Aus der Meli des Films.
fünfhundert Jackie Loogans...
.. . alle wollen sie zum Film.
Berlin, September 1929.
Sie hoben sicher schon einmal jene komischen amerikanischen Kinderfilme gesehen, in denen die grotesken kleinen Banditen auftreten, die immer tolle und meist sehr schmisrigc und unappetitliche Streiche treiben. Einmal hatten sie eine elterliche Wohnung verunreinigt und beschlossen daher, sie neu au tapezieren. Aber unter den Ta- petenkleister hatten sie leider Hefe gemischt und nun blähten und wölbten sich die Tapeten aus eine ganz phantastische und unglaublich komische Weise..« solch« Dinge also treibt diese kleine Bande. Ihr Anführer ist auffällig dick, blond, besitzt eine breite Aase und zu ihren Seiten herrlich viele Sommersprossen. Aber Korpulenz ist sein besonderes Merkmal — ich denke, Sie wissen jetzt, wen ich meine. Dieser Filmstar heißt Jackie Hoo Rah und war neulich mit seinem Papa in Berlin. Er erließ einen Aufruf des Inhalts, daß sich geeignete deutsche Filmkinder melden möchten, aus denen er eine Film-Räuber- bande zusammenstellen wollte. Es sollten die Bilder eingeschickt werden, Jackie und sein Papa wollten aus ihnen eine Auswahl treffen, und dann wurden die einstweilen Auserwählten — — aber noch nicht Berufenen — an einem Nachmittag in den Wintergarten bestellt, und dort sollte die letzte und unwiderrufliche Entscheidung vor sich gehen.
Run waren sie also da und sie waren alle erregt. Am aufgeregtesten aber die Mütter, kleinere und größere Bürgersfrauen. Kann man es ihnen verdenken? Sie standen vielleicht an dem Wendepunkt ihres Lebens, sie träumten schon von dem Reid der Aachbarinnen, die man dann allerdings nicht mehr kennen würde, sie ahnten Glanz, Ruhm, Lorbeerkränze. Sie witterten die hochgebündelten Dollarnoten, denn Amerika, nicht wahr, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ... O, das ist ja alles menschlich, aber gleichwohl benahmen sich die Mütter nicht schön. Wie die Aeffchen hatten sie ihre armen Kinder, die ihnen die Pforte zum Wohlstand erschließen sollten, herausgepuht. Jackie Coogan war die große Mode, die Kleinen waren teilweise heftig geschminkt, teils hatten sie zierlich gebrannte Löckchen, teils waren sie in so fümehme Gewänder gehüllt, daß sie sich darin nicht zu bewegen wagten, aus Furcht, den Glanz der Neuheit ab* zuscheuern. Diese Mütter hatten alle nicht beachtet, was jener Jackie Hoo Rah eigentlich verlangte- eine originelle Figur (wie er selbst sie hat», etwas Auffallendes und Einprägsames «wie er selbst mit seiner biedermännlichen Rundlichkeit sich einprägt). Wenn der Wahn diese Mütter überkommt, werden sie blind, dann hat auch der übelste Knabe scheinbar immer noch Aussicht, ein zweiter Jackie zu werden. Dann überschlägt sich die Liebe dieser Mütter und wird lächerliche Eitelkeit und Selbstsucht.
Ich weiß nicht, wie lange die Toilette aller dieser Kinder vermutlich gedauert hat — es hat iich hernach alles sehr schnell abgewickelt. Es kam ein kleines Programm, und dann trat jener Jackie Hoo Ray sehr ernst und würdevoll im Cut und kleinen Zylinder auf die Bühne, und alle mußten an ihm vorübergehen. Die Aufregung erreicht jetzt Tropenhitze. Es gab Krawalle, denn einige Kinder scheuten das Rampenlicht und die weite Bühne und wollten nicht. Mütter beruhig» kn. Mütter wurden verzweifelt. Mütter zupften und zerrten noch ein letztes Mal an ihrem kleinen Jackie herum. Mütter traten vor den kleinen blonden Jungen hin. der ihr Geschick in der Hand hielt. Mütter konnten es nicht begreifen, daß c?ral>e ihr Konrad nicht schön genug ist. Mütter ... kurz, es war ein Theater, wie es der alte Wintergarten sicher noch nicht erlebt hat.
