Ausgabe 
9.10.1925
 
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Schiedsspruch zu unterwerfen, Frank- re i ch aber im Austausch darauf verzichtet, für den Fall deutscher Verfehlungen gegen die östlichen Schiedsgerichtsverlräge Sanktionen ans eigene Sauft ergreifen zu können. Heber die Garantierung der SchiedSgerichtsver- trage durch Frankreich sei eine Einigung noch nicht erzielt worden. Der Eintritt Deutsch­lands in den Völkerbund bilde die ein­zige Frage, an der die Konferenz von jetzt ab scheitern könnte.

DerT e m p s" bringt ferner folgende auf« sehmerregende Mitteilung, über die iroch keine Bestätigung erlangt werden konnte:3n gewissen Kreisen wurde gestern früh behauptet, daß eine Verständigung tatsächlich bereits über sämt­liche Punkte herbeigeführt wurde uird daß sogar die Frage deS deutschen Eintritts in den Völkerbund keinen Schwierigkeiten mehr begegne, die nicht auL dem Wege zu räumen wären.' Das Blatt meint, man könne annehmen, daß die in Locarno versammelten Außenminister sich zu gegenseitigen Zugeständnissen entschlossen haben und die Verständigung, wenn sie tatsächlich er­reicht sei, die Form eines Kompromisses habe. Grund zurBeunruhigung bestehe nicht, da der Garantiepakt nur im Rahmen des Versailler Vertrags abgeschlossen werden könne und Frankreich über ihn unmöglich hinausgchcn könnte. , _

Der Sondcrberichterst aller des Journal des Debats" telegrafiert, daß gestern nachmittag die Konferenzkreise größte Zuversicht an den Tag legten. Brian d war in bester Laune und amü­sierte die anwesenden Journalisten durch seinen unerschöpflichen Anekdotenschah. Driand habe dem deutschen Reichskanzler die formelle Erklä­rung gegeben. daß Frankreich nie von dem Durchmarschrecht in vollem .Umfange Gebrauch machen werde. Es wäre Wahnsinn von französischer Seite, Truppen von einer Grenze nach der andern auf deutschen Eisenbahnen beför­dern zu lassen. AlleS, waS von Deutschland tm Falle eines russisch-polnischen Konflikts verlangt würde, wäre der Transport von franzö­sischen Truppen durch den Kaiser Wilhelm-Kanal.

Die Tschechen.

Locarno, 8. Okt. (TH.) Die tschechische SeYe;a'.ion ist seit ihrer gestrigen Ankunft zu­nächst damit beschäftigt, die Fühlungrnit den übrigen Delegationen aufzunehmen, natürlich nicht in offizieller Art, sondern durch persönliche Gespräche der einzelnen Mit­glieder untereinander. Aus deutscher Seite läßt sich vorläufig natürlich keine andere Taktik fest­stellen, als daß man die Anwesenheit der Tschechen ignoriert, zumal ja auch Herr Chamberlain ausdrücklich immer nur von den fünf Mächten der Konferenz gesprochen hat. Die Tlchechen hoffen aber, daß fic Gelegenheit haben werden, sich vielleicht noch Ende dieser Woche in die Verhandlungen einzuschalten. Sie nehmen an, daß die Verhandlungen bis dahin so weit fortgeschritten sein werden, daß sich innerhalb der Verschachtelung eine Möglich­keit ergibt, mit Hilfe der Franzosen einzuhaken. Hm gerüstet zu fein, haben sie auch bereits den Entwurf eines Vertrages fertiggefteUt, wie fie ihn sich mit Deutschland denken. Der Entwurf verlangt keine Garantie der tschechischen Grenze, die für Deutschland unannehmbar ist. Dagegen enthält er die Forderung des obliga­torischen Schiedsgerichts für alle Fra­gen. Er tritt damit auf den Boden der fran­zösischen Auffassung, die belanntlich grundsätzlich von deutscher Seite abgelehnt worden ist.

