Montag. 39. November IM
Gtetzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)
Nr. 280 Zweiter Blatt
Aus Oer Pnwinziathauptstadt.
Gießen, den 30.November 1931.
Das Andreas-Orakel.
Mit jedem Tage steigt die Sonne ein paar Minuten früher in ihr Wolkenbett, und mit jedem Tage werden die Abende länger und länger. 2n den großen Städten rast das Der- gnügungsleben, aber es ist nicht viel darunter, was frischen, unverdorbenen Menschenkindern besondere Werte geben könnte. Es fehlt da meist jener warme Eindruck, der in volkstümlichen Llnlerhaltungen sich erhalten hat.
Wenn junge Menschenkinder fröhlich beisammen sind, so erwacht wohl der Wunsch, zu wissen, was ihnen die Zukunft bringen wird, ilnö aus alten, im Ursprung ihrer Quellen kaum noch bekannten Kultursormen heidnischer Arzeit bildete sich eine stattliche Reihe von Bräuchen, die an gewissen Jahrestagen die Reugier der Zukunftsfragen zu befriedigen geeignet erscheinen. Eine für Zukunftsfragen besonders beliebte Zeit ist seit altersher.in allen Gegenden Deutschlands der „Andreas-Abend", der auf den letzten Tag des Rovembermonats fällt.
Mit derselben Zuversicht, wie die Bewohner der Grafschaft Mark an diesem Tage sagen:
„Sünten — Dres — Misse es de Winter gewisse."
Lind die Kölner behaupten: „Andrehs brängk (bringt) dä kahle Frehs (Frost)", so erwarten auch die jungen Mädchen in den meisten deutschen Gauen die Enthüllung ihrer Zukunft, die sie auf verschiedene Weise zu erforschen versuchen.
„Andreasabend ist heute, Schlafen alle Leute, Schlafen alle Menschenkind, _ Die zwischen Himmel und Crk^ sind, Bis auf diesen einzigen Mann. Der mir zur Ehe werden kann."
Dann erscheint ihnen der Zukünftige. Das „An- dreslcschauen" ist im Süden des Reiches, im Elsaß und in Tirol bekannt. In anderen Gegenden holen die Mädchen am Andreasabend bei einer Witwe, ohne zu bitten und zu danken, einen Apfel, dessen eine Hälfte sie Dor, die andere nach Mitternacht essen. In Mühlhausen und im Norden gehen die Mädels um Mitternacht nach dem Brunnen, um das Bild des Zukünftigen darin zu sehen. Im Hannoverschen lauschen die Berliebten auf das Krähen des Hahnes. Bevor sie zu Bett gehen, werfen sie rückwärts den Schuh oder den Pantoffel nach der Tür. Zeigt die Spitze nach innen, so. ist das ungünstig, umgekehrt bedeutet es baldige Heirat.
So gibt es noch so unendliche Mengen von Gelegenheiten, seine Neugier am „Andreas" zu befriedigen. Der Heilige ist ein sehr vielseitiger Mann, der zu seiner großen Arbeitslast vermutlich als Erbe der alten germanischen Göttin Freya, der Gütigen, gekommen ist. Er trägt geduldig seine Last weiter, Jahr um Jahr, zur Freude aller derer, die verliebt sind und gern wissen wollen, ob sie bald glücklich werden.
Weihnachts-Ausstellung der Gießener Hausfrauenberatung. Am Samstagvormittag wurde im früheren „Einhorn" die von der Gießener Hausfrauen- beratun^im Zusammenwirken mit einer Anzahl Gießener Firmen hergerichtete Weihnachts- Ausstellung mit einer kurzen Eröffnungsfeier dem Publikum zugänglich gemacht. Die Vorsitzende der Hausfrauenberatung, Frau Dr. K o e p p e, dankte in ihrer Eröffnungsansprache allen Helferinnen und Helfern, sowie den beteiligten Firmen für die außerordentlich rege Mitarbeit bei der Herrichtung der umfassenden Schau. Sodann sprach sie über das Wirken und die Zielsetzung der Haus-
