Ausgabe 
1.5.1926
 
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Verwaltung, das sind in einzelnen Stichworten die Ziele der Verwaltungsreform, wie sie dem Kabinett vor Augen schweben.

Auch der R ei ch s k a n z l e r unterstrich in seiner grotzangclegten Rede die Bedeutung einer Verein- fachung der Verwaltung aller Zweige und einer Verminderung der Verwaltungsaus­gaben in dem Sinne, daß Kapitalien, die aus dem Inland und Ausland der Wirtschaft neu zufließen, im weitestgehenden Maße nur für wirtscha^t - liche Zwecke verwendet werden. In diesem Zu­sammenhang wäre auch ein Hinweis darauf ange­bracht gewesen, daß es nicht Sache der öffen^ichen .Körperschaften sein kann, einen Teil der unge­heuren Steuern, die man der Wirtschaft entzog, zur Erwerbung umfangreicher industrieller Unterneh­mungen zu verwenden, die dann als Staatsbetriebe her steuerzahlenden Privatwirtschaft empfindliche Konkurrenz machen. Das Vorgehen Preußens in der rheinischen Elektrizitätswirtschaft ist hierfür ein war­nendes Beispiel. Auch die immer noch viel zu um­fangreiche Bankiertätigkeit des Staa­tes ist keineswegs erfreulich. Der Wirtschaft und dem erst sehr langsam wiederauflebenden Kapital­markt dürfen nur soviel Gelder in Form von Steuern entzogen werden, als der Staat zur Er­füllung seiner Aufgaben braucht. Daß über dies er­forderliche Maß hinaus erhobene Steuern in Form von Staatskrediten wieder an die Wirtschaft zurück- sließen, ist ein wirtschaftliches Unding. Die Vertei­lung des Kapitols an die einzelnen Zweige der Wirtschaft soll man den privaten Geldinstituten überlassen.

Mit besonderem Nachdruck trat der Reichskanzler vor diesem Forum von Industriellen und Kauf­leuten für die Not der Landwirtschaft ein. Im Hinblick auf unsere Handelsvertragsverhand- lungen wies er mit gutem Grund auf die enge Ver­bundenheit von Industrie und Landwirtschaft hin. Es ist nur im Interesse des gesamten Volkes, trenn die Regierung bestrebt ist, die Lage der Landwirtschaft mit allen Mitteln zu bessern, denn es darf nicht allein unser Ziel sein, die Ernährung des deutschen Volkes aus eigenem Boden sicherzu­stellen, sondern man muß sich auch darüber klar [ein, daß die Landwirtschaft die stärkste Stühe des inneren Marktes für industrielle und gewerbliche Erzeiigniffa darftellt. Um so mehr unsere Ausfuhr aus den oben schon erwähnten Gründen notleidet, um so mehr muß sich unsere Aufmerksamkeit der Hebung des Binnenmarktes und der Förderung der Landwirtschaft als ihres bedeutsamsten Abnehmers zuwenden.

Zieht man das Fazit aus den vielerlei Reden, die auf dem Industrie- und Handelstag der Lage der dcutf' ?n Wirtschaft gegolten haben, (o muß man, abgesehen von dem erfreulichen Optimismus, der namentlich bei den Ausführungen des Reichskanz- lers mitschwang, doch feftftellen, es geht wieder vor­wärts, wir stehen in der Depression, die jeder schweren Krisis folgt, wie einer der Redner es tref­fend definierte, noch liegen gewaltige Hemmungen aller Art, namentlich die Arbeitslosigkeit, auf der Wirtschaft, aber der Wiederaufbau scheint sich ver­wirklichen zu sollen. Das deutsche Volk besinnt sich auf seine alten volkswirtschaftlichen Tugenden, es aroeitet und spart. Wenn man im letzten Jahr mit der Steuerschraube etwas vorsichtiger umgegangen wäre, könnte man sogar von Ansätzen zu neuen Betriebskapitalbildungen sprechen, die uns doch ein­mal die Möglichkeit geben sollen, die deutsche Wirt­schaft von den ausländischen Gläubigern frei zu machen. Daß die Bäume nicht in den Himmel wach­sen, dafür sorgt schon der Reparationsagent, der, nach Ablauf der uns in London gewährten Schon- frist, jährlich zweieinhalb Milliarden der Wirtschaft entziehen soll. Die Unsicherheit vor dem, was bann kommt, lastet schwer auf der Wirtschaft, nicht allein, daß die Entziehung einer so gewaltigen Summe dem deutschen Wirtschaftskörper neue, schwere Wun­den schlagen muß, ist es auch heute noch ein un­gelöstes Problem, wie man sich die Uebertragung .Ä dieser Gelder ins Ausland denkt, ohne die deutsche ' Mark einer neuen Inflation auszusetzen. Hierüber 7 rechtzeitig Klarheit zu schaffen, ist Sache des Staa­tes, Sache der Politik.

