Nr. 198 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)__Samstag, 24. August 1929
Russische ZukunfispMik.
Außenpolitische Umschau.
Von Or. Otto Hoehsch, 0. ö. Prof, der Geschichte an der Universität Berlin, M. d. 2t
Der 1. August war von der 3. Internationale und Sowjctrußland als ein roter Demonstratio nstag für die Welt beabsichtigt, eine 'Truppenschau über das Proletariat der ganzen Welt. Er war in diesem Sinne ein totaler Fehlschlag. Trotz allen Werbens ist er ohne jede Erschütterung und ohne jede Wirkung verlaufen. Das ist sehr erfreulich und zeigt, daß die Arbeit und Agitation der 3. Internationale ihre Grenzen hat. Sie wirkt auch darum nicht so stark, weil alle Welt sieht, dah Sowjetruhland cinsach gezwungen ist, eine Friedenspolitik zu machen. Es kann einen Krieg mit China nicht riskieren, und so sind seit dem 22. Juli auch die Verhandlungen für eine friedliche Verständigung zwischen Moskau und Mulden im Gange. Ob sie in direkter Aussprache zum Ziele kommen, ob andere Mächte oder Faktoren vermittelnd nachhelfen, die Hauptsache ist, dah Rußland einen Krieg nicht wünscht und nur bestrebt ist, unter Wahrung seiner Rechte möglichst viel von seinen Interessen in einer Position ausrechtzuerhalten, die im ganzen zweifellos nicht zu halten ist.
llnö es blickt gesvannt nach England, dessen neuer Premierminister die Wiederaufnahme der Beziehungen eingeleitet hat. Hnb es blickt noch gespannter nach Amerika, aus dem eine große und bedeutende Wirtschastsdelegation jetzt in seinem Lande reist. Die russischen Staatsmänner stellen sich sicherlich auf den Zeitpunkt ein, da, wenn der Poungvlan angenommen sein sollte und in Wirkung wäre, das r u s s i s ch e Schul- dcnproblcm nun in erste Reihe rückt. Es ist ja nur logisch, dah dann auch diese Frage der finanziellen Kriegsfolgen geregelt wird, die französischen, die englischen, die amerikanischen Schuld- forderungcn an Ruhland. Rebenbei sei erneut gesagt, dah Deutschland mit seinen Forderungen dabei nicht zu kurz kommen kann, weil bekanntlich im Rovallo-Dertrag auf diese Forderung Deutschlands nur verzichtet ist, wenn Ruhland anderen gegenüber nicht Entschädigungszugeständnisse macht. Denkt die Sowjetregierung überhaupt daran, sich in Verhandlungen über die Anerkennung der Schulden einzulassen, so will sic das teuer verkaufen: gegen die diplomatische Anerkennung ohne Vorbehalt und gegen die Gewährung riesiger Kredite, die zu einer gewaltigen Zusammenarbeit des Kapitalismus am Wiederausbau Ruhlands führen würden.
Gewaltige Perspektive, zu denken überhaupt nur, wenn Rußland im Frieden bleibt! Und was denkt sich dabei die Sowjetregierung. Stalin selbst, für den Kommunismus und seine Besesti- gung? Uns scheint, dah das jetzt nach der Annahme des Fünfjahrplans immer deutlicher wird: der Versuch in unerhörter Willensanspannung einer einheitlich geführten Partei in fünf Jahren durch die Industrialisierung und die Sozialisierung der Landwirtschaft den Sowjetstaat wirtschaftlich auf eigene Fühe zu stellen, vom Auslande möglichst unabhängig zu machen, und zugleich das Sowjet-Regime durch Einzwängung der Landwirtschaft in den Sozialismus dauernd zu stabilifieren. Ein solcher Gedankengang würde, wie wir es uns zurecht legen, dein starken Willensmenschen, der Stalin in erster Linie ist. durchaus entsprechen. Er würde bedeuten, dah sich Rußland damit immer stärker gegen das Ausland abzuschließen suchte und dah die Kommunistische Partei den Kampf mit der Bauernschaft unter dem Ziele, den Bauer zu „verstaatlichen" und damit zu proletorisieren, ansnähme.
