Ausgabe 
3.6.1897
 
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Schnee bedeckte ihr Kleid, ihren Shawl und ihre Kapuze, die ihr üppiges Haar verhüllte- ihre schwarzen Augen funkelten drohend- ihr Gesicht war so weiß wie die Schneeflocken, die ihr Gewand bedeckten. Eine unheimlichere Erscheinung ließ sich kaum denken.

Godfrey Greylock gehörte nicht zu den nervösen Männern- dennoch vermochte er einen Ausruf der Bestürzung nicht zu unterdrücken.

Ich wußte, daß Sie mich durch die Thür nicht ein­lassen würden," sagte Mercy Poole-ich war daher so frei, durch dos Fenster zu steigen. Ich habe Ihnen etwas zu sagen!"

Das Mädchen ließ einen wilden Blick in dem Gemach umherschweifen und fuhr fort:Sie machen es sich, wie ich sehe, recht bequem, während er in seinem engen Sarg draußen unter dem Schnee liegt. Sie brauchen Ihre Stirn nicht zu runzeln, Sir- ich wenigstens fürchte Sie nicht. Lassen Sie mich Ihnen nun ein Geheimniß anvertrauen! Ich liebte Ihren Sohn liebte ihn von ganzem Herzen, weit mehr als Sie, sein eigener Vater, ihn liebte."

Die Bestürzung lähmte Godfrey einen Augenblick die Zunge- dann warf er dem Eindringling einen Blick zu, der eine Furchtsame schleunigst wieder zum Fenster hinaus gejagt hätte- zu den Furchtsamen aber gehörte Mercy eben nicht.Ah!" sagte er endlich:ich kenne. (Sie jetzt- Sie sind das junge Frauenzimmer aus dem Gasthof von Blackport- Sie machen mir da eine merkwürdige Mittheilung- hat mein Sohn etwa auch Ihre Liebe erwidert?"

Mercys dunkles Gesicht nahm einen wilden Ausdruck an - sie preßte die Falten ihres Shawls heftig zusammen und stieß fast zornig hervor:das geht jetzt weder Sie noch irgend einen Anderen etwas an- er ist tobt der Tod wischt Alles aus. Sie waren mit der Schwiegertochter, die er Ihnen gab, nicht zufrieden. Würde ich Ihnen besser zugesagt haben?"

Entschieden nicht. Woher mein Sohn seinen niedrigen Geschmack in Liebesangelegenhciten hat, weiß ich wirklich nicht," war die rasche und spöttische Antwort.

Der Kopf des jungen Mädchens überragte den des Mannes um mehrere Zoll- mit verächtlichem Lächeln blickte sie auf ihn nieder- und sprach ernst:Wir wollen diesen Gegenstand nicht weiter verfolgen, denn ich will ihre Gefühle nicht verletzen- ich kam nur hierher, um Sie zu fragen, ob Sie wirklich glauben, daß Ihr Sohn sich selbst das Leben nahm?"

Ganz gewiß glaube ich das."

Blinder Maulwurf!" fuhr Mercy auf-ich dachte, Sie hätten mehr Scharfsinn als die Anderen- allein ich sehe, daß dies nicht der Fall ist. Robert wurde ermordet niedergeschossen wie ein Hund! Wie klug Doctor Jarvis und die anderen Esel von Blackport sich bei dem Jnquest ausdrückten! Was bewies die Pistole, die neben ihm gefunden wurde? Nichts! Seine Taschen waren nicht beraubt worden. Was bewies dieser Umstand? Nichts! Morden die Menschen nur, um zu rauben? Er war nicht der Mann, sich in einem Anfall von Niedergeschlagenheit das Leben zu nehmen - seine Natur war zu elastisch zu wankelmüthig zu einem solchen Schritt. Weder die Untreue seiner Fran Sie feiert, ich kenne auch diese Geschichte noch der starrköpfige Zorn seines Vaters hätte Robert zum Selbstmord getrieben. Ich sage Ihnen, er wurde ermordet!"

Der alte Greylock fühlte sein Blut in den Adern er­starren. Dieses kühne Weib hatte ein eigenthümliches Wesen. Ermordet!" wiederholte er betroffen.

,/3n! Ist Ihnen der Gedanke noch nicht in den vor­nehmen Kopf gekommen? Wie blind sind Sie! Lassen Sie mich Ihnen noch ein weiteres Licht anstecken. Sie selbst sind sein Mörder!"

Mr. Greylock prallte zurück, als ob er einen Schlag erhalten hätte.