Die künftige Steuerpolitik.

Rcichsfinanzminifter Dr. Reinhold über Finanz- und Vcrlvaltrrnqsreform

Hamburg. 30. April. (WB.) 3m Lieber- seeklub Hamburg hielt Reichsfinanzminister Rein­hold heute einen Vortrag über Wirtschaftspolitik und Staatsfinanzen. Die Stabilhaltung der Mark bleibt auch weiter die wichtigst» Pflicht der Re­gierung. Aus diesem Grunde must jede Beein­flussung der Ausgaben durch ein etwaigesV o l k s- begehren zur Reuregelung der A u f w e r - tungsprvbleme entschieden abgelehnt werden, da es die Kreditfähigkeit unserer Wirt­schaft gefährdet. 3ebe Agitation rn dieser Rich­tung ist für den wirtschaftlichen Aufstieg äußerst schädlich. Wie sehr an und für sich die Mark stabil ist, gcht daraus hervor, daß die Regie­rung demnächst die Freigabe der Devisen­wirtschaft anordnen wirb. Die ©teuer be­lüft u n g muß in Zukunft wieder in ein richtiges Verhältnis zur Steuerkraft gebracht werden. Die zu große Anzahl der öffentlichen Kassen bedeutet eine Gefahr, denn sie verführt zu verschwende­rischer Wirtschaft. Die Folge davon sind Er­scheinungen wie

die finnlofe llebernahme von Betrieben in die öffentliche Hand, die nicht in die öffentliche Hand gehören.

Cs ist falsch, daß durch hohe Steuern gesunden Unternehmungen das Geld wieder abgenommen wird, um schwachen LlnternehmunMN zu ilnter- stuhungszwecken zugeführt zu werden. Unbedingt hüten muh man sich vor einer Verbeamtung der Wirtschaft, die durch zu große Geld­fülle in den Kassen sehr leicht herbeigeführt wer­den könnte. Das SteuermilderungSgeseh war drin­gend nötig. Rur eine gesunde Wirtschaftspolitik kann die Grundlage einer gesunden Finanzpolitik sein. Eine Erleichterung der Realsteuern, die am nächsten lag, war seitens des Reiches nicht mög­lich, da sie in den Händen von Ländern und Ge­meinden liegt.

Das Endziel jeglicher Finanzpolitik muh die verwaliungsresorm, die im Sommer ourch- geführt werden soll, fein. Die Verwaltung muh durch Vereinfachung verbilligt werden.

Merkwürigerweise hoben sich die Verhältnisse derart umgekehrt, daß heute die Regierung auf eine B e - schränkungderAusgaben bringen muß, bie die Parlamente in oerschwenberischer Weise bewil­ligen. Für jeden Steuerzahler muß es eine H ö ch st- belastungsgrenze geben. Außerdem sollten [ich die Parlamente an das englische Beispiel er­innern und auf eine Bewilligung über die Regie- t.ingsanträge hinaus verzichten. Die Wiederherstel­lung und Selb st Verantwortung der £än-

Der grötzers Mussolini und das

grötzsre

Von Dr. Pau!