Es war dann alles ziemlich vergeblich. Jackie Hoo Ray blieb immer sehr ernst, sehr unbeugsam, sehr sachlich. Ein kleiner unbeirrbarer Schiedsrichter im Cut. Er hat dann nur ganz wenige Kinder beiseite genommen — aber er hat allen die Hand gegeben — und die übrigen entlassen. ilnt> wen hat er ausgewählt? Ein kleines Chinesenmädchen, das ihm offenbar durch seine Dicke gefiel. Einen Bengel, der wie Chaplin aus-
Die Manic-KaMophe im Film.
England dreht den deutschen Tonfilm.
Äon Leo Lania, z. Zt. (Zlsiree.
London ist die Stadt ohne Grenze: sie hat keinen Anfang und kein Ende. Stundenlang laufen ihre Straßen ins Land hinaus, breite wundervoll asphaltierte Straßen, die jeden Autofahrer in Begeisterung versetzen, jeden Wanderer aber — doch es gibt hier keine Wanderer, die zu Fuß ins Freie ziehen wollten, kein Land, das einen die Stadt vergessen ließe, es gibt nur Asphalt, Tankstatio- nen, Verkehrszeichen, Autos, Autos, Autos und ganz in der Ferne breite Streifen Grün, die gleichmäßigen flachen Wellen eines Rasenmeeres, dazwischen Bauminseln unter immer grauem Himmel. Und wenn man schon glaubt, endlich dieser Riesenstadt entronnen zu sein, sieht man sich abermals von den unerbitterlichen Armen einer Stadt umklammert; häßliche Häuser, nüchterne Straßen, Fabriken und das nie aussetzende Knattern und dröhnen der Motore.
Aber jenseits der Straße, abseits der Häuser und Autokarawanen liegen in unzulänglicher Abge- jchicdenhcii Villen und Schlösser, und dahinter Park, Golf- und Tennisplätze, weite Wiesen, grüne Unendlichkeit.
Mitten in dieser Welt vornehmen Müßigganges, zwei lange Autostunden von der City, erheben sich die gewaltigen Hallen des „British International Picture Studio". Riesenateliers, in deren Labyrinth von Korridoren, Kulissen, Gerüsten, Gardero- ben man sich immer wieder verirrt, bis man das Sinhen aufgibt und auf gut Glück dem Klang eines Klaviers nachgeht: da ist man zur Stelle.
Ein großes Gerüst ist da aufgebaut — der Rauchsalon eines Ozeandampfers. Und mitten drin eine in dicke Teppiche verpackte Zelle. Eine größere, ioAufagen solidere steht weiter weg in einem Winkel des Ateliers, und von einer Zelle zur anderen laufen Drähte, Leitungen, dicke Kabel liegen auf bem Boden, Warnungstafeln verkünden „Lebensgefahr", Scheinwerfer blenden, Lampen, jede eine kleine Sonne, strahlen Gluthitze, mitten im Rauch- falon fitzt in einem Rollstuhl ein alter weißhaariger Mann, gelähmt, wischt sich den strömenden
Ichaut. wenigstens ungefähr so. Unb einen Jungen mit einer Drille: er ist vielleicht elf Jahre, er schielt zum Herzzerbrechen und ist ganz sicher ein Taugenichts. Er ist der einzige, der alles in einer fürchterlichen Wurstigkeit über sich ergehen läßt. Vielleicht hat Jackie gemeint, daß er den Jupiterlampen wacker die wurstige Stirn bieten wird.
