m. 232 Erstes Blatt (l.)
U5. Jahrgang
Samstag, 3. Moder (925
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GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Locarno
3n dem kleinen Schweizer Städtchen Locarno an den sonnigen Gestaden des Lago Maggiore versammeln sich heute die Delegierten Deutschlands und der Alliierten, um am Montag die Beratungen über den Sicherheitspakt zu beginnen. Es sind zu viele der zahllosen internationalen Konferenzen seit den Tagen von Versailles in ihrem Ergebnis, für Deutschland unerfreulich verlaufen, als daß man nun mit rosigem Optimismus dem Ausgang der Verhandlungen von Locarno entgegensetzen könnte. Aber immerhin ist Deutschlands Stellung als Konferenzteilnehmer heute stärker denn je. Wollen doch die andern von Deutschland mit der Unterschrift unter einen Sicherheitspakt etwas erreichen, was sich weder mit Bajonetten noch mit finanziellen Daumenfchrau- ben erlangen läßt, was auch beiläufig für die Alliierten stark an Wert einbüßen müßte,sobald der Pakt nicht in voller Freiheit des-Han- deins zustande käme. Frankreich will Sicherheit, will Anerkennung seiner Westgrenze, will Schiedsoerträge zwischen Deutschland und bep französischen Vasallen im Osten. Deutschlands Gegenforderungen sind bekannt, zum wesentlichen Teil bilden sie eine unbedingte Voraussetzung für das Zustandekommen eines Sicherheitsvertrages, weil ihre Nichterfüllung dem Geist der endlichen Befriedung Eu- ropas, dem Geiste der Gleichberechtigung und des Ausgleichs entgegensteht, in dem doch nun einmal allein ein Garantiepakt, wie Frankreich ihn sich denkt, möglich ist.
In dieser Richtung einer Bereinigung der poli- tischen Atmosphäre von den üblen Dünsten von Versailles liegt auch die Verbalnote, die die Reichsregierung gleichzeitig mit der Antwort auf die Einladung zur Paktkonferenz in London, Paris, Brüssel und Rom hat überreichen lassen. Die Note notifiziert den Mächten einmal die Zurücknahme der Deutschland im Versailler Vertrag ab* Ereßten Anerkenntnis von unserer Allein- uld am Kriegsausbruch, zum andern )ert sie nochmals Erfüllung des Vertrags durch Räumung der seit dem 15. Januar dieses Jahres nur noch widerrechtlich besetzt gehaltenen Kölner Zone.
Die Alliierten haben es für nötig befunden, hierauf in gesonderten Noten zu antworten, die inhaltlich nicht sehr voneinander abweichen und auch in der Form sich gegenseitig an Schroffheit nichts nachgeben. Die Note des britischen Foreign Mffice zeichnet sich noch besonders durch chren schulmeistere lichen Ton aus, mit dem die Herren der Downing- street glauben, den deutschen Diplomaten Belehrungen und Zurechtweisungen erteilen zu können. Im übrigen können aber die alliierten Antworten nicht überraschen. Wenn sie betonen, daß zwischen den von Deutschland angeschnittenen Problemen und dem Sicherheitspakt kein unmittelbarer Zusammenhang besteht, sie also als Derhandlungsgegenstände für Locarno nicht in Frage kämen, so teilt Deutschland diese Anschauung in gewissem Sinne. Die Reichsregierung ift der Ansicht, daß Deutschland sich als vollwertiger und gleichberechtigter Partner an den Konferenztisch fotzen muß, daß es zu dieser materiellen wie moralischen Gleichberechtigung aber der Befreiung von dem Makel des Friedensbrechers bedarf durch die förmliche Zurückweisung der in Art. 231 des Versailler Vertrages enthaltenen Lüge von Deutschlands Alleinschuld. Schwerlich hat irgendjemand in Deutschland erwartet, daß die Alliierten nun in ihren Antworten diese Zurückweisung widerspruchslos zur Kenntnis nehmen oder gar als berechtigt anerkennen würden. Es kann also auch nicht die Rede davon sein, daß das Kabinett Luther mit der Behandlung der Kriegschuldlüge sich eine schwere diplomatische Niederlage zugezogen hat, wie es SB Ritter der Linken glauben machen wollen.
