Ausgabe 
24.8.1929
 
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Nr. 198 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)__Samstag, 24. August 1929

Russische ZukunfispMik.

Außenpolitische Umschau.

Von Or. Otto Hoehsch, 0. ö. Prof, der Geschichte an der Universität Berlin, M. d. 2t

Der 1. August war von der 3. Internationale und Sowjctrußland als ein roter Demon­stratio nstag für die Welt beabsichtigt, eine 'Truppenschau über das Proletariat der ganzen Welt. Er war in diesem Sinne ein totaler Fehlschlag. Trotz allen Werbens ist er ohne jede Erschütterung und ohne jede Wirkung verlaufen. Das ist sehr erfreulich und zeigt, daß die Arbeit und Agitation der 3. Internationale ihre Grenzen hat. Sie wirkt auch darum nicht so stark, weil alle Welt sieht, dah Sowjetruhland cinsach gezwungen ist, eine Friedenspoli­tik zu machen. Es kann einen Krieg mit China nicht riskieren, und so sind seit dem 22. Juli auch die Verhandlungen für eine fried­liche Verständigung zwischen Moskau und Mul­den im Gange. Ob sie in direkter Aussprache zum Ziele kommen, ob andere Mächte oder Fak­toren vermittelnd nachhelfen, die Hauptsache ist, dah Rußland einen Krieg nicht wünscht und nur bestrebt ist, unter Wahrung seiner Rechte mög­lichst viel von seinen Interessen in einer Po­sition ausrechtzuerhalten, die im ganzen zweifel­los nicht zu halten ist.

llnö es blickt gesvannt nach England, dessen neuer Premierminister die Wiederaufnahme der Beziehungen eingeleitet hat. Hnb es blickt noch gespannter nach Amerika, aus dem eine große und bedeutende Wirtschastsdelegation jetzt in sei­nem Lande reist. Die russischen Staatsmänner stellen sich sicherlich auf den Zeitpunkt ein, da, wenn der Poungvlan angenommen sein sollte und in Wirkung wäre, das r u s s i s ch e Schul- dcnproblcm nun in erste Reihe rückt. Es ist ja nur logisch, dah dann auch diese Frage der finanziellen Kriegsfolgen geregelt wird, die fran­zösischen, die englischen, die amerikanischen Schuld- forderungcn an Ruhland. Rebenbei sei erneut gesagt, dah Deutschland mit seinen For­derungen dabei nicht zu kurz kommen kann, weil bekanntlich im Rovallo-Dertrag auf diese For­derung Deutschlands nur verzichtet ist, wenn Ruhland anderen gegenüber nicht Entschädi­gungszugeständnisse macht. Denkt die Sowjet­regierung überhaupt daran, sich in Verhandlun­gen über die Anerkennung der Schulden einzu­lassen, so will sic das teuer verkaufen: gegen die diplomatische Anerkennung ohne Vorbehalt und gegen die Gewährung riesiger Kredite, die zu einer gewaltigen Zusammenarbeit des Kapitalis­mus am Wiederausbau Ruhlands führen würden.

Gewaltige Perspektive, zu denken überhaupt nur, wenn Rußland im Frieden bleibt! Und was denkt sich dabei die Sowjetregierung. Stalin selbst, für den Kommunismus und seine Besesti- gung? Uns scheint, dah das jetzt nach der An­nahme des Fünfjahrplans immer deutlicher wird: der Versuch in unerhörter Willensanspan­nung einer einheitlich geführten Partei in fünf Jahren durch die Industrialisierung und die So­zialisierung der Landwirtschaft den Sowjetstaat wirtschaftlich auf eigene Fühe zu stel­len, vom Auslande möglichst unabhängig zu machen, und zugleich das Sowjet-Regime durch Einzwängung der Landwirtschaft in den Sozialismus dauernd zu stabilifieren. Ein solcher Gedankengang würde, wie wir es uns zurecht legen, dein starken Willensmenschen, der Stalin in erster Linie ist. durchaus entsprechen. Er würde bedeuten, dah sich Rußland damit immer stärker gegen das Ausland abzuschließen suchte und dah die Kommunistische Partei den Kampf mit der Bauernschaft unter dem Ziele, den Bauer zu verstaatlichen" und damit zu proletorisieren, ansnähme.

