Ausgabe 
16.5.1929
 
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Nr. Y3 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Donnerstag, 16. Mai 1929

Was denkt Amerika über dieReparationeil?

Dr. Schachts Kolonialforderungen. Nur keine falschen Hoffnungen, Amerika fühlt sich unbeteiligt.

Von unserem O. ^.-Berichterstatter.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten. N e u y o r k, Mai 1929.

Bis die nachstehenden Ausführungen dein deut­schen Zeitungsleser vor Augen kommen, wird oas erste deutsd)« Zahlungsangebot auf der Pariser Kon­ferenz und die hieran geknüpften Bedingungen schon im Strom der Tagesereignisse vorübcrgetrieben sein. Aber es wird doch noch interessieren, auch nachträglich zu erfahren, welches Verständnis man in den Vereinigten Staaten den ganzen Ver­handlungen, namentlich den Darlegungen Dr. Schachts über die wirtschaftliche Lage Deutschlands entgegen­gebracht hat, und noch entgegenbringt. Es ist hier­bei nicht die Rede vomMann der Straße", den ein sensationeller Mord, ein saftiger Skandal, ein Sportereignis mehr interessiert alslangweilige" Ncparationsverhandlungen, selbst wenn es sich da­bei um die künftige Gestaltung der ganzen Welt­wirtschaftspolitik, das Wohl und Wehe ganzer Na­tionen auf unabsehbare Zeit hinaus handelt. Es ist hier die Rede von Leuten, bei denen man einen ein besseres Verständnis ermöglichenden höheren Grad von Intelligenz voraussetzen dürfte.

DerNational Foreign Trade Council der Name besagt schon, daß es sich um eine Gruppe amerikanischer Geschäftsleute handelt, die am Han­del nach und vom Ausland beteiligt find, und an deren Spitze James A. Farrell, Präsident des großen amerikanischen Stahltrusts, steht läßt in den Zeitungen durch die Assoziierte Presse eine po­lemische Darlegung verbreiten, die berechtigte Zwei­fel an dem Auffassungsvermögen der hohen Herren Hervorrufen könnte, sähe man nicht auf den ersten Blick, daß eine solche Irreführung der öffentlichen Meinung nur böswillige Absicht, nicht Mangel an klarer Erkenntnis sein kann.

Die Erfahrung der Vereinigten Staaten," heißt cs in dem Dokument,sollte jedermann davon überzeugen, daß politische Kontrolle (Be­herrschung) der R o h st o f f e für die indu­strielle und kommerzielle Entwicklung eines Landes nicht unbedingt nötig ist. Das Wachstum der Vereinigten Staaten gründet sich nicht auf Ko­lonialbesitz. Die gewaltige Ausbreitung unserer In­dustrien war nicht davon abhängig, daß unsere Re­gierung die Kontrolle über Ueberseegebiete aus­übte, wo die zur andauernden Beschäftigung unse­rer Fabriken und unserer Arbeitskräfte benötigten Rohstoffe erzeugt werden. Dennoch sind mir alle­zeit der Welt stärkste Verbraucher von Rohmate­rialien auswärtigen Ursprungs gewesen. Ueber die Hälfte unserer Gesamteinfuhr setzt sich aus Werk­stoffen für unsere Industrien zusammen, und 40 v. H. hiervon erreicht uns im Rohzustande. Niemand wird in Abrede stellen wollen, daß (hier klopft sich der amerikanische Busineßman selbstgefällig aufs Bäuchlein) die Vereinigten Staaten eine ganz nett prosperierende Nation sind, und daß sie dies ge­worden sind, ohne, wie Dr. Schacht sagt,in der Lage zu fein, sich eine eigene, nur ihnen zu­gängliche Basis für Uebersee-Rohstosfe zu schaffen." Außerdem ist es Tatsache, daß etliche 19 oder 20 v. H. unserer Gesamteinfuhr wichtige Rohstoffe sind, die ständig in höherem oder minderem Grade dem Bestimmungsrecht der die Gebiete, in denen ihre Ursprungsquellen zu finden sind, beherrschen­den auswärtigen Regierungen unterliegen. Kali aus Deutschland ist ein Beispiel. Bei mehre­ren Gelegenheiten ist von solcher Kontrolle tatsäch- lich Gebrauch gemacht oder ist sie versucht worden. Wir haben unter sotanen Umständen nicht etwa zu regierungsseitigen Vergeltungsmaßnahmen in irgend­einer Form Zuflucht genommen, sondern zur öffentlichen Bloßstellung des Unklugen derartigen Vorgehens. Jede solche Kontrolle hat letzten Endes noch immer ihrer eigenen Zwecke leibst vereitelt, wie dies ja auch mit dem britischen Kaut­schuk-Experiment vor einem oder zwei Jahren der

