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andern hinüber springen. Licht und Luft finden kaum den Weg unter die zu einander geneigten, altersbraunen Gebäude, und auch der Schnee bedeckt hier sparsamer daS Pflaster, wenn ihn der' Wind nicht vom E ngang her mit Gewalt hercintreibt.
In einem kleinen, fast nächtlich dunklen Zimmer, das im zweiten Geschoß eines dieser Häuser lag, befanden sich ein Mann und ein Kind. Es war gegen Mittag, aber die beiden Gestalten waren trotzdem nur mühsam zu erkennen; denn die Fensterscheiben, die von denen des Nachbarhauses um Armeslänge kaum entfernt waren, zeigten außer dem Ueberzug von Staub und Schmutz noch einen solchen von dichter, blauer Fliegengaze, der dem geringen Lichte den Eingang noch mehr erschwerte.
Der Mann saß unmittelbar am Fenster, mit dem Aus- bessern eines Rohrstuhls beschäftigt, an dem er eifrig flocht. Im Hintergründe des Zimmers, nahe an einem rostbraunen, eisernen Ofen, auf dem ein zugedeckter Topf leises Gebrodel hören ließ, hatte das Mädchen sich auf einen Schemel gekauert und strickte. Nur selten sah der Mann von seiner Arbeit auf; dann aber war es ein Blick der Liebe, der aus seinen runden, rothumränderten Augen zu dem Kinde hinüberflog. Er war ein häßlicher Mensch mit plattem, gewöhnlichem Gesicht, schon ergrauendem, wirrem Haar und Bart, obwohl er kaum vierzig Jahre zählen konnte; die mächtige Zärtlichkeit aber verschönte ihn, die in solchen Augenblicken in seinem Gesicht aufleuchtete. Gekleidet war er sehr ärmlich in einen verschlissenen, braunen Anzug, der ihm zu weit war und nur an Hals und Händen ein wenig schmutzige Wäsche sehen ließ.
Eben hatte er wieder zu dem Mädchen hinüber geschaut, als er seine Arbeit für einen Augenblick sinken ließ und mit einem der feinen Rohre leise auf das Holz der Fensterbank klopfte. Hurtig sprang das Kind empor und trat an seine Seite. Und nun begann er mit ihm zu reden, wortlos, ohne Laut, in der hastigen Geberdensprache der Taubstummen.
„Hast Du noch keinen Hunger, Hanne?" fragte er.
„Nein, Vater; es ist ja noch nicht zwölf/'
„Was kochst Du uns. denn Gutes?"
„Ein schönes Essen, Weißkohl mit Speck."
„Ich rieche es schon. Das riecht gut."
„Sehr gut. Und ich weiß auch, wie man es kochen muß. Caroline hat es mir gezeigt."
„Du mußt ihr immer dankbar sein, Hanne. Undankbare Menschen hat der liebe Gott nicht lieb."
„Ich bin auch nicht undankbar, Vater."
Er versank für einen Augenblick in ein finsteres Sinnen, als habe die Erinnerung an eine trübe Erfahrung ihm bittere Gefühle erweckt; aber die Wolke auf seiner Stirn verschwand eilig wieder, sobald er in das freundliche Gesicht seines Kindes sah. Schon hob er die Hand, um die Unterhaltung fortzusetzen, als ein Knarren der Treppe draußen und ein festes Klopfen an der Thür das Mädchen aufhorchen ließ. Der Mann hatte in dem tiefen Schweigen, das ihn für immer umgab, das Nahen des Besuchers nicht bemerkt, das Kind aber machte ihm ein Zeichen, und eilte zur Thür, sie zu öffnen.
„Guten Tag, Herr Doctor," sagte die Kleine, als sie den Besucher hatte eintreten lassen, in dem ihr an das Dämmerlicht gewöhntes Auge den Doctor Jaksch sogleich erkannt hatte. Sie sprach höflich und freundlich, aber ein tiefes Unbehagen drückte sich in ihren Zügen aus. Der Doctor achtete nicht darauf; er hatte seine hohe Gestalt bücken müssen, als er in die Thür getreten war, und auch im Zimmer hier berührte sein Kopf beinahe die Decke. Er schaute sich schweigend um in dem finsteren, vom Geruch des auf dem Ofen brodelnden Kohls erfüllten Gelaß, das eher der Behausung wilder Thiere als einer menschlichen Wohnung glich. Ein böses Lächeln zuckte um seinen Mund, als er nun zu dem Kinde sprach.
„Ihr habt es hübsch hier, Hanne, was?"