Der Leiter des politischen Dienstes beim fran­zösischen Außenministerium, Derthelot, soll nach einem Prager Funkspruch angedeutet haben, daß bereits am Montag mit den Vertretern . der Tschechoslowakei und Polen die Verband- ' langen über die Schiedsgerichtsverträge beginnen «-würden und daß die Konferenz am Mitt­woch oder Donnerstag beendet wer­den könnte. In maßgebenden deutschen Kreisen wird dieser Optimismus aber keineswegs geteilt. Heber die Zulassung der Polen und Tschechen steht man nach wie vor auf dem Standpunkt, daß hierzu ein einstimmiger Beschluß der Kvnferenzmitglieder notwendig sein wird.

Das Durchmarschrecht.

London, 9. Oft. (WTB. Funkspruch.) Reu­ter meldet, der Eindruck der gestrigen Sitzung fei vorzüglich gewesen. Chamberlain habe sie als die interessanteste bezeichnet, an der er teilgenommen habe. DerDaily Telegraph" schreibt, der Artikel 16 deS Völkerbunds vertrag es könne zwar von der Konferenz in Locarno nicht abgeändert werden, man werde jedoch vorschla- gen, daß Deutschland nach seinem Eintritt in den Völkerbund beantrage, den Artikel 16 neu auszulegen und die anderen in Locarno ver­sammelten Mächte würden es übernehmen, diese abgeänderte Auslegung zu unterstützen, die dahin gehen würde, daß Artikel 16 sich nicht auf Deutschland beziehe, solange dieses entwaffnet sei und die anderen Mächte an den Grenzen bewaffnet finb.

Ein deutsch-russischer SicherheitspaKI?

Paris, 8. Off. (Wolff.) Der Berichterstatter des"Petit Parisien" erklärt, in diplomatischen Krei­sen versichere man, daß Außenminister S ft eie­rn a n n in der vergangenen Woche mit Tschi­tscherin in Berlin geprüft habe, welcher Art die russisch-deutschen Beziehungen fein wurden, wenn Deutschland den Sicherheitspakt unterzeichnen und in den Völkerbund eintreten werde. Eine Art deutsch-rufsischen Gegenoerfrages fei daher von fonnefistischer Seite vorgeschlagen roorben, durch den Rußland und Deutschland sich gegenseitig oerpflichlen, sich in Zukunft weder militärisch noch ivirstchastlich oder durch eine finanzielle Blockade anzugreisen. Vieser Vertrag soll später abgeschlossen und dem Ergebnis der Konferenz von tocerwo on- gepaßt werden.

Dor einer Gegenoffensive Abd el Keims.

Paris, 8. Oft. lWTD.) Wie Havas aus Fe^ berichtet, nimmt die Hntertoerfung der Stamme immer größeren Umfang an. Eine An­zahl weiterer Stämme steht mit dem französi­schen Kommando in Unterhandlungen. Abd el Krim soll gegenwärtig 15 000 Mann in der Gegend von Aid Kemera versammeln, wo er sich selbst mit feinem Bruder aufhält. Cs geht das Gerücht, daß Abd el Krim entweder die in Qljör gelasteten vjxmter oder den linken fran­

zösischen Flügel der Stellung nördlich von Kiffane wäre die Austunst erteilt worden, daß die reichsge-

die

t s b e i h i l s e von

im der die

gewählte Richter haben, so haben wir auch schlimmste Klassenjustiz.

sich auch Finanzminister Dr. Hopker-Aschosf betei-- liflte, gegen die Stimmen der Kommunisten und der Sozialdemokraten abgelehnt. Annahme fand ein deutschnationaker Antrag, wonach sofort in Be­ratungen darüber eingetreten werden soll, ob es mög­lich sei, der Beamtenschaft die Beschaffung ihres Winterbedarfs durch Hergabe von Krediten zu ermöglichen. Weiter wurde ein Antrag angenommen, den Beamten und Lehrern durch (3 e - Währung von zinsfreien Vorschüssen die Anschaffung von Winteroorräten und Winterklei­dern zu ermöglichen. Ferner wurde ein Zentrums- antrag angenommen, die staatlichen Kassen und Geld- institute anzuweisen, die den Beamten gegebenen Darlehen von sofort ab zinslos zu stunden und die Fortsetzung der Rückzahlungen erst nach dem 1. Januar 1926 wieder einsetzen zu lassen, mit der Maßgabe, daß die rückerstatteten Beträge in der Regel 10 Proz. des auszuzahlenden Monatsein- forunens nicht übersteigen dürfen.

