Nr. 129 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Freitag, 5. Zuni 195(
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aus der ehemaligen Popolari
Links: Die heilige Elisabeth-Plastik an einer der Seiten des Sarkophags. — Rechts: Der Grabstein im Marburger Dom. — Der kostbare Sarkophag der heiligen Elisabeth wird anläßlich des 700. Todestages der Heiligen restauriert, nachdem während der Inflationszeit eine ganze Reihe seiner Edelsteine geraubt worden waren, die erst jetzt wieder im Ausland gefunden wurden.
Der Sarkophag der Heiligen Elisabeth wird zur 100- Iahrfeier restauriert.
Sturzos, die gleich allen anderen Parteien verboten wurde, hervorgingen und sich politisch und weltanschaulich im Gegensatz zum Faschismus befinden. Die Befürchtungen, die man faschistischerseits in dieser Richtung hegt, werden
deutlich belegt durch die Enthüllungen, die einige faschistische Organe in diesen Tagen über die Personalpolitik der Katholischen Aktion und über die Einstellung ihrer Leiter zum Faschismus und zu der neuen Ordnung Italiens überhaupt brachten. Die Veröffentlichungen der italienischen Blätter über verschiedene Geheimsihungen der Katholischen Aktion imb die auf ihren Tagungen gehaltenen Reden sind allerdings von dem vatikanamtlichen »Osservatore Romano" als bewußte Entstellungen gekennzeichnet und auch vom Papst ohne Umschweife zurückgewiefen worden. Immerhin halten die Faschisten auf Grund ihres Materials an der Behauptung fest, daß die Katholische Aktion sich nicht auf ihre religiöse Aufgabe beschränke, sondern aus Gebiete übergreife, die dem Staat allein Vorbehalten bleiben sollten Demgegenüber hat der Papst, der sich von Anfang an mit seiner ganzen Person für die Katholische Aktion eingesetzt hat, wiederholt das Gegenteil erklärt, und 'nicht nur die Rotwendigkeit, sondern geradezu die Unersetzlichkeit derKatho- lischen Aktion betont.
Diese beiden Ansichten stehen sich kraß gegenüber. Der Papst hat seine Autorität in einer vielleicht noch nie dagewesenen Weise in die Waagschale geworfen, der Faschismus hingegen hat die Machtmittel in der Hand, die chm die Katholische Aktion ausliefert: auf Grund des Gesetzes über die öffentliche Sicherheit hat jeder Präfekt die Befugnis, alle Verbände aufzulösen, die sich im Gegensatz zu der nationalen Ordnung des Staates betätigen.
Die Brücken zu einer Verständigung über den Tätigkeitsbereich der Katholischen Aktion sind außerordentlich schmal: der Faschismus will die Bildung eines politischen Willens verhindern, der mit dem Faschismus nicht übereinstimmt, die Kurie dagegen will der Katholischen Aktion die Möglichkeit sichern, die ihr vom Papst vorgezeichnete Mission ohne Störungen und Anfeindungen durchzuführen.
Es ist anzunehmen, daß Personalfragen
Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten I R o m, 2. Juni.
Die Meinungsverschiedenheiten zwischen der Kurie und dem Faschismus, die sich seit Monaten immer deutlicher bemerkbar machten und im wesentlichsten unter dem Sammelbegriff „katholische Aktion" zusammengefaßt werden können, wenn sie auch sehr stark auf die Jugenderziehung übergreifen, ließen den Ausbruch eines Konfliktes vorausahnen. Trotzdem kam der offene Konflikt mit seinen Begleiterscheinungen nicht nur dem Fernstehenden, sondern auch manchem Beteiligten überraschend und vor allem seiner Form nach unertoortet. Die gegenseitige Erbitterung führte zu einem Ton in der Polemik, wie er trotz mancher Spannung in den letzten Jahren nie angeschlagen worden ist, und auch die Kundgebungen nahmen stellenweise einen unerfreulich gewaltsamen Charakter an.