Es bedarf keines Wortes, dah damit eine riesig- Aufgabe in Angriff genommen wird, Hn-
zweifclhaft hat Stalin die Partei und die Arbeiterschaft fest in der Hand', diese dienen dem Staate auch unter Leiden, weil sie den Staat beherrschen. Das wird auch im grohen und ganzen für die Beherrschung der Verwaltung aus- reichen, weil die Rot die nichtkommunistischen Beamten doch festhält. Hnb für Gewalt unb Terror hat bcr Diktator die GPH., die ein Teil, und zwar der zuverlässigste, der Armee ist. Aber die Armee? Die Rekruten sind überwiegend Bauernsöhne und die Offiziere werden schwerlich ausnahmslos Stalin-Leute sein. Und dann die Bauernschaft? Der Fünfjahrplan kommt in der Landwirtschaft auf den entscheidenden Klassenkampf zwischen Kommunistischer Partei und Bauern hinaus. Wird es möglich sein, mit den „Getreidefabriken" und Kollektivwirtschaften dos zu erdrücken, was an Individualismus und Kapitalismus bei den gröhercn und mittleren Bauern unzweifelhaft entstanden ist? Wird diese sozialistische Agrarpolitik dem Rahrungsbedürfnis einer jährlich um 3 Millionen zunehmenden Be- völk-rung ausreichend dienen können, deren Hauptproblem ja paradoxerweise die Heber» bevölkcrung ist? Wird damit eine G c - treidcausfuhr ermöglicht werden können, die der Fünfjahrplan für das dritte Iahr schon vorsieht und mit der er an seinem Ende bestimmt rechnet? Eine Getreideaussuhr, ohne die auf die Dauer Rußland gar nicht durchkommen kann? Denn wie will der Fünfjahrvlan Rußland industriell vom Auslande unabhängig machen ohne Verbindung mit dem Ausland, die dafür die notwendigen Voraussetzungen schaffen muß?
Das kann auch Stalin nicht bestreiten, worauf Trotzki immer wieder hinwics, daß Ruhland eine sich selbst genügende sozialistische Insel in
einem kapitalistischen Meere nicht bleiben kann. Theoretisch wäre cs denkbar, praktisch würde das auch die ungeheure Fähigkeit des russischen Volkes, Leid zu ertragen, nicht aushalten. Dann würde der Weg weiter entweder doch zu einem kapitalistischen Vorstoh der grohen Weltmächte führen oder, indem an der Unmöglichkeit der Lösung das Sowjetregime zusammenbräche, Ruh- land in Chaos und in Auslösung zurückfallen. Dann wäre sicher der Abschluh vom Auslande, der Stalin wohl vorschwebt, erreicht, aber nicht unter Aufrechterhaltung der Sowjet-Herrschaft.
Selbstverständlich sind das nur Annahmen und Erwägungen. Rach der Ergreifung der Macht 1917, dem ersten gescheiterten Versuch des Kriegskommunismus, der Rep. beginnt das Sowjetregime jetzt ein gewaltiges, abermaliges Experiment. um für Ruhland den Sozialismus doch zu stabilisieren. Die Frage ist, wie das Ausland darauf reagieren wird und was in Stalins Programm der weltrevolutionäre Gedanke der 3. Internationale bedeutet. Zum letzteren nehmen wir an, dah er daran festhält als einer Hoffnung, auf deren Gelingen er selber ziemlich wenig Einfluh hat und die allerdings sicher in Erfüllung ginge, wenn Eurova wieder in einen Krieg gestürzt würde. Bleibt aber Frieden und führen die grohen weltpolitischen und weltwirtschaftlichen Zusammenhänge wirklich unter Führung Rordamerikas zu einer Ordnung von gewisser Dauer, so wird das auch auf Rußland zwingend im Sinne der Evolution zurückwirken. Eines ist aber unter allen Umständen klar und dürfte Hauptpunkt in den Stalinschen Gedanken sein: eine kriegerische Verwicklung macht in jedem Fall dem ganzen Programm ein Ende: gerade aus ihm heraus muß Stalin pazifistisch sein?