ALBERT H. RAUSCH
Unterwegs
II. Fahrplan, Zug und Schiff.
Zu den schönsten Büchern, die es gibt, gehören die F a h r p l ä n e. Es ist eine Kunst, sie zu lesen. Aber wer diese Kunst besitzt, ist um eine ganze Welt reicher als der, der sie nicht besitzt. Seit meinem achtzehnten Jahre lese ich mit einer wahren Leidenschaft in den Fahrplänen aller Länder der Welt. Eine magische Gewalt liegt in den Ziffern, den vielen seltsamen Zeichen, die sie begleiten, den Namen der Orte, die sie verbinden. Berge, Täler, Flüsse, Meere Türme, Kuppeln, Plätze, Gärten, Straßen steigen heraus — Halboergessenes wird wieder wach, Niegesehenes wird zur Ahnung, manchmal fast zur Gewißheit. Fahrpläne: das sind die großen Erinnerungs- und Wunschbücher unseres Daseins, sofern in diesem Dasein Reisen ein wirkliches „Element" ist — Fahrpläne das sind die Traumbücher der Seele, die den Märchenbüchern unserer Kindheit am nächsten kommen ...
Ist es nicht unfaßlich, daß es die Menschheit fertig gebracht hat, in hundert Jahren alle Orte der Erde zu verknüpfen mit einem Netz von Zahlen, deren jede ein Tor der Ankunft, ein Tor des Abschieds ist? Du weißt, wann du in Chartum abreisest, um zu dieser und keiner anderen Stunde über Damaskus und Stambul in Orleans anzukommen? Die ganze Welt hat sich in diese Möglich eiten als in Gegebenheiten gefügt: hat sie zum Gesetz ausgebaut und in die Würde des Notwendigen erhoben? Völker schlagen sich noch in Kriegen tot: aber sie vernichten ihre Grenzen mit kleinen Ziffern, die in den Spalten ihrer Fahrpläne zu lesen sind.
*
Ich lese am liebsten in den Fahrplänen der Länder, welche ich kenne. Ich habe niemals in meinem Leben ein Tagebuch geführt. Was das Gedächtnis nicht hält mag untertauchen im Vergessen. Auch ist mir Selöstbespiegelung fremd. Aber ich rufe mir gern das Schlummernde wach, indem ich alle die unzähligen Wege nachlese die ich schon gefahren bin. Und 'ich steige gern roieoer in die Züge ein die mich in ersehnte Ferne trugen. Ich liebe diese Zuge, wie ich mir vertraute Menschen, Tiere, Dinge liebe. Jeder einzelne hat sein besonderes Gesicht, seine besondere Art, sein besonderes Leben. Es ist nicht gleichgültig für die Seele, mit welchem Zug man eine Reise antritt. Jeder Zug ist, seiner Gattung nach, von einer besonderen Schicksalsluft umwoben.
Ich kann nicht sagen, daß ich die Luxuszüge mehr geliebt hätte als die großen Expresse, in denen die
Die deulsch-italieilischen Handelsbeziehungen.
DEUTSCHLANDS AUSFUHR. nach ITALIEN
1930
GESAMTAUSFUHR
491,15
MILLIONEN RM.
LEBENS- ROH- KOHLEN. ROH- TEXTILIEN. CHEMI- MASCHINEN METALL- PAPIER. TOM
ITALIENS AUSFUHRnach DEUTSCHLAND
1930
CESAMTAUSFUHR
367,09
MILLIONEN RM.
MITTEL. PRODUKTE.KOHLEN- METALLE. LEDER. KAUEN.
AUTO. HALBFERTIG- BÜCHER. GLAS.
GETRÄNKE PRODUKTE ERIE STEINE PELZE.
FAHRRÄDER. WAREN
IAHLENIn MILLIONEN RM.
SONSTIGES AUS HAUEN NACH DEUTSCHLAND wie Gerbhölzer,Futttrmgti- rial, Kautschukeren ^9^3
SONSTIGES AUS DEUTSCHLAND NACH HAUEN, wie ßou-u Nutzholz, Möbel, Muslkinstr uiw. 20,61
Italien Hot durch die plötzliche Erhebung eines 15-v.H.-Zusatz-Wertzolles auf alle eingeführten Waren die deutsch-italienischen Handelsbeziehungen erheblich gestört. In diesen Tagen beginnen zwischen den Vertretern beider Länder Verhandlungen, um durch Anpassung des bestehenden Handelsvertrags an die gegenwärtige Weltwirtschaftslage einen wenigstens teilweisen Ausgleich für die durch die neuen Zölle behinderte Einfuhr zu schaffen.
