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Zum ersten Male hatte das Kind erfahren, was es heißt, in gesundem Behagen zu leben und zu athmen. Mit unbegrenzter Dankbarkeit lohnte es seiner Wohlthäterin- sein Vater nicht minder, auch jetzt noch, nachdem unvermuthet auch von anderer Seite ein Sonnenstrahl in sein Leben gefallen war. Ein entfernter Verwandter, ein Oheim seiner Mutter, war gestorben. Er hatte in derselben Stadt gelebt, war aber einmal von ihm mit so üblem Erfolg um eine Unterstützung angegangen worden, daß Bäsmann ihn seitdem aus der Reihe seiner Angehörigen, fast sogar aus dem Gedächtniß gestrichen hatte. Und nun war dieser Mann aus der Welt gegangen, ohne ein Testament zu hinterlassen, und das Gericht hatte in Bäsmann, seiner Schwester und seiner Tochter die einzigen überlebenden Verwandten ausgefunden. Die Erbschaft war an sich bescheiden, aber ein großer Besitz in den Augen der Leute, denen sie zufiel, da auch sie bescheiden waren. In kurzer Zeit sollte die Schwester des Taubstummen aus ihrer ferngelegenen Heimath herübergekommen, um mit dem Bruder Alles endgültig zu ordnen, und Bäsmann wiegte sich in goldenen Zukunftsträumen, während Hannchen — trotz erduldeter Armuth noch unbekannt mit dem Werthe des Geldes — mehr auf die Begegnung mit einer Verwandten sich freute, die sie nie gesehen hatte, die ihr aber durch liebevolle Briefe nahe gekommen war. Bis zu diesem wichtigen Tage, vielleicht auch noch darüber hinaus, sollte Hannchen in Frau Henningers Hause bleiben; erst wenn der Vater mit dem ererbten Gelde ein gesundes, helles Quartier gemiethet hatte, sollte sie ihn begleiten in die neue Existenz.
Es war ein merkwürdig warmer Nachmittag, und Frau Ina hatte zum ersten Mal in diesem neuen Frühling den Kaffee in den Garten hinausbringen lassen. Jetzt war das Geschirr wieder abgeräumt worden, und die beiden Damen — Frau Henninger und Fräulein Tietjens — saßen, mit Handarbeiten beschäftigt, an dem mit blauweißer Decke noch belegten Tische, während Hannchen ein Märchenbuch vor sich hatte, darüber hinweg aber oft auf den sonnigen Garten blickte. War Alles doch so neu und so schön! Auch Frau Ina ließ die Arbeit sinken und schaute auf das frohe Bild des Lebens um sich her. Die mit Blüthen und Blättern überdeckten Bäume standen wie in weiße, röthliche, grüne Schleier gehüllt, und auch die Schatten unter ihnen waren noch keine dunklen, compacten Massen- sie lagen auf dem durchfeuchteten Boden gleich zarten Gittern, in deren Maschen der Sonnenschein spielte. Aus einem Gebüsch her dufteten Veilchen, von einem blühenden Kirschbaum sanken vereinzelte weiße Blätter zur Erde, ganz feine, kaum vernehmliche metallische Töne drangen aus der Goldschmiedswerkstatt herüber.
Frau Ina blickte um sich her und seufzte. Im Anschauen der breiten, sonnigen Lichtflächen auf Erde und Häusern, der weichen, duftigen, durchwärmten Schatten, im Vollgefühl des Frühlings um sie her kam ihr zugleich mit schmerzlicher Gewalt die Empfindung, daß keine Jahreszeit so sehr wie diese dem Menschen die Sehnsucht nach dem Glück erweckt. Eine Sehnsucht, so groß, daß sie zur stürmischen Forderung wird. Ein tausendfaches Geschenk wird ausgeschüttet über die Erde- der Pflanze, dem Vogel, dem Käfer werden die Bedingungen fröhlichen Daseins mit gnädigen Händen reichlich gewährt, und im Dufte der Blüthen, im Gesang der kleinen Kehlen, im Surren blitzender Flügel offenbaren sich neue, glückliche Lebenskräfte. Soll der Mensch allein unbeschenkt bleiben in der Zeit des Gebens? Soll er die Hände vergeblich ausstrecken und nach flüchtigen, rasch vorüberglettenden Sonnenstrahlen greifen, um weh- müthig zu erkennen, daß nur der Schatten zurückbleibt?