Es bedarf keines Wortes, dah damit eine riesig- Aufgabe in Angriff genommen wird, Hn-

zweifclhaft hat Stalin die Partei und die Ar­beiterschaft fest in der Hand', diese dienen dem Staate auch unter Leiden, weil sie den Staat beherrschen. Das wird auch im grohen und gan­zen für die Beherrschung der Verwaltung aus- reichen, weil die Rot die nichtkommunistischen Beamten doch festhält. Hnb für Gewalt unb Ter­ror hat bcr Diktator die GPH., die ein Teil, und zwar der zuverlässigste, der Armee ist. Aber die Armee? Die Rekruten sind überwiegend Bauernsöhne und die Offiziere werden schwerlich ausnahmslos Stalin-Leute sein. Und dann die Bauernschaft? Der Fünfjahrplan kommt in der Landwirtschaft auf den entscheidenden Klas­senkampf zwischen Kommunistischer Partei und Bauern hinaus. Wird es möglich sein, mit den Getreidefabriken" und Kollektivwirtschaften dos zu erdrücken, was an Individualismus und Kapi­talismus bei den gröhercn und mittleren Bauern unzweifelhaft entstanden ist? Wird diese so­zialistische Agrarpolitik dem Rahrungsbedürfnis einer jährlich um 3 Millionen zunehmenden Be- völk-rung ausreichend dienen können, deren Hauptproblem ja paradoxerweise die Heber» bevölkcrung ist? Wird damit eine G c - treidcausfuhr ermöglicht werden können, die der Fünfjahrplan für das dritte Iahr schon vorsieht und mit der er an seinem Ende bestimmt rechnet? Eine Getreideaussuhr, ohne die auf die Dauer Rußland gar nicht durchkommen kann? Denn wie will der Fünfjahrvlan Rußland in­dustriell vom Auslande unabhängig machen ohne Verbindung mit dem Ausland, die dafür die not­wendigen Voraussetzungen schaffen muß?

Das kann auch Stalin nicht bestreiten, worauf Trotzki immer wieder hinwics, daß Ruhland eine sich selbst genügende sozialistische Insel in

einem kapitalistischen Meere nicht bleiben kann. Theoretisch wäre cs denkbar, praktisch würde das auch die ungeheure Fähigkeit des russischen Volkes, Leid zu ertragen, nicht aushalten. Dann würde der Weg weiter entweder doch zu einem kapitalistischen Vorstoh der grohen Weltmächte führen oder, indem an der Unmöglichkeit der Lösung das Sowjetregime zusammenbräche, Ruh- land in Chaos und in Auslösung zurückfallen. Dann wäre sicher der Abschluh vom Auslande, der Stalin wohl vorschwebt, erreicht, aber nicht unter Aufrechterhaltung der Sowjet-Herrschaft.

Selbstverständlich sind das nur Annahmen und Erwägungen. Rach der Ergreifung der Macht 1917, dem ersten gescheiterten Versuch des Kriegs­kommunismus, der Rep. beginnt das Sowjet­regime jetzt ein gewaltiges, abermaliges Experi­ment. um für Ruhland den Sozialismus doch zu stabilisieren. Die Frage ist, wie das Aus­land darauf reagieren wird und was in Sta­lins Programm der weltrevolutionäre Gedanke der 3. Internationale bedeutet. Zum letzteren neh­men wir an, dah er daran festhält als einer Hoffnung, auf deren Gelingen er selber ziemlich wenig Einfluh hat und die allerdings sicher in Erfüllung ginge, wenn Eurova wieder in einen Krieg gestürzt würde. Bleibt aber Frieden und führen die grohen weltpolitischen und weltwirt­schaftlichen Zusammenhänge wirklich unter Füh­rung Rordamerikas zu einer Ordnung von ge­wisser Dauer, so wird das auch auf Rußland zwingend im Sinne der Evolution zurückwirken. Eines ist aber unter allen Umständen klar und dürfte Hauptpunkt in den Stalinschen Gedanken sein: eine kriegerische Verwicklung macht in jedem Fall dem ganzen Programm ein Ende: gerade aus ihm heraus muß Stalin pazifistisch sein?

