Ausgabe 
2.10.1925
 
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Zreitag, 2. Gttober 1925

U5. Zahrgang

Nr. 231 Erstes Blatt (L)

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GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Hindenburg.

Don Dr. Walther Croll.

Reichspräsident von Hindenburg begeht am 2. Oktober feinen 7 8. Geburtstag. Das deutsche Volk kennt den Lebenslauf dieses Mannes in allen wichtigen Daten. Ehe Hindenburg am 26. April d. I. mit erheblicher Mehrheit zum Reichspräsidenten gewählt wurde, war sein Name bereits in aller Munde. Er war der erfolgreichste und populärste Feldherr des Weltkrieges. Er war der gute Genius des deutschen Soldaten, des jungen Kriegsfreiwilligen genau so wie des alten Land­sturmmannes. Die Schlachtennamen von Tan­nenberg und Masuren leuchten durch die Finsternis der letzten elf Jahre wie Sterne am dunklen Nachthimmel. Als das deutsche Volk im Jahre 1916 zu außerordentlichen Anstrengungen auf­gerufen wurde, nannte man das Programm dieser inneren und äußeren Rüstung dasHinden- burg-Programm". Der alte preußische Sol­dat mit seiner geraden, unkomplizierten Gesinnung, mit seiner tief im Herzen wurzelnden Anhänglichkeit an das Königshaus, gewann es über sich, im Herbst 1919 das zermürbte republikanische Heer in die republikanische Heimat zurückzuführen. Er hat damit einen Grad von Vaterlandsliebe und Pflichtgefühl bewiesen, für den sich schwer in der Geschichte ein Gegenstück finden läßt.

Nach Durchführung dieser letzten großen militäri­schen Aufgabe hat sich Deutschlands ruhmvollster Soldat in das Privatleben zurückgezogen. Er lebte in einer Villa, die ihm die Stadt Hannover zur Verfügung gestellt hatte. In weiten Kreisen des deutschen Volkes wurde Hindenburg als Deutsch­lands bester Mann geliebt und verehrt. Es war ein geflügeltes Wort geworden, daß dieser Mann zu schade sei, um an einen politischen Posten ge­stellt und damit dem Parteigezänk ausgeliefert zu werden. So wurde er weder zum Reichswehrminister ernannt, noch in ein Parlament gewählt. Hinden­burg selbst äußerte immer wieder den Wunsch, daß er feinen Lebensabend in Ruhe und fern von dem öffentlichen Getriebe verbringen wollte. Da haben sich im Frühjahr 1925 zahlreiche nationale Männer an den Feldmarschall gewandt und ihn inständig gebeten, für die erledigte Reichspräsiden ten- s ch a s t zu kandidieren. Es hat sich gezeigt, daß ein großer Teil der Unpolitischen im deutschen Volke unter der Parole Hindenburg an die Wahl­urne gebracht werden konnte. Die Gegner haben den Kampf nicht mit den üblichen Waffen der Ge­hässigkeit und der Schmähsucht führen können; sie haben andere Register gezogen. Sie bemitleideten denarmen unpolitischen Greis", der sich durch falsche Freunde auf das ungewohnte und gefährliche Parkett der Politik habe hinauslocken lassen. Sie prophezeiten scharfe Proteste der Ententeregierungen und verkündeten, daß die geringen Fortschritte, die Deutschland während des letzten Jahres außenpoli­tisch gemacht habe, wieder verloren gehen würden. Seit dem Amtsantritt Hindenburgs sind n o ch n ich t fünf Monate vergangen. Diese Zeit hat genügt um zu beweisen, w i e töricht und falsch die Befürchtungen gewesen sind, welche damals von den Gegnern der Kandidatur Hindenburg gehegt und öffentlich propagiert worden waren.

