Samstag, den 30. September.
1893
Dunkle Mächte.
Novelle von B. Corony.
(Fortsetzung.)
Die Wittwe hatte, freundlichen Einladungen folgend, öfters Besuche auf dem Rittergute abgestattet und Magda nicht nur reizend gefunden, sondern auch bemerkt, daß diese mit naiver Bewunderung zu Georg aufblickte. Dadurch fühlte sich zwar einerseits Frau Franks Mutterstolz hoch geschmeichelt, anderseits schien ihr aber eine Verbindung des Sohnes mit der unbemittelten Waise keineswegs wünschenswerth. Ihrer Neber- zeugung nach liebten sich die Beiden und das meinte sie fast als ein Unglück betrachten zu müssen, denn nur, wenn er ein reiches Mädchen heimführte, wurde dem Arzt die Möglichkeit gegeben, der Welt durch ein ganz anderes Auftreten zu impo- niren, kostspielige und der Neuzeit angemessene Einrichtungen zu treffen und sich durch Uebernahme oder Gründung eines großen Sanatoriums einen Wirkungskreis zu schaffen, welcher ihm glänzende Resultate verbürgte und seinen Namen berühmt machen konnte.
Sie hatte Wein — von dem nie ein Tropfen über ihre Lippen kam, denn das würde sie Verschwendung genannt haben, — aus dem Keller bringen lassen und das Glas des Sohnes gefüllt.
„Trinke doch auch, Mutter I" rief er unwillig.
„Nein! Du kennst meine Ansichten. Späterhin nehme ich Alles an, was Du mir bietest — aber jetzt ist das theure Getränk nur für Dich da, denn es muß Deine Energie und Deine Gedanken beleben."
„Es ist peinlich, sich immer an die Armuth erinnern zu hören!" fuhr er auf.
„Im höchsten Grade peinlich. — Aber ich erinnere Dich dennoch daran, weil ich weiß, daß Du, um das Joch der Armuth abzuschütteln und um Deinem Ehrgeiz zu genügen, des Höchsten fähig bist, daß Du, um dereinst über der wie Ameisen im Staube wimmelnden Menge zu stehen, sogar den Schrei Deines Herzens ersticken würdest. Weil ich Dich groß sehen will, mahne ich Dich an unsere armseligen Verhältnisse. Nicht aus niederer Genußsucht thue ich es, — denn so wahr ein Gott im Himmel ist, so wahr wollte ich, ohne mich zu beklagen, Tag für Tag trockenes Brod essen und wie eine Magd arbeiten, wenn es zu Deinem Besten wäre, — sondern weil Du emporsteigen, weil Du der Erste unter den Fürsten der Wissenschaft werden sollst. Jetzt scheint es mir, als wären meine Wünsche bedroht. Schon lange beobachte ich eine stets zuneh
mende Verstimmung bei Dir, die wohl aus schweren Seelenkämpfen entspringen mag und Dich sogar gegen Deinen Beruf gleichgiltig macht."
„Du hast recht — ich leugne es nicht," erwiderte er düster.
„Aber das ist schlimm! Erschlaffend darf der Kummer nicht wirken. Wer Großes erreichen will, muß sein Ziel fest im Auge behalten und nicht zögernd stehen bleiben, um nach einer schönen Blume zu blicken. Wenn ich mich auch todtmüde fühlte, wenn mir auch das Herz weh zuU Zerspringen that, so strebte ich doch unermüdlich vorwärts und sagte zu mir selbst: „Du mußt!" Unv ich war nur ein Weib, das mit tausenderlei Hindernissen zu kämpfen hatte, die für einen Mann gar nicht existiren- Dieser fast übermenschlichen Ausdauer ist es zu verdanken, daß man Dich heute unter den hervorragenden Aerzten nennt. Jetzt bist Du aber an einem Punkt an» gelangt, wo ich nichts mehr für Dich thun kann. Nun mußt Du selbst handeln und Dir Bahn brechen, oder bist Du schon zufrieden? Mir — an Deiner Stelle — würde das bisher Erreichte nicht genügen."
„Genügen?" rief er bitter auflschend. „Nein, wahrhaftig nicht! Wer sagt Dir denn, daß ich so bescheidene Ansprüche an das Leben stelle? Ich denke mehr als je an die Zukunft. Niemals haßte ich die kleinlichen Verhältnisse, in denen ich mich bewegen muß, so sehr, als gerade jetzt. Niemals fühlte ich mich so eingeengt, so gehindert, so wenig an meinem Platz."
„Wenn Du so denkst — dann bezwinge Dich selbst." „Wie meinst Du das?"
„Sprechen wir einmal offen! Magda von Bodenstein ist ein süßes, liebes Geschöpf. Ich habe wohl schon glänzendere Schönheiten und regelmäßigere Züge gesehen, aber kaum jemals ein Antlitz, das so sehr durch den wechselnden Ausdruck fesselt und so viel geistiges Leben verräth. Daß Du Dich dem sanften Zauber des holden Kindes nicht zu entziehen vermochtest, finde ich sehr begreiflich, aber —"
„Was willst Du damit sagen?" unterbrach Georg hastig. Man konnte unangenehme Ueberraschung, ja, sogar unverkennbare Gereiztheit aus dem Ton dieser Frage heraushören.
„Daß sie erstens ihres exaltirten Wesens wegen nicht die Lebensgefährtin ist, die ich an Deiner Seite sehen möchte und zweitens —"
„Du bist in einem großen Jrrthum befangen!" fiel er ihr abermals in die Rede. „Ich liebe Magda nicht und meines Wissens hegt auch sie kein wärmeres Gefühl für mich. Daß ich mich bis zu einem gewissen Grade für sie interessier, soll zugegeben sein, dieses Interesse ist jedoch ganz anderer Art, als Du meinst."
„Du befreist mich von einer schweren Sorgenlast,"