frauenberatung, wobei sie u. a. mit berechtigter Genugtuung auf die steigende Anerkennung der Öffentlichkeit für die Arbeit der Hausfrauenberatung Hinweisen konnte, diese Anerkennung kam u. a. auch dadurch zum Ausdruck, daß die erste Ausstellung der Hausfrauenberatung vor 2 Jahren nur einen ganz bescheidenen Umfang in einem kleinen Raume hatte, die Ausstellung im vorigen Jahre bereits die oberen Räume des damaligen Cafe Astoria füllte und die gegenwärtige dritte Schau alle Räumlichkeiten des „Einhorns" bis in den letzten Winkel hinein in Anspruch nimmt. Zutreffend konnte die Rednerin hervorheben, daß die Tätigkeit der Hausfrauenberatung der Wahrung und Förderung der Hausfraueninteressen auf dem Gebiete der Einzelwirtschaft, wie auch im Rahmen der deutschen Gesamtwirtschaft gewidmet ist und darum auch künftig hin auf die Mitarbeit aller aufbauwilligen Kräfte berechtigten Anspruch erheben kann.
Hierauf brachte Frau Bürgermeister Dr. Seib als Vertreterin des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins in Gießen Anerkennung und Glückwünsche ihres Vereins für das wohlgelun- gene Ausstellungswerk der Hausfrau-»-l^ratung und für deren weiteres erfolgreiches Wirken zum Ausdruck, in gleicher Weise sprachen n^o) Frau Forchheimer, Frankfurt a. M., im Ramen des Landesverbandes Deutscher Hausfrauenvereine, Frau Justizrat Dr. Rosenberg als Vertreterin des Alice-Frauenvereins in Gießen und Kaufmann Bedarf von der Firma Ernst Balser, Mäusburg, als Vertreter der ausstellenden Firmen. Rach kurzen Dankesworten der Vorsitzenden, Frau Dr. Koeppe, folgte ein Rundgang durch die sehr interessante und vielseitige Ausstellung, die allenthalben und mit Recht
vollste Anerkennung fand. Wohl noch nie dürfte in unserer Stadt eine so sehenswerte und mit außerordentlich zahlreichen Warengattungen beschickte Ausstellung in derart geschlossener, übersichtlicher Form gezeigt worden sein. 2m Anschluß an den Desichtigungsrundgang wurde den Teilnehmern an der Eröffnungsfeier noch Gelegenheit geboten, sich davon zu überzeugen, daß auch in dem von Frau Oberstudiendirektor Kalbfleisch geleiteten Kochlehrkursus Hervorragendes geleistet wird. Zu den eifrigen Mitarbeiterinnen des engeren Vorstandes und der Ausstellungsleitung gehört auch, wie unserem Bericht vom Samstag heute angefügt sei, Frau Professor Kinkel, die sich gleichfalls in sehr anerkennenswerter Weise um das Gelingen der Ausstellung bemüht hat. Der Besuch dieser Schau sei nochmals angelegentlich empfohlen.
Taten für Moniaq, 30. November
Sonnenaufgang 8.06 Uhr, Sonnenuntergang 16.21 Uhr. — Mondaufgang 21.17 Uhr, Monduntergang 12.34 Uhr.
1796: der Ballodenkomponist Karl Löwe in Löbejün geboren; — 1817: der Geschichtsschreiber Theodor Mommsen zu Garding in Schleswig geboren; — 1846: der Nationalökcmom Friedrich List in Kufstein gestorben; — 1900: der englische Dichter Oskar Wilde in Paris gestorben.
Taten für Dienstag l. Dezember.
Sonnenaufgang 8.07 Uhr, Sonnenuntergang 16.19 Uhr. — Mondaufgang 22.42 Uhr, Monduntergang 12.53 Uhr.
1893' der Dichter Ernst Toller in Samotschina geboren; — 1928: der Maler Graf Leopold von Kalck- reuth in Eddelsen bei Harburg gestorben.
Bornotizen.