Aus aller Welt.

12. Internationale Note Kreuz-Konferenz.

Am Dienstag ist in der Aula der Hniversitä

angreifen wolle. Abd el Krim soll fünf Fokker- Flugzeuge erhalten haben, die unter dem Kom­mando eines früheren englischen Offiziers beauf-

setzlichon Bestimmungen für verheiratete Beamtinnen auch für Hessen gelten würden. Die verheirate­

ten Beamtinnen werden unter ein Aus- nahmerecht ge st eilt, indem man für sie den Art. 14 des Abbaugesetzes aufrechterhält. Hier wäre eine Kann Vorschrift bei der Gewährung einer Abfindung vorgesehen, nicht wie sonst eine M ii ß Vorschrift. Wenn man Minister nach halb­jähriger Tätigkeit einen beträchtlichen Teil ihres Gchaltes gewahre, müsse man auch den Beamtinnen beim Ausscheiden aus dem Dienste eine aus­reichende Entschädigung gewähren.

Abg. Reiber (Dem.) erklärt die Zustimmung seiner Partei zu dieser Vorlage.

Ministerialrat Schwarz erklärt, daß es unmöglich sei, die Fristen des Gesetzes, die be­reits laufen, zu ändern, denn reichsgesetzliche Destimnrungen ständen dem entgegen.

Abg. Kindt (Dntl.) erklärt eine Verant­wortung für das Gesetz, das heute erst im Hause eingebracht worden, nicht tragen zu können.

3n der weiteren Debatte bringt Abg. Frl. Birnbaum einen Antrag ein, wonach die Hess. Beamtinnen, die auf Grund der Abbauverord­nung erlassen sind, besonders darauf aufmerksam gemacht werden, daß sie ihre Anträge stel­len müssen.

Abg. Dr. Leuchtgens (Dbd.) erklärt na­mens seiner Partei, daß fie dem Gesetz zuftimme.

Die Regierungsvorkage wird mit einigen re­daktionellen Aenderungen angenommen. Der Antrag Birnbaum wird abgelehnt, da­für ein sozialdemokratischer Antrag angenommen, wonach die Innenbeamtinnen ebenfalls auf­gefordert werden sollen, Anträge zu stellen.

In erster und zweiter Lesung werden hier­auf nach längerer Debatte Regierungsvorlagen angenommen zur Aenderung der hessi­schen Pachtschutzverordnung und zur Aenderimg des hessischen Gesetzes zur Ausfüh­rung des § 5 der Reichspachtschutzord­nung. Die Kommunisten sind gegen die Be­ratung des Gesetzes und stimmen erst zu, als ihnen bedeutet wird, daß dann auf dem Wege der Verordnung die Regierung die Aenderungen einführen werde.

Auch die Regierungsvorlage über den Ent­wurf eines Gesetzes über

die Gebühren der Rechtsanwälte in Aus- wertung-fachen

droht diesmal an dem Widerstande des Zen­trumsabgeordneten Ruß zu scheitern, weil sie erst heute dem Hause zugegangen war. Abg. Dr. Werner (Dntl.) hat einen Antrag ein­gebracht, die Gebühren nicht höher anzusetzen als in Preußen. Man einigt sich schließlich auf eine von der Regierung vorgeschlagene Fassung, daß das Justizministerium ermächtigt wird, eine Regelung zu treffen, ähnlich wie in Preußen, Das Gesetz erhält rückwirkende Kraft bis zum 15. Juli. Das Gesetz wird in erster und in zweiter Lesung angenommen.

Als letzter Punkt steht auf der Tagesordnung die Rückzahlung der landwirtschaft­lichen Kredite. Es liegen hierzu Anträge der Abg. Wolf und Gen., Weckler, Blank, Felder und Gen., Dr. von Helmolt und Gen. sowie Blank und .Heinstadt.

