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Nr. 24 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für lvberheffen)Samstag, 25. Zanuar 4930
Sie Landflucht, ihre Ursachen und Wirkungen.
Don Geh. Reg.'Rat Professor Dr. Falte, Direktor des Landwirtschafilichen Instituts der Universität Leipzig, dzt. Rektor der Universität Leipzig.
Die Abwanderung gewisser Teile der ländlichen Bevölkerung in die Städte ist ein Vorgang, der in jedem wirtschaftlich fortschreitenden Lande als notwendig zu bezeichnen ist, da die Städte aus eigener Kraft ihre Bevölkerung nicht zu redenerieren vermögen. Die landwirtschaftliche Bevölkerung bildet daher eine Quelle, aus der alle anderen Berufe schöpfen. Solange die Landbevölkerung trotz der regelmäßigen Abgaben s i ch mindestens auf ihrer alten Höhe z u halten vermag, liegt kein Grund zur Besorgnis vor. Ganz anders aber wird die Lage, wenn die Abwanderung in so starkem Maße erfolgt, daß man es im wahrsten Sinne des Wortes mit einer Landflucht zu tun hat. Ein solcher Vorgang ist zunächst die Ursache des Man- Igels an Arbeitskräften auf dem Lande, er muß aber früher oder später zur Erschöpfung der Landbevölkerung führen, wenn ihm nicht Einhalt getan wird.
Die Erscheinung der Landflucht ist in besonders starkem Maße in den Ländern des Abendlandes zu beobachten; aber auch zahlreiche andere Länder, wie die Vereinigten Staaten von Amerika u. a. sind keineswegs frei davon. In Deutschland war die Landbevölkerung der Vorkriegszeit scheinbar stark genug, um trotz höchster Abgaben an die Städte, ihren Bestand fest zu behaupten. Einen beängstigenden Rückgang müssen wir aber feststellen, wenn mir die Ergebnisse der beiden Volkszählungen nach dem Kriege, von 1919 und 1925 vergleichen. Mehr als eine halbe Million hat die ländliche Bevölkerung im Lause von nur 6 Jahren eingebüßt, während die städtische Bevölkerung um fast 2% Millio- nen gewachsen ist, wobei allerdings auch umfassende Eingemeindungen mitgewirkt haben. Diese Angaben kennzeichnen aber die wirklichen Verluste der ländlichen Bevölkerung noch nicht scharf genug.
Ein einwandfreies Urteil gewinnt man erst, wenn die Untersuchung auf einzelne Länder und Landesteile ausgedehnt wird. So war schon vor dem Kriege ein starker Zug vom Dften nach dem Westen zu beobachten. Die Hauptabwanderung erfolgte aus den ost deutschen Grenzgebieten. So hat allein .die Provinz Ostpreußen in den 70 Jahren von 1840 bis 1910 nicht weniger als 730 000 Menschen oder 52 v. H. ihres Gebur- tenüberschusses durch Ab- und Auswanderung verloren und für den Zeitraum von 1910 bis 1925 ergibt sich für diese Provinz ein weiterer Wande- lungsverlust von 112 000 Menschen, das heißt wiederum die Hälfte ihres Geburtenüberschusses. Aehn- lich liegen die Verhältnisse in der Grenzmark Posen-We st preußen. Aus diesen Gebieten wandert jahraus jahrein noch etwa d i e Hälfte des natürlichen Bevölkerungszuwachses nach dem Westen und in die Industrie ab und macht freiwillig Platz für das nachdrängende geburtenstarke land- hungrige Polentum.
Um ein vollständiges Bild von den Gefahren der Abwanderung zu gewinnen, müssen noch die besonderen Verluste der landwirtschaftlichen Bevölkerung, d.bh. der landwirtschaftlichen Berufsangehörigen, ins Auge gefaßt werden. Seit der ersten deutschen Berufszählung im Jahre 1882 hat die gesamte deutsche Landwirtschaft bis 1925 1,57 Millionen oder 10 o. H. ihrer Angehörigen verloren, so daß 1925 nur noch 14,37 Millionen gezählt werden kennten. In einzelnen Gebieten sind die eben geschilderten Verluste noch größer. So haben 31 Kreise der Provinz Q st preußen in dieser Zeit von ihren landwirtschaftlichen Berufsangehörigen 155 000 oder 16,3 v H. hergeben müssen. Aber auch andere Gebiete Deutschlands haben einen starken Aderlaß an ihrer landwirtschaftlichen Bevölkerung erfahren. So haben im Freistaate Sachsen verschiedene Amtshauptmannschaften im Erzgebirge 30 bis 36 v. H. verloren oder je 100 Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche 19 bis 25 Personen. Das ganze
Volk verlor in den letzten 30 Jahren ein Fünftel seiner landwirtschaftlichen Bevölkerung.