Aus diesen künftigen Mimen wird also die Kindertruppe zusammengestellt, und Sic werden ihre Streiche vielleicht schon bald in einem Kinderfilm erleben. Sie werden das dicke Chinefenlind sehen, den kleinen Chaplin, den phleg-
matiichen 'Bengel mit der Brille. Vielleicht erinnern Sie sich dann auch dieser kleinen Beschreibung, vielleicht tauchen dann Hinter den glücklichen Kindern auch die hundert Schatten der andern auf, der Zurückgewicfenen. Vielleicht sehen Sic, wie die Mütter, die armen enttäuschten Mütter, mit ihren Sprvßlingen langsam durch die Berliner Straßen gehen (die Häuser sind hoch und der Weg ist weit und der Autobus kostet zwanzig Pfennige), wie sie wieder in ihre Stuben treten, in denen sich nichts verändert hat, und wie sie ihren Kindern langsam die Schminke aus den Gesichtern reiben. B. D.
Küsse knallen wieKanonenschüffe
Aufnahmen im Tonfilmaielier.
Don den Schwierigkeiten, die sich den Ausnahmen für Tonfilme entgegenstellen, macht sich der Laie nur geringe Vorstellungen. Jedem, der Gelegenheit hat, einen hundertprozentigen Tonfilm zu sehen, wird sofort auffallen, daß sich die Schauspieler jedesmal, tvenn sie zu sprechen anfangen, sehr langsam und vorsichtig bewegen. Das kommt daher, daß das Mikrophon alle Nebengeräusche mit tödlicher Sicherheit und vielfacher Verstärkung wiedergibt. Ohrgehänge sind verpönt, weil ihr Geklapper, im gewöhnlichen Leben kaum zu hören, bei der Tonsilmwieder- gabe wie das Gerassel von zwanzig Kastagnetten wirkt. Tolle Szenen haben sich bei den ersten Aufnahmen in Hollywood abgespielt, besonders weil man sich anfangs gar nicht erklären konnte, woher die Geräusche alle kamen.
Man hatte zwar das ganze Atelier mit dicken Teppichen ausgclegt, aber hin und wieder trat doch einmal einer aufs Parkett, und schon glaubte man, cs habe ein Schmied mit dem Hammer auf den Amboß geschlagen. Also führte man obligatorisch Gummisohlen ein. Dann filmte man einen Kaffeeklatsch mit sieben Damen. Das Ge- schnalze und Geschlürse war von tausend ins Wasser stürzenden Granitblöcken nicht zu unterscheiden. Ja, als sich zwei harmlos Verliebte einen tüchtigen Kuß gaben, vermeinte man, eine einschlagcnde Granate zu hören. In jedem Atelier werden täglich stumme Küsse geprobt, denn laute Küsse (wie paradoxI) sind nur mehr im stummen Film gestattet!
Als vor Jahren der Berliner Regisseur Hanns H. Kobe die „Mausefalle" drehte und dabei befahl. daß alle Darsteller Gummisohlen und alle Arbeiter Filzpantoffeln trugen, wurde er aus- gelacht. Heute wäre er ein gesuchter Mann, denn in allen Berliner Ateliers ist der Leisegang erste Bürgerpflicht. Doch das ist das wenigste, die störenden Nebengeräusche entstehen trotzdem. Wenn gegessen wird, darf nur Geschirr aus Pappe serviert werden, weil Porzellan klirrt, als würde mit hundert Säbeln gerasselt. Niemand darf sich erlauben, ein Stück Zucker in die Tasse zu werfen. Ein Kanonenschlag wäre nichts dagegen. Vor dem Betteten des Ateliers müssen alle Schlüssel, Messer, Armbänder und so weiter abgegeben werden.
In Amerika hat man sogar den Pferden, die notgedrungen auf treten muhten, Gummischuhe an- gezogen. Die Pferde werden sich gewundert haben. Jeder, Tisch trägt eine Decke, und wenn sich das mit dem Charakter des Tisches (in einer Kaschemme zum Beispiel) nicht berträgt, bekommt er eine unsichtbare Gummiauflage, weil jedes Glas, auf die Platte gestellt, wie ein Pistolenschuß knallt. Ein Geräusch allerdings war nicht zu umgehen: das Anzünden eines Streichholzes. Bekanntlich wird in jedem Film geraucht, und es wirkt überaus beruhigend, wenn der Held des Bildes sich vor der großen Szene lässig eine Zigarette anzündet. Man half sich bisher so, daß man entweder eine brennende Kerze durch einen Diener bereithalten ließ oder es so einrichtete, daß die Zigarette bei Beginn der Aufnahme bereits brannte.
