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hoch haltend; auch der Toni, der elfjährige einzige Bub des Bauern, rief erstaunt: „Josef, Josef ist wieder da!"
„Ja, Bäuerin, ich bin's1 Helft, der Bauer hat den Arm gebrochen, als ihm die Gäule wild geworden; schafft's Lager zurecht!"
„Gott und die Heiligen!" wehklagte die Frau, half aber doch besonnen ihren Mann vom Wagen herabnehmen und aus's Sopha legen.
Josef warf neugierige Blicke umher nach der Einen, die ihm Alles galt, aber sie war nicht da. Unterdessen war das Lager fertig und man konnte nun den Bauern zu Bett bringen.
„Weißt Du was, Bäuerin," meinte Josef dann, „laß den Chirurg, den Pfuscher, nicht an Deines Mannes Arm; laß schnell ein Pferd satteln, ich reit' zur Stadt und hol' einen tüchtigen Doctor."
„Das thue, Josef," rief der Verwundete, „und Gott lohn'- Dir!"
Das Pferd war bald da und Josef galoppirte schon durch die Dunkelheit dahin, ehe man sich im Rosenhof auf das, was bei dem Unglücksfalle noth that, recht besonnen hatte.
Noch vor Mitternacht langte der wackere junge Mann gleich mit der Kutsche des Doctors wieder an. Still nahm nun Josef seinen Tornister und schlich davon, an der langen Rosenhecke des Gartens hin, von welcher seit Alters her der Hof den Namen trug; mußte er doch so schnell als möglich sein Mütterchen umarmen. Aber die Eine, welche er so treu liebte, hatte heute Abend wieder im Tagelöhnerhäuschen bei der alten Frau gesessen und mit ihr von ihrem Josef geplaudert.
Während Josef den Doctor herbeiholte, war Loni zu Hause angekommen und so traf es sich, daß sich die beiden Liebenden noch nicht gesehen.
II.
Wenn Du noch eine Mutter hast, So danke Gott und sei zufrieden. Nicht Allen auf dem Erdenrund Ist dieses große Glück beschieden.
Träger.
Die alte Frau Ropp saß noch beim Spinnrad, als Josef leise die niedrige Thür öffnete und fröhlich rief: „Erschrick nicht, Mütterle, grüß Gott, ich bin's, Dein Josef!"
„Allen Heiligen sei gedankt!" rief die alte Frau und fiel ihrem jüngsten und nun einzigen Sohne um den Hals.
Von sieben Kindern hatte sie eins nach dem andern auf den Kirchhof dort am Hügel tragen lassen müssen, und der Herr Pfarrer hatte jedesmal zu sieben verschiedenen Zeiten hintereinander eine trostreiche Rede gehalten, bis sie den Josef, den achten Sohn, am Leben erhielt. Mit Angst hatte ihn das Mutterauge behütet in der Jugend und mit Sorge hatte ihn das Mutterherz zum Heere und in den Krieg ziehen sehen. Trauer hatte lange in der armseligen Hütte um den verloren geglaubten Sohn geherrscht, bis die Kunde von Josefs Rettung zugleich mit der Nachricht von seiner Verwundung ankam. Dann hatte die Mutter gehofft von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Monat zu Monat und nun endlich war er zurückgekehrt, der geliebte Sohn.
„Gott sei Dank, Josef, daß Du wieder da bist!" wiederholte die alte Frau. „Aber warum kommst Du so spät?"
Er erzählte nun seine Erlebnisse im Feldzuge, aber die liebende Mutter hörte nur halb zu.
Sie hatte schon geschäftig den Tisch gedeckt und meinte fürsorglich: „Gelt, Josef, Du hast Hunger!"
„Ja, Mutter, rechtschaffen," erwiderte Josef und langte tüchtig zu von der kalten Kost.
Lange noch faßen Mutter und Sohn beisammen und vertrauten sich ihre Wünsche und Gedanken für die Zukunft an. Dabei mußte natürlich auch das Gespräch auf Josefs Liebe zur Loni kommen und Josefs Mutter gab ihrer Besorgniß Ausdruck, daß Martin Straßer, der Rosenbauer, nie seine Einwilligung zu einer Verbindung zwischen Josef und Loni geben würde.
„Er hat einen harten Kopf, ich kenne ihn," sagte die alte erfahrene Frau in großer Erregung. „Ich hätte Dir auch
gerathen, Dein Herz gegen Loni zu wahren, hättest Du mich um Rath gefragt. Als es aber geschehen war, daß Ihr Euch gefunden, da wär's grausam gewesen, Euch zu trennen?"