Auch die Räumung der Kölner Zone hat mit dem Sicherheitspakt unmittelbar nichts zu tun. Deutschland besteht lediglich auf seinem Recht, wenn es sieht, daß die bestehenden Verträge ein- sicherungen für die sofortige Räumung verlangt. Deutschland kann nicht neue Bindungen eingehen, wenn es sieht, daß die bestehengen Verträge einseitig zu seinen Ungunsten ausgelegt werden. Wenn es den Alliierten ernstlich um den Garantiepakt zu tun ist und angeblich Rückstände in der Entwaffnung Deutschlands der sofortigen Räumung Kölns entgegenstehen, so dürfte es ja den alliierten Regierungen ein Leichtes fein, gemeinsam mit der Kontrollkommission Mittel und Wege zu finden, um Deutschland die tatsächlich ja längst vollendete Abrüstung feierlich zu testieren. Deutschlands Eintritt in ben Völkerbund gehört ebensowenig zu dem unmittelbaren Problemkreis des Ga- ■ rantiepaktes, und doch haben die Alliierten sich keineswegs gescheut, ihn bei jeder Gelegenheit als unerläßliche Vorbedingung für die endgültige Annahme des Sicherheitsvertrages zu bezeichnen. Mit welchem Recht will man uns also untersagen, in Locarno und schon vorher von den Dingen zu sprechen, die wir als politische Notwendigkeiten ansehen?
Der Versailler Vertrag ist an so vielen Stellen durchlöchert, die wenigen Rechte, die der Vertrag den Besiegten gelassen hat, sind so oft von den alliierten Machthabern mit Füßen getreten worden, daß das deutsche Volk allen Anlaß hat, mit dem ganzen Argwohn des Unterdrückten und tausendmal Geprellten darauf zu achten, daß ihm der Sicherheitspakt materielle Vorteile von Bedeutung bringt. Don Deutschland verlangt der Garantiepakt Opfer schwerster moralischer und materieller Art. Deutschland kann nur darauf eingehen, wenn cs wesentliche Erleichterungen von den Fesseln des Versailler Der- träges erreicht, wenn es erreicht, daß die von Frankreich beliebte Sanktionspolitik nunmehr für immer der Geschichte angehören wird und die französischen Rheinlandpläne mit Hilfe der englischen Garantie vereitelt werden. Die deutsche Delegation in Lo- karnö hat das ganze deutsche Volk hinter sich, wenn
Der deutsch-russische Handelsvertrag.
Der deutsch-russische Handelsvertrag ist endlich unterzeichnungsreif: in den nächsten Tagen schon werden in Moskau die Unterschriften geleistet. Es war wirklich schwerste Arbeit, die von unseren Unterhändlern vollbracht worden ist. Nicht Wochen, nein, ganze zwei Jahre haben die Verhandlungen über den Handelsvertrag in Anspruch genommen; und auch die letzten Arbeiten haben sich über Monate hingezogen. Die eigentliche Ursache der langwierigen und mitunter ganz ungeheuer schwierigen Vertragsverhandlungen war die Verschiedenheit des russischen von dem deutschen und den übrigen Wirtschaftssh st emen Europas. Wie oft waren die Besprechungen auf dem toten Punkt angelangt, immer wieder wurde nach neuen Wegen gesucht, um aus den sich ergebenen Schwierigkeiten herauszukommen. Dabei darf aber auch wohl darauf hingewiesen werden, daß die Taktik der Russen sehr viel dazu beigetragen hat, unseren Unterhändlern die Erfüllung ihrer Aufgaben zu erschweren, mitunter nahezu unmöglich zu machen. Dort, wo es sich um rein wirtschaftliche Fragen handelte, tauchten sehr oft von den Russen hervorgeholte politische Momente auf. Glaubten wir, die wirtschaftliche Annäherung ein Stück vorwärts treiben zu können, dann erschien der bolschewistische Parteimann auf dem Plan und verdarb vieles wieder. Es sei nur an die Vorgänge in der russischen Handelsdelegation in Berlin und an die Hindernisse erinnert, die deutschen Unternehmern und Kaufleuten in Rußland in den Weg gelegt wurden, so daß sie in den meisten Fällen mutlos, aber reich an traurigen Erfahrungen in ihre deutsche Heimat wieder zurückkehrten. Der Vertrag soll nun eine tragfähige Brücke zwischen Deutschland und Rußland schaffen. An uns wird es nicht liegen, diese Brücke nicht wieder auch tragfähig zu erhalten. Erst die Zukunft kann zeigen, ob Rußland ebenfalls ehrlich gewillt ist, den Vertrag loyal auszulegen und anzuwenden, oder unter seinem Schutze die kommunistische Revolution nach Deutschland hereinzutragen.