Manche Geräusche konnten erst abgestellt werden, nachdem die Szene bereits verdorben war; aber man kann ja auch nicht auf alles kommen So zerriß jemand in der Wut einen Dries in
tausend Fetzen. Später gab das Mikrophon ein Geräusch wieder, als wäre mit einem Schweiß» apparat ein Geldschrank aufgeknackt worden. Ein andermal hatte sich ein Herr während einer Großaufnahme den Mantel angezogen. Der Niagarafall war nichts gegen das schreckliche Prasseln, das der Mantel verursachte. Man untersuchte das Stück, sand jedoch nichts. Dis jemand daraus verfiel, daß die Aermel mit Seide gefüttert waren. Seide aber knistert. Das erfuhr man bald darauf, als ein Liebhaber seine Freundin umarmte. Als er die Arme gegen ihr Kleid preßte, glaubte man Hagelkörner gegen die Scheiben schlagen zu hören. Seitdem wird bei Großaufnahmen Unterwäsche aus Wolle getragen, während die Kleider aus Crepe de Chine sein müssen. Lange Zeit aber brauchte man selbst in dem hellhörigen Hollywood, bis man heraussand, daß spitze Fingernägel auf verschiedenen Stoffen Geräusche verursachen, die jeden Dialog übertönen.
Es bedarf kaum der Erwähnung, daß selbstverständlich Tausende von Erfindern seit Jahren sich damit beschäftigen, Apparate zu konstruieren, die die Nebengeräusche aufsaugen. Einer dieser Apparate soll vortreffliche Dienste leisten, besonders bei Geräuschen mit kurzen Wellen. Was es alles gibt! Andere behelfen sich mit schalldämpfenden Teppichen, Tapeten und Wänden, die die Töne nicht etwa nicht durchlassen, sondern verschwinden machen, aber nur bis zu einer bestimmten Lautstärke, so daß gesprochene Worte ttotzdem ins Mikrophon gelangen. Man sieht, der Schwierigkeiten sind viele, und ebensogroß sind die Möglichkeiten, ihnen zu begegnen. Was noch fehlt, ist ein Mikrophon, das die gesprochenen Worte auch dann deutlich aufnimmt, wenn die Darsteller seitlich oder mit dem Rücken zur Front stehen. Zur Zeit sind sie noch gezwungen, ihre Bewegungen während des Sprechens zu verlangsamen und nach vorn zu reden, was den Sprechszenen etwas Gequältes und Gekünsteltes gibt. U. E.
Mzept für Jilmdichier.
Zu Nutz und Frommen all seiner Nachfolger verrät der erfolgreiche Filmdichter Thomas Burke Geheimnisse aus seiner Werkstatt. „Wenn du einen Film schreiben willst, kauf zunächst eine Schachtel mit 500 Zigaretten. Setz dich in das größte Zimmer, entferne alle Bilder von den Wänden und rück den tiefsten Lehnstuhl vor diese Wand. Dann gib Auftrag, jede Störung fernzuhalten, außer der Ankündigung des Lunch. Laß dich behaglich nieder, zünde eine Zigarette an und verbanne aus deinem Geist alle Gedanken an Steuerzahlungen, Gaspreise, den nächsten Krieg oder banale Tischkonversation. Konzentriere deine Gedanken auf das tiefste. Wenn dir auch kein Filmplan kommen wird, so doch vielleicht eine Idee für eine kurze Geschichte oder für deinen nächsten Roman — was ja immerhin einen Erfolg bedeutet. Dis 12 Uhr wirst du vielleicht so weit gelangt sein, einen neuen Plan zur Reform des Hauses der Lords zu entwerfen, dann wird der Tischgong ertönen und du wirst befreit zum Lunch gehen. Und der neue Film? Dies Wunderwerk wird plötzlich in mir lebendig, während ich meine Katze streichle oder auf meinen Kaffee warte."
Schweiß von der Stirn und wundert sich: „Nein, diese Kälte!"