Frau Ina seufzte, und Fräulein Tietjens antwortete mit einem harten, fragenden Blick. Aber die Frau, die von ihrem Glücke geträumt hatte, bemerkte ihn nicht. Ihr Auge hing an einer kleinen, fernen, sonnevergoldeten Wolke, und mit ihr zogen die Gedanken weit hinaus, einen gewohnten Weg, der nach Süden führte. Seit Georgs Abschied hatte
sie keine Zeile von ihm erhalten- eine flüchtige Meldung an seinen Onkel allein hatte von der Ankunft in Mentone Kunde gegeben. Frau Ina dachte daran und seufzte zum zweiten Male. Plötzlich, mit raschem Entschluß erhob sie sich bOn ihrem Sitze, raffte die Arbeit zusammen und sagte: „Mir fällt ein, daß ich noch eine Besorgung zu machen habe. $ie achten wohl darauf, Fräulein Tietjens, daß die Kleine nicht zu lange draußen bleibt. Nicht wahr, Hannchen, Du gehst zeitig schlafen? Du mußt Dich noch schonen, damit Du mir ganz gesund wirst."
Sie strich mit sanfter Hand über das Haar des Kindes das eifrig bejahte. Dann schritt sie aus dem Garten hinaus- es war ihr mit einem Male gewesen, als müsse sie ersticken in dieser engen, sonnigen Welt. Und wie es Georgs Art gewesen war in der winterlichen Zeit schwersten Ringens mit sich selbst, so verließ auch sie jetzt auf kürzestem Wege die Stadt, um in der Einsamkeit ihr sehnsuchtsvolles Herz zur Ruhe zu sprechen. Durch das glänzende Grün der Saaten, durch die ersten Blüthen der Wiesen, durch kleine Wälder, die ihr mit brechenden Knospen entgegendufteten, machte sie einen langen Weg. Und erst als die Schatten sich langsam dehnten, als die weißen Nebel emporstiegen, und eine graublaue Wolkenwand am westlichen Horizonte sich rasch in die Höhe schob, machte sie sich auf den Heimweg. Es dämmerte bereits, als sie die Stadt wieder betrat, und rascher als sonst schien ihr die Dunkelheit zuzunehmen, bis ein erster, gedämpfter, zur Eile mahnender Donner ihr sagte, daß ein Frühlingsgewitter sich vorbereitete. Sie war im rascheren Vorwärtsschreiten eben auf den großen Domhof gelangt, als ein heulender Windstoß in das frische Grün der Bäume hineingriff, und ein plötzlicher, greller Blitzstrahl die Bernwards- gestalt auf dem Denkmal vor ihr in goldig-braunem Leuchten aufflammen ließ. Noch eiliger ging sie weiter, um dann doch zu erkennen, daß es zu spät sei, ihre Wohnung vor Ausbruch des Wetters zu erreichen- in großen, vereinzelten Tropfen, die mit dem Ton eines fernen Gewehrfeuers niederfielen, begann der Regen, und bald sprühte ein weißlicher Schaum über die Straßen hin, die eben noch sonnig und voll Staub gewesen waren.
Frau Ina hatte, als der Regen begann, die tiefe, gewölbte Durchfahrt erreicht, die vom Domhof zu der Straße Am Stein hinüberführt, und blieb nun stehen, um das Ende des zum wilderem Toben anschwellenden Wetters zu erwarten. Sie war hier allein- das rasche Heraufziehen der Wolken, das ihr Sinnen und Träumen sie hatte übersehen lassen, hatte die anderen Leute rechtzeitig heimgescheucht. Es war schon beinahe finster unter dem breiten Gewölbe; von den Straßen zu beiden Seiten drang ein feuchter Hauch wie ein kühler Nebel zu ihr herein, und ein schwarzer Wasserstreifen, einem lebenden, kriechenden Wesen vergleichbar, glitt langsam an ihren Füßen vorbei von einer Oeffnung zur anderen hinüber. Ein Frösteln überfiel sie nach der Wärme der Tages, und sie trat näher an die Mauer heran.
So stand sie vielleicht fünf Minuten, ohne daß die Kraft des Unwetters ein Erlahmen zeigte. Plötzlich aber mischte sich in das Klatschen des Regens, in das Pfeifen des WindeS, der um die Domthürme spielte, in das auf- und abwogende Grollen des Donners noch ein anderer Ton. Dicht an ihrem Ohr, erschreckend nahe, der Ton einer Menschenstimme. „Ina," klang es leise und flehend, aber sie hatte im ersten Moment kein Verständniß für den Ton der Bitte in dieser schwachen, heiseren, gebrochenen Stimme. In furchtbarem Schrecken — denn kein anderer Laut hatte ihr das Nahen eines Menschen angekündet — fuhr sie herum und griff mit den Händen hinter sich nach der kalten Wand, als könne sie ihr Schutz gewähren. Es war eine männliche Gestalt, die neben ihr stand, soviel konnte sie in der unsicheren Beleuchtung erkennen, eine Gestalt von mittlerer Größe, dem Anscheine nach sehr abgemagert und einfach, fast ärmlich gekleidet.
„Was wollen Sie von mir?" fragte sie mit einem vergeblichem Bemühen, ihren Worten Festigkeit zu geben.