Volk und Raum in Frankreich und Men.

Die Ablehnung des französischen Entwurfes des Freunbfchafts- und Schieosvertrages" über das Statut der in Tunis ansässigen Italiener unb die tripolitanischen Grenzen durch Italien zeigt, wie tief und schwer die bevölkerungspolitischen und geopoli­tischen Probleme zwischen Frankreich unb Italien in Nordafrika sind, Probleme, die unter Uitfftänben in nicht allzu ferner Zeit in Südfrankreich eine nicht minder bedeutungsvolle Parallele finden können. Seit zwei Jahren bemüht man sich vergebens, die Verhandlungen über diesenFreundschaftsvertrag", hinter dem die schicksalhafte Bedeutung der inneren Gesundheit und Fruchtbarkeit des Volkskörpers für das Bestehen und die Zukunst eines Staates sichtbar wird, zur Zufriedenheit beider Seiten zum Abschluß zu bringen; Bemühungen, die bei der Tiefe der hier vorliegenden Gegensätze und bei den sich dauernd zu ungunften Frankreichs ändernden Verhältnissen, so lange nicht zu einem endgültigen Resultat--trotz

eventueller vorübergehender Einigung führen werden, bis eine geopolitische Lösung gefunden ist, die den bevölkerungspolitischen Verhältnissen ent­spricht. Die wenigen Kolonien, die Italien besitzt, sind bei weitem nicht imstande, den Bevölkerungsüber­schuß, den ein Geburtenüberschuß von über 400 000 Köpfen jährlich in diesem nur 306 000 Quadratkilo­meter großen Lande mit einer Bevölkerungsdichte von 125 Köpfen auf den Quadratkilometer hervorruft, aufzunehmen, so daß sich ein gewaltiger Strom ita­lienischer Auswanderer vor allem infolge der amerikanischen Einwanderungsbeschränkungen vorzugsweise in französisches Gebiet ergießt, da hier die Möglichkeit besteht, große Menschenmengen unter­zubringen. Dieser Strom muß in dem Maße an­wachsen, als die weitsichtige Bevölkerungspolitik Mussolinis die natürliche Wachstumstenbenz des italienischen Volkes wirkungsvoll unterstützt.Italien muß, um in der Welt zu zählen, an der Schwelle der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts eine Bevölke­rung von nicht weniger als 60 Millionen aufweisen. Tatsache ist, daß das Geschick der Ration an ihre

demographische Potenz gebunden ist", sagt Mussolini und hat entsprechend dieser Einsicht eine Bevölke­rungspolitik eingeschlagen, die ihresgleichen in Europa nicht hat, die in zunehmendem Maße die Bedeutung Italiens steigern wird: die in demselben Maße die Gegensätze zu Frankreich vergrößern muß, als die Auswanderung von Italienern in fran­zösisches Gebiet anwächst, die dort unter Leitung des sadistischen Staates bewußt und sicher ihr Volkstum bewahren. Denn der faszistische Staat Mussolinis wandert mit seinen Söhnen über die Grenze und weiß es zu verhindern, daß sie sich im fremden Volkskörper assimilieren, um damit dem eigenen Staate verlorenzugehen. Welche Einsicht und welcher Wille steht hinter der Tatsache, daß jährlich Tausende von italienischen Frauen in die Heimat fahren, um durch ihre Niederkunft in Italien zu verhindern, daß ihre Kinder, entsprechend den französischen Ge­setzen, die französische Staatsangehörigkeit erhalten? Welcher Gedanke läßt dem italienischen Staat tau­sende italienische Kinder aus allen möglichen, nicht nur europäischen Ländern in die Heimat einladen, um dort ihre Ferien zu verbringen? Etwa nur der, ihnen Erholung und Freude zu geben? Ist hier nicht vielmehr ein Wille wirksam, der die ver­sprengten Tropfen italienischen Volkstums auch da­durch mit dem Mutterlande verbinden will, daß er in die Seele der Kinder dieser früher Ausge­wanderten außer die Liebe zur Heimat ein Bild dieses neuen italienischen Staates, auf den man stolz sein kann, senkt, die Gewißheit mit auf den Rückweg in die Fremde gibt, daß der Geist dieses neuen Staates, seine Sorge um das Wohl aller seiner Kinder nicht seine Grenzen in denen des Landes findet! Sechzig Millionen Menschen soll Italien um die Mitte dieses Iahrhunderts zählen, so will es Mussolini, und er weiß genau, daß sein Land niemals Raum genug bietet für die zwanzig Millionen Menschen, die er über den heutigen Bestand hinaus for­dert. Diesem Hrnstand muß seine Bevölkerungs­