Abg. Dr. v. Helmolt (Dbd.) gibt ein Bild von der traurigen Lage der Hess. 2anb- wirtschast: seine Partei habe schon bei Gewäh­rung der Kredite erklärt, daß es kaum möglich sein würde, sie zu den festgesetzten Terminen zurüc^uzahlen. Die Regierung habe zwar mit der Rückzahlung gerechnet, aber die Hoff- nungen auf die Ernte hätten sich nicht erfüllt, namentlich nicht, weil die Preise ge­fallen seien. Für viele Produkte ständen sie heute unter den Dorkriegspreisen: daher sei cs be­dauerlich, daß die Verbraucher von den niedrigen Preisen nichts spüren. Trotz der großen Arbeits­losigkeit wären auf dem Lande keine Ar­beitskräfte zu bekommen.

In der weiteren Aussprache erklärt Abg. Dr. R i e p o t h (D. Vp.), daß b.ei der Rotlage des Bauernstandes und den Zwangsverkäufen unter dem Gestehungspreis man sich Wundern müsse, daß die Landwirte noch Lust hätten, ihre Felder zu bestellen. Die Verschuldung zeige sich sowohl bei dem großen wie bei dem kleinen Landwirt.

In der Llbstimrnung wird ein Antrag des Ausschusses angenommen, daß ein Drittel der Kreditsumme bis zum 10. Ro - vember zurückzuzahlen ist: wegen der Rückzahlung soll die Regierung mit den Geld­gebern über eine Verlängerung der Fristen ver­handeln. Die Rechtsparteien wollten, daß die Rückzahlung des ersten Drittels in der Zeit vom 10. Rovember bis 31. Dezember erfolgen soll. Der Rest der Kreditsumme solle nicht mehr aus dieser Ernte bezahlt werden. Angenommen wird gegen die Stimmen der Linksparteien ein An­trag Dr. v. Helmolt, es bis zum 10. Rovember beim bisherigen Zinsfuß zu belassen.

Schluß der Sitzung um 4 Hhr. Der Prä­sident teilt mit, daß der Landtag voraussicht­lich anfangs Dezember wieder ein- berufen wird.

Beamtensragen im Preußischen Landtag.

Berlin, 8. Okt. (WTB.) In der heutigen Sit­zung des preußischen Beamte naus-

Abg.. Dingeldey (D. V.P.) erklärt Rarnen seiner Partei die Zustimmung zu Amnestievorlage, weil sie tm wesentlichen ... Bestimmungen der Reichsamnestie enthalte. Seine Partei werde sich aber gegen jede Erweite»

300 Mark und einer Erhöhung des Z u - schlages für bie Beamtengruppen 17 von 124 auf 30 Proz. nach ausgedehnter De­batte, in der die Not der Beamtenschaft anerkannt, aber die Unmöglichkeit, gleichzeitig mit der Preis- fentungsaktion der Neichsregierung eine Gehalts­erhöhung durchzuführen, betont wurde, und an der

© e n f die 12. Internationale Role Kreuz-Kon­ferenz eröffnet worden. Gustav 210 0 r, der Prä- * fident des Internationalen Rote Kreuz-Komitees, hieß die Delegierten von 14 nationalen Gesell­schaften und 27 Regierungen willkommen. Er betonte die Bedeutung der von den Rote Kreuz- Gesellschaften im Kriege und im Frieden voll­brachten Leistungen. Die Kommissionen werden sich u. a. befassen mit der Prüfung des Jahres­berichtes, mit dem Studium der Beziehungen zwischen den Militärsanitätsdiensten und den nationalen Rote Kreuz-Gesellschaften, dem che­mischen Krieg, der Immunisierung der Sanitäts­flugzeuge, der Tätigkeit freiwilliger Hilfeleistung bon Rote Kreuz-Organisationen bei Katastro­phen usw.

Hessischer Landtag.

Darmstadt. 8. Oft. Auf der Tagesord­nung steht der A m n e st i e e r l a h. Frau 2Tbg. Roth (Komm.) bringt zwei Fälle vor, in denen keine Amnestie erfolgt sei und verweist auf einen kommunistischen Antrag zur Amnestie.

Ministerialrat Schwarz spricht gegen die darin ausgesprochenen Forderungen und legt dar, daß die hessische Amnestie sich im Rahmen der Richtlinien des Reiches bewege und nicht ge­ändert werden möge.

