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gerichtet hatten, vor Gram gestorben. Ms Waise---
wäre sie nach Berlin gekommen, um ihr Glück zu versuchen. Doch wehe! Wenn man entschlossen ist, anständig zu bleiben, läßt das Glück lange auf sich warten. Nachdem sie vergeblich versucht hatte, irgend eine Stelle als Gesellschafterin oder Kindergärtnerin zu erhalten, mußte sie eines Tages, um nicht einfach zu verhungern, bei Frau von Sanden als Kammermädchen eintreten; sie hatte diese Dame für verheiratet gehalten. Sie hatte es sehr gut mit ihr gemeint, würdigte sie sogar ihrer Freundschaft und hätte ihr sicher einen besseren Posten verschafst, wenn sie nicht der Tod so plötzlich überrascht hätte, wenn nicht diese furchtbare Katastrophe eingetreten wäre.
Sie erzählte ihm die ganze Geschichte so einfach und natürlich, mit einem solchen Ausdruck von Aufrichtigkeit, daß sich schließlich Hesekiel, der noch Neuling in seinem Fache war, dachte, obwohl er sich lange dagegen gesträubt hatte: „Aber warum endlich kann denn dies nicht wirklich so sein?" Sie näherte ssich ihm dann öfter in aller Unschuld wie ein Kind, das an nichts Arges denkt, und streifte ihn, während sie sprach, wie unabsichtlich, durchbohrte ihn mit ichrem lebhaften, glühenden Blick und lachte, so vft sich die Gelegenheit bot, mit vollen Lippen, um ihm ihre weißen, kleinen Zähne und ihr frisches Zahnfleisch zu zeigen. Um ihn gänzlich zu erobern, erinnerte sie sich wieder ihrer früheren Gewohnheit, nut der Zunge über die Lippen zu huschen, wie die Viper ihre Zunge herauszuschleudern pflegt, und leckte sich die Lippen.
Hesekiel wußte nicht mehr, was er von ihr glauben sollte. Hatte sie ihn zum Narren? War er wirklich in Gegenwart eines jener Geschöpfe, die man einer jeden Thal für fähig hielt, das sich sogar an einem Mord sollte beteiligt haben? Oder hatte er es mit einer arg verleumdeten, anständigen Person zu thun, auf die man einen ungerechten Verdacht geschleudert hatte, — welch letzterer Ansicht auch der Untersuchungsrichter nnd Polizeikommisfar waren, die sich doch schließlich darin auskennen mußten?
Wie dem auch war, ob gut oder schlecht, — für den Augenblick war sie von musterhafter Aufführung. Nachdem sie den ganzen Haushalt mit peinlicher Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt besorgt hatte, setzte sie sich gewöhnlich in das Eßzimmer und beschäftigte sich mit einer Näharbeit. Sie ging nur aus, wenn sie in einem Nachbargeschäft etwas zu besorgen hatte, und Hesekiel, der dann sofort an das Fenster lief, um sie mit den Augen zu verfolgen, mußte zugeben, daß sie sich niemals unterwegs aufhiekt und meist rascher zurückkehrte, als er erwartete. Abends zog sie sich dann in das finstere Kabinett zurück, das ihre Schlas- kammer geworden war, und ließ, um mehr Luft zu haben, die Thür in das Borzimmer weit offen. Ihr Herr konnte somit jeden Augenblick konstatieren, daß sie sich in ihrem Bette eines kräftigen, höchst unschuldigen Schlafes erfreute.
(Fortsetzung folgt.)
Der Kummer bei groß und klein?)
Nach dem Englischen.
Der Mann, der das Meeresufer entlang dem mit dichtem Unterholze bestandenen Walde zuschritt, wußte nicht, daß ein Knabe hinter ihm yerging. Zu einer anderen Zeit hätte er das Glitzern der Wogen im fernen Sonnenuntergang nicht unbeachtet gelassen und hätte sorgfältig vermieden, die zarten rosa Glöckchen der wilden, wohlriechenden Blatterbse im salzigen Boden niederzutreten; er hätte die schreienden Möven beachtet, die über der Bucht kreisten, wo ein Fischerboot beim Landen seine zu kleinen Fische ausgeworsen hatte. Nun wandte er seine Schritte nach dem steilen Ufer und warf sich da nieder, wo armselige Fichten und die Spitzen von Zwergcedern einen kurzen Schatten warfen und die Einsamkeit noch erhöhten. Er schleuderte den Hut beiseite und legte sich mit dem Gesicht auf den Armen nieder.