Fall war." Unter Anführung der Worte des Prä- sidenten Hoover, die ^Bereinigten Staaten seienheute mehr als jede andere Nation auf offenen Wettbewerb verpflichtet", kommt der hohe Nationalrat für den Außenhandel" zu dem inter­essanten Schluß:dies ist offensichtlich auch der Ausweg für Deutschland, nicht aber die Schaffung von ihm beherrschter Rohstoff-Sammel­becken."

*

Wenn ein Zögling der untersten Klasse einer deutschen Handelshochschule seinem Professor eine derartige Dissertation vorlegte, so würde sofort eine Konferenz der Fakultät einberufen werden, um zu bestimmen, ob man sich die Mühe nehmen soll, dem künftigen Handelsherrn die Unterschiede zwischen Amerika mit seinen Gold-, Silber-, Kupfer-, Blei-, Zinn-, Eisenerz-, Kohlen-, Erdöl- und an­deren Lagern, seiner Baumwolle, seinem Mais, Weizen, Obst, seinen zahllosen unermeßlichen Na- turschätzen und Deutschland, von dem man in den Vereinigten Staaten nichts braucht als das Staßfurter Kalisalz, klarzumachen, oder ob man den Troddel einfach zum Tempel Hinauswersen soll.

Der weitaus größte Teil der Vereinigten Staaten ist sich des Weltkrieges überhaupt erst in der zwei­ten Hälfte des Jahres 1917 bewußt geworden, als die Aushebung, die Rekrutierung des ameri- kanifcl-en Expeditionsheeres begann. Man geht kaum fehl, wenn man behauptet, daß gut 90 v. H. der Bevölkerung der Vereinigten Staaten nicht das mindeste Interesse an den Pariser Re­parationsbesprechungen, nicht das geringste Verständnis für Deutschlands Lage haben. Was an Interesse überhaupt vorhanden ist, beschränkt sich auf den Osten des Landes, auf Neu­nork, Boston, Philadelphia, Baltimore, Washington. Je weiter westwärts man vordringt, desto geringer wird es, desto größeres Gewicht legen die Blätter und Blättchen auf rein lokale Angelegenheiten. Wer bei der nächsten Wahl die beste Aussicht hat, Hunde­fänger, Abdecker oder Gendarm zu werden, ob «in Republikaner oder ein Demokrat den Kontrakt zum Reinigen der Spucknäpfe im Rathaus erhal­ten wird, ist für die Leser und darum auch für di« Redakteure dieser Zeitungen unendlich viel wichtiger als alle auswärtig« Politik.