Tollhäuslerin! Was wollen Sie damit sagen?"

Mercy Poole blickte in dem Zimmer umher.Dies ist ein gemnthliches Plätzchen!" rief sie wild-war es ebenso hier in der Nacht des Todes Licht, Wärme und Wohlgeruch? Warum haben Sie ihn nicht hier behalten? Waren Sie es nicht, der ihn hinaustrieb, dem tödtlichen Schuß entgegen?! Seines Vaters Dach hätte ihn in jener Nacht schützen sollen - hier wäre kein Meuchelmörder cinge- drungen. Sie stießen ihn aber hinaus, seinem Schicksal entgegenzugehen Sie, der ihn mit einem einzigen guten Wort hätte retten können. Und Sie wagen es, zu sagen daß Sie nicht sein Mörder seien?!"

Dies geht zu weit! Ihre Liebe zu meinem Sohne hat Ihnen, wie ich fürchte, den Verstand geraubt."

Sie wollen mir also nicht glauben?!" ries das junge Mädchen.

Mein Sohn starb durch seine eigene Hand. Diese Thatsache ist auf das Ueberzeugendste dargethan worden, und es bedarf etwas mehr als der Faseleien einer jungen Person, die einer Wahnsinnigen gleich in mein Haus ein­dringt, um diese meine Ueberzeugnng umzustoßen."

Mercy maß ihn verächtlich vom Kopf bis zu den Füßen. Selbstsüchtig, kalt und grausam!" sagte sie langsam-mit nicht mehr Blnt in den Adern als ein Fisch! Kein Herz in Ihrem Busen! Ja, er wäre noch am Leben, wenn Sie ihn nicht hinausgcstoßen hätten - Sie, Godfrey Greylock, sind sein Mörder, sein Blut schreit in dieser Stunde zum Himmel wider Sie!"

Dies war mehr, als der alte Herr zu ertragen ver­mochte! er klingelte wüthcnd, und ein Diener erschien unter der Thür.Weisen Sie diese tolle Creatur hinaus, Harris!" schrie er dem Manne entgegen.

Mercy Poole folgte dem Diener mit höhnischem Lächeln. Auf der Schwelle wandte sie sich noch einmal um und sagte mit ruhiger, fester Stimme:Ich habe Ihnen die Wahrheit gesagt, und Sie werden meine Worte nicht vergessen! Sie sind sein Mörder- trotz all Ihres Reichthums werden Sie nie wieder Frieden auf Erden finden!" Sie legte die Hand auf's Herz und fuhr bewegt fort:Und ich auch ich habe durch diese mörderische Kugel jede Freude am Leben verloren. Und nun gute Nacht und süße Träume, Godfrey Greylock!"

8. Capitel.

New-Aorker Straßenkinder.

Auf den besonderen Wunsch eines Mannes, der mich mit seltener Güte behandelte, daß ich mich stets verpflichtet fühlen werde, selbst seinen leisesten Wink als Befehl zu be­trachten, entschließe ich mich, Ereignisse aus meinem früheren Leben zu erzählen, die zu den traurigsten gehören, welche ein Kindergemüth treffen können. Ich kann es jetzt um so eher thun, als alle Bitterkeit von damals von mir gewichen, ein versöhnlicher, milder Geist in mein Inneres gezogen.

Das erste Haus, dessen ich mich als meiner Heimath zu entsinnen vermag, war eine elende, baufällige Mieths-Baracke in einer schmutzigen, finsteren Gasse, in die das Licht der Sonne niemals drang, in welcher die Menschen wie Schafe in einem Pferch zusammengepackt lebten. Ueble Gerüche und noch ekelhaftere Unterhaltungen waren in jenem Hause an der Tagesordnung. Jeder einzelne Insasse schien ebenso lasterhaft wie arm zu sein. Prügeleien auf den Treppen und in den Corridoren, hin und wieder auch Stechaffairen oder brutale Mißhandlungen armer Weiber seitens ihrer betrunkenen Männer waren tägliche Vorkommnisse nicht nur tn unserem Hause, sondern in dem ganzen Viertel, dem verrufensten der Metropole.

Ganz oben unter dem Dach des alten Hauses befand sich eine Stube, in der es im Winter bitter kalt, im Sommer glühend heiß war. Sein Licht erhielt dieses Gemach durch ein sogenanntesSkyligh", denn Fenster waren nicht vor­handen. Der Gyps fiel in Stücken von den Wänden herab, die Thür, war so in ihren Angeln eingerostet, daß sie nicht zu verschließen war. Das Mobilar bestand aus einem