Der stärkste Monn in Frankreich, Herr Briand, hat vor einigen lagen in her Budget-Debatte über die ausw.iniae Politik auf eine Anfrage wegen Italien in einer Weise geantwortet, die darauf fchließen läßt, daß in der Tat aktive italienische Absichten in Afrika bestehen, und daß Mussolini sich bis zu einem gewissen Grade roie weit ist ist fraglich dafür das Wohlwollen Frankreichs gesichert yat. Den Anlaß zu der Erklärung gab eine Bemerkung des sozialistischen Abg. Fonlanay, der gesagt hatte, die letzten Reden Mussolinis seien sowohl nach der Seite des Balkan als auch der Mittelmeerländer beunruhigend: die Regierung müsse ihre Haltung dazu darlegen. Darauf ant­wortete Briond:

Die französische Regierung unterhält die besten Beziehungen mit Italien. Dieses Land hot sich aus einem Empfinden der Selbfterhol- tung heraus ein Regime gegeben, das es frei­willig ^gewählt Hot. Dos ist feine eigene An­gelegenheit. Die französische Regierung ist immer bestrebt, Mittel zu finden, um sich bas italienische Volk, dos an unserer Seite ge­kämpft Hot, nicht zu entfremden, sondern sich ihm zu nähern. Dieses Volk ist ein großes Volk, dos [ich jedes Jahr außerordentlich ver­mehrt. Es ist daher begreiflich, daß es dort gleichsam ständig kocht, und oaß sich der starke Druck nach außen hin Luft zu schaffen sucht.

Briand war klug genug, an diese für Italien freundliche und verständnisvolle Erklärung noch eine leise Verwahrung wegengewisser öffent­licher Aeußerungen" zu knüpfen, bie an sichin Er­staunen setzen" könnten, die sich jedoch ..aus den Bedingungen der italienischen Politik", ergäben! Er macht es so wie seinerzeit Lloyd George, als dieser, noch in der Zeit seiner Premierministerschaft, über die Möglichkeit von Handelsbeziehungen mit Rußland sprach: der Bolschewismus fei tadelns- wert, aber das russische Volk sei eine große Na­tion und seine Regierungsform sei kein Grund, Geschäfte mit ihm abzulehnen. Erfahrene Politiker finden immer eine Form, um Entgegenkommen und Reserve so miteinander zu verbinden, daß sie sich, sobald es vorteilhaft erscheint, auf die letztere zurückziehen können.

Der fachliche Inhalt der Briandschen Worte be­deutet soviel wie grundsätzliches, etwas zurückhal­tendes Wohlwollen gegenüber den erkennbar werdenden italienischen Ausdehnungsplänen über See. Italien hat nun einmal den Fehler gemacht, daß es sich im Weltkrieg nicht auf die Seite stellte, wo ihm daszweite Italien" jenseits des Meeres gewinkt hätte, nämlich Tunis, bie alte römische Provinz Africa. Im Altertum war biefe eines der reichsten Mittelmeerlänber unb eine ber Korn­kammern Roms; heute leben in ihr an 100 000 Italiener unter französischer Herrschaft. Wäre Tunis heute italienisch, so brauchte Mussolini nicht bloß mit Reben italienische Größe zu markieren, fonbem sie wäre als Tatsache allen sichtbar. Die tripolitanische Sanbbüchse, bie Italien in Ermange­lung eines Besseren vor dem Weltkrieg den Türken fortnahm, ist fein Ersatz dafür, sondern nur eine kolonialpolitische Dekoration.

Es ist richtig was Briand sagt: das italienische Volk vermehrt sich jedes Jahr außerordentlich. Ita­lien ist etwas über 300 000 Quadratkilometer groß (Deutschland 474 000), und seine Einwohner- zahl beträgt 40 Millionen. Das ist ein Volksdichte von 130 auf den Quadratkilometer, noch etwas mehr als in Deutschland, aber mit geringeren in­dustriellen Hilfsmitteln unb mit einem größeren Prozentsatz von wenig ober gar nicht kulturfähigem Boden. Dazu ist bie nationale Vermehrungsrate höher, das Wachstum der Volkszahl also schneller,

Italien.

Rohrbach.

als in Deutfchland. Hieraus stammen die italicni» [chen Nöte, die durch den Besitz von Tunis auf lange hinaus hätten geheilt werden lönnen.