politik entsprechen, wenn sie erfolgreich sein soll.

Die ständig zunehmende Bevölkerung Italiens strömt über seine Grenzen und vorzugsweise nach Frankreich, dessen innere Gesundheit unb Rach­wuchskraft einen verhängnisvollen Gegensatz zu Italien zeigt. Eine Fläche von 551 000 Quadrat­kilometer, bald doppelt so groß als die Italiens, wird von einer gleich großen Bevölkerung be­wohnt, 75 Köpfe auf den Quadratkilometer, doch die demographische Potenz sinkt erschreckend. Einem Geburtenüberschuß von über 400 000 Köp­fen mit steigender Ziffer in Italien steht ein solcher von nur 50 000 mit absinkender Zahl in Frankreich gegenüber, dessen Entvölkerung in einem ganz großen Tempo voranschreitet und zwangsweise zu einer Devölkerungspolitik führte, die jeden Gedanken an Rasscnhygiene vermissen läßt. 7

3n Indochina propagiert man eine anamitifd)- französischc Mischkultur!!, um es volklich zu retten, in Frankreich selbst gibt man dem Schwar­zen das Bürgerrecht. Die täglich cintoanbcrnbcn, etwa 1100 Fremden, die es auf die Dauer unmöglich sich assimilieren kann, haben bisher noch nicht die menschenleeren Gebiete Frank­reichs füllen können.

Die über 2500 unbewohnten großen Bauernhöfe im Departement Gers, das mit Lot unb anbcrcit Departements in etwa breißig Iahren men­schenleer sein soll, die verfallenben Dörfer, bereu ganze Bevölkerungen ausgestorben sind, in den fruchtbaren Flußtälern der Garonne, Loire und Rhone, in bcr Provence, ber Rormanbic, in Cotentin, das Sinken bcr Getreibeanbaufläche von über sieben Millionen Hektar bes Iahres 1890 auf nur noch etwa vier Millionen im Iahre 1923, die Zunahme des Brachlandes von 1920 bis 1924 um 22,7 Prozent auf fast fünf Millio­nen Hektar sind ein beredtes Zeichen für die zu­nehmende Entvölkerung.

In die hierdurch entstehenden Lücken strömt ein großer Teil bcr italienischen Auswanberer. 200 000 Italiener überschreiten im Iahre die Ost­alpen, um sich in ben menschenverlassenen Ge­bieten Südfrankreichs seßhaft zu machen und der neue Geist Italiens, ber seine Berufung darin sieht, die Ideen von 1789 zu überwinden, schreitet mit! Der Italiener verliert in Frank­reich sein Italicnertum nicht, er bleibt ein fester Bestandteil seines Heimatstaates. In Südfrank­reich finden wir heute zahlreiche, rein italie­nische Dörfer, mit eigenen Schulen und Kirchen. Im Departement Lotct-Garonnc wird ein ge­schlossenes Gebiet von 3000 Hektar von Ita­lienern bewohnt. 30 Prozent bcr Bevölkerung im Grenzdepartement Alpes-Maritimes finb Ita­liener. In Tunis zählte man 1921 54 477 Fran­zosen und 84 819 Italiener, die bis 1926 auf annähernd 90 000 angewachsen waren unb heute breimal so stark vertreten finb, als die Fran­zosen.