— Tageskalender f ü r Montagt Englisches Seminar der Landesuniversität, Vortrag „The American Middle West“, 20.15 Ahr, Hörsaal des Kunstwissenschaftlichen Instituts. Schützenverein, 20 Ahr, Herbst-Generalversammlung. — Gewerbe-Verein, 20.30 Ahr, Goethe» strahe 71, Lichtbildervortrag. — Haussrauen- Deratung Hauswirtschaftliche Weihnachts-Ausstellung, Paiast-Lichtspieihaus. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Der Kongreß tanzt".
— Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Als 9. Vorstellung im Dienstag- Abonnement wird morgen, 20 Uhr, zum letzten Male die Schwankoperette „Frauen haben das gern...!" aufgeführt. Spielleitung: Hub, Cuje und Bäulke. Ende 22,15 Uhr.
— Der Goethe-Bund teilt uns mit: Hans Grimm, der Verfasser des großen deutschen Schicksalsromans „Volk ohne Raum", kommt auf Einladung des Goethe-Bundes nach Gießen. Damit wird der Goethe-Bund seinen Freunden wieder
am Matze!
■■■■—Twiga rasa
einen besonderen literarischen Genuß bereiten. Grimms literarisches Werk ist gefüllt mit Spannung und mit menschlichem Schicksal. Es ist ein literarisches Ereignis ersten Ranges zu erwarten. (Siehe Anzeige vom Samstag.)
*
** Straßensperrung, mitgeteilt vom Ober- hessischen Automobil-Club, Gießen: Die Provinzialstraße Leihgestern—Watzenborn-Steinberg, Ortsdurchfahrt Steinberg, wird ab 30. November für jeglichen Verkehr gesperrt. Die Umleitung erfolgt über Gießen ober Lang-Göns—Grüningen. — Die Ortsdurchfahrt B u tz b a ch im Zuge der Straße Gießen—Frankfurt a. M. wird am 2. Dezember für jeglichen Verkehr gesperrt. Die Umleitung erfolgt über die Nußallee und Taunusstraße in Butzbach.
** Gekündigte Tarifabkomme n. Der Arbeitgeberverband für Lahngau und Oberhessen hat den Lohntarif für die Metallindustrie in Oberhessen-Lahngau zwecks Neufestsetzung der Lohne zum 31. Dezember gekündigt. Zu dem gleichen Zeitpunkt gekündigt wurde auch das Kurzarbeitsabkommen für Angestellte und Werkmeister in Oberhessen und Wetzlar.
♦* Neuer Lohntarif für die Brauereien. Nachdem der Lohntarif für die Brauereien im Lahn-Dill-Gebiet und Oberhessen zum 30. November gekündigt worden war, ist nunmehr ein bindender Schiedsspruch dahin ergangen, daß die Löhne der Brauereiarbeiter mit Wirkung vom 1. Dezember ab um 6 v.H. gesenkt werden. Bei einer Arbeitszeit bis zu 32 Stunden in der Woche tritt diese Lohnkürzung nicht ein. Der Schiedsspruch gilt dis zum 31. Januar 1932 und ist mit Monatsfrist kündbar.
"DieBenuhungvonMonatskarten in Eil» und Schnellzügen. Mit sofortiger Gültigkeit dürfen nicht nur mit Monatskarten 2. Klasse, sondern auch mit Teilmonatskar- ten 2. K1 asse für Personenzüge E i 1 z ü g e ohne ' Zuschlag und Schnellzüge gegen Zahlung des tarifmäßigen Eilzugzuschlages in der 3. K l a s s e benutzt werden. Bei Karten aus Entfernungen von 1 bis 35 Kilometer ist hierbei in der 3. Klasse Schnellzug jedoch eine Eilzugzuschlagkarte 3. Klasse Zone I zu lösen. Die vorstehende Regelung gilt nicht für Schülermonatskarten.