Einen gewissen Anlaß besaß Italien, jolange die Vereinigten Staaten von Amerika Jahr für Jahr unbeschränkt Hunderttaufende von italienischen Einwanderern landen ließen, teils zu vorüber­gehender, teils zu dauernder Niederlassung. Das hat jetzt aufgehört. Italiener sind bis auf eine ge­ringe Zahl von der Zulassung ausgeschlossen (Mus- folinl hütet sich wohl, gegen diesen Stachel zu löten!), und wenn die amerikanische Regierung für diesen materiell unb moralisch gleich drückenden Ausschluß durch das eben ratifizierte Schuldenab­kommen vier Fünftel der italienischen Verpflich­tungen vom Kriege her an Amerika gestrichen hat, so ist das zwar ein anständiges Schmerzensgeld, aber es hilft Italien nicht zu einem neuen brauch­baren Auswanderungsgebiet. Südamerika allein reicht auch nicht dazu.

Die italienische Politik arbeitet stark in Alba­nien, doch nach Albanien kann man auch keine italienischen Bauern in größerer Zahl schicken. Sie hat nicht vergessen, daß der südwestliche Teil von Kleinasien mit dem Hafen Adalia mit zu den Brocken gehört, die sie sich aus ber Beute nach dem Weltkrieg hatte versprechen lassen nur baß die Türken so brutal waren, bie Italiener hinaus­zuwerfen. Italien besitzt Rhobus unb beobachtet von da dauernd die türkische Küste, aber der Sprung wäre doch sehr gefährlich. Bei diesem Suchen nach einem Objekt für überseeische Expansion ist ber Blick nun roieber auf Abessinien gefallen, wo es den Italienern schon einmal schlecht genug ge­gangen ist. Am 1. März 1896 erlitt General Ba- ratieri mit seiner 26 000 Mann starken Armee die entscheidende Niederlage gegen die Abessinier bei Slbiin.

Abessinien ist ber einzige noch unabhängige afrikanische Staat. Der Kern, bas Hochlanb, aus bem der Blaue Nil unb der Atbara kommen, ist nicht größer als Italien, ober im ganzen umfaßt bas heutige abessinische Reich ßänber vom vier­fachen Umfang mit vielleicht 10 Millionen kriege­rischer Einwohner unb einem gehörigen Vorrat an Waffen unb Munition. Zu Nachbarn hat es den englischen Suban, das englische Ostafrika unb bas englische Somaülanb. Dazwischen liegen am Roten Meer bie italienische Kolonie Eritrea unb am Jn- bischen Ozean Jtalienisch-Somalilanb, zwei an sich wertlose Bedungen. Am kleinsten, verkehrspoli- tisch aber am wichtigsten unter ben europäischen Nachbarn Abessiniens, ist bie französische Kolonie Obok am südlichen Eingang des Roten Meeres, mit bem Hafen Djibuti. Von hier führt eine von ben Franzosen gebaute unb betriebene Bahn auf bas Hochlanb.

Wenn bie Italiener Abessinien angreifen wol­len, so werben sie bas jebenfalls von zwei Seiten tun, vom Somalilanb unb von Eritrea her. In ben zugleich gerounbenen unb geschwollenen Re­ben, bie der Faszistenherzog bisher über seine Ab­sichten von sich gegeben hat, ist natürlich nur von ökonomischen^ Zielen bie Rede; indes das kennt man. Um eine Basis für ein Vorrücken von Süden zu schaffen, ist ja schon ein Kolonialfeldzug gegen die widerspenstigen Somalis im Gange. Von hier nach Abessinien hineinzukommen, ist aber nur mit den größten Schwierigkeiten möglich, wegen ber. Unwegsamkeit und Wasserlosigkeit des Landes. Auf keinen Fall kann hier eine Armee vorrücken. Von Masfaua, dem italienischen Hauptplatz am Roten Meer, ist es nicht so schwierig, aber auch auf dieser Seite werden die natürlichen Widerstände viel schneller wachsen, als bie vorwärts zu beroegenbe Truppenzahl. Selbst mit Flugzeugen wäre ein abes­sinischer Krieg ein Unternehmen von ungeheuren Kosten und mit höchst unsicherem Ausgang.

ber unb Gemeinden fürihreAusgaben ist ein Schritt zur Besserung ber Verhältnisse. Es müssen biejenigen mit Bewilligungsrecht begabt Wer­ber, bie bie Steuern bezahlen sollen. Bis zum Herbst kann hoffentlich ein neues organisches Steuersystem burchgeführt werben. Es soll in Zukunft möglichst keine Einkommen st eueroorauszah- lungen mehr geben. Geplant ist nach Möglichkeit eine (Ermäßigung ber Sähe ber Einkommensteuer.