Ter kleine Knabe machte auch Halt; er war mechanisch dieser großen, vierschrötigen Figur in grauem Leinwand- auzug gefolgt, weil sie zufällig denselben Weg gingen, gerade wie ihm ein Hund nachlief, dessen Aussehen darauf
*) Für die „Gießener Famb l." aus Harpers Magazine, einer der berühmtesten amerikanischen Zeitschriften übersetzt. Nachdruck dieser Uebersetzung nur nach besonderem Uebereinkommen gestattet.
yindeutete, daß fern einziges Ziel im Leben war, Mitgefühl zu erwecken. Sie erreichten das Ende des steilen Ufers und anscheinend des irdischen Ehrgeizes, denn der Kleine blickte ziellos umher, und der Hund wedelte traurig mit dem Schwänze.
Das Wasser der Meerenge leckte an dem vorspringenden Lande mit winzig lleinen, weißen Wellen, die sich weit am Ufer hinauf ausbreiteten. Es war ein einsamer Platz; der Knabe kletterte über das steile Ufer und setzte sich so, daß er dem dalieaenden Manne den Rücken zeigte. Seine kurzen Hosen waren in gleicher Linie mit dem 'Kinn; in trostloser Stimmung warf er Stückchen Holz in das "Wasser, die der Hund holen sollte; dieser jedoch kroch nur näher herbei und sah sehr kummervoll aus. Mürrisch blickte der Mann aus und sagte:
„Heda, was fehlt Dir?"
„Mir fehlt nichts!" erwiderte der kleine Knabe, der sich bemühte, heiter zu erscheinen, was ihm jedoch vollständig mißlang.
„Dann laß mich hier in Ruhe, bitte!" Der blonde Kopf des Mannes fiel wieder auf seinen Arm.
„Ich thu' Dir ja nichts", sagte der Knabe trotzig.
„Dann laß' den Hund in Ruhe! Verflucht! Jag' ihn fort, hörst Tu nicht?" Es sah aus, als wenn der Mann den Hund treten wollte; die Augen des kleinen Knaben flammten plötzlich aus und füllten sich mit Zornesthränen.
Er richtete sich mit hochmütiger und grimmiger Gebärde trotzig auf, und. seine Augen bohrten sich fest in die blauen Augen hinter ihm.
„Wenn Tu beit Kummer berührst, so werde ich Dich lecken", sagte er.
Tor Mann drehte sich um und lachte trotz seiner finsteren Stimmung. „Auf mein Wort, Tu bist ein mutiger Bursche. Ich bin jetzt gerade nicht zum Kämpfen aufgelegt, obgleich wir schon spieen, wie zwei Katzen. Wer ich bin schon beim ersten Kampfe von Dir besiegt. Ich danke Dir."
Ungläubig blickte der lleine Knabe die vierschrötige Figur des Mannes an und machte eine geringschätzende Gebärde. „Ueber den Kummer ist heute schon genug getobt worden."
„Ich habe Mitgefühl mit dem Kummer", sagte der Mann. „Ich habe selbst heute getobt und eine bittere Erfahrung gemacht, die bitterste, die ich je in meinem Leben machte. Tor Name des Hundes ist zutreffend; es ist der elendeste Köter, den ich in meinem ganzen Leben gesehen habe!"
,/Es ist eben nur ein Hund!" Der KUabe streichelte trotzig das ungekämmte Fell des Hundes.
„Ich wünschte, ich wäre es!" murmelte der Mann.
„Wenn ich ein Mann wäre, möchte ich doch kein Hund sein —"
„Ganz richttg! Gerade, weil ich heute noch nicht zur Hälfte M a n n genug bin, wünsche ich es. Wenn ich ein Mann wäre, wäre ich nicht hier."
,-Gefällt es Dir hier nicht?"
„Es gefällt mir hier außerordentlich gut; gerade deswegen."
„Ich möchte auch gern mit dem Kummer hierbleiben, wenn ich könnte, aber mein Vater reist morgen ab —" er war ein sehr Keiner Knabe, und seine Schultern hoben sich verräterisch — „und ich kann den Kummer nicht mitnehmen."
Tas erste wirlliche Zeichen von Interesse stahl sich in die Stimme des Mannes.
„O", sagte er, „Deine Mutter kann die Hunde wohl nicht leiden?"
„Habe gar keine Mutter."
„Vielleicht Deine Schwester?"
„Hm—" der kleine Knabe schluckte etwas hinunter — „ich habe gar niemand außer dem Kummer, — nur wenn der Vater zu Hause ist, und das ist nicht oft. Mein Vater ist ein sehr beschäftigter Mann. Ta ist ja auch Griffits — das ist mein Hauslehrer — aber der zählt nicht- Wir haben einen Monat lang zusammen aus der Jacht gelebt, weil mein Vater nach Afrika geht. Ich und der Kummer sind den ganzen Tag zusammen gewesen. Er hat mich, sehr gern, — nicht wahr, Kummer?"
Tos Knaben Antlitz ruhte auf seiner Hand, während er den Rücken des Hundes mit seinem Fuße rickb. Sein Gesicht war sehr blaß, seine weiße Seidenbluse war mit silbernen Knöpfen besetzt, silberne Schnallen waren M