Die Zustimmung des Reichskabinetts.
verlin, 2. Ott. (1.ll.) Amllich. Zur Unterzeichnung des deutsch-russischen Vertragswerkes hat das Reichskabinett in feiner gestrigen Abendfihung die grundsätzliche Zustimmung erteilt. Zur endgültigen Feststellung der Vertragsrechte sowie zur Verständigung über einige noch offen gebliebene Punkte begibt fick eine unter Führung des Vorsitzenden der deutschen Delegation, Herrn v. Körner stehende deutsche engere Delegation unverzüglich nach Moskau zurück. Mit der Erledigung dieser Aufgabe sowie mit der Unterzeichnung ist in kürzester Frist zu rechnen.
Wenn auch einige Fragen des gesamten Vertragswerkes, insbesondere das Wirtschaftsabkommen anaefichts der burd) die Verschiedenartigkeit der beiderseitigen Wirtschaftssysteme bedingte Hemmungen noch keine auf die Dauer befriedigende Lösung der bestehenden Schwierigkeiten bringen, so bringt die auf breiter Rechtsgrundlage geschaffene umfassende Regelung der beiderseitigen Beziehungen doch gegenüber dem bisherigen ungeregelten Zustand unverkennbare Fortschritte dar. Als eine für die weitere Festigung freundschaftlicher und wirtschaftlicher Beziehungen geeignete Grundlage und Einleitung kann der Vertragsentwurf daher auch vom Standpunkt der deutschen Wirtschaft angesehen werden. Er kann darüber hinaus ein wertvoller Ausgangspunkt für weitere wirtschaftliche Abmachungen betrachtet werden, sobald genügende Erfahrungen über die praktische Auswirkung des Vertragsentwurfes porliegen. Die Bestimmungen über die G e l t u n o s d a u e r der einzelnen Abkommen werden auch die Möglichkeit geben, zu gegebener Zeit auf Grund der bis dahin gemachten Erfahrungen die jetzigen Vereinbarungen zu verbessern. Die Tragweite des nach mühevollen mehr als zweijährigen Verhandlungen zustande gekommenen Vertragswerkes ist um so größer, als Deutschland das e r st e L a n d ist, das eine so umfassende Regelung mit Sowjetrußland abschlieht. Das Vertragswerk wird ein Mittel sein, die freundschaftlichen Beziehungen beider Länder auszugestalten und in gelneinschastlicher Arbeit den beiderseitigen Wiederaufbau zu fördern. Es ist ein besonders glückliches Zusammentreffen, daß die Entscheidung der Reichsregierung über das Vertragswerk dem in Berlin anwesenden Volkskommissar Herrn Tschitscherin persönlich bekannkgegeben werden kann.
Reichsaußenminister Dr. S t r e s e m a n n hatte Donnerstag am späten Abend eine mehrstündige r—» iw—ml HIHIHI LLT,‘ 1
es ihr gelingt, in dieser Richtung Deutschlands Interessen und die des Rheinlandes im besonderen mit allem'Nachdruck durchzusetzen.