Rach einigen Tagen gesteigerter Erregung und schärfster gegenseitiger Anklagen ist es nun zu einem vorläufigen Waffen st ill st and gekognnen, der den Zweck hat, die eingeleiteten diplomatischen Verhandlungen nicht zu stören. Man wird also gut tun, die Tragweite des Konfliktes trotz der vorgefallenen Ausschreitungen und der kaum zu übertreffenden Schärfe der gegenseitigen ErÜärungen nicht zu überschätzen. Es ist zwar kaum anzunehmen, daß bei noch so viel gutem Willen eine restlose Verständigung wird erzielt werden können, weil sich in dem Kampf zwei Weltanschauungen gegenüberstehen, die vielleicht doch nur theoretisch auf einen Renner gebracht werden können.
Der Faschismus will die Aufgabe der Kirche auf das rein religiöse Gebiet beschränkt wissen: die Kirche aber besteht auf ihrem Standpunkt, überall dort einzugreifen, wo es sich um das Seelenheil ihrer Mitglieder, also auch um ihre Erziehung handelt. In seinem letzten Rundschreiben über die gesellschaftliche Ordnung hat Papst Pius XI. ausdrücklich erklärt, die Kirche könne sich unmöglich deS ihr von Gott übertragenen Amtes begeben, ihre Autorität in allem, was auf das Sittengesetz bezug hat, geltend zu machen. »Die von Gott uns anvertraute Hinterlage der Wahrheit", so heißt es in der vatikanamtlichen deutschen Heberfehung der Enzyklika .Quadragesimo Anno', »und das von Gott uns aufgetragene heilige Amt, das Sittengeseh in seinem ganzen Umfang zu verbinden, zu erklären, und — ob erwünscht, ob unerwünscht — auf seine Befolgung zu dringen, unterwerfen nach dieser Seite hin sowohl den gesellschaftlichen, als auch den wirtschaftlichen Bereich vorbehaltlos unserem höchstrichter- lichcn Urteil". Hält man dieser Feststellung die faschistische Theorie von der Machtvollkommenheit des Staates entgegen, so ist ohne weiteres verständlich, daß über die Zuständigkeiten in beiden Lagern verschiedene Auffassungen herrschen.
Sicht man von allem anderen ab, so lassen sich in dem gegenwärtig zu einem gewissen Höhepunkt gesteigerten Kampf zwei Fragen herous- schälen: das Problem derI ugenderziehung und das Problem der politischenWillens- bi ldung in Italien.
Der Faschismus ist sich klar darüber, daß die Zukunft seiner totalitären Staatsauffassung zu einem großen Teil davon abhängt, ob die Jugend in ihrem Sinne erzogen und in den Rahmen eingegliedert wird, den Mussolini'gezogen hat. Der P a p st erklärt dagegen, daß die hierbei be-
folgte Erziehung im Gegensatz zur christlichen und bürgerlichen Erziehung stehe und systematisch zu Haß, llnehrerbietung und Gewalt führe. Der Papst stützt sich dabei auf die Ereignisse der letzten Tage, da die Feindseligkeiten, denen die katholischen Jugendorganisationen ausgesetzt waren, hauptsächlich von der faschistischen studierenden Jugend ausging em
Tas sachliche Ergebnis der scharfen Auseinandersetzung über die Jugenderziehung ist zunächst die Auflösung sämtlicher Jugendorganisationen, die bisher noch nicht unmittelbar der Faschistischen Partei, oder dem faschistischen Iugendwerk unterstanden. Tiefe Maßnahme des italienischewInnen- ministeriums trifft zum größten Teil, wenn nicht ausschließlich, die katholischen Jugendorganisationen, die der Azione Cattolica angegliedert waren. Diese soeben von den italienischen Präfekten durchgeführte Auflösung folgt dem vor etwa zwei Jahren ausgesprochenem Verbot der katholischen Pfadfinder, und damit gibt es in Zukunft nureineeinzige faschistische Jugendorganisation für ganz Italien.