Fragt man nach den Ursachen der Landflucht, so kommen im wesentlichen nur die Härte und Unannehmlichkeit der Arbeit in Betracht, vor allem deswegen, weil die Entlohnung in keinem angemessenen Verhältnis dazu steht. Andere Motive des Berufswechsels sind nur von geringer Bedeutung. Wir müssen uns daher mit der Entlohnung der landwirtschaftlichen Arbeit befassen. Da diese aber im engsten Zusammenhänge mit der wirtschaftlichen Lage der Landwirtschaft überhaupt steht, so müssen wir zunächst von dieser ein Bild zu gewinnen suchen, dies um so mehr, als über die Rentabilität der Landwirtschaft teilweise die eigenartigsten Vorstellungen bestehen.. In der Schweiz von Professor 2a ur durchgeführte umfangreiche Untersuchungen haben ergeben, daß sich dort im Mittel der Wirtschaftsjahre 1926 27 und 1927/28 das Aktivkapital, d. i. das gesamte in den Landwirtschaftsbetrieb eingewendete Eigen- und Leihkapital, mit nur 1,84 v. H. verzinst, was, mit den Verträgen der Industrie verglichen, als sehr ungünstig bezeichnet werden muß. Das sich aus dem Arbeitsverdienst und der Vermögensrente zusammensetzende Einkommen der Unter- uchmerfamilie vermag nur einen Arbeitsverdienst von 2,61 Fre. je Männertag oder 2,10 Mark einschließlich Wohnung unb Beköstigung zu gewähren, während eine Verzinsung des in der Wirtschaft steckenden Eigenkapitals überhaupt nicht erfolgt. Der Landwirt mit seinen Familienangehörigen ist daher der schlechtest bezahlte Lohnarbeiter; denn der Tage- lvhn für landwirtschaftliche Angestellte macht doch schon 5,56 Frc. oder 4,50 Mark aus. Zu ähnlichen Ergebnissen führten gleichartige Untersuchungen in Oesterreich, Schweden und anderen Ländern.
Vergleicht man hiermit die Lage der deutschen Landwirtschaft, so findet man, daß sie noch weit schlechter ist. Nach den Ergebnissen der dein Leipziger Institut für Betriebslehre angegliederten Landesstelle zur Erforschung der landwirtschaftlichen Betriebsverhältnisse Sachsens konnte in den Jahren 1926'27 unb 1927/28 überhaupt fein Reinertrag nachgewiesen werden, es hat sich vielmehr im Durchschnitt von 1100 untersuchten Betrieben ein Verlust von 24 Mark je Hektar ergeben. Es hat daher nicht nur jegliche Verzinsung des in der Landwirtschaft angelegten Kapitals gefehlt, sondern e s mußten Schulden gemacht werden, um den Betrieb an sich durchzuführen und die Zinsen für Hypotheken und andere Verpflichtungen aufbringen zu können, so daß für die rund eine Million Hektar betragend« landwirtschaftlich genutzte Fläche Sachsens die Zunahme der Verschuldung in den beiden genannten Jahren nicht weniger, als 160 Millionen Mark betrug. Ein Einkommen, also zum mindesten einen Lohn für seine A r - beitsleistung hat der Bauer in Sachsen im Gegensatz zur Schweiz überhaupt nicht erzielt, natürlich hat auch d i e Rente für das Eigen- kapital gefehlt. Dieses Ergebnis ist um so beachtenswerter, als bekanntlich die sächsisch« Landwirtschaft mit ihren Leistungen unter den Ländern und Landesteilen Deutschlands an der Spitze marschiert. Es erübrigt sich daher wohl, noch über andere, unter weniger günstigen Bedingungen arbeitend« Gebiete zu berichten.