Angesichts dieser Stärkeverhältnisse ist es zu verstehen, daß die italienische Regierung ben französischen Vorschlag, die erste in Tunis ge­borene Generation soll italienisch bleiben, die zweite zwischen Frankreich unb Italien optieren, die dritte ohne weiteres französisch werden, ab­lehnte, und weiter die Abtretung von zwei Oasen an Tripolis als völlig ungenügend erklärt, dafür aber unter Berufung auf den Vertrag von Lausanne, in dem die Türkei die Gebiete von: Dornu bis zum Tschadsee abtritt, diese Ge­biete und unter Berufung auf ben Vertrag von London vom Iahre 1915 Deutsch-Kamerun als eigenes Kolonialmandat verlangt. Es kann fein Zweifel darüber fein, daß Italien anstrebt, Tunis ganz für sich zu bekommen, wozu es vom bevöl­kerungspolitischen Standpunkte aus Frankreich gegenüber ein volles Recht hat. Hier, wie in Südfrankreich, entwickelt sich eine Irredenta. die Italien gewiß unter dem Drucke seines Bevölke­rungsüberschusses sich bilden lassen muß, die aber auch von ganz bestimmten Gesichtspunkten aus bewußt verstärkt wird. Doch ist weder für

Gin Bann den« an Karl My...

Von Harry Schreck.

Der leicht beleibte Herr im besten Alter ist unverkennbar ein wenig befangen, als man ihm mitteilt, daß sein Reffe Wolfgang käme und da»ß es dabei unumgänglich nötig sei, daß er in oheimhaftcr Sorgsamkeit sich um ben her­gewehten Knaben Wolfgang kümmere.

( ist nur darum..spricht ber leicht beleibte Herr, indem er eilends ben Verbacht zerstückeln möchte, baß er sich nicht nach bcr Gebühr zu freuen schiene,es ist nur deshalb, weil die Iungens heute doch ganz anders finb; man weiß doch gar nicht, wie man sich mit ihnen unterhalten soll, nicht »wahr? Gott mag da ahnen, auf was für Dinge solche Burschen aus sind. Man spricht mit ihnen, gibt sich redlich Mühe und ist am Ende doch nur lächerlich. Ich wäre ungemein vergnügt, wenn all ber Humbug sich vermeiden ließe. Ia, wenn die Kerl­chen eben heute noch so wären, tote wir ge­wesen sind. Doch so nun, ja..."

Man sagt dem leicht beleibten Herrn zum Trost, wie sich mit Wolfgang alles leichter geben werde, als es das unbehagliche Gefühl wohl zu erhoffen wage. Jedoch, als Wolfgang schon am nächsten Morgen kommen soll, rast wieder die bestürzte Frage durch das Hirn des leicht beleibten Herrn:Hnb bann?

Der leicht beleibte Herr geht an ein Selbst­gespräch: ..... ja, damals kam ber Willy Dali-

chow noch abends rasch mit Helmut Marsch auf einen Augenblick herüber; und während Helmut Marsch mit schlecht gespieltem Gleich­mut frug, wie viele Zeilen Cäsar wir zu mor­gen übersehen müßten, sprach Dalichow mit grauen aufgerissenen Augen: ,Run ist er also doch gestorben: der Rappe Rih ist tot/ Ein langes Schweigen stürzte in den Raum...

Dies war ein Schlag, der sich kaum überwinden ^«Rach ein paar Tagen lief man dann mit Werner Iacke durch den Stadtwald; unb Werner Iacke bückte plötzlich sich voll Eifer über einen Fuhabbruck, ber halbgelöscht im schwarzen Boden krümelte. ,5)otogb, sagte Werner Iacke in be­deutungsvollem Ton, ,die Fährte ist noch nicht zwei Stunden alt es muß ein Bleichgesicht gewesen sein!' Wir sahen ernst gesammelt au, die Spuren...