Die Geschäftsbilanzen sollen wieber mit ben Steuerbilanzen identisch unb zur Grunblage ber Be­steuerung werden. Die Steuermoral muß wieder gehoben werden. Nach der Reform ber Fi­nanzen muß bie Verwaltungsreform ein, greifen. Es handelt sich dabei nicht um einen Abbau ber Beamten, fonbem um einen Abbau ber Aufgaben, benn es muß wieber zu bem Grunb- fatz übergegangen werben, daß außerorbentliche Ausgaben' nicht aus bem laufenden Etat, sondern auf dem Anleihewege gedeckt werden. Dabei müssen sich aber die Länder unb Gemeinden bringend vor jedem Mißbrauch des Anleihemarktes hüten.

Es besieht begründete Hoffnung auf ein Er­starken des inländischen Kapitalmarktes, da sich die Spartätigkeit erfreulich entwickelt hat. Das sich neu bildende Sparkapital soll nicht für öffentliche Ausgaben, sondern vorwiegend für den Bedarf der Wirtschaft Verwendung finden.

Die gegenwärtig« Steuersenkung hat die Re­parationsverpflichtungen für das laufende Jahr und die nächsten Jahre bereits berücksichtigt. Bis­her war die Belastung des Etats durch Re­parationen unerheblich Die Rationalisierung der Wirtschaft muffe ein Torso bleiben, wenn sie nicht durch die Rationalisierung der Verwaltung ergänzt würde. Das Problem der Arbeitslosigkeit lege der Regierung besonders schwere Aufgaben auf. Die Arbeits­losenunterstützung müsse nach und nach in eine Arbeitslosenversicherung umgewandelt werden. Der Tiefpunkt der Wirtschaftskrise fei über­schritten. Der Reinigungsprozeß müsse als be­endet betrachtet werden.

Sturm im Preußischen Landtag.

Berlin, 30. April. Im Preußischen Landtag wurde bie 2. Beratung bes Berghaushaltes fortgesetzt. Minister Dr. Schreiber führte aus, baß bie allgemeine schwere Wirtschaftskrise auch auf ben Bergbau nicht ohne Einfluß geblieben fei. Nicht weniger als 38 Zechen unb 11 Kokereien seien im Nuhrrevier zum völligen Erliegen gekommen. Dies habe zur Entlassung von 37 000 Arbeitern unb An­gestellten geführt, ohne bie 55 000 Arbeitnehmer, die

burch Betriebseinschränkungen ihr Brot verloren. Eine Besserung ber Lage im Bergbau sei erst nach einer allgemeinen Wirtschaftsbesserung zu er­warten. Erfreulicherweise fei aber die sozial-poli­tische Gesamtleistung nach dem Kriege gestiegen. Der völkische Abg. Kaiser, der von der Linken mit bem ZurufZechpreller" begrüßt wirb, wenbet sich gegen bie Bestrebungen zur Förberung ber Aus­wanderung deutscher Erwerbslosen. Er wird dabei dauernd durch Zurufe ber Linken wegen seiner an­geblichen Zechprellerei unterbrochen unb er­klärt schließlich zu biefer Angelegenheit, es liege ein Kellnerbetrug vor. Der sozialistische Abg. Otter manbte sich dagegen, baß zum Beraetat immer wie­ber Leute sprächen, bie bavon nichts verstäuben. Otter erklärte weiter, Herr Kaiser hat von der Zeche am Kurfürstendamm mehr Ahnung als von ben Zechen In ben Bergrevieren. Die Völkischen brangen baraufhin lärmend gegen die Tribüne vor unb als sie ben Rebner zu stark bedrängten, ergriff dieser ein Glas Wasser unb schüttete es ben Demon­stranten über ben Kopf. Nun wuchs der Lärm zum Orkan. Der Präsident konnte sich in dem Lärm nicht durchsetzen und gab durch Aufstehen das Zei­chen für den Abbruch der Sitzung. Nach etwa 5 Minuten wurde bann bie Sitzung wieber aufge­nommen. Präsident Bartels teilt daraus mit, daß der Abg. Otter bas Vorkommnis bebauere. Nach­dem noch einige Redner zu bem Etat gesprochen hatten, vertagt sich bas Haus auf Donnerstag 6 Uhr.