Man behaupte nicht, ich übertreibe. Zum Beweis nur ein einziges Beispiel: Chikago ist die zweit­größte Stadt der Vereinigten Staaten. Es erscheint dort u. a. ein Blatt, das auf der Vorderseite als zweite Kopfzeile sich alsThe Worlds Greatest Newspaper bezeichnet, die Chikago Daily Tribüne. Am 22. März, als bi« Assoziierte Presse zum ersten Male seit Beginn der Pariser Repara­tionskonferenz von dort eine bestimmte Ziffer (1750 000 000 Mark) als Minimalforderung der Alliierten meldete, brachte diesegrößte Zeitung der Welt" darüber genau 34 schmale Zeilen. Und nicht in der üblichen großen Aufmachung, die etwa einer Schießerei unter Chikagoer Schnaps­schiebern zuteil geworden wäre, nickst auf der ersten, zweiten oder dritten Seite, sondern auf der achtzehnten! Dorangestellt war eine Londoner Eigenmeldung des Blattes üb«r das angebliche Di­lemma der Baldwin-Negierung infolge der deutschen Forderung auf Räumung des Rheinlandes. Und um die Wirkung der Asfociated-Preß-Meldung noch mehr abzuschwäck)en, folgte ihr eine Pariser Dc- pesckst, der mit dieser Nachrichtenorganisation kon­kurrierenden United Preß, di« aus dem Munde Thomas W. Lamonts, des Stellvertreters Morgans auf der Konferenz, ein zchnzeiliges Dementi bringt, esfei überhaupt noch kein Minimalbetrag festgesetzt".

Dabei ist die Chikago Tribüne wirklich em gro­ßes Gesckstiftsunternehmen. Dabei frat sie eigene

Gießener Gtadtiheater.

Gastspiel Irene Triesch: Lcheitcrhansen" von Strindberg.

Die T r i e s ch hat vor einigen Tagen in einer Berliner Zeitung darüber Rechenschaft abgelegt, warum sie für ihre Mai-Tournee durch Deutschland gerade dieses Stück ausgewählt habe.

Man lieft zunächst: aus schauspielerischen Gründen: das mag angehn. Dann aber erfährt man im Laufe ihrer vielleicht nicht immer unanfechtbaren, aber klugen und gut formulierten Darlegungen: auch um Strindbergs willen.

Sie nennt ihn den Vater der deutschen jungen dra­matischen Dichtergeneration. Wie weit dies berechtigt ist, kann hier nicht untersucht werden

Dagegen muß gesagt werden, daß der '.Scheiter­haufen" unserer Meinung nach eins der unglücklichsten unter den vielen Stücken Strindbergs ist in feiner Form überlebt, in seinem Gehalt nicht mehr wichtig für uns. , . ,.

Dies muh gesagt werden, gerade weil nur hier lange keinen Strindberg mehr gehabt und uns darauf gefreut haben, wieder einmal einen zu sehn.

Denn auf die Frage:Wieder Strindberg? ant­wortet die Triesch mit Recht:Nein! Nicht wieder. Immer noch!"

Immer noch ist der Schwede wichtig für uns, für unser Denken, für unser Theater. Das schließt nicht aus, daß er Stücke hinterlassen hat, die man heute, aus manchen Gründen, nicht mehr gern sieht. Dazu gehört derScheiterhaufen".

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Ursprünglich, in der schwedischen Ausgabe, hieß dieses KammerspielDer Pelikan". Es war eine so furchtbare Ironie, wie sie nur Strindberg einfallen konnte. Vom Pelikan erzählt eine rührende Volks- legende, der Muttervogel offne sich mit dem Schnabel hi'c Brust, um seine hungernden Jungen mit seinem Herzblut zu nähren.

In diesem Stück aber handelt es sich um eine Menschenmutter, die gerade das Gegenteil von einem Pelikan ist, nämlich ein Vampyr. Der seinen Kindern bas Blut aussaugt, der sie seelisch und leiblich ver­kümmern und verkommen läßt.

Gleiche Stimmung umfängt die letzten Kammer- spiele:Wetterleuchten",Die Brandstätte",Ge­

spenstersonate",Scheiterhaufen". Man könnte die Namen beliebig vertauschen, ohne daß jeweils viel geändert würde.

Die selbe Atmosphäre umgibt alle diese Stücke, die selbe Lust schlägt einem aus ihren Akten, aus ihren Szenen, aus ihren Worten, aus ihrer berechneten Musik entgegen: Trostlosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Haß und bitterste Verzweiflung regieren hier überall gespenstig, schwelend, wetterleuchtend, spukhaft, läh­mend und peinigend die Welt.