Verwickelter ist das Problem der politischen Willensbildung, das nur zum Teil mit der Jugenderziehung im Zusammenhang steht. Tie faschistische Presse hat wiederholt dagegen Stellung genommen, daß die im Konkordat vorgesehenen verschiedenen Organisationen der Katholischen Aktion sich zu einem Sammelbecken für eine Reihe von Persönlichkeiten gestalteten, die
9er Kamps um die Katholische Aktion in Jtolien
Don unserem v. G.-Berichterstatter.
sehr stark kn diesen Konflikt hineinspielen: gelingt es den beteiligten Parteien, sich über die Besetzung der leitenden Stellen und die Zulassung, oder den Ausschluß bestimmter Personen aus der Katholischen Aktion zu einigen, so könnte eine friedliche Zusammenarbeit wieder denkbar sein. Tie nächsten Tage dürften eine vorläufige Klärung bringen.
Zum Schluß sei nod) auf eine Erscheinung hin- gewiesen, die die Erbitterung erklärt, mit der in diesen Tagen gestritten wurde: seit dem Abschluß des Lateranvertrages ist von berufenen und unberufenen Kritikern beiden Teilen abwechselnd oder gleichzeitig vorgebalten worden, daß sie sich dem Gegner voll und ganz ausgeliefert hätten. Man kennt die Aus- spräche, nach denen der Papst nichts mehr sei als ein »Kaplan deS Königs von Italien", oder nach denen der „König als Vasall des obersten Pontifex" aus der Regelung der Römischen Frag« hervorgegangen sei. Solche Hinweise bedeuten bei latenten Gegensätzen nichts anderes, als Oel ins Feuer.
Bezeichnenderweise ist ferner von faschistischer Seite behauptet worden, daß sich hinter dem Aushängeschild der Katholischen Aktion alle Gegner des heutigen Regimes zu sammeln versuchten, oder aber zum mindesten di« Katholische Aktion zur Vorbereitung eines entscheidenden Gegenstoßes mißbrauchten. In vatikanischen Kreisen wiederum konnte man in diesen Tagen die Auffassung vertreten hören, daß die antiklerikalen Elemente, die der Faschismus aus dem früheren liberalen Italien z. T. in seine Reihen übernommen und dabei noch nicht völlig verarbeitet habe, die leicht erregbare Seele des faschistischen Studenten ausnuyten, um ihrem alten Haß gegen die Kurie Genugtuung zu verschaffen.
Rur in diesem Rahmen, der freilich nur bte wesentlichsten Punkte aufzeigt, können die Ereignisse verstanden werden. Die sich in diesen Tagen in Rom und in anderen Städten Italiens abgespielt haben.
Oberheffen.
Bad-Nauheimer Derkehröfragen.
= Bad-Rauheim, 4. Juni. Wichtige Verkehrsfragen wurden in der gestrigen Sitzung des G e s a m t au s schu s ses des Verkehrsvereins behandelt. 11. a beschäftigte man sich mit der Frage einer besseren Erschließung des Winter st eingebiete s. Zur Angelegenheit der Autogesellschaftsfahrten konnte die Geschäftsführung mitteilen, daß mit Frankfurt a. M, Homburg v. d. H., Königstein und Wiesbaden ein Abkommen getroffen sei, wonach die dortigen Verkehrsorganisationen dafür Sorge tragen wollen, daß sie bei ihren Fahrten Bad- Rauheim in gleichem Maße berücksichtigen, wie genannte Orte von hier aus als Ausflugsziele gewählt werden. Bedauert wurde allgemein, daß durch die Straßensperre im hohen Vogelsberg der Hoherodskopf und der Oberwald von hier aus nicht mehr mit ®e- sellschaftswagen befahren werden können. Die Vogelsbergfahrten hatten sich in den letzten Jahren immer größerer Beliebtheit erfreut und haben ganz gewiß dazu beigetragen, für das Heimat- gebirge in starkem Maße zu werben. Run ist der eigentliche Vogelsberg gesperrt. Die Geschäftsführung wurde beauftragt, alles zu tun, daß die Fahrten in den hohen Vogelsberg wieder unternommen werden können. Mit Recht wurde auf den volkswirtschaftlichen Rachteil der Sperre hingewiesen, der dadurch verursacht wird, daß nunmehr die Fahrten von hier aus noch mehr als seither in den preußischen
Brandung deslebens
Vornan von Käte Lindner.
(Copyright 1931 by Verlag Alfred Bechthold in Braunschweig.)
4. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Tatiana, die weihe Blume, ist tot und meine alten Augen mußten sehen Schreckliches. Kamen Soldaten, sprengten auf das Tor von unserem Palast und schlugen nieder alten Kammerdiener Iwan Iwanowitsch, der treu geblieben war der Herrin und nicht davongelaufen wie alle anderen. Kamen und durchsuchten das Haus. Hatten wir uns versteckt im alten Turm, die Herrin und ich. Zitterte immer die Herrin und sagte zu alter ßv- sanka: Bete, Lisanka. rufe die Heiligen an, ich kann es nicht mehr. Bete, daß er fernen Henkern entkommt... bete, daß ein Wunder geschieht und Gott uns wieder zusammenführt, meinen Saschenka und mich...
And gerade, als nun die alte Lisenka wieder Rosenkranz nahm und tuen wollte nach der Herrin Willen, kamen die Henkersknechte. Schlugen ein die Tür und zerrten meine weiße Blume heraus aus dem 'Bett Schleiften sie an den schönen, blonden Haaren, schlugen sie, weil sie schrie und weinte, und einer davon wollte sich vergreifen an der Herrin. Aber das litt der Anführer nicht. »Hinunter mit ihr zu den andern", fchrie er den an, der sie hatte hinaustragen wollen, „und du. Alte, schließ auf die Prunkzimmer unten, damit wir nicht so viel Arbeit haben mit dem Durchsuchen." Ich weinte und jammerte, daß Iwan Iwanowitsch, der Kannnerdiener, die Schlüssel verwahrt habe. Da ließen sie mich. Zwei führten die Herrin davon, die andern stürzten die Stufen hinunter, dem Iwan Iwanowitsch die Schlüssel abzunehmen. Der lag starr und tot mitten auf der Treppe, die ich hinunterschlich. um zu sehen Schreckliches. Kämpfte mir einen Weg durch die Menge, der Herrin nach, war mein Gedanke und wußte doch nicht, wohin die Henker sie geführt. „Eie halten Gericht über die Dour- goisie auf dem Rewski-Prospekt", hörte ich einen von der roten Armee sagen. Da schlich ich mich auf Umwegen hin und stand von ferne, um zu sehen, was geschieht mit Herrin.
Eine lange Reihe stonden sie... Den Fürsten Gregor Gregorowitsch, welcher war so oft Gast meiner Herrschaft, sah ich zuerst. Sein langer, Weiher Bart wehte im Wind, aufrecht und stolz stand er und schaute feinen Henkern furchtlos ins Gesicht. Und den jungen Grafen Lanskoj, dem hatten sie die Kleider vom Leibe gerissen, er stand halb nackt und knirschte mit den Zähnen und konnte sich doch nicht befreien. Popen standen in
der Reihe und wehrlose Frauen, die schöne Gräfin Stroganow hatte auf einmal einen ganz Weißen Kopf bekommen und war doch noch so jung. Ich sah die weihe Blume nicht, so sehr ich auch meine alten Augen anstrengen mochte. Aber als ich nun schon eine ganze Weile ratlos gestanden, sah ich die beiden Soldaten kommen, die die Herrin fortgeführt hatten. Sie trugen eine Bahre und darauf lag die Herrin, bleich wie eine Lilie mit geschlossenen Augen. Ohnmächtig ist sie, und ich kann ihr nicht beistehen, dachte ich und wollte mich durch die Menge stürzen, hin zu ihr. Aber die vor mir standen, bildeten eine graue Mauer, ich mußte bleiben wo ich war und erhaschte nur ab und zu einen Durchblick. Die Soldaten hatten die Bahre unsanft niedergeseht, davon war wohl Tatiana Swanowna erwacht und blickte mit irren Augen um sich. Und auf einmal hörte ich einen Schrei... einen Schrei, Herr, durch meine alten Glieder geht noch jetzt ein Zittern, wenn ich daran denke. Die Herrin stand plötzlich neben der Bahre und streckte beide Hönde dem Fürsten Gregor Gregorowitsch Kasalowsti entgegen, und schrie. „Die Bluthunde ... auch Ihr weißes Haupt haben sie nicht verschont. Gregor Gregorowitsch. So schießt doch... schießt... warum zögert ihr so lange noch", schrie sie und zeigte auf ihre Brust. „Da... da sitzt das Herz, macht es kurz. Ihr Henkersknechte!"