Die Verhandlungen in lldfchda.

Paris. 1. Mai. (WTD. Funkspruch.) Ein Bericht über die für gestern spät abends an* geordnete Sitzung der Friedensunterhändler in Lldsckiüa ist hier nicht eingetroffen, doch erklärt die Agentur Havas, daß, falls die Friedensver­handlungen im Verlaufe der letzten llnterhand- lungem am 30. April nicht zu einer Versündigung führen soliden, die Rifdelegierten Lidschda am 1. Mai vormittags verlassen würden, um sich ins Rifgebiet zu begeben. Don diesem Zeitpunkt ab würden die drei Tage Frist zu laufen be­ginnen, innerhalb deren die Rif delegierten hinter ihre Linien zurückkehren und Bericht erstatten könnten. Sollten die Rifdelegierten innerhalb der angegebenen Frist nicht mittellen, daß sie die französisch-spani'chen Bedingungen annehmen, so würben die Truppen zur Durchführung der vom Oberkommando geplanten militärischen Maßnah­men schreiten.

Rach einer HavasmelLung aus Rabat hat sich die Lage nicht geändert. Dir Rifdrlegierten lehnen es ab, über irgendeine der ihnen gestellten Bedingungen zu verhandeln, abgesehen über die Frage der Entwaffnung. Sie erklärten, daß die internationalen Verträge, die das politische

Regime Marolkos festlegten, nicht mehr[ t i g seien, und daß die Bildung einer unab­hängige nationalen Regierung in Marokko deren Revision nötig mache.

Kleine politische Nachrichten.

Am Samotagabend um 7.50 Uhr wird der Reichsminister Dr. Stresemann im Rahmen des Programmes der Funksreunde einen Vor­trag über denBerliner Vertrag" hallen. Der Vortrag Dr. Streemanns wird auch über den Königswusterhausener Sender auf Welle 1300 verbreitet werden.

Der frühere Di eltor der Firma Krupp A.-G. Essen, Professor Dr. R a u s e n b e r g e r, ist in München gestorben. Der Verstorbene if! als Kon­strukteur Der 42er und der Ferngeschütze wäh­rend des Krieges im In- und Ausland bekannt geworden.

Die deutsche Schule in Philippopel (Südbulgarien) hat ihr 25jähriges Jubiläum un­ter Teilnahme der dortigen Behörden gefeiert. Der deutsche Konsul in üofia überreichte dem Direktor der Schule, Alterberg, das Ehren­zeichen des Deutschen Roten Kreuzes.

Rach einer Statistik des Justizministeriums ergibt sich, daß im Dezember 1925 der franzö­sischen Ehrenlegion angehörten 58 Per­sonen mit dem Großkreuz, 374 Personen mit dem Kreuz der Großoffiziere, 2256 mit dem Komman- dantenkreuz. 17 745 mit dem Offizierskreuz, 110 505 mit dem Ritterkreuz.

Das Oberste Kriegsgericht in Madrid ver­urteilte von neun Katalanern, die angeklagt waren, ein Bombenattentat auf König Alfons versucht zuhaben, drei zum Tode (im Begnadigungsfalle zu lebenslänglichem Zucht­haus). Die übrigen Angeklagten erhielten meh­rere Jahre Zuchthaus.

Der Madrider TlniversitätsProfessor Iimenez Af u a wurde von der Regierung seines Lehr­amtes und Gehaltes verlustig erklärt und für unbestimmte Zeit nach der marokkanischen Jknfel Chafcrrinas verbannt, well er in der itnt- vmfttät verleumderische aufreizende Reden gegen die Regierung gehalten habe, die zu Ihmipeti und Studentenverhaftungen führten.

Aus aller Welt.

Derbllnbe Johann" verhaftet?