** Schaufen st erwettbewerb der Kaufmannslehrlinge. In der Zeit vom 12. bis 18. November veranstaltete der Bund der Kaufmannsjugend im Deutschnationalen Handlungsge- hilfen-Berband einen Schaufensterwettbewerb für die
durchlaufenden Wagen aus allen Himmelsrichtungen vereint werden .. .Ich habe niemals den Nordexpreß leiden können: ich mochte die Gesichter nicht, denen man in ihm begegnete: jene Ostgesichter, die allzu gie- rig auf Paris und London zielen ... Meine besondere Zuneigung besaßen von je der Paris—Rom und der Calais—Brindisi-Expreß. Nächst ihnen der Schlafwagenzug Rom—Syrakus und der wunderbare kobaltblaue Berlin—Nenpel-Pullman. Die Züge über den Brenner waren mir immer nur ein Notbehelf. Sie kommen nicht vorwärts. Sie füttern zuviel Nebenbahnen. Aber es ist herrlich, von Luzern über den Gotthard bis nach Lugano hinunterzufliegen und nur einmal, eine Minute lang, in Bellinzona zu rasten. Dann gibt es die braven Züge, die uns Umwege ersparen wollen und einsame, abgelegene Gelände für uns durchqueren: wie der Tagesschnell- zug von Neapel nach Tarent durch die Basilikata, oder der gute bürgerliche Expreß von Gens über Lyon nach Bordeaux, in dem man immer an Rotwein denken muß und ein Cassoulet toulousain. Und es gibt rührende beschleunigte Personenzüge in Ca- labrien und Apulien, welche alte, einsame Wagen nach Rom mitschleppen, Wagen, welche an- und abgehängt werden, einmal in dieser, dann in jener Richtung fahren, und schließlich, von einem großen mitleidigen Expreß geschluckt, in die ersehnte Hauptstadt hineinrasen, daß es ihren Achsen himmelangst wird ... Wer aber dichtete eines Tages nodj den ganzen Zauber der Bummelzüge — der südländischen vor allem? Wer fuhr schon einmal von Syrakus an der Südküste Siziliens entlang über Camcati nach Palermo — volle zehn Stunden — und war nicht fast demütig vor der Lokomotive, die ihn auf- und abgeschleppt hatte? Oder wer reifte von Valencia über Terruel nach Zaragossa in einem Correo and wunderte sich am Ende nicht ungeheuer, daß er tatsächlich angekommen war?
Lange, lange wird noch solcher Zauber währen. Kein Flugzeug, kein Schiff wird ihn je besiegen.
Nein schönes Schiff, auch du nicht! Bilde dir nur nichts ein, weil du so hochmütig durch die Fluten dahin furchst, weil du so schöne Kabinen hast und Liegestühle und Salons und eine Bar und elegante Stewards und Kellner! Du gibst nur eine Ahnung des Glückes, das Entfernung heißt, wenn du aus- fährst oder 'ankommst ... Unterwegs aber bist du ein Verharren. Ich weiß, dies ist Täuschung. Ader die Dinge sind ja nicht, wie sie sind sondern wie wir sie empfinden. Ich liebe auch dich, schönes Schiff: und so oft ich mit dir fahre, geht mir ein Schauer durch den Rücken, wenn die Brücke vom Lande fortgezogen wird: wenn dies Unwiderrufliche geschieht. Du bist schicksalhafter als die guten Züge: aber das Spielerische ist dir fremd, das wir manchmal lieben und brauchen.
Kammerspiel-Mus: I. Tag.
(tz B Shaw: „Der Mann des Schicksals".
Die erste Morgenfeier in dem vom Stadttheater gemeinsam mit dem Goethe-Bund veranstalteten Kammerspiel-Zyklus war als Vorfeier zum 75. Geburtstage des englischen Dichters George Dernard Shaw gedacht. Man hatte mit dem „man of destiny“ eines seiner früheren, verhältnismäßig wenig bekannten, aber für den Autor ungemein charakteristischen Stücke gewählt, das in Stil und Umfang auch für eine Vormittagsaufführung besonders geeignet erscheint.
Der Spielleiter Wolfgang Kühne, der die Veranstaltung betreute, schickte der Vorstellung eine einführende Ansprache voraus, in der er, ausgehend von den Vorworten in den Buchausgaben der Shawschen Stucke, im Hinblick aus die Johanna von Orleans zunächst Shaw und Schiller gegenüberstellte und die, beiden gemeinsame Tendenz ihres dramatischen Schassens erörterte. .Shaw, so wurde gesagt, sei ein sehr ernsthafter Mensch — hinter der Maske des Spötters und Satirikers. Rapoleon erscheint als der Held dieser einaktigen Komödie. Shaws Tendenz: die Entheroisierung des Heroen, d. h.: der Held muß sich bei ihm stets auch in seiner menschlichen Haltung bewähren. — Zum Schluß wurde aus dem sehr amüsanten Prolog der einaktigen Komödie vorgelesen, der nicht nur den Schauplatz und die Stimmung des Stückes, sondern auch den Dichter mit großer Eindringlichkeit und Schärfe charakterisiert.