„Sollte den Rosenbauer wirklich nichts erweichen können?" warf Josef fragend hin.
„Man muß es abwarten, Josef; morgen ist auch noch ein Tag," tröstete die Mutter den Sohn. „Gute Nacht, mein Junge; Dein Bett in der Kammer ist längst bereit. Schlaf' wohl!"
„Schlaf' wohl, Mutter!" erwiderte Josef und suchte sein Lager auf.
Aber der Schlaf floh ihn bis lange nach Mitternacht, denn die Sorge um sein Herzensglück lag schwer auf ihm.
Am Morgen war Josef dennoch früh auf und legte seine Civilkleider, die kleidsame Gebirgstracht, an. Wie dem prächtigen Burschen die grauen Kniehosen, die bunten Zwickelstrümpfe und die Lodenjoppe gut standen!
„B'hüt' Dich Gott, Mütterlein!" sagte Josef, als er das Haus verließ. „Ich geh' auf den Rosenhof."
„Geh' mit Gott, mein Sohn!" rief ihm die Greisin nach.
Im Rosenhof erkundigte sich Josef zuerst nach dem kranken Bauern. Der Doctor hatte ihm den Arm eingerichtet und gesagt, der Bruch habe weiter nichts zu bedeuten und würde bald heilen; man solle die Nacht über aus Mangel an Eis den gebrochenen Arm des Bauern mit kaltem Wasser kühlen. So war denn Loni die ganze Nacht aufgeblieben, hatte von dem Felsenborn vor dem Hofe das eiskalte Wasser geschöpft und des Vaters Arm gekühlt. Jetzt schlummerte der Kranke ein wenig.
Die Mutter hatte ihr den Vorfall kurz erzählt und mit einem gewissen Stolze hatte sie vernommen, daß Josef dem Vater das Leben gerettet habe-
Derjenige, mit dem sich Lonis Gedanken noch eben beschäftigten, trat jetzt ein. Freudig, jedoch leise, damit der Vater nicht erwache, begrüßte sie Josef und Beide drückten sich innig die Hände. Ein gegenseitiger Blick überzeugte sie, daß ihr Verhältniß trotz der langen Trennung doch dasselbe geblieben.
Da hier nicht der Ort zu langen Plaudereien war, so flüsterte Loni nach dem Austausch einiger Worte dem Geliebten zu: „Wir sehen un? heute noch wieder, Josef. Bleib'Du jetzt bei meinem Vater, bis er erwacht, ich will jetzt im Hause nach der Ordnung sehen; hernach kommt wohl Dein Mütterle und löst Dich ab, wenn Du den Vater auf dem Feld vertreten mußt, denn es gibt halt viel zu thun."
„Du bleibst also doch mein Lieb," flüsterte Josef darauf dem geliebten Mädchen zu, „wie's auch kommen mag!"
Sie nickte ihm noch einmal freundlich zu und verschwand. Josef aber setzte sich nachdenklich am Lager des Kranken nieder. Da fiel ihm sein eigenes Krankenlager int Lazarath wieder ein, wie er im Wundfieber gelegen und sich in einem Eispalast gewähnt, in dem Loni als Königin mit einem goldenen Diadem auf dem Haupte prangte. Und dann war er erwacht und hatte den freundlichen Arzt wie die barmherzige Schwester gesehen, hatte Arznei getrunken und war dann wieder entschlummert. So ging es wohl vierzehn Tage lang, bis endlich die Wunde anfing, zu heilen und das Bewußtsein nicht mehr schwand. Aber nicht rühren halte er sich dürfen; die Unthätig- keit hatte ihn zuerst gequält und daß er Loni noch nicht schreiben durfte. Auch an den Prinzen dachte er und daß die Dankbarkeit fast so selten sei, wie die Feen und Elfen der Kindheit im Mannesalter. Ja, so ein Krankenlager war für einen an Thätigkeit gewöhnten Menschen doch etwas ganz Schreckliches! Na, ungeduldig genug würde der Bauer wohl auch sein- — Jetzt regte er sich.
„Willst wohl trinken, Bauer?" fragte Josef theilnehmend.
„Ja!" erwiderte der Kranke und Josef reichte ihm das Wasser mit Himbeersaft.
„Hast Du viele Schmerzen?" frug dann noch der junge Mann.
„Es geht halt wohl," entgegnete der Bauer und ein milder Schein glitt über sein sonst so hartes Gesicht. „Gut, daß Du