Volk und Raum in Frankreich und Men.
Die Ablehnung des französischen Entwurfes des „Freunbfchafts- und Schieosvertrages" über das Statut der in Tunis ansässigen Italiener unb die tripolitanischen Grenzen durch Italien zeigt, wie tief und schwer die bevölkerungspolitischen und geopolitischen Probleme zwischen Frankreich unb Italien in Nordafrika sind, Probleme, die unter Uitfftänben in nicht allzu ferner Zeit in Südfrankreich eine nicht minder bedeutungsvolle Parallele finden können. Seit zwei Jahren bemüht man sich vergebens, die Verhandlungen über diesen „Freundschaftsvertrag", hinter dem die schicksalhafte Bedeutung der inneren Gesundheit und Fruchtbarkeit des Volkskörpers für das Bestehen und die Zukunst eines Staates sichtbar wird, zur Zufriedenheit beider Seiten zum Abschluß zu bringen; Bemühungen, die bei der Tiefe der hier vorliegenden Gegensätze und bei den sich dauernd zu ungunften Frankreichs ändernden Verhältnissen, so lange nicht zu einem endgültigen Resultat--trotz
eventueller vorübergehender Einigung — führen werden, bis eine geopolitische Lösung gefunden ist, die den bevölkerungspolitischen Verhältnissen entspricht. Die wenigen Kolonien, die Italien besitzt, sind bei weitem nicht imstande, den Bevölkerungsüberschuß, den ein Geburtenüberschuß von über 400 000 Köpfen jährlich in diesem nur 306 000 Quadratkilometer großen Lande mit einer Bevölkerungsdichte von 125 Köpfen auf den Quadratkilometer hervorruft, aufzunehmen, so daß sich ein gewaltiger Strom italienischer Auswanderer — vor allem infolge der amerikanischen Einwanderungsbeschränkungen — vorzugsweise in französisches Gebiet ergießt, da hier die Möglichkeit besteht, große Menschenmengen unterzubringen. Dieser Strom muß in dem Maße anwachsen, als die weitsichtige Bevölkerungspolitik Mussolinis die natürliche Wachstumstenbenz des italienischen Volkes wirkungsvoll unterstützt. „Italien muß, um in der Welt zu zählen, an der Schwelle der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts eine Bevölkerung von nicht weniger als 60 Millionen aufweisen. Tatsache ist, daß das Geschick der Ration an ihre
demographische Potenz gebunden ist", sagt Mussolini — und hat entsprechend dieser Einsicht eine Bevölkerungspolitik eingeschlagen, die ihresgleichen in Europa nicht hat, die in zunehmendem Maße die Bedeutung Italiens steigern wird: die in demselben Maße die Gegensätze zu Frankreich vergrößern muß, als die Auswanderung von Italienern in französisches Gebiet anwächst, die dort unter Leitung des sadistischen Staates bewußt und sicher ihr Volkstum bewahren. Denn der faszistische Staat Mussolinis wandert mit seinen Söhnen über die Grenze und weiß es zu verhindern, daß sie sich im fremden Volkskörper assimilieren, um damit dem eigenen Staate verlorenzugehen. Welche Einsicht und welcher Wille steht hinter der Tatsache, daß jährlich Tausende von italienischen Frauen in die Heimat fahren, um durch ihre Niederkunft in Italien zu verhindern, daß ihre Kinder, entsprechend den französischen Gesetzen, die französische Staatsangehörigkeit erhalten? Welcher Gedanke läßt dem italienischen Staat tausende italienische Kinder aus allen möglichen, nicht nur europäischen Ländern in die Heimat einladen, um dort ihre Ferien zu verbringen? Etwa nur der, ihnen Erholung und Freude zu geben? Ist hier nicht vielmehr ein Wille wirksam, der die versprengten Tropfen italienischen Volkstums auch dadurch mit dem Mutterlande verbinden will, daß er in die Seele der Kinder dieser früher Ausgewanderten außer die Liebe zur Heimat ein Bild dieses neuen italienischen Staates, auf den man stolz sein kann, senkt, die Gewißheit mit auf den Rückweg in die Fremde gibt, daß der Geist dieses neuen Staates, seine Sorge um das Wohl aller seiner Kinder nicht seine Grenzen in denen des Landes findet! Sechzig Millionen Menschen soll Italien um die Mitte dieses Iahrhunderts zählen, so will es Mussolini, und er weiß genau, daß sein Land niemals Raum genug bietet für die zwanzig Millionen Menschen, die er über den heutigen Bestand hinaus fordert. Diesem Hrnstand muß seine Bevölkerungs
politik entsprechen, wenn sie erfolgreich sein soll.