Die Kriegsschuldlüge.
Die Reichsregierung zu den alliierten Antworten.
Berlin, 2. Oft. (WTB.) Von unterrichteter Seite wird uns über die Auffassung der Reichsregierung zur Entwicklung der Kriegsschuldfrage folgendes mitgeteilt:
Wenn die Antworten, die in Paris, London,
Brüssel und Rom auf das deutsche MemovtMdwrr
Unterredung mit dem Volkskommissar für auswärtige Angelegenheiten der U. S. S. R. Tschitscherin. Die Unterredung wurde Freitag nachmittag fortgesetzt. Die mehr als einstündige Unterhaltung bildete den Abschluß des vorgestern begonnenen Gedankenaustausches, der sich auf alle zwischen Rußland und Deutschland schwebenden politischen und wirtschaftlichen Fragen erstreckte.
Rußlands Außenpolitik.
Eine Unterredung mit Tschitscherin.
Berlin, 3. Oft. (SIL) Der Ost-Mitarbeiter der „Vossischen Zeitung" hatte gestern eine Unterredung mit Tschitscherin, in der der Leiter der russischen Außenpolitik folgende Fragen wie folgt beantwortete:
Frage: Welches Ergebnis haben Ihre Besprechungen mit dem Außenminister Skrzynski in Warschau gezeitigt?
Antwort: Die polnische Regierung äußerte den Wunsch, der vollkommen mit meinem Wunsch zusammentraf, ich solle meine Reise durch Warschau dazu benutzen, um über alle Fragen, die unsere beiden Regierungen interessieren, unmittelbar mit dem Leiter der polnischen auswärtigen Politik zu sprechen. Diese Besprechungen waren eine neue Etappe auf dem Wege der Verbesserung unserer Beziehungen und der Annäherung zwischen unseren beiden Staaten. 3n unfern Trinksprüchen haben wir speziell betont, daß unsere verbesserten Beziehungen keinerlei Spitze gegen einen andern Staat in sich berg n. Das Resultat unserer Besprechungen wird eine Beschleunigung der Verhandlungen über den Handelsvertrag und die übrigen schwebenden Fragen fein. Es ist beiderseits der feste Wille bekundet worden, alles Störende in unseren Beziehungen mit der größten Energie zu beseitigen. Das ständige und dauernde Verhältnis zwischen der Sowjetunion und Polen hat eine allgemeine Bedeutung und Auswirkung.
Frage: 3m Hinblick auf den russischen Flottenbesuch in 31aIien, der soeben beendet ist, spricht man von einem beabsichtigten Kuraufenthalt in 3talien, wo Sie ja alte Beziehungen haben?
Antwort: Gegenwärtig beabsichtige iflj nur efn Sanatorium oder einen Kurort t n Deuls-chkand od e rO e'st e r re i ch zu benutzen und da ich Ende Rovember in ^Moskau sein muß, wird es schwer sein, noch irgendwelche Erholungsreisen zu machen. 3ch kann aber im jetzigen Augenblick meine künftigen Bewegungen nicht übersetzen. Unsere Beziehungen zu 31 a li en sind durchaus freundschaftlich. Zwingende wirtschaftliche Momente bringen unsere Länder zusammen, indem 3talien seit längerer Zeit unsere Exportwaren braucht. und wir unserseits gern von der aufblühenden Wirtschaft 3taliens Produkte aufnehmen.
Frage: Angesichts der Pattverhand- lungen in Locarno wäre es wünschenswert, authentisch zu erfahren, welche Verbindlichkeiten sich nach 3hrer Ansicht aus dem Rapallovertrag in bezug auf den Eintritt Deutschlands -in den Völkerbund ergeben?