Diese Tatsachen erklären vor allem d i e starke Abwanderung der Bauernkinder, weil der klein- und mittelbäuerlich« Landwirt, der im wesentlichen alle Arbeiten in Gemeinschaft mit seinen Familienangehörigen verrichtet, für seine Arbeit keinen Lohn empfängt Im Gegensatz hierzu ist bie Lage ber Landarbeiter immer noch günstiger, da der durchschnittliche Tageslohn in Sachsen die gleiche Höhe wie in der Schweiz erreicht, und zwar 4,50 Mark. So erwünscht auch zur Be-
Der sterbende „Windjammer"
Von Victor Mages.
Man darf es nicht länger bezweifeln: das Segelschiff — der „Windjammer" — ist im Aussterben begriffen, ist schon so gut wie ausgestorben, und die romantischen Wünsche der Jlungens, die eine richtige „christliche Seefahrt" kennen lernen möchten. sind im wahrsten Sinne des Wortes zu Rauch geworden. Ich lese nämlich im „Manchester Guardian“, daß unlängst in London eine Versammlung alter seebefahrener Leute getagt hat, mit dem Zweck und Ziel: wenigstens ein einziges vollgetakeltes Segelschiff unter britischer Flagge auf dem Meer fahrend zu erhalten. Die „Gartn- pool“, die im November 1929 bei den Kapverdischen Inseln wrack wurde, war das letzte Naaschiff, das den Union Jack an der Gaffel führte. Andere Länder hoben noch sogenannte Kadettenschulschiffe zur Ausbildung des seemännischen Nachwuchses; diesen Typus gab es früher schon, aber er zählte nie recht mit, denn es ist ein Unterschied, ob eine Viermastbark die notwendige Besatzung von etwa 30 Mann hat, deren Arme gebraucht werden, oder ob sportfreudige Kadetten, ein Schock zukünftiger Dampferoffiziere, unter der Anleitung eines reichlich bemessenen Stabes geschulter Kräfte aus Tradition Segelschiffahrt erlernen. Es sind auch überall noch kleine Schoner in Fahrt, nur verlassen sie sich zu 90 Prozent auf ihren Motor, den sie natürlich alle haben. Der Windjammer, das vollgetakelte' Segelschiff, dessen Brassen von wenigen Händen bedient wurden, ist tot. Die Maschine triumphiert.
Wenn man selbst lange unterm weihen Dach der geschwellten Segel zugebracht hat (ein Vierteljahrhundert ist das nun bald her), kann angesichts dieses Fortschritts der vielbesungenen Zivilisation wehmütige Erinnerung kaum gemeistert werden, und der Gedanke, wie alt wir doch geworden sind und wie die Zeit — Tempo! Tempo! — über uns hinweggeht, kriecht grauenhaft im Kopf umher. Damals hätte jemand sagen sollen, daß im Iahre 1930 in Winchester House eine Versammlung tagen würde, um Mittel und Wege zu finden, wenigstens einen einzigen Naasegler unter britischem Hoheitszeichen der Welt in natura zu präsentieren — er wäre ausgelacht worden. Wo man hinsah, schwammen die Barken, die Dollschiffe, die Diermaster, welche die blutrote Flagge mit den toten Kreuzen auf blau-weißem Grunde zeigten, und deutsche, dänische, norwegische, ita
lienische, holländische Schiffe gleicher Art waren in jedem Hafen anzutreffen. Ich denke zurück und erinnere mich des ostaustralischen Kohlenhafens Newcastle on Hunter. Da lagen immer gleichzeitig 60 bis 70 Segler aller Nationen, die in Ballast von Südamerika oder Mexiko kamen und Ladung nach chilenischen Salpeter- Plätzen einnahmen. Die Dampfer spielten dort kaum eine Nolle. Ab und zu prustete ein dicker neuseeländischer Steamer am Nobby-Leuchtfeuer vorbei, man sah ihn verächtlich an, und er wurde zwischen der Menge der Viermaster und Doll- schiffe ganz schmal und dünn und unansehnlich. Ach, was würden Lilh und Mary und Betty und Flory wohl gesagt haben, wenn die Apprentices, die ihre Limonadenshops bevölkerten, nicht von einer Sturmnacht am Kap Horn zu erzählen gewußt hätten! Ein Dampfermatrose? Der wurde mit dem schönen Namen „Nostklopper" belegt, und kein australisches Girl guckte ihn an. Heute wird sich das wesentlich geändert haben. Was sollen sie machen, die armen Mädchen? Der Windjammer mit den stolzen Masten ist nicht mehr. Die Apprentices in den blauen Iaketts, mit der kecken Mütze auf dem Kopf, sind den Weg der Maschinisierung gegangen und stehen auf den Brücken der Steamer, und durch die Hunter Street wogt die Masse der „Nostklopper". (Dabei gibt es nur einen tröstenden Gedanken: Mary und Betty und List; und Flory sind nun zwischen 45 und 50, und die „Nostklopper" dürften ihnen ziemlich gleichgültig sein.)