2H>g. Kindt (Dntl.) wendet sich dagegen, daß der Erlaß der Amnestieverordrmng ohne Zustimmung des Landtages erfolgt ist. Seine Partei könne der Vorlage nicht zustimmen. Die hessische Amnestie gehe über die Reichs- amneftie hinaus, sogar der Hochverrat falle unter die hessische Amnestie. Der Redner be­handelt dann mehrere Falle, in denen rechts- politische Persönlichkeiten benachteiligt sind.

2lbg. Sturmfels (Soz.) meint in Heber­einstimmung mit den Kommunisten, daß der Straferlaß nicht weit g enug gehe, weil nur politische Vergehen unter die Amnestie fielen; aber die Sozialdemokratische Partei habe sich in den Verhandlungen überzeugt, daß nicht mehr zu erreichen sei. 'Die Sozialdemokraten würden der Regierungsvorlage zustimmen, aber auch einem Teile deS Antrages der Kommunisten.

Ministerialrat Schwarz legt dar, daß der Amnestieerlaß nicht länger hätte hinausgeschoben werden tonnen. An die zuständigen Behörden sei ein Ausschreiben ergangen, wonach eine S t a- tistik geführt werden muß über Erlaß von Haftbefehlen, Dauer der Festnahme, Entschädi­gung wegen unschuldig erlittener Hntersuchunas- haft usw. Der Hebertragung des Gnadenrechts an die Gerichte stehe die Hess. Verfassung ent­gegen, doch werde das Ministerium in der näch­sten Zeit in dieser Angelegenheit einen Beschluß fassen. Der Redner wendet sich gegen die grund­sätzliche Begnadigung wegen Abtreibung. .

2Ibg. G alm (Komm.) erklärt, es seien in Hessen nur wenige Personen, die Straffreiheit erlangt hätten: im ganzen seien es bis jetzt nur 5 Personen, dazu wäre keine Vorlage nötig gewesen. Im Verlauf seiner weiteren Rede koird 2lbg. ©alm wegen eines Ausdrucks, die Re­gierung habe die Absicht, das Voll zu be­trügen, zur Ordnung gerufen.

Iustizminister v. Brentano wendet sich gegen die von den Kommunisten vorgebrachten Fälle, die als Tatsachen hingestellt und dann Schlußfolgerungen daraus gezogen würden. Dis letzt seien mehr als 150 Personen be­gnadigt worden. Abg. Galm hätte behauptet, daß das Justizministerium ..Klassenärzte" wegen Abtreibungen nicht bestrafe: der Minister nennt ihn deshalb einen Verleumder. Der Präsident rügt diesen Ausdruck. Hessen habe sich von keinem anderen Lande an Humanität bei der Amnestie übertreffen lassen.

Abg. Widmann (Soz.) fordert Degnadi- gung wegen Vergehens gegen Art. 218 und 219 des Strafgesetzbuches.

Abg. Dr. Wer ner (Dntl.) erklärt, daß diese Artikel gar nicht zu dem Amnestieerlah ge­hörten. Im Auslände hätten viele ein Interesse an deren Abschaffung, denn es wären ihnen zu viele Deutsche auf der Welt. Der Redner ver­langt einen stärkeren Schutz der persön­lichen Ehre. Wenn wir einmal vom Volke

r u n g der Amnestie wenden. Amnestierungen in großer Zahl führten nur zu einer Demoralisie­rung der Rechtspflege. Roch immer wäre bei Behandlung von Fragen, die das Justizministe­rium beträfen, von der Linken des Hauses der Vorwurf der Klassenjustiz erhoben worden, aber b^i näherer Betrachtung der Fälle fielen die Vorwürfe in sich zusammen, ebenso der Vorwurf, daß Angeklagten die Entlastungsbeweise abge- schnitten würden. Der Redner verteidigt den Richterstand gegen den Vorwurf der Klassen­justiz.

Die Regierungsvorlage über die Amnestie toirb hierauf angenommen. Dagegen stimmen bie Deutschnationalen. Die Anträge zu der Vor­lage werden bann in Hebereinstimmung mit den Ausschußanträgen angenommen ober abgelebnt.

Das Haus tritt hierauf in die Beratung des Ge­setzentwurfs über

Einstellung des Personalabbaues in Hessen

und zur Aenderung des hessischen Personalabbau­gesetzes ein.