Die ständig zunehmende Bevölkerung Italiens strömt über seine Grenzen und vorzugsweise nach Frankreich, dessen innere Gesundheit unb Rachwuchskraft einen verhängnisvollen Gegensatz zu Italien zeigt. Eine Fläche von 551 000 Quadratkilometer, bald doppelt so groß als die Italiens, wird von einer gleich großen Bevölkerung bewohnt, 75 Köpfe auf den Quadratkilometer, doch die demographische Potenz sinkt erschreckend. Einem Geburtenüberschuß von über 400 000 Köpfen mit steigender Ziffer in Italien steht ein solcher von nur 50 000 mit absinkender Zahl in Frankreich gegenüber, dessen Entvölkerung in einem ganz großen Tempo voranschreitet und zwangsweise zu einer Devölkerungspolitik führte, die jeden Gedanken an Rasscnhygiene vermissen läßt. 7
3n Indochina propagiert man eine anamitifd)- französischc Mischkultur!!, um es volklich zu retten, in Frankreich selbst gibt man dem Schwarzen das Bürgerrecht. Die täglich cintoanbcrnbcn, etwa 1100 Fremden, die es auf die Dauer unmöglich sich assimilieren kann, haben bisher noch nicht die menschenleeren Gebiete Frankreichs füllen können.
Die über 2500 unbewohnten großen Bauernhöfe im Departement Gers, das mit Lot unb anbcrcit Departements in etwa breißig Iahren menschenleer sein soll, die verfallenben Dörfer, bereu ganze Bevölkerungen ausgestorben sind, in den fruchtbaren Flußtälern der Garonne, Loire und Rhone, in bcr Provence, ber Rormanbic, in Cotentin, das Sinken bcr Getreibeanbaufläche von über sieben Millionen Hektar bes Iahres 1890 auf nur noch etwa vier Millionen im Iahre 1923, die Zunahme des Brachlandes von 1920 bis 1924 um 22,7 Prozent auf fast fünf Millionen Hektar sind ein beredtes Zeichen für die zunehmende Entvölkerung.
In die hierdurch entstehenden Lücken strömt ein großer Teil bcr italienischen Auswanberer. 200 000 Italiener überschreiten im Iahre die Ostalpen, um sich in ben menschenverlassenen Gebieten Südfrankreichs seßhaft zu machen und der neue Geist Italiens, ber seine Berufung darin sieht, die Ideen von 1789 zu überwinden, schreitet mit! Der Italiener verliert in Frankreich sein Italicnertum nicht, er bleibt ein fester Bestandteil seines Heimatstaates. In Südfrankreich finden wir heute zahlreiche, rein italienische Dörfer, mit eigenen Schulen und Kirchen. Im Departement Lotct-Garonnc wird ein geschlossenes Gebiet von 3000 Hektar von Italienern bewohnt. 30 Prozent bcr Bevölkerung im Grenzdepartement Alpes-Maritimes finb Italiener. In Tunis zählte man 1921 54 477 Franzosen und 84 819 Italiener, die bis 1926 auf annähernd 90 000 angewachsen waren unb heute breimal so stark vertreten finb, als die Franzosen.