Die Welt ist für Strindberg die schlimmste aller denkbaren Welten. Sic ist die Hölle. Die kleine Fa­milie geht zugrunde im Inferno der menschlichen Seele.

Was sich in diesen drei Akten nach und nach ent­hüllt, ist so abscheulich und so entmutigend, daß man gern darauf verzichtet, es alles geordnet aufzuzählen. Man krümmt und windet sich vor so viel Bosheit und Verkommenheit und Feindschaft und Betrug und Unterschlagung und vor so viel kleinlichen, pein­lichen, überflüssigen Schikanen und Zufälligkeiten und Hinterhältigkeiten des Alltags.

Ein Kritiker hat mit gutem Grunde einmal ge­sagt:Strindbergs Menschen haben neben ihrer Todeswunde immer noch, als deren letzte Folge- Erscheinung, Zahnweh oder Hühneraugen, die sie und uns eigentlich mehr peinigen als die tödliche Krank­heit."

Sparen wir's uns also, das verruchte Spinnweb von Niederträchtigkeit zu entwirren und in feine sorgsam herbeigetragenen Bestandteile zu zerklauben. (Es kann einem übel werden dabei.)

Begnügen wir uns damit, daß wir feftftellen: hier begibt sich eine Familienkatastrophe wie sic uns noch vom jungen Hauptmann her geläufig ist. Hier rechnen Kinder mit ihrer Mutter ab, die eine Me­gäre ist. Hier wird ein Scheiterhaufen zum scheuß­lichen Strafgericht geschichtet, in dessen Flammen aber die Richter umfommen, indes die Urheberin alles Elends zum Fenster hinausspringt. Nichts bleibt auf der Brandstätte lebendig zurück. Nur ein schlechter Geruch, der einem den Atem nimmt.

Die Triesch ist die klassische Tragödin des Na­turalismus. Wir sahen sie, früher, bei Zola, bei Schnitzler ... unübertrefflich. Und auch für diese (schreckliche) Rolle gibt es wohl zur Zeit in Deutsch­land kaum jemanden, der sie besser spielen könnte als die Triesch.

Vertreter in aller Welt. Sic bedient eine lange Reihe von Provinzblättern im nordamerikanischen Mittel­westen. Sie gibt in Paris eine Tageszeitung in englischer Sprache heraus, Konkurrenz für den Pa­riser Herold. Man beachte wohl: der Schreiber die­ser Zeilen hat nicht die mindeste Absicht, den Ruhm dergrößten Zeitung der Welt" zu schmälern, sich an ihrer redaktionellen Politik zu reiben. Die Schriftleiter wissen zweifellos, wofür ihre Leser sich interessieren und was für sie belanglos ist. Wenn man annehmen darf, daß die Affoziierte Presse von der Meldung, die in den Neuyorker Blättern weit umfangreicher war, auch nach dem Westen mehr als 34 Zeilen durchgegeben hat, so ist es um so schlimmer, wenn diegrößte Zeitung der Welt" den Rest deshalb unter den Redaktions- tisch fallen lassen konnte, weil sie bei ihren Lesern fein größeres Interesse voraussetzen konnte. Und ausschließlich zum Beweis der allgemeinen Jnter- essenlofigkeit, des Mangels an Verständnis für und Sympathie mit Europa ist dieser eklatante Fall an­geführt, der nur einen einzigen Beitrag zu einem Kapitel darstellt, das ad infinitum fortgesetzt wer­den könnte. Die 3000-Meilen-Str«cke des Atlantik zwischen Nordamerika und Europa ist viel, viel länger als man sich denkt.

Aus Oer Provinzialbaupfstadt

Gießen, den 16. Mai 1929.

Oie braunen Gesellen.

Da ist nun der Mai!

Da grünen die Felder, die Gärten, die Walder. Da rauschen die Quellen, da fingen und springen die Vögel herbei.