Antwort: Wir haben unzählige Mal betont, daß wir keine geheimen Abmachungen in Rapallo mit Deutschland unterzeichnet haben. Wenn man aber vom Rapallovertrag spricht, so benutzt man dieses Wort in doppeltem Sinne: einerseits spricht man vom Buchstaben des Vertrages, der nahe wirtschaftliche Beziehungen ins Auge faßt, andererseits spricht man vorn Geiste von Rapallo, d. h. von einer gewissen politischen Richtlinie, die in diesem Vertrag einen Riederschlag gefunden hat. 3ch verstehe diese Richtlinie in dem Sinne, daß bei solchem folgeschweren Schritt wie dem Ei-tritt irt den Völker» bund eine eingehende Rücksprache mit dem anderen Partner ein integrierender Bestandteil dieser Politik ist. Eine Frage, die mir unklar ist, und in der vielleicht die deutschen Staatsmänner eher Bescheid geben können, ist die, ob im Falle eines Eintritts Deutschlands in den Völkerbund Deutschland als Mitglied des Völkerbundes genötigt werden kann, den Rapallovertrag nochmals ausdrücklich registrieren zu lassen und ob unter Umständen die andern Staaten dagegen Einspruch erheben könnten. Es ist sonnenklar, daß § 16 und 17 Deutschland in eine für beide Teile untragbare Lage bringen können.
Der Versuch, durch 3nterpretation des Vertrags das folgenschwere Resultat der Annahme des § 16 zu retouchieren, macht auf mich den Eindruck eines diplomatischen Manövers. Es ist auch unmöglich, die Bedeutung der finanziellen repressiven Maßregeln zu unterschätzen, indem gerade auf diesem Gebiete gegenwärtig die englischen Finanzinstitute schon eine intcrnatio»
erteilt worden sind, von mancher Seite als M i ß- erfolg der Reichsregierung hingestellt werden, so läßt sich diese Beurteilung nur aus der völligen Verkennung des Zwecks der deutschen Aktion erklären.
3n den Kreisen der Reichsregierung hat niemand erwartet und konnte niemand erwarten, daß die alliierten Regierungen die Erklärungen des Memorandums über den deutschen Standpunkt in der Kriegs schuld frage zustimmend beantworten würden. Es wird noch geraumer Zeit und langwieriger entschlossener Aufklärungsarbeit bedürfen, bis die Schuldfrage eine Klärung findet, die von allen Mächten aneriaBTii wird. Dagegen handelte es sich
nale Tätigkeit gegen uns entwickeln. Die Teilnahme Deutschlands an Versuchen, uns wirtschaftlich abzuschnüren, würde dem ganzen Wesen der deutschen Politik und insbesondere dein Geiste des Rapallovertrag widersprechen. § 16 ist infolgedessen die Kernfrage der Verhandlungen von Locarno. •
Frage: Wie haben sich in den letzten Zähren die Beziehungen der Regierung der U. D. S. S. R. zu Amerika entwickelt?
Antwort: Untere geschäftlichen Beziehungen haben sich sehr entwickelt, indem wir große Bestellungen an Baumwollwaren machen, da die amerikanische Baumwolle für unsere Industrie unentbehrlich ift. Gewisse amerikanische Danken haben diese Transaktion finanziert. Der Konzef sionsvertrag, der der Harriman- Gruppe das transkaukasische Manganerz übereignet, ist auch für Amerika von großer praktischer Bedeutung, da Manganerze die für die Stahlproduktion Amerikas notwendig sind, nur an wenigen Stellen der Erde vorkommen. Es ist klar, daß nur nach Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen sich unsere wirtschaftlichen Beziehungen volllomnien entwickeln können, indem das Fehlen der diplomatischen Beziehungen ein großes Hindernis für die wirtschaftliche Zusammenarbeit bedeutet.
Frage: Wie weit Ttnb die Verhandlungen mit den sogenannten Randstaaten gediehen?