„Ja, Herr Doctor."
„Und Dir geht es gut, nicht wahr? Wirft ja alle Lage größer und schöner." *
„Ja, Herr Doctor."
Er lachte laut auf; seine sonst weich abgetönte Stimme war hart und kalt, wenn er so lachte. „Ja, Herr Doctor," wiederholte er. „So ist's recht; nur immer hübsch ja sagen, das ist die Hauptsache für Deinesgleichen. Und nun geh hinaus, ich habe mit Vater zu sprechen."
„Ja, Herr Doctor."
Eilig, als hätte er ihr ein Geschenk gemacht mit der Erlaubniß zu gehen, verließ sie das Zimmer. Der Doctor trat nun zu dem Taubstummen heran, der sich bei seinem Eintritt erhoben hatte und dicht am Fenster stehen geblieben war.
„Guten Tag, Bäsmann," sagte er, indem er nicht laut, aber mit deutlicher Accentuirung sprach und dem Anderen das Gesicht zuwandte, so daß er die Bewegung der Lippen genau verfolgen konnte.
Der Taubstumme machte einen Versuch zu sprechen; ein grunzender, unarticulirter Ton kam aus seinem Munde. Nervös schüttelte der Doctor den Kopf. „Nicht Ihre Redeübungen, Bäsmann, das liebe ich nicht. Schreiben Sie, wenn Sie sich mit mir verständigen wollen. Nehmen Sie Ihre Tafel, ich habe Sie Einiges zu fragen."
Der Andere gehorchte und nahm von der Wand am Ofen eine Schreibtafel herab, an der mit Bindfaden ein Griffel befestigt war. Der Doctor hatte sich auf den einzigen Stuhl gesetzt, der sich in dem Raume befand, und den der Taubstumme vorhin inne gehabt hatte. So kniete dieser vor der schmalen Fensterbank nieder, auf die er die Schreibtafel stützte.
„Achten Sie genau auf meine Worte. Ich komme wieder einmal wegen des Kindes, des Knaben, den ich durch Sie vor zwanzig Jahren bei Ihrer Schwester habe nnterbringen lassen. Haben Sie neuerdings nichts von ihm gehört?"
Bäsmann antwortete, ohne die Tafel zu Hilfe zu nehmen, durch ein lebhaftes, nachdrückliches Kopfschütteln.
„Der Vater des Kindes, der mein Freund ist," er betonte die Worte noch schärfer, als seine früheren, „wüßte gern etwas über den Knaben, der ja nun herangewachsen sein muß. Es war unverantwortlich damals von Ihrer Schwester, den Burschen fortlaufen zu lassen. Haben Sie denn noch immer nichts über ihn erfahren?"
Jetzt begann der Taubstumme zu schreiben, wie er e$ gewohnt war, in einem kurzen, abgerissenen Telegrammstil, der Zeit und Mühe für den Schreibenden und den Wartenden sparen sollte. „Nichts, gar nichts. Nie wieder 'was gehört."
„Ob er denn wohl noch lebt?" Leise, mit ein wenig bebender Stimme that der Doctor die Frage. Der Andere aber las ihm die Worte doch von den Lippen und schrieb seine Antwort nieder. „Weiß nicht. Nun vier Jahre."
Der Doctor nickte, dann runzelte er die Stirn. „Sie und Ihre Schwester, Sie haben die ganze Schuld. Hätten Sie aufgepaßt, so wäre er nicht fortgelaufen. Auch hätten Sie gewiß etwas erfahren können, wenn Sie sich nur wirklich Mühe gegeben hätten."
Er stand auf und nahm seinen Hut. „Ich hätte mir'S denken können, daß es vergeblich war," sagte er mehr zu sich selbst, als zu dem stummen Zuhörer, und ging zur Thür. Noch bevor er sie aber geöffnet hatte, ließ einer der un- articulirten Redeversuche Bäsmanns, ein Ruf, ein Stöhnen ihn stehen bleiben und sich umwenden.
Mit geballten Fäusten stand der Taubstumme ihm gegenüber, dann lösten sich die zusammengekrampften Finger, und er begann zu reden mit hastiger, leidenschaftlicher Geberdensprache. Ein spöttisches Kopfschütteln des Doctors erst brachte ihn zur Besinnung. Er griff zur Tafel und schrieb. Der Griffel knirschte auf dem Schiefer unter der eiligen Hand. Dann hielt er dem Doctor das Geschriebene hin; dieser nahm es und las.
„Versprochen, Fest versprochen. Damals, als Brief