Angesichts dieser Stärkeverhältnisse ist es zu verstehen, daß die italienische Regierung ben französischen Vorschlag, die erste in Tunis geborene Generation soll italienisch bleiben, die zweite zwischen Frankreich unb Italien optieren, die dritte ohne weiteres französisch werden, ablehnte, und weiter die Abtretung von zwei Oasen an Tripolis als völlig ungenügend erklärt, dafür aber unter Berufung auf den Vertrag von Lausanne, in dem die Türkei die Gebiete von: Dornu bis zum Tschadsee abtritt, diese Gebiete und unter Berufung auf ben Vertrag von London vom Iahre 1915 Deutsch-Kamerun als eigenes Kolonialmandat verlangt. Es kann fein Zweifel darüber fein, daß Italien anstrebt, Tunis ganz für sich zu bekommen, wozu es vom bevölkerungspolitischen Standpunkte aus Frankreich gegenüber ein volles Recht hat. Hier, wie in Südfrankreich, entwickelt sich eine Irredenta. die Italien gewiß unter dem Drucke seines Bevölkerungsüberschusses sich bilden lassen muß, die aber auch von ganz bestimmten Gesichtspunkten aus bewußt verstärkt wird. Doch ist weder für
Gin Bann den« an Karl My...
Von Harry Schreck.
Der leicht beleibte Herr im besten Alter ist unverkennbar ein wenig befangen, als man ihm mitteilt, daß sein Reffe Wolfgang käme und da»ß es dabei unumgänglich nötig sei, daß er in oheimhaftcr Sorgsamkeit sich um ben hergewehten Knaben Wolfgang kümmere.
„(Sä ist nur darum..spricht ber leicht beleibte Herr, indem er eilends ben Verbacht zerstückeln möchte, baß er sich nicht nach bcr Gebühr zu freuen schiene, „es ist nur deshalb, weil die Iungens heute doch ganz anders finb; man weiß doch gar nicht, wie man sich mit ihnen unterhalten soll, nicht »wahr? Gott mag da ahnen, auf was für Dinge solche Burschen aus sind. Man spricht mit ihnen, gibt sich redlich Mühe und ist am Ende doch nur lächerlich. Ich wäre ungemein vergnügt, wenn all ber Humbug sich vermeiden ließe. Ia, wenn die Kerlchen eben heute noch so wären, tote wir gewesen sind. Doch so — nun, ja..."
Man sagt dem leicht beleibten Herrn zum Trost, wie sich mit Wolfgang alles leichter geben werde, als es das unbehagliche Gefühl wohl zu erhoffen wage. Jedoch, als Wolfgang schon am nächsten Morgen kommen soll, rast wieder die bestürzte Frage durch das Hirn des leicht beleibten Herrn: „Hnb bann?“
Der leicht beleibte Herr geht an ein Selbstgespräch: ..... ja, damals kam ber Willy Dali-
chow noch abends rasch mit Helmut Marsch auf einen Augenblick herüber; und während Helmut Marsch mit schlecht gespieltem Gleichmut frug, wie viele Zeilen Cäsar wir zu morgen übersehen müßten, sprach Dalichow mit grauen aufgerissenen Augen: ,Run ist er also doch gestorben: der Rappe Rih ist tot —/ Ein langes Schweigen stürzte in den Raum...
Dies war ein Schlag, der sich kaum überwinden ^«Rach ein paar Tagen lief man dann mit Werner Iacke durch den Stadtwald; unb Werner Iacke bückte plötzlich sich voll Eifer über einen Fuhabbruck, ber halbgelöscht im schwarzen Boden krümelte. ,5)otogb‘, sagte Werner Iacke in bedeutungsvollem Ton, ,die Fährte ist noch nicht zwei Stunden alt — es muß ein Bleichgesicht gewesen sein!' Wir sahen ernst gesammelt au, die Spuren...