Ein großer Teil der früheren Gegner Hinden­burgs hat sich wenigstens zu einem achtungsvollen Schweigen über den Mann aufgerafft, der jetzt bald ein halbes Jahr an der Spitze der deutschen Republik steht. Nur die Linksradikalen können es sich nicht versagen, sich über denRetter" lustig zu machen, unter dessen Herrschaft der Abbau der Not nicht so schnell vor sich gegangen fei, wie manches politische Kind damals geglaubt haben mag. Es ist kein gutes Zeichen für die politische Urteilsfähigkeit unseres Volkes, wenn man immer wieder Aussprüche hört wie:Hindenburg hat die Räumung der Kölner Zone nicht durchsetzen können" oder:Unter Hinden­burg ist die Butter teurer geworden". Die Kraft des deutschen Volkes ist in jahrelangen schweren Kämpfen zermuM worden; es wird nicht nur jähre-, sondern jahrzehntelang dauern, bis diese Kräfte wieder zu früherer Höhe gewachsen sein werden. Die Rettung des deutschen Volkes ist keine einmalige Tat, sondern ein langwieriges, mühseliges Werk. AlsRetter" seinesVolkes wird ein Mann, und wenn es der stärkste und populärste wäre, erst anerkannt werden, wenn es gelungen ist. Wenn unser Reichspräsident woran zu zweifeln kein Anlaß besteht das Ende seiner siebenjährigen Amtszeit erlebt, so wird man vielleicht sagen können, daß in diesen sieben Jahren ein kleines Stück Wegs in der Richtung auf das große Ziel zu- cf gelegt ist. Und diese sieben Jahre die Amtszeit des zweiten Reichspräsidenten werden als der Wendepunkt unseres nationalen Schick­sals erscheinen. Das ist das Vertrauen, das heute am 2. Oktober nicht nur die 14,6 Millionen Hinden­burg-Wähler, sondern auch viele Millionen seiner früheren Gegner im Herzen tragen. Für viele Deut­sche, denen Staat und Volk in einer Person ver­körpert sein muß, wenn sie die richtige Liebe fühlen sollen, ist Hindenburg etwas Aehnliches rote ein Monarch. Mit außerordentlichem Takt hat Hinden­burg es vermieden, an feinem exponierten ^Platze etwas zu tun, was von feinen Gegnern als Feind­seligkeit gegenüber der bestehenden Staatsform aus» gelegt werden könnte. Man wird es dem treuen Sol­daten nicht verdenken, wenn seine Liebe nicht dem republikanischen Regime gehört. Aber er hat Ach­tung vor dem Willen des Volkes, und der Wille des Volkes hat sich für die Republik aus» gesprochen. Hindenburg ist ein lebendiges Beispiel dafür, daß man als Deutscher seine Pflicht t u n kann, auch wenn einem Äußerlichkeiten nicht gefallen, und auch dafür, daß Arbeit an der Rettung des Volkes höher steht als der Kampf um Staats­form und Staatssymbole.

Deutschland und Rußland.

Der russische Volkskommissar T s ch i t s ch e - r i n hat auch an amtlichen Stellen als Grund für seinen Berliner Besuch die Notwendigkeit ärztlicher Untersuchungen angegeben. Das wird zutreffend sein. Tschitscherin ist leidend, und die deutschen Aerzte stehen seit altersher mit Recht in gutem Ansehen bei den Russen. Wenn aber ein Außenministerr sich einmal auf die Bahn seht und fremde Hauptstädte berührt, dann ist es selbstverständlich, daß er nebenbei auch Po­litik zu machen sucht; in diesem Fall kann man sogar zweifelhaft sein, was bei Tschit­scherin das Primäre gewesen ist. Denn das er vorher in Warschau Station machte, läßt von vornherein seine Absicht erkennen, seine Reise zu einem großen diplomatischen Kuhhandel auszunuhen.

Die russische Diplomatie ist schon seit langem in Hochbetrieb. Sie läßt alle Minen springen, um die Engländer einzukesseln aus Sorge, daß sonst sie selbst eingekesselt würde. Ueberall in Asien, in China, 'in Indien, in Arabien, spürt man russische Hände und russisches Geld. Die Engländer sind vollkommen in die Defensive gedrängt. Sie ha­ben genug zu tun, um ihre Stellung zu behaup­ten. Aber Rußland wird trotzdem die Angst nicht los, daß es den Engländern doch gelingen könnte, einen gewaltigen Ring zu bilden, der schließlich die Ausfalltore Rußlands nach Nor­den, Westen und Süden schließt.