Da sprang ein Kerl auf sie zu und drückte ihr mit der Faust die Weiße Kehle zusammen. Keinen Laut gab die Herrin mehr von sich, sank vor den Füßen dessen zusammen, der sie erwürgt hatte. Die anderen lachten: „Das war kurzer Prozeß, den Du mit ihr gemacht hast, Wassil. Die tut keinen Mucks mehr und wir sparen die Kugel.' Der Anführer aber faßte den, der sie gemordet hatte bei der Brust und schrie: „Was unterstehst Du Dich, Du Hund? Wo bleibt das Gericht? Drei Tage strengen Arrest für Dich, Kerl! Schafft die Tote zur Wache."
So, Herr, löschte unserer Herrin junges Leben aus. Mit Ihrem Ramen auf den Lippen ist sie in die Ewigkeit hinübergegangen. Ich sah noch, wie große Tränen dem Fürsten Gregor in den weißen Bart rannen, als er Zeuge dieser Schandtat sein mußte.
Mir vergingen die Sinne, und ich lehnte mich schwer gegen meinen Rachbar, denn fallen konnte ich inmitten der grauen Mauer nicht. Als ich die Augen wieder öffnete, lag ich auf einer Dank und ein fremdes Gesicht beugte sich über mich. „Ist Euch wieder besser, Mütterchen? Ist zu viel des Grauenvollen, nichts für die Rerven einer alten Frau. Hättet nicht nach dem Rewski-Prospekt kommen dürfen, Mütterchen."
„Wo sind sie", konnte ich nur fragen. „Wißt Ihr, wo sie die Leiche der Gräfin Semjonow hingetragen habenT
Er schüttelte den Kopf. „Weiß ich's? Eingescharrt wird sie schon sein, wie ein junger Hund. Damit warten sie nicht lange. Und die andern haben sie abgeführt. Werden an die Mauer gestellt ... Bumm ... und aus ist es mit aller Herrlichkeit. Können froh sein, Mütterchen, daß wir der Garniemand sind... Sonst ging es uns wie ihnen."
Run ist wirr mein alter Kopf von all' dem Schweren, was ich mit ansehen muhte. Gott und die lieben Heiligen sollen Sie schützen, Herr, und herausführen aus dem Gefängnis, dies ist mein Gebet bei Tag und Rächt, jetzt, wo meine junge Herrin nicht mehr ist. Werden jetzt so viele deportiert nach Sibirien. Denke ich manchmal, daß Gott es hat gut gemeint mit der weißen Blume, daß er sie so jung schon von der Erde hinwegnahm. Schwereres gibt es jetzt, als es der Tod ist, Herr. Gott schütze Sie, Herr und erhöre meine Gebete.
Lisanka.
Tieferschüttert reichte der Marguis die verblichenen gelben Zettel zurück. Lange konnte er nicht sprechen, dann aber fragte er leise:
„Und Sie, Graf Semjonow, wie vollbrachten Sie das Wunder, jener Hölle zu entfliehen? Schlimmer als der Tod war wohl die Verbannung nach Sibirien. Unendliche Leidensjahre wären Ihnen sicher gewesen."