2(bg. Kaul erläutert als Berichterstatter einige Bestimmungen des Gesetzes. Das Gesetz bestimmt u. a., daß Staatsbeamte mit dem Ablaufe des Vierteljahres in den Ruhestand treten, das auf den Monat folgt, in dem sie das 65. Lebensjahr vollendet haben. Ein Artikel trifft Bestimmungen über die Besoldungsverhältnisse über vorübergehend beschäf­tigte Beamte, die aus dem Staatsdienst ausscheiden. Umstritten sind die Bestimmungen über die Frist des Inkrafttretens des Gesetzes. Zu dem Gesetzentwurf liegen mehrere Anträge der Parteien vor.

Abg. Frl. Birnbaum (D. Bp.) bedauert, daß dec Entwurf e r ft heute dem Hause zugegangen ift und noch nicht durchberaten werden femtie. Ihr

schusses wurde der kommunistische Antrag auf Gewährung einer Wirtschaf ' 300 Mark und einer Erhöh

Aus Stadt und Land.

G i e h en, ben 9. Oktober 1925.

Gleichgültigkeit.

Es gab einmal eine Zeit, da genoffen unsere Hausfrauen als Einkäuferinnen im allgemeinen bei den Geschäftsleuten feinen guten Ruf. Besonders die Erfahreneren, Aelteren von ihnen waren äußerst kritisch veranlagt, und man sagte, es sei oft recht schwer, ihr völlige Zufriedenheit zu finden. Selbst den geduldigsten Verkäufer konnte ihre wählerische, mit dem Pfennig rechnende Art oft beinahe zur Ver­zweiflung bringen. Die Wogen des hausfraulichen Zornes schlugen aber beängstigend hoch, wenn eine reell bezahlte Ware sich später als minderwertig er­wiesen hatte . . .

Man sollte es nicht glauben, wie verhältnismäßig schnell sich die Menschen ändern können, sobald nur eine Zeit starken Zwanges Gewohnheit werden läßt, was vorher in jeder Weife als Unrecht empfunden wurde. Die Kriegszeit und später die Inflation kamen mit ihren mannigfachen Röten, und die Men­schen fügten sich teils empört und unwillig, teils aufopfernd und entsagend in die unmöglichsten Situationen und Forderungen. Man lernte vor allem eines: Eine gewisse Gleichgültigkeit, sowohl in bezug auf Preishöhe, Sauberkeit und Qualität der Waren, als auch bezüglich eigener Verantwortlichkeit in Er­füllung zustehender Pflichten. Und diese Gleichgültig­keit hängt vielfach noch heute über unserem ganzen Gemeinschaftsleben, in der Politik, in der Volkswirt- fchaft im großen und im einzelnen Familienhaus, halt im kleinen. Don ihr sind leider die meisten von uns noch immer nicht ganz frei geworden.

Wie war man vor dem Kriege im Einkäufen genau. Ein Mehr von einigen Pfennigen hatte ein- schneidende Bedeutung, und man handelte, feilschte und bat, daß es oft gar übertrieben schien. Im Kriege lernte man sich dann an dasUngeheuerliche" gewöhnen: besonders bei denLebensmitteln" war mangroßzügig" geworden, lernte ein oder sogar beide Augen zuorücken, wenn die Ware nicht ganz so war, wie man es bisher gewohnt gewesen.

Die nachwachsende Jugend vor allem hat nie ge­lernt, eine Kritik an dem Gekauften zu üben. Was eigentlich sonst die Solidität eines Haushaltes machte, der Einkauf von Waren in mittlerer Preis­lage und guter, aber nicht luxuriöser Aufmachung, ist selten geworden und ebenso das Verlangen da­nach . . .

Wachen wir endlich auf aus derGleichgültigkeit" und beginnen wir wieder damit, Preisbildung und Warengualität ernster als bisher zu untersuchen: und vor allem lehren wir unsere Kinder, daß fie das kaufen, was sie brauchen und fordern, und nicht das, was ihnen gelegentlich wider Willen aufgedrängt werden soll.

Aorriotizen.