Hier sitzt auch der Kern des sonst unbegreif­lichen Mißtrauens, das die russische Polittk gegen den deutschen Sicherheits­pakt hat. Für uns alle war der Grundgedanke, den das Auswärtige Amt bei seinen Vorschlägen in Paris und London verfolgte, selbstverständ­lich: bei der gegebenen Kräfteverteilung ist in absehbarer Zeit im Westen für uns nichts zu machen; wenn wir polittsch wieder hochkommen wollen, müssen wir im Osten anfangen und den Korridor beseittgen, der wie ein Pfahl in unserem Fleische sitzt. Wenn wir das aber wollen, müssen wir uns vor allem im Westen den Rücken decken. Daher der Sicherheitsvertrag, der auf jede kriegerische Wiedereroberung Elsaß» -Lothringens verzichtete, dafür aber auch die deutschen Westgrenzen, wie sie jetzr sind,^ unter internationale Kontrolle stellt und uns für eine aktive Ostpolitik die Arme freimacht. Den Russen aber leuchtet das nicht ein. Sie sehen nur die Möglichkeit unseres Eintritts in den Völkerbund und aus dem Artikel 16 heraus die Gefahr, daß Deutschlandats Aufmarschgebiet der vereinigten W»e st machte gegen Ruß­land mißbraucht wird. Sie scheinen sich nicht einmal damit zufrieden zu geben, wenn wir durch eine Interpretation des Artikel 16, die für uns nach wie vor die Voraussetzung für den Eintritt in den Völkerbund bleibt, die Sicherheit ge­winnen. daß wir bei allen kriegerischen Aktionen gegen Rußland draußen bleiben.

Dabei ist es doch zu natürlich, daß wir Wert darauf legen müssen, die Verbindung nach Moskau hin nicht abreißen zu lafsen. Der Ra­pallo-Vertrag war der erste Versuch einer selbständigen deutschen Außenpolitik. Wenn auch der Zeitpunkt des Abschlusses denkbar ungünstig war, so blieb doch der Gedanke richtig, daß wir nur durch eine Rückversicherung bei Rußland uns vor einer vollständigen Vergewaltigung durch die Westmächte schützen konnten. D'ese Warnung wurde auch von der Gegenseite verstanden, zumal trotz aller Dementis das Raunen um ein deutsch- russisches Militärbündnis nicht verstummen wollte. Und seitdem war Rußland für uns immer der Trumpf, den wir wenigstens in der Ver­zweiflung noch hätten ausspielen können. Was wir w i r t s ch a f t l-i ch von dem Rapallo-Vertrag er­wartet haben, hat sich allerdings nicht erfüllt. Die Handelsbeziehungen, die sich anknüpften, brachten keinen nennenswerten Ertrag, aber do- litisch war der Erfolg doch unverkennbar. Aber

jetzt find wir in der etwas schwierigen Lage, daß MoskauundLondonunsindieZange nehmen möchten. Tschitscherin droht bei einem Abschluß des SicherheitsVertrages, daß er ein Bündnis mit Polen und Frankreich schließen und dabei den Polen gegen uns den Rücken stärken wiU; die Engländer dagegen geben zu verstehen, daß, wenn wir den Russen nicht die kalte Schulter zeigen, sie in Köln sitzen bleiben.

Wir sind also, so seltsam das klingt, von allen Seiten umworben, nur daß uns, wohin wir uns auch wenden, Nachteile drohen. Deshalb ist es gut, daß die Führer der deutscher Delegation, ehe sie nach Locarno abfuhren, Gelegenheit hat­ten, sich mit Tschitscherin auszusprechen und ihn davon zu überzeugen, wie unberechtigt diese Befürchtungen sind. Wir denken nicht daran, lediglich im russischen Schlepptau zu liegen, die Kabinette der übrigen Mächte müssen sich ledig­lich daran gewöhnen, daß wir wieder angefangen haben, eine eigene deutsche Politik zu treiben.