Was alles hat mit dem Windjammer aufgehört zu existieren! Es werden keine Reuls mehr auf» gegeit in düsterer Nacht, kein Steuermann schreit dem Leichtmatrosen in die Ohren: „Go rop, mok em fast!" — die Leichtmatrosen sind seemännische Arbeiter im ersten Stadium der Entwicklung, am Tage waschen sie bie weiße Farbe der Schotten ab, und in der Nacht brauchen sie nicht zu besorgen, daß ihre Turnkünste in Anspruch genommen werden, denn da oben ist nichts, nur eine Antenne. Wenn sie am Ruder stehen, im geschützten Haus am Dampfruder, können sie vergnüglich auf die Kompaßrose blicken, ein kleiner Schubs nach rechts, ein kleiner Schubs nach links, das ist alles so einfach. Wir hatten es schwerer. Wir hatten das mannshohe Rad am Achtersteven zu dirigieren, der Orkan zerrte an unserem Südwester, und wenn die See von hinten anroUte, hatten wir ein Tau um den Leib, damit wir nicht weggerissen wurden von der donnernden Flut. Die Kompaßrose war oft nur Anhaltspunkt. Wir steuerten „bi de Wind" —
tämpfung der Landflucht eine Steigerung ober gar eine Annäherung an unsere Industrie- löhne wäre, so unmöglich ist eine meitere Erhöhung des Lohnaufwandes, bevor nicht ber Landwirtschaftsbetrieb wirklich einen Ertrag bringt.
Die Gründe der hier geschilderten Ertraglvsigkeit sind einerseits bie niedrigen Produkten- preise und ber dadurch bedingte zu geringe Rohertrag, andererseits d i e z u hohen 21 u f- wendungen, bie durch z u hohe Zinsen für das Leihkapit.-l, z u hohe öffentliche B e - I a ft u n g unb das Mißverhältnis zwischen den Preisen, die der Landwirt für seine Erzeugnisse erhält und denen, die er für seine Betriebsmittel und Gebrauchsgegenstände zahlen muß, veranlaßt sind. Soll die Landwirtschaft nur einigermaßen rentabel werden und hierzu einen Reinertrag bringen, mit dem di« derzeitigen Verluste, Hypothekenzinsen und eine Vermögensrente von nur 2 v. H. gedeckt werden könnten, so müßten bie Roherträge um 16 v.H. gefteigert werden, was nur durch eine Steigerung ber Produktenpreise in derselben Höhe erreichbar ist. Wollte man dann aber auch noch den Arbeitslohn um 16 v. H. steigern, um dadurch den Jahresverdienst eines Landarbeiters von 1400 Mark auf 1600 Mark zu heben unb ihn dem Verdienst eines ungelernten Arbeiters in der Industrie anzunähern, so würde dies eine Erhöhung de r Produk- tionskostenum 8 v. H. bedingen, die nur durch eine weitere Steigerung der Produk- tenpreife auszugleichen wäre. Will man die Landflucht bekämpfen und der Abwanderungsflut einen wirksamen Damm entgegensetzen, so ist das nur mit Hilfe einer rentablen Landwirtschaft möglich. Es ist daher eine Preiserhöhung der landwirtschaftlichen Produkte um zirka 25 v.H. unvermeidlich.
Eine derartige Maßnahme würde bie Ber- braucherschaft in ihrem Wirtschaftshaushalt keineswegs in gleichem Maße belasten; denn die Berechnungen über den Lebenshaltungsindex weisen nach, daß von den Lebenshaltungskosten nur 28 v. H. Erzeugnisse aus der Landwirtschaft, dagegen 72 v. H, solche aus der Industrie betreffen. Es ist daher in hohem Grade irreführend, wenn die Landwirte immer als Brot- uerteurer gescholten werden, zumal wenn man den Index für Agrarerzeugnisse mit dem der industriellen Erzeugnisse vergleicht. Die Wiederherstellung der Rentabilität der Landwirtschaft durch Erhöhung der Preise für ihre Erzeugnisse würde nur eine Erhöhung der Lebenshaltungskosten um 7 v. H. be
deuten, die tragbar erscheinen sollten, wenn man auf die großen volks- unb nationalpolitischcn G e» fahren bl.ckt, die uns bei weiterem Umsichgreifen der Entvölkerung des Landes in wenigen Jahrzehnten bedrohen.