Er sagt das deutsch, aber es besteht trotzdem kein Grund, an seiner Vernunft zu zweifeln. Junge Burschen laufen herbei, tupfen dem alten Mann den Schweiß vom Gesicht, auch ihre Hemden kleben am Körper, die Hitze in diesem schalldicht abgedämpften Raum benimmt einem den Atem, „Siebzig Grad!" stellt jemand fest und fordert gleichzeitig, der Mann im Rollstuhl soll« sichtbarer frösteln.
Dieser Jemand. Pfeife im Mund, Kappe in der Stirne — kein Zweifel, jeder Zoll ein Engländer, ist Herr Dupont, der gelähmte Mann ist Fritz Kortner, augenblicklich krampfhaft bemüht, das verwickelte Problem zu lösen, wie er gleichzeitig schwitzen, frösteln und sich dem Jnspizenten in englischer Sprache verständlich machen könne. Letztere Aufgabe scheint am schwierigsten — sie gehört ja auch schließlich nicht zur Rolle.
„Aufnahme!" kommandiert Dupont, verschwindet in der kleinen Zelle, das Spiel geht weiter.
Dieses Spiel war einmal grauenhafte Wirklichkeit. Es sind die letzten Stunden auf dem Ozeandampfer „Titanic", die hier von Dupont nach Berichten von Augenzeugen und mit teilweiser Benutzung eines die Katastrophe behandelnden englischen Dramas nachgestaltet werden. Ein großartiger Stoff, schon der Griff, mit dem Dupont ihn an- packle, beweist die starke und eigenwillige Begabung dieses Regisseurs, der mit diesem Werk zum ersten Mal in bas neue, künstlerisch bisher ziemlich unfruchtbare Gebiet des Tonfilms vorstößt. Und dabei sofort eine Reihe wichtigster prinzipieller Fragen und Probleme ihrer Losung ein gut Stück näher gebracht hat.
Die Auswahl und Behandlung des Stoffes ist das eine große Plus dieses Tonfilms. Was bisher auf diesem Gebiet produziert wurde, ließ in künst- -lcrischer Hinsicht selbst den bescheidensten Versuch vermissen, im Tonfilm eine eigene neue Kunstform zu sehen, die ihre eigenen Gesetze entwickeln mäste. Verfilmtes Theater und verfilmte Revue — das waren bisher die beiden Ziele, die der Tonfilm zu erreichen strebte. Und Qualitätsunterschiede ergaben sich nur in technischer Hinsicht, das amerikanische Genre scheint von hoffnungsloser Gleichförmigkeit: Ob „Broadway Melody" — noch immer das ge
lungenste Werk der verfilmten Revue — ober „Show-boat" ober „Close Harmony" auf der einen Seite — ob „Mary Dugan", ober „Alibi" ober „Die Unschuldigen von Paris" auf der anderen Seite — kein einziger dieser Filme, so gelungen und faszinierend der eine oder andere im Tech- nifdjen oder Schauspielerischen wirkt, beinahe de- vrimierend ist stets die Bequemlichkeit, mit der man die ausgetretensten Wege ältester Film- und Ope- retten-Konvention geht, immer wieder dasselbe Milieu, dieselbe Mischung von Kulissengeheimnisfen, platten Liebesaffären, tanzenden Girls und quietschenden Saxophonen präsentiert.