Ein Kabinettsrat.

Berlin, 2. Ott (Wolff.) Gestern nachmittag fand ein lehler Minister rat vor der Abfahrt der deutschen Delegierten nach Locarno statt. Der Ministerrat beschäftigte sich mit den auf der S icherheitskonf erenz zu erörternden Fra­gen und des wetteren auch mit den deutsch- russifchen Handelsvertragsverhand­lungen, denen wegen der Anwesenheit des russi­schen Außenkommiffars Tschitscherin in Berlin große Bedeutung beizumessen ist. Heber irgendwelche Beschlüsse ist amtlich nichts bekannt geworden. Wie jedoch verlautet sind die Aussichten für eine deutsck- russische Einigung in der handelsoertragsfrage nicht ungünstig.

Die für nachmittags 5 Ahr vorgesehene wichtige Unterredung zwischen S trefemann und Tschitscherin wurde auf den Spätabend verschoben und dehnte sich bis in die Nachtstunden aus.

Wie dieD. A. Z." meldet, kamen im Mini­sterrat die Besprechungen über den deutsch-russi­schen Handelsvertrag noch nicht zum Abschluß. Nach Genehmigung des Vertragsentwurfes durch das Kabinett werden einige Herren der deutschen Delegation unter Führung des früheren.Staats­sekretärs Exzellenz von Korner sich nach Moskau begeben, um dort den Vertrag zu unterzeichnen. Der von den beiden Delegationen vereinbarte Entwurf enthält nach der in acht Arttkeln verfaßten Einleitung weitere einzelne Sonderabkommen, die Wirtschafts», Han­dels-, Eisenbahn- und Steuerfragen sowie Schiff­fahrts-Interessen, ferner das Niederlassungsrecht und gewerbliches und persönliches Recht regeln.

Frühstück beim Reichskanzler zu Ehren Tschitscherins.

Berlin, 1. Oft. (TU.) Beim Reichs­kanzler fand heute mittag ein Frühstück zu Ehren des gegenwärtig in Berlin weilenden. sowjet- russischen Auhenkommissars Tschitsche­rin statt, zu dem folgende Personen geladen waren: Von der russischen Botschaft der hie­sige Botschafter K r e st i n s k i. Von deutscher Seite nahmen teil außer dem Reichskanzler der R e i ch s a u ß e n m i n i st e r, der Reichs­finanzminister Dr. v. (3 cf) tieben , der Reichs­innenminister Schiele, der Reichswehrminister Dr. Geßler, die Staatssekretäre Kempner und v. Schubert, Fürst Bülow, der Prä­sident der Handelskammer von Mendels­sohn-Bartholdy, Geheimrat v. B o r s i g, Reichslandbundpräsident Gras Kalkreuth, die Abgeordneten Hilserding, Graf Westarp und Koch sowie die Vizepräsidenten des Reichs­tages Dr. Bell und R i e ß e r.____________

In der zweiten Septemberhälfte hat Hindenburg die besetzten Gebiete an Ruhr und Rhein besucht und ist in den Provinzen, in wel­chen seine Gegenkandidaten am 26. April beträcht­lich mehr Stimmen erzielt haben als er, von der Bevölkerung mit Jubel empfangen worden. Ende der neunziger Jahre hatte Hindenburg eine Anzahl Kilometer rheinausroärts gewirkt. Er war damals Chef des Generalstabes des 8. Armeekorps mit dem Sitz in Koblenz unter dem damaligen Erbgroß- herzog und späteren Großherzog von Baden als Korpskommandeur. Es soll noch fast fünf Jahre dauern, bis diese Stadt und mit ihr das deutsche Eck frei werden. An das noch u n e r 1 ö st e deutsche Land wird Hindenburg gedacht haben, als ihn die erlösten Deutschen begrüßten. Die Geburtsstadt des Reichspräsidenten und Feldmarschalls ist ein deut­sches Kulturzentrum im Osten, das wir im Ver» sailler Vertrag an Polen abtreten mußten: die Stadt Posen. Hindenburg ist also mit seinem eigenen Leben eng mit den großen nationalen Pro­blemen verbunden, die unter seiner Führung der Lösung nähergebracht werden sollen. Während seiner bisherigen Amtsführung hat Hindenburg bewiesen, daß er in hohem Maße die Eigenschaft hat, die den Greis besonders in Notzeiten vor vielen anderen befähigt, an der Spitze eines Volkes zu stehen: Die Weisheit.