Da laufen die Kinder, die Mädchen, die Buben aus Kammern und Stuben hinaus, hinaus aus dem engen Haus. Ja, eins nur hat der Dichter vergessen Das sind die Maikäfer. Sie erst machen den Wonnemonat auch für unsere Kinder zu einer fröhlichen Zeit. Was wäre der Mai ohne die braunen GeseUen?

Mühsam kriechen sie aus dem Schoß der Erde hervor, putzen sich sorgfältig die anhaftende Erde ab und summen hinauf zu den grünenden Bäu­men, um sich hier gütlich zu tun. Sie surren und brummen im Sonnenschein und werden erst in der Rachtkühle stumm. Manchmal kommen sie in solchen Scharen, daß der Forstmann und auch der Obsibaumbcsitzer ärgerlich die kahlen Aeste betrachtet. Aber Heuer treiben sie es ja nicht so start, wie in früheren Jahren.

Am Morgen aber kommen die Jungen und schütteln sie von den Bäumen. Oder sie gehen am Abend mit Tüchern, die an Stangen hängen, oder mit Strohwischen hinaus auf die Wiesen und schlagen die summenden Käser aus der Luft. Das ist ein lustiges Treiben, und manche Mutter muß ihren Jungen noch in der Dunkelheit suchen. So lebhaft ist er auf der Jagd, daß er das Schlafengehen vergißt.

Dann aber stellt er sein Zigarrenkistchen, in das vorsorglich einige Luftlöcher gebohrt wur­den, neben sich auf das Nachtschränkchen, damit er das angenehme Summen der braunen Ge- feHen noch im Schlafe vernehmen kann. In der Schule dienen die Maikäfer als Handelsgegen­stände, sie werden verschenkt, erscheinen manch­mal während des Unterrichts, zum Leidwesen des Lehrers. Dann wieder lassen die Jungen die Käfer an Stäbchen und Reisern hochklettern, schauen aufmerksam zu, wie sie Luft schöpfen und endlich davonfliegen. Wie alt mag eigentlich das Kinderlied, das dabei gesungen wird, sein?

Maikäfer, flieg!

Dein Bater ist im Krieg.

Deine Mutter ist im Pommerlanö, Pommerland ist abgebrannt, Maikäfer, flieg!

Haben wir's nicht alle als Kinder gesungen?

Sie besticht vor allem durch di« Oekonornie, mit der sic die Ausgabe beherrscht, gliedert und steigert. Sie musiziert gewissermaßen drei Akte lang auf einer bis zum Zerreißen gespannten Saite. Es märe schon viel, wenn sic den schrillen Ton des Einsatzes bis zuletzt durchhielte.

Aber sie beginnt nicht gleich mit dem vollen Akkord, sondern moderato; sie zieht alle Register, aber nach und nach, sie läßt alle Minen springen, aber eine nach der andern, sie steigert sich erst zu­letzt, im dritten Akt, zum Furioso ihres Toten­tanzes. Und die Wirkung ist um so stärker, weil sie schrittweise erzielt wird.'

Bewundernswert ist, wie sie doch ganz am Ende, mitten im Wirbel einer wilden Verzweiflung und Todesangst, sich noch einmal einfängt zur unheim­lichen Ruhe, zur eisigen Ironie und satanischen Ueberlegenheit, die in manchen Augenblicken eines bösen Triumphes von diesem skandinavischen Weibs- feufel ausgeht.

Das Drama ist naturalistisch; allerdings. Aber man sollte sich darüber klar sein, daß man dieses Stück, wenn man es schon zu spielen unternimmt, nicht mehr gut in einem Stil inszenieren kann, der vor dreißig Jahren die Leute in Erstaunen setzte.

Die Regie (Otto Schwarz) hätte einsehen müs­sen, daß es sich hier, gerade hier, wo ohnehin das ganze Parkett auf einer Nervenfolterbank sitzt, nicht darum handeln konnte, möglichst dick aufzu­tragen, sondern zu dämpfen, wo das nur mög­lich ist.