Antwort: Zur Zeit, als ich in Lausanne war, fand die Abrüstungskonferenz mit den Randstaaten und Polen in Moskau statt. Aber die Randstaaten verwarfen unsere sehr weitgehenden Vorschläge über die Abrüstung. Es entwickelt sich unser Verhältnis mit jedem Randstaat gesondert, wobei die Politik Finnlands gegenwärtig durchaus freundschaftlich uns gegenüber ist und auch die litauische Regierung sorgfältig die Beziehungen zu unserem Staate pflegt. Mit Lettland haben sich die Beziehungen gebessert, obgleich die Teilnahme Lettlands an gewissen Zusammenkünften, die eine Spitze gegen uns hatten, nicht ohne ungünstige Wirkung geblieben ist. Unser Verhältnis zu Estland war in der letzten Zeit ziem- lich gespannt, da der estnische Außenminister Pusta die Initiative ergriff für das Zustandekommen solcher Zusammenkünfte.
Frage: Wie entwickeln sich die wirtschaftlichen Verhältnisse in der U.D.S.S.R?
Antwort: Wir leben jetzt in einer Periode eines großen wirtschaftlichen Aufschwungs, zu dem die ausgezeichnete Ernte dieses Jahres sehr viel beiträgt. Die Stabilisierung des Tscherwonetz ist auch von wirtschaftlicher, sogar von politischer Bedeutung, indem der ganzen Welt die F e st i g k e i t untreres Regimes sich bekundet hat.
Auch das „Berliner Tageblatt" veröffentlicht eine Unterredung eines seiner Mitarbeiter mit Tschitscherin, in der dieser erklärte, daß die augenblickliche Konstellation der großen Politik wesentlich durch dieenglischeFeind- schaft gegen die Sowjetunion bestimmt werde, die alle Situationen wesentlich beeinflusse. Die Formen, in denen sich diese Politik gegen Sowjetruhland betätige, seien weniger militärischer Art als vielmehr eine politische und wirtschaftliche EinkreisungRuß- lands. Richt die Sowjetunion habe den politischen Kampf gegen England begonnen. Die Ursache der antisowjetistischen Politik Englands sieht Tschitscherin darin, daß die jetzige englische Regierung die Ratur des Sowjetstaates als gefährlich für ihre Expansionspolitik und für ihre Herrschaftsmethoden in den Kolonien ansehe. Auch die Paktpolitik Englands sei nach seiner Ansicht ein Bestandteil der britischen antisowjetisti- schen Tättgkeit. Daher blicke Rußland mit steigender Besorgnis auf die Haltung Deutsch- l a n d s, das mehr und mehr in das Fahr- wa sser der englischen Pläne einlenke. Die wichtigsten Fragen bildeten in diesem Zusammenhang die Artikel 16 und 17 des Dölker- bundpaftes, die das Mittel seien, mit dem Deutschland gegebenenfalls zur Teilnahme an einer Koalition gegen Rußland gezwungen werden solle. Daß sich Deutschland nicht von der Rapallolinie abbringen lassen wolle, dafür sei der Abschluß des deutsch-russischen Handelsvertrages ein deutlicher Beweis.
Ein italienisch-russisches Bündnis?
Rom, 2. Oft. (TA.) Rach einer Meldung aus russischer Quelle ist in der nächsten Zeit zwischen Italien und Rußland ein Dünduis- vertrag zu erwarten. Die Vorverhandlungen zwischen den Regierungen stehen vor dem Abschluß. Wie die ^Tribuna" meldet, wird Tschitscherin in den nächsten Tagen in Italien erwartet. Der sowjetrussische Botschafter in Rom ist ihm bereits nach Südtirol entgegengereist.
für die Reichsregierung im gegenwärtigen Stadium der politischen EntwiÄung darum, das jetzt geplante große Friedenswerk des «Ächer- heitspaftes nicht zu beginnen, ohne noch einmal mit aller Deutlichkeit zum Ausdruck zu bringen, daß sich das deutsche Volk moralisch nicht an daS 1919 in Versailles erzwungene Schuldbekenntnis gebunden fühlt, und daß es nicht nur in den äußeren politischen Formen, sondern auch in seiner ganzen inneren Einstellung Verhandlungspartnern mit dem Anspruch auf volle Gleichachtung und Gleich- berechttgung gegenübertritt.
Gewiß ist schon 1919 in Versailles und
seither bei manchem aiberen Anlaß 6er gegen


