehnsüchtiges Lied klang deutlich, durch das geöffnete Fenster. Da dachte sie gerade wie ein deutsches Mädchen an den Mann, den sie lieb hatte und der sie doch nicht zum Weibe begehrte.

Nach den ersten Wochen ihres Hierseins hatte sie gemeint, daß er sich und sein Gefühl erst prüfen wolle . .. aber so lange braucht doch wohl der größte deutsche Pedant nicht dazu.....

Sie glaubte jetzt endlich den Grund seines Schweigens ge­funden zu haben. Die alte Baronin . . . hatte ihn, sicherlich ungewollt, verraten.Die erste Bedingung, die mein Sohn an seine zukünftige Gattin stellt, ist, daß sie eine vollendete Schön­heit sein muß." Und dabei hatte sie Feodorowna Turkenitsch mit einem langen Blick angesehen. Sie hatte ihn denn auch verstanden und übersetzt.Also gib dich keinerlei Hoffnungen! hin, mein Kind. Ich kenne dein Geheimnis", las sie heraus.

Und darum weinte Feodorowna in dieser Stunde. Weinte über den Fluch ihres Lebens, ihr KvPf schmerzte und ihre Augen brannten. Sie beschloß, heimlich nach Petersburg zurückzukehren .... aufzupassen, wenn die erste Bombe nach ihrer Ankunft losginge und sich zerschmettern zu lassen, damit sie endlich von ihren Schmerzen befreit wäre.

Der Vollmond lächelt h.llcr und die Nachtigallen locken süßer.

Sie lehnt sich weit hinaus, und breitet die Arme dem Dust entgegen, der ganz zart in dieser Spätsrühlingsnacht über der Erde hing. Als sie zwei Gestalten, in denen sic den Förster und seinen Gehülfen erkannte, in das Erdgeschoß des Schlosses verschwinden sah, steckte sie ihren Revolver gegen die Bärin zu sich, und lief mit nackten Füßen hinunter, um das zu tun/ was sie im deutschen Land aus purer Feigheit unterlassen hatte . ... im Tau zu laufen und dadurch das köstliche Gefühl des kühlen, lockeren Erdreichs unmittelbar zu spüren.

Eine halbe Stunde später schlüpft sie ins Schloß zurück. Die Augen sind kühl und das Herz ist ruhig geworden.

Sie legt sich in ihr Himmelbett und "versucht zu schlafen.

Ob der Versuch zur Tat geworden wäre, kann sie nicht fest» stellen, denn sie schrickt nach kürzester Zeit durch das Geräusch er­regter Stimmen und heftiger Schritte aus.

Bald daran! klopft es an ihre Tür.

Ich glaube. Frechen, du kleidest dich an", rief die Stimme der alten Baronin angstvoll.Denk' dir, sie haben im Park die Spuren des Bäremveibchens gefunden und . . . was das Schreck­lichste ist . . . sie haben sestgestellt, daß sie sich hier nn Schloß verlaufen."

Feodorowna ist im Umsehen aus dem Bett.Ich komme sogleich, Tante", sagte sie mit ihrer verschleierten, ticfett Stimme, die wie Musik klingt.Aber sage mir nur, wie kann sie denn ttt das Schloß eingedrungen sein, ohne daß die Wächter es merkten?" Sie sind in das Souterrain gegangen, um das Nachtmahl zu nehmen. Törichterweise beide zu gleicher Zeit. Sie haben sowohl die Hauspsortc wie das Tor zum cuttern Geschoß offen stehcu lassen . , V