Die handgreifliche Symbolik Strindbergs ist im­mer bedenklich gewesen. Mit der Windmaschine und der Rauchentwicklung sollte man sparsam umgehen. Es ist doch nicht nötig, daß der Schaukelstuhl an­dauernd von selber wippt und die Bilder mit ge­spenstigem Knall von der Wand fallen. Wir glau­ben es alle, auch ohne dergleichen technische Mätz­chen von annodazumal, daß es in diesem Stück nicht mit rechten Dingen zugeht, und daß in diesem Hause der Teufel los ist.

Das kleine Ensemble ist sauber eingespielt und füllt seine Plätze gut aus. Hans Carl Magnus (wir sahen ihn hier schon einmal, mit der Nielsen zusammen) gibt den Sohn: blaß, ausgemergelt, haßverzerrt und doch manchmal merkwürdig klar und hellsichtig in allem Rausch und der Vernebe­lung seiner entgleisten Jugend; dabei angenehm

Unser Jüngster wollte natürlich auchfeinen'* Maikäfer haben, und fo pilgerten wir zum frisch-grünen Wald. Aber im hellen Sonnen- schein sind sie schwer zu fangen. Sie find nicht starr von der Rachtkühle und schwirren nur um die Bäume, wenn wir schütteln. Trotzdem be­kamen wir einen. Ich muhte mein Feuerzeug­schächtelchen ausräumen, und vorsichtig wurde der Maikäser von unserem Buben getragen. Wir entdeckten natürlich noch allerlei im Wald, aber krampfhaft hielt er seine Schachtel fest und lauschte nur von Zeit zu Zeit, ob er noch krappele".

Erst als wir in einer Fuchshöhle eine tote Gans fanden, gab er mir das Kästchen zur Auf­bewahrung; denn dieser Fall war doch sensa­tionell. Da wurde beraten und wurden Schlüsse gezogen: Wie kommt die Gans in den Fuchsbau? Änd es war doch so einfach. Am Tage vorher hat sie sicher noch fröhlich im Kreise ihrer Ge­nossinnen auf der Wiese das zarte Gras gerupft. Der Räuber hattze sie sich geholt. Ratürlich horten unsere Jungen ein^tieses Brummen, das aus der Höhle kam. Das wäre der Fuchs, der ärgere sich, daß wir ihm die Gans wieder ab­nähmen. Ich habe nichts vom Brummen gehört. Wir legten das tote Tier in eine Fichtenschonuug und wollen demnächst nachsehen, ob sich Meister Reineke seine Beute wieder abgeholt hat.

Wir kamen heim, und die Maikäsergeschichte wäre bald vergessen gewesen, wenn sich unser Bub nicht erlaubt hätte, seinen Maikäfer den Mädchen der Rachbarschaft der Reihe nach ins Haar zu sehen. Geschrei und Weinen folgten. Endlich kam et ins Haus, stolz auf seine Helden­taten. Er wollte den Maikäferaufheben" und hatte ihn auch bald versteckt. Erst am andern: Mittag kam er zum Vorschein: Im Rähtischchen meiner Frank Ja, was soll man da machen? Außer einigen kräftigen Schmutzflecken an ver­schiedenen Bändern wat ja nichts geschehen. Das weihe Huhn unseres Rachbars hat ihn nachher gesressen. Aber es gibt ja noch viele in Wald und Feld. Maikäfer flieg! K.

Hassia-Bezirksiag Gießen.

Unter dem Vorsitz von Professor Dr. K r a c - mer fand am Sonntag imPostkeller" der Frü hj a h r s b e z i r k s t a g des Hassia- bezirks Gießen statt, an dem sich die Ver­treter von 27 Kriegervereinen beteiligten. Rach kurzen Begrühungsworten überreichte der De- zirlsvorsteher Prof. Dr. Kraemer an mehrere verdiente Kameraden Ehrenauszeichnungen deS Verbandes.