Wir spürten dieser Fährte bis zum Waldes- r-anbe nach,

Hnb als uns eine Woche später dann Robert Fenske in fein Wigwam einlud, das er mit Hermann Ziesing an ber Gartenmauer aufgerich­tet hatte, da las Hans Schulz mit donnernder Begeisterung uns vor, wie Scharlihs Freund Old Firehand trotz seiner Kugel in der Brust noch lebte. Hnd wir ... wir schwenkten uns entspannt zu unserer tongeschnittenen Pfeife und riefen anerkennend: ,Hff

Das war vor fünfundzwanzig Iahren Wirk­lichkeit ...!"

Hc...", spricht bcr leicht beleibte Herr am nächsten Morgen, als Wolfgang vor ihm steht, mit jenem munter angelegentlichen Ton, den man gebraucht, sofern man eigentlich verlegen ist,he. Wolfgang, weißt du schon, daß heute nachmittag die Meisterschaft im Fußball ausge­tragen wird? Das muß doch prachtvoll sein, da mitzuschaun."Gewiß, spricht Wolfgang schlicht unb freundlich.

Der leicht beleibte Herr denkt mittlerweile weiter: m

Ja, Helmut Marsch ist späterhin zur Post gegangen; unb Werner Iacke tost in Landwirt­schaftsstiefeln irgendwo in der Mark Branden­burg umher: von Robert Fenske hat man seit­her nichts gehört, und Dalichow soll Zahnarzt sein- sie wandern alle ohne Hcnrystuhen, ohne Kalumet und ohne Mokassins durch ihre Wel­ten: und Ziesing ist ein Lehrer ohne Bären­töter in dem uckermärkischen Gefilde.

Der leicht beleibte Herr ist nun cm wenig traurig. . r ,

Ein Lasso, sinnt er, ..wirbelt kaum in Zicsings Händen; unb welcher Lanbwirt hofft im Ernst darauf, sich mit Savannen zu be­fassen; welcher Zahnarzt will mit einem Toma­hawk die Kiefer seiner Kranken spalten; auch Fenske, bcr aus aller Augen kam. wirb Weber einen Mustang, noch ein Dromedar besitzen; und Marsch, ber auf dem Postamt sitzt, nimmt kein Paket ins Land ber Skipetaren an.*

Dem leicht beleibten Herrn weht leise Schwer­mut zu. _ .

So ist das nun ... wir alle, Scnske, Iacke, Ziesing, Marsch und Dalichow unb id) .^)ir

alle finb nicht mehr imstande, den Rachstcn als ben Weißen unb den roten Bruder zu be­zeichnen. Ach alles ist feit fünfundzwanzig Iahren still vergessen; wo sind die Skalps, die Bowiemesser. Bolas und Revolver hingekommen: I wo ist ein Hadschi Halef, der uns mit kauzig- | weisen Sprüchen tröffet...?

Der leicht beleibte Herr ist sich fast selber gram.

Der leicht beleibte Herr vermerkt erschrocken, daß Wolfgang wartend ihn betrachtet:He, Wolfgang, weißt du schon, dah wir auch eine neue Hochantenne haben? Man hort damit Amerika; jawohl, da staunst du ganz gewiß... man hort damit Amerika ... Reuhork, Chikago, und was es sonst noch geben soll; das muß doch prachtvoll klingen!Gewiß, spricht Wolfgang schlicht unb freundlich. ,

Der leicht beleibte Herr nickt Wolfgang heiter zu

Ach nein", spricht er bei sich, indem er fast ein wenig mißgestimmt beschließt, zwei Karten für die Fußballmeisterschaft zu kaufen,ach nein ... wir haben alle nicht gehalten, was wir dem Leben einst versprachen, als wir in jenem wilden abenteuerlichen Glück des Her­zens vor ben befleckten, abgegriffenen Seiten eines dicken, halb verbotenen Buches hockten unb es verschlangen."

Der leicht beleibte Herr sieht sich mit Mißmut an.