Es wird wenige geben, die unserem greifen Reichspräsidenten am heutigen Tage nicht von Herzen die Kraft und Gesundheit wünschen, die er braucht, um uns weiterhin Führer und Vorbild zu sein.

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Tin vorläufiges französisch-amerikanisches Schuldenabkommen.

Washington, 2. Oft. Die französisch-ameri­kanischen Sch. Idenverhandlüngen endeten heute mit einem vorläufigen Abkommen, das sich auf einen Zeitraum von fünf Jahren erstreckt. Das Ab­kommen sieht eine jährliche Zahlung von 40 Millionen Dollar an die Vereinigten Staaten vor. Weitere Verhandlungen sollen ausgenommen werden, solange die französische Regierung der An- sicht ist, daß die Verhältnisse dies ermöglichen. Rach dem Zusammentritt der Delegation hat Finanz­minister E a i l l a u x erklärt, daß er die letzten ame- rikanischen Vorschläge seiner Regierung vorlegen werde.

Amerika

an seine kleinen Schuldner.

Neuyork, 1. Oft (211.) Die United Preß verbreitet die Meldung, daß die Regierung der Bereinigten Staaten die Regierungen der T sch e- choslowakei, Rumäniens und Südsla- Wiens habe darauf aufmerksam machen lassen, daß die Kleine Entente bei den Verhandlungen über die Schuldenregelung keineswegs mit langfristigen Bedingungen rechnen dürfe, wie sie Frankreich gewährt würden. Die Schulden dieser Staaten seien zu anderen Zwecken ausgenommen worden und müßten daher ganz anders eingeschäht werden.

Amerikas Rolle im welttrieg.

Aus den Memoiren Lord Greys.

Paris, 1. Olt (Wolff.) DerMalin" ver­öffentlicht heute vormittag aus dem von Lord Edward Grey, dem seinerzeittgen Staatssekretär des Auswärtigen, zu erwartenden Memoiren- band25 Jahre 1892 bis 1916 ein Doku­ment, aus dem sich ergibt, daß der Freund des Präsidenten Wllson, Ober st House, Ende 1915 und Anfang des Jahres 1916 wiederholt Unter­redungen mit Grey hatte, um eine Friedens­vermittlung vorzubereiten. Tatsächlich hat Grey ein Memorandum verfaßt, in dem es heißt, Oberst House habe ihm erklärt, daß Präsident Wilson geneigt sei, wenn er von Frankreich und England erfahren würde, daß der Augenblick gekommen sei, zu veranlassen, daß eine Konfe­renz zusammentreten solle, um den Krieg zu be­enden. Falls die Alliierten diesen Vorschlag an­nähmen und Deutschland ihn zurück­weisen würde, würden die Vereinigten Staaten wahrscheinlich in den Krieg x i e h e n. Oberst House drückte die Meinung aus, daß, wenn eine derartige Konferenz zusammen­treten würde, mühte man Friedensbedingungen erlangen, die den Alliierten nicht ungünsttg seien, aber, wenn die Konferenz scheitern würde, würden die Vereinigten Staaten sich als kriegsführender Teil an die Seite der Alliierten stellen. Oberst House habe auch eine günstige Meinung für die Wiederherstellung Belgiens und für die Zusprechung Elsah-Lothrin- gens an Frankreich zum Ausdruck gebracht, und sei dafür eingetreten, daß Rußland einen Zugang zum Meere zugesprochen! werden mühte. Der Verlust von Territorialien durch Deutschland müsse gutgemacht werden durch Konzessionen, die man ihm außerhalb Europas gewähre. Wenn die Alliierten zögern würden, das Angebot des Präsidenten Wilson anzunehmen und wenn später der Krieg sich für sie ungünsttg gestalten würde, so daß der Eintritt der Vereinigten Staaten in den Krieg wirkungs­los werden würde, dann würden die Vereinigten Staaten sich wahrscheinlich von den europäischen Angelegenheiten desinteressieren und ihren eigenen Schuh durch eigene Mittel suchen.