Die Komödie zeigt — im Gegensatz zu der späteren „Methusalem"°Phantasie — Bonaparte als ganz jungen General 1796 in Rorditalien ... in Tavazzano auf der Strahe zwischen Mailand und Lodi. Bonaparte ist hier durchaus, wie schon in der Einleitung betont wurde, dem Caesar in Aegypten zu vergleichen, den Shaw später der Kleopatra gegenüberstelkte —: er bewährt sich nicht nur als der junge Heros, den die Geschichte kennt, sondern er beweist auch das menschliche und männliche Format, ohne das fein Heldentum eine Farce und Pose würde.
•
Die Handlung in der Schenke von Tavazzano ist an sich geringfügig; die Gegenspielerin ist eine fremde Dame; das außerordentlich pointierte Gespräch kreist um einen Liebesbrief; einen Brief der gelieben Josephine an Rapoleons Freund Barras. Am den Besitz dieses Briefes, der in einem Pack wichtiger Depeschen von den agierenden Personen herüber- und hinübergeschoben wird, dreht sich die Fabel, die jene zuvor erwähnte „Tendenz" ganz schlagend erweist ... und noch dazu in so amüsanter Form, wie man es von Shaw
erwartet, — daß der eigentliche Anlaß fast darüber vergessen wird.
And Shaw müßte nicht der fein, als den man ihn kennt, wenn er nicht gegen Ende ganz unvermittelt den temperamentvollen Ausfall gegen feine Landsleute entfesselte, der in kaum einem seiner Stücke fehlt. Hier freilich paßt es andererseits auch wieder zwanglos in die geschichtlichen Voraussetzungen hinein, daß diese zugespihten Bosheiten eben dem jungen General Bonaparte in den Mund gelegt werden, dessen späteres Leben ja ein so fingiertes Gespräch, wie man weih, nur bestätigen konnte.
Die interessante und lebendige Inszenierung Kühnes hatte Stimmung und historisches Kolorit, beweglichen, exakt gesteigerten Dialog und das spritzige, immer zwischen Ernst und Anernst, zwischen Spott und tieferer Bedeutung schwankende Temperament, das die Komödien Shaws fast alle ausstrahlen. — Sehr hübsch das malerische Kneipenbild mit dem Ausblick auf den intensiv blauen italienischen Himmel.
Den jungen Bonaparte spielte Druck in einer dem bekannten Bilde von A. 2. Gros im Louvre überraschend angenäherten Maske; fein sicherer schauspielerischer 2nstinkt hielt die Figur allezeit im Rahmen der historischen Tradition und gab ihr doch alle jene Züge, womit Shaws witziger Geist den General an der Schwelle seines Weltruhms halb ernsthaft, halb spielerisch auSgestattet hat —: eine schöne und abgerundete Darstellung.
Als Gegenspielerin Beatrice Doering, die fremde Dame: sah recht verführerisch aus und hatte Gelegenheit, im Wechsel des dialektischen Geplänkels alle Ruancen einer galanten und taktisch geübten Fechterin mit Ausfall und Kniefall, mit Handkuh und Schmollen, mit Aufbrausen und Schmeichelei und gespieltem Triumph, mit allerlei Finten und zuletzt einem überraschenden Kostümwechsel zur Geltung zu bringen.
Den ganz aus Shaws Geist hervorgegangenen, militärisch ziemlich unmöglichen Leutnant, der mit dem Dluntschli aus den „Helden" eine merkwürdige Ähnlichkeit hat — wie dieser Rapoleon mit dem Caesar bei Kleopatra — gab 2anschek geschickt mit einer gewissen unbekümmerten Frechheit und Selbstvergessenheit als reine Komödienfigur ohne historische Bedenken.
Als Gastwirt Giushpe Grandi zeigte Gert Geiger eine sorgfältig ausgespielte, Episodenfigur von leichtem Humor, welche die ersten Stichworte zu bringen und ein paar besonders treffsichere Bonmots zum Besten zu geben hat.
Das Publikum verbrachte einen angeregten Vormittag und spendete kräftigen Beifall. hth.