Wir finb nicht kühn geworden und nicht heldisch, wie cs berSibhi" aus bem Franken- lanbe war wir finb nicht milbe unb gerecht in unsre Daseinsbahn hincingeschritten, wie ber Effendi, der seinen Fcinben stets so stolz vergeben konnte wir haben uns nie so be­währt, wie unser SreuiS>.Old Shatterhand vor jedem Prankenschlag des Schicksals sich be­währte. Im Gegenteil, I

Der leicht beleibte Herr gerät in eine leichte Wut.

Im Gegenteil, mit uns ist wenig Staat zu machen; man sollte uns die harte, ja die derbste Bastonnade dafür geben, daß wir als heuchlerische Burschen aus dem zahmen Westen oft mit zwei Zungen redeten unb uns in weibi­schem Entsetzen vor den Marterpfählen fürchte­ten. Es ist vorbei mit uns und das, was nach uns kommt, will lieber Fußballmeister­schaften und Antennen sehen!"

Der leicht beleibte Herr geht Fuhballkarten holen.

Als er zurückkommt und mit scherzhaft hei­terem Geblinzel nach Wolfgangs Aufenthalt zu fragen anhebt, weiß niemand, wo sich Wolf­gang finden ließe: vor ein, zwei Stunden hat man ihn zuletzt gesehen.Lcha". vermutet schon der leicht beleibte Herr, ..die Hochantenne ... Reuyork .... Chikago, Ein Techniker, hehe!"

Iedoch die Hochantenne scheint des Hörers zu entraten; Reuyork ist einsam, und Chikago trommelt unbelauscht die letzten Börsenkurse in die Luft des leeren Zimmers.Das ist doch eigentümlich!" denkt der leicht beleibte Herr, indem er, seine Fußballkarten mit dem Fin­ger knitternd, durch alle Räume seiner Wohnung streicht und plötzlich wie von ungefähr beinahe über ein verqueres Hindernis im Wege stol­pert. Er ist ein bißchen überrascht, daß Wolf­gang sich als dieses Hindernis erweist und ihm mit grauen, hochgerissenen Augen das Wort entgegenstöhnt:Run ist er also doch gestor­ben der Rappe Rih..."

Ein langes Schweigen stürzt in den ergriffenen Raum.Ia", sagt der Herr, ber plötzlich weniger beleibt scheint,nun ist er also doch gestorben...! Er denkt nicht mehr daran, daß er auch scherzhaft heiter blinzeln konnte; und in bcr Tasche zerrupft die rechte Hanb ganz langsam jene Fuhballkarten...

Es scheint, daH Wolfgang sich beinahe ver­standen fühlt.

Hochschulnachrichten.

Der an ber Hniversität zu Marburg neu gegrünbete Lehrstuhl für Grenz- unb Auslanb- bcutschtum ist bem nichtbeamteten aufjerorbent- lichen Professor ebenba Dr. jur. et phil. Iohann Wilhelm Mannharbt unter Ernennung zum orbentlichen Professor übertragen worben. Mann- harbts Veröffentlichungen betreffen Volkstums- unb Staatcnkunbe, Grenz- unb Auslanbdeutsch- tum. Hamburger von Geburt, ftubiertc Mann­harbt in Heibelberg, Berlin unb Freiburg i. D., ferner am Kolonialinstitut in Hamburg, würbe 1908 Referenbar in Hamburg, später wissenschaft­licher Hilfsarbeiter am Kolonialinstitut bafelbft, unb übernahm 1919 bie Gcschästsleitung bes In­stituts für Grenz- unb Auslanbbeutschtum an ber Hniversität Marburg. Inzwischen promo­vierte Mannharbt in Greifswald zum Dr. jur. und später in Gießen zum Dr. phil. 1920 wurde Dr. Mannharbt Leiter der Deutschen Burse in Marburg, später etatsmäßiger Assistent an der dortigen Hniversität unb habilitierte sich 1925 in ber Marburger Philosophischen Fakultät für Grenzlanb- unb Auslanbkunbe. Ostern 1926 er­hielt Mannharbt bie Ernennung zum Direktor des Marburger Instituts für Grenz- unb Ausland- deutschtum, einen Lehrauftrag für Grenz- und Auslanbkunbe unb brei Iahre später die Er­nennung zum nichtbeamteten a. 0. Professor.