Rach den: Jahresbericht zählt der Bezirk 27 Vereine; der Austritt des Kavallerievereins wird lebhaft bedauert. Die Vereine besitzen ein Vermögen von 4356 Mk. und einen Inventar- wert von 5860 Mk. An Unterstützungen wurden 933 Mk. ausbezahlt. Die Rückvergütungen be­liefen sich auf 1035 Mk., eine Steigerung ist zu erwarten, 2300 Hassiakalender wurden abgeseht. Das Sammelwerk lebt wieder auf, der Schieß­sport wird von einer Anzahl von Vereinen eifrig gepflegt. Die Jugendbewegung hat in dem Ka­meraden Brück (Lollar) einen eifrigen Leiter gefunden, ihm steht Jugendführer Pfaff (Lollar- zur Seite.

Beratung der Anträge für Worms: Zustimmung fand der Antrag des Präsidiums auf Erhöhung des Mitgliederbeitrags auf 2 Mk. Der Organisation des Kleinkaliberschießens wurde zugestimmt, ebenso der Jugendorganisation. Der Antrag Alsfeld, den Verbandstag 1930 in Alsfeld abzuhalten, wurde einstimmig gutge­heißen. Eine Beihilfe zum Besuch des Reichs- kriegertages wurde abgelehnt. Als Vertreter für Worms wurden bestimmt: Prof. Dr. Krne­in e r, Fürsorgeobmann Lehrer D ö h n und Ju­gendleiter Brück.

Heber das Kleinkaliberschießen refe­rierte Albin Klein (Gießen), der eine Eintei­lung des Bezirks in drei Gwuppen vorschlug. Weiteres wurde nach längerer Aussprache dem Referenten überlassen.

sparsam mit den pathologischen Akzenten, die die Rolle leicht im Ueberrnaß bekommt.

Die Tochter: Irene ßamonö; eine sehr inter­essante Ersd)cinung, ausgezeichnet auf die Figur passend, die Strindbergs aufgestörter Phantasie hier vorgeschwebt hat; obwohl man sich erst an die merkwürdig barte Stimme gewöhnen muß, die nur ganz, ganz selten einmal einen weichen, weiblichen Klang bekommt.

Axel, der Eidam: Oskar N i t s ch k e. Breit, brutal und "gefährlich; in der Maske ein wenig an die Züge des Dichters erinnernd. Edith Marlind war die alte Bedienerin, eine echt ftrindbergischc Hexe und fataler Hausgeist, der bei der Exposition mit giftigen Auskünften über die Vorgeschichte des Stückes maulfertig behilflich ist.

Das Theater war dicht besetzt. Es gab starken Beifall, und die Spieler erschienen, nach dem letzten Vorhang, durch dicke Rauchschwaden hindurch, wie­derholt an der Rampe. Dr. Th.

Kunst und Wissenschaft.

Der schöne Mensch in der neuen fiunff."

Tie Internationale Ausstellung in Darmstadt Der schöne Mensch in der neuen Kunst" wird, außer ihrer thematischen Bedeutung, die einer Schau ausgesuchter europäischer Kunst haben. Die Ramen der ausstellenden Künstler aller Län­der lassen kaum einen von Bedeutung vermissen. Es werden gezeigt unter anderen: aus Deutsch­land: Beckmann, Hofer. Kirchner, Otto Müller, Pechstein, Purrmann, Schlemmer, (Selling, Fiori, Kolbe, Koste. Frankreich: Derain, Lhote, Mail­lol, Souverbie, Ozensant. £?ur<?at, Depiau. Bel­gien: Masereel. Holland: Sluitcrs, van Dongen. Spanien: Picasso, Manolo, Gargallo, de To- gores, Pruna. Clara. Italien: Chirico, Tozzi, Brancusi, Eampigli. Schweiz: Boßhard, Giaco- metti. Oesterreich; Egger, Huber. Ungarn: Deothy. Griechenland: Tombras. Tschechoslo­wakei: Kars, Sima. Polen: Kisling. Rußland: Archipenko, Orloff, Chagall, Kogan. Schweden: Grünewald, van Darbet. Norwegen: Perkrogh. Japan: Foujita. China: Sanyu. Insgesamt wer­den 150 Künstler mit ungefähr 200 Werken ver­treten fein.