Grey unterrichtete von diesem Vorschlag seine Kollegen. Er sei aber der Ansicht gewesen, daß das Kabinett das Gefühl haben werde, daß die damalige Lage es nicht rechtfertige, den Alliierten den Vorschlag zu unterbreiten. Aber da Oberst House eine Unterredung mit Briand und 3ute8 Cambon in Parris ge­habt habe, habe er sich verpflichtet gefühlt, Briand durch Vermittlung des britischen Bot­schafters in Paris von den amerikanischen Ab­sichten in Kenntnis zu sehen.

Greh habe dann erklärt, die Franzosen hät­ten denken können, die Niederlage des deutschen Heeres sei das einzige Mittel, um den preußi­schen Militarismus niederzuschlagen. Frankreich und Rußland hätten bis zu diesem Augenblick noch viel schwerer gelitten als England. Die Engländer konnten daher nicht die ersten sein, die ihnen den Frieden anempfehlem Eng­land war jedoch gezwungen, den Krieg f ort» zusetzen, bis es alle seine noch nicht be­schäftigten Streitkräfte in den Kampf geworfen hatte, um seine Alliierten zu unterstützen, Deutsch­land niederzuschlagen. Cs fühle daher, daß es nicht eine Initiative im amerika­nischen Sinne unternehmen konnte. Trotzdem hatte Grey das Dokument des Obersten House Briand ohne Empfehlung übermittelt. Er habe sich alsdann nach Petersburg begeben und an das Kabinett ein Memorandum ge­richtet, dem er einen Brief beigelegt habe. In diesem heißt es:

Nur die Niederschlagung Deutsch­lands kann den großen Krieg beenden und den zukünfttgen Frieden sicherstellen. Auf dieses Ziel müssen alle unsere Anstrengungen gerichtet fein. Um es zu erreichen, müssen die Nationen Opfer bringen, wie Deutschland und gewisse un­serer Alliierten, Frankreich vor allem, sich ihnen schon unterworfen haben. Jedoch müssen wir darauf bedacht sein, unsere Absicht kundzugeben, den Krieg fortzusehen, um verstehen zu geben, daß es unser Ziel ist, nicht unsere Alliierten zu etwas zu zwingen, sondern sie zu Unter­st ü t} en. Wachsende Schwierigkeiten werden uns und unseren Alliierten durch die deutsche Propaganda entstehen.

Diese Propaganda läßt den Krieg als eine Rivalität zwischen Großbritannien und Deutschland erscheinen . Sie sagt, daß Rußland und Belgien befriedigende Frie­densbedingungen erhalten könnten, und daß sie den Krieg im Interesse Großbritan­niens fortsehten, der für die Sicherheit der Alliierten nicht notwendig wäre, aber der nur einzig und allein Großbritan­nien befriedigen würde. Cs sei möglich, daß diese falsche Auffassung in Frankreich Ruß­land, Italien und Belgien eine gefährliche pazi­fistische Bewegung und eine positiv england­feindliche Bewegung Hervorrufen würde. Dor allen Dingen sei zu befürchten, daß einer der großen Alliierten, wenn er erfahren würde, daß England die Unterstützung an Schiffsfrachten und in finanzieller Hinsicht in einigen Monaten herabsehen müsse, jede Hoffnung auf den endgültigen Sieg a u f g e b e n und verlangen würde, daß der Krieg unter den bestmöglichen Bedingungen zu Ende geführt werde. Wenn Frankreich und England zu dieser Entscheidung I kämen, fei es wahrscheinlich,^ daß der eine dem Beispiel des andern folgen würde, daß Italien | sich zurückzitzhen würde und England vor