„Ich hatte noch einige Juwelen in Sicherheit bringen können und in das Futter meiner Kleider eingenäht. Sie wissen, für Wodka und Geld ist in Rußland alles zu haben. Auf der Reise nach Sibirien gelang es mir mit Hilfe meines Wärters, zu entfliehen, d. h. er drückte beide Augen zu, hatte mir sogar für Geld und gute Worte einen Paß besorgt Aber dennoch war es ein Wunder, daß meine Flucht gelang. Immer, wenn ich daran denke, muh ich dieses Wunder anstaunen. Welch eine Tortur hätte mich erwartet, wäre es nicht geglückt. So viele haben es versucht, so viele... und bühtcn ihre Tollkühnheit mit einer lebenslänglichen Kette von Leiden. Richt Sibiriens Minen und schwere Arbeit sind das Schlimmste, nicht der Tod durch den Strang, oder was sie sonst sich ausgedacht haben. Geheimzellen in licht- und luftlosen Verliehen, Einzelhast für immer droht dem, der sich nicht gutwillig fügt. Das ist dann das Anfangsstadium des Wahnsinns für manchen, der niemals in seinem Leben ein Verbrechen beging, noch gegen die Gesetze verstteh. Und wenn ich zehnmal am Tage mich frage, warum ich diesem elenden Dasein nicht schon längst ein Ende gemacht habe... daß ich der Hölle Sibirien wie durch ein Wunder entrann, ließ mich immer wieder an einen Zweck des Lebens und an Gottes Gerechtigkeit glauben. Und ich habe noch eine Mission zu erfüllen, ehe ich sterbe, l Marquis. Richt umsonst bin ich jetzt Kyrill Petro
witsch ... einmal wird es mir möglich sein, unter diesem Ramen nach Rußland zurückzukehren, zu forschen, was aus meinen Besitzungen geworden ist, wo sie Tattana Iwanowa begraben haben, wer jetzt dort als Graf Alexander Semjonow fein Leben begonnen hat. Denn meine Papiere wurden mir gestohlen im Gefängnis zu Moskau, dafür fand ich einen Ausweis, auf den Ramen Kyrill Petrowitsch lautend, in meiner Tasche. Das muß doch irgend einen Zweck gehabt haben, Marquis ... irgend jemand muh ein Interesse daran gehabt haben, sich in den Besitz meiner Papiere zu sehen. Dies alles zu ergründen, in absehbarer Zeit nach Rußland zurückzukehren, ist mein Verlangen. Rur fehlt mir das Geld dazu, aber ich werde es schaffen."
„Graf, sind Sie toll? Kaum lebend der Hölle dort entronnen, wollen Sie zurück kehren ? Dieser fremde Rame wird Sie nicht schützen, zumal Sie ja auch nicht wissen, wem die Papiere einmal gehört haben. Irgend einem politischen Verbrecher vielleicht aus dem alten Zarenreich, wer hätte nicht in jenen Tagen des Umsturzes den Versuch gemacht, aus seiner Haut zu schlüpfen, wenn er sich darin in Gefahr fühlte. Dieser Rame, er würde Sie niemals schützen, Graf. Geben Sie diesen wahnsinnigen Gedanken auf. Tattana Iwanowas Grab werden Sie niemals finden, und wer sagt Ihnen denn, daß der, der sich Ihren Ramen und Titel widerrechtlich angeeignet hat, in Rußland sich aufhält? Alles andere ist eher denkbar, als daß er sich in Rußland befindet. Wahnsinnig ist dieser Gedanke einer Rückkehr, Graf."
Der andere nickte schwermütig.
»Ist mein Leben, wie es sich gewandelt hat, nicht schon Wahnsinn? Wenn ich des Rachts aus- wache und die Sterne eines fremden Landes leuchten auf mich herab, wenn ich mich erst wieder her- ausfinden muß aus Träumen, die mir mein früheres Leben greifbar nahe herbeizauberten, dann greife ich immer wieder an meinen Kopf und meine, daß ich meine Sinne nicht vollwertig mehr beieinander habe. Oder eingegangen bin in ein neues Geben, nachdem Alexander Semjonow gestorben und begraben liegt im heiligen russischen Reich, nur daß mich dieses neue Geben die Holle selber deucht. Sie wissen, welcher Art meine Anstellung im Savoy-Hotel ist. Kommen Sie mit und lachen Sie mit mir über die Witze, die das Schicksal sich zuweilen mit uns leistet. Meine freie Zeit ist abgelaufen. Kommen Sie, nehmen Sie sich einen der freien Tische im Teeraum und schauen Sie zu, wie sich Alexander Semjonow sein Brot verdient."
Er schritt dem andern voraus durch die Hall«. Ehe sie eintraten, legte er dem viel kleineren Franzosen die Hand auf den Arm.
(Fortsetzung folgt)