Tageskalenber für F r e it a g. Stadttheater: 63HhrDer Vogelhänbier". Lichtspielhaus Dahnhofstr.:5>ie freudlose Gasse".

Wettervoraussage.

Meist heiter, nördlich« bis östliche Winde, tag-über wärmer, nachts starker Temperaturfall bis zur Frostgefahr, trocken, meist Morgennebel.

Infolge nächtlicher Ausstrahlung sind die Temperaturen auf dem Kontinent stark gefallen. Es hat sich hier eine Kaltluftschranke gebildet, die dem neuen nordischen Fallgebiet den Weg verlegt und es über Skandinavien abziehen läßt. Heber Mitteleuropa fiegt heute ein ausgedehntes Hochdruckgebiet.

Gestrige Tagestemperaturen. Maximum 10,8. Minimum minus 0,4 Grad Celsius. Heutige Morgentemperatur: 2,3 Grad Celsius.

tragt wurden, über Fez Bomben abzu­werfen. Das französische Oberkommando habe sofort Abwehrmaßnahmen beschlossen und fünf Jagd-Flugzeuge an die Front gesandt mit der speziellen Aufgabe, die fünf Fokker-Flugzeuge abzuschiehen.

Neue Kämpfe in China.

Peking, 9. Okt. (WTB. Funkspruch.) Zwi­schen den kommunistischen Truppen von K a n - t o n und den Streitkräften unter dem Kommando des antibolschewistischen Generals Cheng- Chung-Ming ist es bei Weischow und an anderen Stellen zu Kämpfen gekommen. Die Regierung von Kanton hat Truppenäbteilungen zur Verstärkung entsandt. Die Stadt Kanton gleicht einem Heerlager. Verwundetentransporte treffen ein und Truppentransporte gehen stünd­lich an die Front ab. Der Oberbefehl über die Kantontruppen liegt völlig in der Hand sow- jetrussischer Offiziere, die Kriegs­material auf russischen Schiffen aus Wladi­wostok fortlaufend erhalten.

Sie Dreslau-r Mordaffäre Rosen.

Daü Ermittlungsverfahren tn der Mordsache Aosen hat folgendes ergeben: Die Wirtschafterin Reumann hat in Gegenwart ihrer T o ch t e r, der Frau S t a n d t k e, zwei Männer zur Beseitigung des Professors Ro­sen und des Schuhmachers Stock gedungen Den Tälern wurden für die Ausführung der Tat im vor aus 2 00 Mark bezahlt mit dem Versprechen, fie wurden nach Erledigung ihrer Aufgabe weitere lOOOMar? erhalten. Richt gellart ist noch die Frage, ob der Ehemann der Frau Standtke etwas von diesem Plan ae- wußt hat.

Aufdeckung eine» Kassenraubes.

Ein großer Kassenraub, der in der Rächt vom 9. September beim Bezirksamt Sem- p k/ h o f verübt wurde, ist aufgedeckt worden. Alle Beteiligten, ein Gentleman-Einbrecher

I a ck, ein Händler Fechne r. zwei Schisser Schulz und Mekle, ein Polizei- afft pent Blankenburg und ein früherer Kellner Hahn, sämtlich aus Groß-Berlin, sind verhaftet. Der Haupiöeteiligte, Pawlack, be- saß in der Fuhrmannfi raße eine prächtig ein­gerichtete Wohnung. Ein großer Teil der ge­stohlenen 310 000 Mk. konnte bereits herbei- göschafft werden.

Eine Räuberbande von Kindern.

Vor einigefi Tagen wurde auf dem Gör- "her Bahnhof inDerlineinzwölfIahre alter Kabe aufgegrijfen, der eine goldene Damenuhr mit Kette bei sich trug. Die Ermittlungen ergaben, daß sieben Kinder gleichen Alters sich in dem leerstehenden Wasferturm vor dem Charlottenbürger Bahnhof stch einen Schlupfwinkel geschaffen hatten, von dem aus fie Raubzüge unternahmen. Der Gruppe gehörte auch ein 13jähriges Mädchen an, das auf einem gestohlenen Spirituskocher bie gleichfalls gestohlenen Lebensrnittel kochte. Die Bande nannte sich stolz Ku - Klur - Klan.