„Atlantic" ist schon rein stofflich ein Durchbruch in ein neues Gebiet, in die eigentliche Domäne des Tonfilms, wo dieser seine wahre Ueberlegenheit gegenüber dem stummen Film und dem Theater erweisen kann, wichtige Elemente beider Kunstformen verwendend und sie durch die Möglichkeiten der eigenen Art erweiternd. Diese letzten Stunden auf einem sinkenden Riesendampfer, diese Symphonie von entfesselten Elementen und entfesselten menschlichen Leidenschaften kann nur in der Synthese von Ton und Optik, von Geräusch, Wort und stummen Bild gemeistert werden. Der Einfall, zum Haupthelden des Dramas — der Mann, der als einziger in der Katastrophe des Unterganges Ruhe, die innere Sicherheit und damit die Führung behält, — einen hilflosen Krüppel zu machen, diese Idee ist ein weiterer Beweis für Duponts Erkenntnis der prinzipiellen künstlerischen Aufgaben des Tonfilms. Und endlich verdient die Entschiedenheit Anerkennung, mit der er es durchgesetzt hat, daß dieser Film in zwei Fassungen hergestellt wird, englisch und deutsch, wodurch es uns nun zum erstenmal möglich ist, die neue Erfindung technisch und künstlerisch mit den Leistungen und Möglichkeiten eines deutschen Schauspielerensembles zu konfrontieren, dessen Auswahl und Zusammensetzung als ein weiteres Plus Duponts anzusehen ist.
Im Technischen ist der Film schlechthin hervorragend. In keinem der bisher gehörten Tonfilme kamen die Stimmen, auch die der Frauen so natürlich, so rein heraus. In keinem waren die Dialoge so knapp und so „richtig" eingesetzt. Daß der Text noch immer stellenweise platt wirkt, nicht genug komprimiert, nicht genug „verdichtet" — ein Mangel, der wohl nicht früher zu beseitigen fein wird,
Gesetze des Erfolges.
Von Norma Shearer.
Die beliebte Darstellerin der Metro- Goldwyn-Mayer, die als Kornparsin begann, und heute zu den berühmtesten Filmstars gehört, schreibt.
Es ist leichter Erfolg zu haben, als eine Anleitung zu geben, wie man zu Erfolg gelangt Denn es existiert einfach kein Gebot, nach dem man sich in jedem Falle richten kann, um sein Ziel zu erreichen. Es gibt zwar Gesetze, die Erfolg versprechen, doch mit dem Versprechen ist es so eine Sache. Versprochene Dinge werden leider nicht immer gehalten.
Einige gewinnen Ruhm und Glück, ohne daß sie sich besonders anzustrengen brauchen. Sie sind eben unter einem Glücksstern geboren — was das beste und bequemste Mittel ist, um zu Erfolg zu gelangen. Andere finden ihren Weg durch gute Beziehungen und mächtige Verwandtschaft geebnet, und brauchen sich also nur in ein gemachtes Bett zu legen. Wieder andere zwingen den Erfolg durch hartnäckiges, jahrelanges Bemühen und Ucbettvinden jeder Enttäuschung. Mir persönlich scheint es, daß die beste Erfolgssicherung für Protektionslose die ist, sich stets zu vergegenwärtigen, daß das Leben ohne Erfolg wertlos ist, und nicht zu ermüden, bis eine Arbeit von Erfolg gekrönt wird.
Armut ist meiner Ansicht nach eine gute Chance, um es in geschäftlicher Beziehung zu etwas zu bringen. Das klingt vielleicht sehr überheblich, ich meine damit jedoch, daß Menschen, die genau wissen, wie bitter Armut schmeckt und die jahrelang unter dem Druck der Verhältnisse gelitten haben, alles daran wenden müssen, um ihr Leben leichter zu gestalten und das Gespenst der Armut abzuwenden. Sie wissen, was sie zu bekämpfen haben und werden ihre ganze Energie anwenden, um den Feind zu besiegen.
Für ein Mädchen ist es trotz unseres emanzipierten Zeitalters immer noch schwieriger als für einen Mann, Karriere zu machen. Wir sind eben trotz aller srauenrechtierischen Gegenbehauptungen das schwächere Geschlecht — wenn die« auch nur in körperlicher Hinsicht verstanden werden soll — und in geschäftlicher Beziehung werden Frauen sehr oft dem Mann nicht gleichwertig geachtet. Für ein Mädchen ist es zuerst wichtig, daß es lernt, mit seinem Einkommen auszukommen, dann muß es sich Mühe geben, in seinem Beruf immer etwas mehr zu leisten und zu wissen, als unbedingt verlangt wird, wodurch es sich die Möglichkeit einer Beförderung schafft. Niemals stehen bleiben und mit sich selbst zufrieden sein, immer seine Anstrengungen verdoppeln — das ist eines der ersten Gesetze des Erfolgs. Und sich niemals durch einen Mißerfolg unterliegen lassen. Sobald man sich sagt: ..Es hat ja doch keinen Zweck, ich habe eben Pech!", ist es aus. Keine der großen Persönlichkeiten der Geschichte, der Kunst und Industrie hätten ihre Erfolge erzielt, wenn nicht jede Enttäuschung ein neuer Ansporn zum Weiterarbeiten gewesen wäre.