Wir spürten dieser Fährte bis zum Waldes- r-anbe nach,
Hnb als uns eine Woche später dann Robert Fenske in fein Wigwam einlud, das er mit Hermann Ziesing an ber Gartenmauer aufgerichtet hatte, da las Hans Schulz mit donnernder Begeisterung uns vor, wie Scharlihs Freund Old Firehand trotz seiner Kugel in der Brust noch lebte. Hnd wir ... wir schwenkten uns entspannt zu unserer tongeschnittenen Pfeife und riefen anerkennend: ,Hff —‘
Das war vor fünfundzwanzig Iahren Wirklichkeit ...!"
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„Hc...", spricht bcr leicht beleibte Herr am nächsten Morgen, als Wolfgang vor ihm steht, mit jenem munter angelegentlichen Ton, den man gebraucht, sofern man eigentlich verlegen ist, „he. Wolfgang, weißt du schon, daß heute nachmittag die Meisterschaft im Fußball ausgetragen wird? Das muß doch prachtvoll sein, da mitzuschaun." „Gewiß,“ spricht Wolfgang schlicht unb freundlich.
Der leicht beleibte Herr denkt mittlerweile weiter: m „
„Ja, Helmut Marsch ist späterhin zur Post gegangen; unb Werner Iacke tost in Landwirtschaftsstiefeln irgendwo in der Mark Brandenburg umher: von Robert Fenske hat man seither nichts gehört, und Dalichow soll Zahnarzt sein- sie wandern alle ohne Hcnrystuhen, ohne Kalumet und ohne Mokassins durch ihre Welten: und Ziesing ist ein Lehrer ohne Bärentöter in dem uckermärkischen Gefilde.“
Der leicht beleibte Herr ist nun cm wenig traurig. . r ,
Ein Lasso“, sinnt er, ..wirbelt kaum in Zicsings Händen; unb welcher Lanbwirt hofft im Ernst darauf, sich mit Savannen zu befassen; welcher Zahnarzt will mit einem Tomahawk die Kiefer seiner Kranken spalten; auch Fenske, bcr aus aller Augen kam. wirb Weber einen Mustang, noch ein Dromedar besitzen; und Marsch, ber auf dem Postamt sitzt, nimmt kein Paket ins Land ber Skipetaren an.*
Dem leicht beleibten Herrn weht leise Schwermut zu. _ .
„So ist das nun ... wir alle, Scnske, Iacke, Ziesing, Marsch und Dalichow unb id) • .^)ir
alle finb nicht mehr imstande, den Rachstcn als ben Weißen unb den roten Bruder zu bezeichnen. Ach — alles ist feit fünfundzwanzig Iahren still vergessen; wo sind die Skalps, die Bowiemesser. Bolas und Revolver hingekommen: I wo ist ein Hadschi Halef, der uns mit kauzig- | weisen Sprüchen tröffet...?“
Der leicht beleibte Herr ist sich fast selber gram.
Der leicht beleibte Herr vermerkt erschrocken, daß Wolfgang wartend ihn betrachtet: „He, Wolfgang, weißt du schon, dah wir auch eine neue Hochantenne haben? Man hort damit Amerika; jawohl, da staunst du ganz gewiß... man hort damit Amerika ... Reuhork, Chikago, und was es sonst noch geben soll; das muß doch prachtvoll klingen!“ „Gewiß“, spricht Wolfgang schlicht unb freundlich. ,
Der leicht beleibte Herr nickt Wolfgang heiter zu —
„Ach nein", spricht er bei sich, indem er fast ein wenig mißgestimmt beschließt, zwei Karten für die Fußballmeisterschaft zu kaufen, „ach nein ... wir haben alle nicht gehalten, was wir dem Leben einst versprachen, als wir in jenem wilden abenteuerlichen Glück des Herzens vor ben befleckten, abgegriffenen Seiten eines dicken, halb verbotenen Buches hockten unb es verschlangen."
Der leicht beleibte Herr sieht sich mit Mißmut an.
„Wir finb nicht kühn geworden und nicht heldisch, wie cs ber „Sibhi" aus bem Franken- lanbe war — wir finb nicht milbe unb gerecht in unsre Daseinsbahn hincingeschritten, wie ber „Effendi“, der seinen Fcinben stets so stolz vergeben konnte — wir haben uns nie so bewährt, wie unser SreuiS>. „Old Shatterhand“ vor jedem Prankenschlag des Schicksals sich bewährte. Im Gegenteil —, — I“
Der leicht beleibte Herr gerät in eine leichte Wut.