Dor einiger Zeit haben wir über das Auf­tauchen einer polnischen Mordbren­nerbande im Regierungsbezirk Kaf- s e l berichtet. Als Haupt der Bande war ein einäugiger Pole bezeichnet, derblinder Johann" genannt wird und ein lange gesuchter mehr­facher Raubmörder ist. Der große Schrei- ken. der in Gestalt desblinden Johann" die Harz- und kurhessische Gegend beunruhigte, scheint nunmehr sein Ende gefunden zu haben. Die Polizei in Alsleben an der Saale hat auf die Mitteilung zweier Handwerksburschen hin, daß ein Mann, dessen Beschreibung genau auf die desblinden Johann" paßte, sich an ber Alslebener Brücke herumtreib«, Rachsorschungen angestellt. Die Gegend wurde daraufhin sofort von der dortigen Polizei und Schupo abpatrouil­liert, wobei man mit Hilfe eines Polizeihundes in einer Feldscheune den Mann ver­haften konnte, auf den das Signalement des blinden Johann" paßte. Der Mann hat ein blindes Auge und trägt die Schrotnarben auf der Stirn, ebenso die angegebenen Tätowierun­gen. Der Verhaftete wurde von der Polizei nach Bernburg eingeliefert. Es bleibt abzuwar­ten, ob die Untersuchung die Identität mit dem blinden Johann" feststellen wird.

Tragödie auf dem DampferSidl Jetrut.

Paris, 1. Mai. (WTD. Funkspruch.) Die gerichtlich angeordnete Obduktion der eis Lüchen Oer an Bord des DampfersSidi Ferruk" umS Leben gekommenen Araber, die heimlich in den doppelten Böden des Schiffes die äleberfahrt nach Frankreich machten, hat ergeben, daß der Tod auf langsames Ersticken infolge Man­gels an frischer Lust und infolge übergroßer Hitz« zurückzuführen sei. Die Staatsanwaltschaft ist der Ansicht, daß die Schiffsgesellschaft verantwortlich sei. Gegen die angeschuldigten Per­sonen wird Anklage wegen fahrlässiger Tötung erhoben werden, wahrscheinlich sogar An7lag« wegen Mordes.

Dis Fürstenabfindung im Reichstag.

Berlin. 30. April. (VDZ.) 3n der Fort­setzung der ersten Beratung des Gesetzentwurfes über die Fürstenabfindung fragt Abg. Dr. Ro­senberg (Komm.), wo die Regierung in dieser wichtigen Frage bleibe. Wenn der Reichstag zu einer Entscheidung im Sinne des Volksbe­gehrens nicht komme, dann sollte er aufgelöst werden, denn dann habe er bewiesen, daß er nicht dem Willensausdruck der Volksmehrheit entspricht. Bei dem Volksbegehren handelt es sich eigenllich gar nicht um eine Enteignung, sondern den Fürsten soll das Volkseigentum wie­der genommen werden.

Abg. Kube (Völk.) bezeichnet die Zulassung eines Volksbegehrens über die Fürstenenteig­nung als verfassungswidrig und ver­langt die äleberweisung des in diesem Sinne gehaltenen völkischen Antrages an den Rechts­ausschuß. Die Sozialdenrokraten hätten sich gar nicht zur Aktion für die Fürstenenteignung auf- geschwungsn, wenn sie nicht von den Demokraten und Kommunisten gedrängt worden wären. Die sozialdemokratischen Inhaber fetter Poften hätten längst den Kampf für oas Proletariat vergessen, wenn sie nicht dauernd von den Kommunisten aufgefordert wurden. (Sine gute Republik ist uns lieber als eine schlechte Monarchie. ES hat aber auch gute Monarchien gegeben, wenn ich in Deutschland von den letzten Jahrzehnten absehe. (Große Heiterkeit und anhaltender Beifall links.) Die gute Republik sind Sie uns aber schuldig ge­blieben. (Beifall bei den Völkischen, Lachen unb ironische Heileruse bei den Sozialdemokraten.) Ein Brief . cS bayerischen Kronprinzen 2lbg. Leib! (Bayr. Vp.) äußert sich zu einer gestrigen Bemerkung des Abg. Sänger über einen Brief, ben ber bayerische Kronprinz ÄupjM