Von ungeheurer Wichttgkeit ist es, von vornherein zu wissen, was man eigentlich will. In unserer überhehten Zeit ist die Berufswahl eine Lebensfrage. Jeder junge Mensch sollte sich darum über sein Zukunftsideal vollkommen klar sein, um aus innerer Ueberzeugung nach einem Ziel zu streben, das auch wirllich ein Ziel und fein Notbehelf ist. Und wenn er seine ganzen Kräfte auf fein Ideal konzentriet, zweimal denkt, ehe er handelt und den Mut zu einer Heber- zeugung hat, so wird er Erfolg haben. Er wird wissen, daß eventuelle Fehlschläge nur ein Teil des großen Lebensspiels sind und wird lernen, Enttäuschungen als Kräfteanspannung anzpsehen.
Ich spreche nicht als Theorettkerin. Auch mein Geben war oft hart, bis sich der Erfolg einstellte, aber die Erinnerungen an die Tage der Rot und des Kampfes, die unerläßlich waren, damit ich zum Erfolg gelangen konnte, sind mir ein unverlierbarer und kostbarer Besitz, den ich nicht missen mochte. —
bevor nicht die Dichter ihren Einzug im Tonfilm feiern werden können. Ein anderes Manko ist die z bisher leider technisch noch nicht gelöste „Entsefse» lung" der Tonfilmkamera. Ihre schwere Beweg, lichkeit macht es wohl leider notwendig, die ge- sprochenen Szenen so „bühnenhaft" aufzubauen, wodurch sie im Fluß der schnell wechselnden Bilder stellenweise zu sehr „ausgespieltZ zu starr wirken.
Diese ersten Eindrücke, gewonnen aus der Vor» führung größerer Teile des Werkes im Abhörraum — sie lassen nach der großen positiven, aber auch nach der geringeren negativen Seite hin schon erkennen, worin die überragende Bedeutung des Werkes zu sehen ist: zum erstenmal wird der Ton- film auf eine höhere Ebene gestellt, die der prinzipiellen Auseinandersetzung mit seinen Problemen Raum schafft. Und alle Fehler und Mängel sind so betrachtet noch tausendmal werttoller und produk- tiver als die „gelungensten" Werke der amerifa- Nischen Produktion.
3m Schauspielerischen ausgezeichnete Leistungen von Lucie Mannheim, Elsa Wagner, Val- lentin, Loos, Forster, Lederer. Kort- ner ist die größte Ueberraschung: seine Stimm« bedeutet für den Tonfilm einen Gewinn, der nach den bisherigen Proben zu schließen, hoch zu wetten ist. Was Al Jolson oder Chevalier für den Ge> sangsfilm, das scheint Köttner für den Dialogfilm ZU werden: sein Organ fasziniert im Tonfilm weit starker noch als auf der Bühne durch die Farbig, leit und Fülle der Nuancen, damit den Ton eines Wortes, eines Satzes über das Gesprochene hinaus zum wesentlichen Faktor ber dramatischen Wirkung -steigernd.
Hier zeigt es sich auch schon, inwieweit ber Dialog- film national unabhängig werben kann. Daß die beutsche Fassung heute schon verhältnismäßig besser verkauft werben konnte als bie englische — nicht nur bie skanbinavischen Länder haben ber beutschen Fassung den Vorzug gegeben, sonbern sogar Amerika hat neben ber englischen bie beutsche Fassung erworben, — ijt ein Beweis für die These, baß auch ber Sprechfilm nicht national beschränkt sein muß, wenn er zur Höhe eines — International immer verständlichen — Kunstwerkes gefühtt wird.