„Im Gegenteil, mit uns ist wenig Staat zu machen; man sollte uns die harte, ja die derbste Bastonnade dafür geben, daß wir als heuchlerische Burschen aus dem zahmen Westen oft mit zwei Zungen redeten unb uns in weibischem Entsetzen vor den Marterpfählen fürchteten. Es ist vorbei mit uns — und das, was nach uns kommt, will lieber Fußballmeisterschaften und Antennen sehen!"
Der leicht beleibte Herr geht Fuhballkarten holen.
Als er zurückkommt und mit scherzhaft heiterem Geblinzel nach Wolfgangs Aufenthalt zu fragen anhebt, weiß niemand, wo sich Wolfgang finden ließe: vor ein, zwei Stunden hat man ihn zuletzt gesehen. „Lcha". vermutet schon der leicht beleibte Herr, ..die Hochantenne ... Reuyork .... Chikago, Ein Techniker, hehe!"
Iedoch die Hochantenne scheint des Hörers zu entraten; Reuyork ist einsam, und Chikago trommelt unbelauscht die letzten Börsenkurse in die Luft des leeren Zimmers. „Das ist doch eigentümlich!" denkt der leicht beleibte Herr, indem er, seine Fußballkarten mit dem Finger knitternd, durch alle Räume seiner Wohnung streicht und plötzlich wie von ungefähr beinahe über ein verqueres Hindernis im Wege stolpert. Er ist ein bißchen überrascht, daß Wolfgang sich als dieses Hindernis erweist und ihm mit grauen, hochgerissenen Augen das Wort entgegenstöhnt: „Run ist er also doch gestorben — der Rappe Rih..."
Ein langes Schweigen stürzt in den ergriffenen Raum. „Ia", sagt der Herr, ber plötzlich weniger beleibt scheint, „nun ist er also doch gestorben...!“ Er denkt nicht mehr daran, daß er auch scherzhaft heiter blinzeln konnte; und in bcr Tasche zerrupft die rechte Hanb ganz langsam jene Fuhballkarten...
Es scheint, daH Wolfgang sich beinahe verstanden fühlt.
Hochschulnachrichten.
Der an ber Hniversität zu Marburg neu gegrünbete Lehrstuhl für Grenz- unb Auslanb- bcutschtum ist bem nichtbeamteten aufjerorbent- lichen Professor ebenba Dr. jur. et phil. Iohann Wilhelm Mannharbt unter Ernennung zum orbentlichen Professor übertragen worben. Mann- harbts Veröffentlichungen betreffen Volkstums- unb Staatcnkunbe, Grenz- unb Auslanbdeutsch- tum. Hamburger von Geburt, ftubiertc Mannharbt in Heibelberg, Berlin unb Freiburg i. D., ferner am Kolonialinstitut in Hamburg, würbe 1908 Referenbar in Hamburg, später wissenschaftlicher Hilfsarbeiter am Kolonialinstitut bafelbft, unb übernahm 1919 bie Gcschästsleitung bes Instituts für Grenz- unb Auslanbbeutschtum an ber Hniversität Marburg. Inzwischen promovierte Mannharbt in Greifswald zum Dr. jur. und später in Gießen zum Dr. phil. 1920 wurde Dr. Mannharbt Leiter der Deutschen Burse in Marburg, später etatsmäßiger Assistent an der dortigen Hniversität unb habilitierte sich 1925 in ber Marburger Philosophischen Fakultät für Grenzlanb- unb Auslanbkunbe. Ostern 1926 erhielt Mannharbt bie Ernennung zum Direktor des Marburger Instituts für Grenz- unb Ausland- deutschtum, einen Lehrauftrag für Grenz- und Auslanbkunbe unb brei Iahre später die Ernennung zum nichtbeamteten a. 0. Professor.