Die Geburtsziffer unseres Volkes bleibt bereits um 9 v. H. hinter dem zur Bestanderhaltung erforderlichen Mindestsoll zurück, so daß etwa vom Jahre 1955 an die Bevölkerungszahl von Jahr zu Jahr zusammenschrumpfen wird. Sein Land Europas hat seit dem Weltkriege einen ebenso scharfen Geburtenrückgang auszuweisen wie Deutschland, und unter allen Völkern Europas einschließlich Frankreich ist die Fortpflanzung des deutschen Volkes am geringsten. Unser Volk hat also bereits den ersten Schritt getan, ein ft«r- bendes Volk zu werden. 'Wir treiben mit dem gerade für die Städte unentbehrlichen Bestände unseres Landvolkes eine Bankerottwirtschaft schlimmster Art, wenn nicht Mittel und Wege gefunden werden, nicht nur um den Bestand zu erhalten, son dern ihn noch zu vermehren. Soll unser Volk^nicht ein sterbendes Volk werden, dann können bie Städte einen dauernden Nachwuchs vom Lande nicht entbehren. Dann darf aber auch das Land keinesfalls veröden, indem bie Städte bie letzten Kräfte aufzusaugen suchen. Diese Gefahr haben alle Lander des Abendlandes erkannt, und sich deswegen bemüht, ihr mit allen Mitteln zu begegnen. Auch das deutsche Volk kann und darf deswegen nicht tatenlos zu- sehen, wie seine Landbevölkerung schwindet. Unter den Mitteln, die zur Abwehr in Betracht kommen, werden in erster Linie bie Besiedlung des Landes und die innere Kolonisation genannt. Diese versagen jedoch zur Zeit vollkommen wegen ber gänzlichen Unrentabilität der Landwirtschaft. Wenn schon die alten Landwirtschaftsbetriebe unter der Unrentabilität leiben, so ist dies bei den Siedlungen in erhöhtem Maße der Fall. Wer hat noch Lust zu siedeln, wenn der Bauer nicht einmal ein Entgelt für seine Arbeit empfängt? Die Hauptursache der Landflucht ist daher auch die Hauptursache für das Mißlingen ihrer Bekämpfung.
Wenn wir die Darlegungen über die Ursachen und Wirkungen ber Landflucht überblicken, so sehen wir, daß unser Volk an einem Scheideweg steht. Will das deutsche Volk nicht den Weg gehen, den Spengler in seinem Untergange des Abendlandes schildert, will es nicht sterben, sondern sich für die Lösung seiner großen Aufgaben der Wissenschaft und Kultur erhalten, dann ändere es seinen Sinn, erhalte sein Landvolk und wehre der Landflucht mit allen Kräften.
Zm Schatten des Galurners.
Von unserem st.-Berichterstatter.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) .Bozen, Januar 1930.
Die Festwochen sind verrauscht. Was ist geblieben? — Vielleicht nur ein bitterer Nachgeschmack. Ober mehr vielleicht? Es finb bies Fragen, bie ohne Antwort bleiben, wie so viele anbere, bie man Tag für Tag hier stellt. M i t bem Tobe bes 6 a 1 u r > n e r s Dr. Nolbin, bes Märtyrers ber beutschen Sache in Sübtirol, hatte esvonneuembegon- n c n mit Verhaftungen, Schikanen mancherlei Art, mit ber Beschlagnahme von Kränzen am Grabe eines ber besten Deutschen, Nolbins selbst. Unb hinterher bann: Königsmarsch unb Giovinezza.
*
Die 60 Deutschen, bie man am Vorabenb ber Hochzeitsfestlichkeiten verhaftete, wissen heute noch immer nicht, warum sie tagelang „auf Befehl bes Ministers" eine unroürbige Behandlung über sich ergehen lassen mußten. Attentatsfurcht ? — Nach den üblen Erfahrungen, bie bie Regierung mit ben Gegnern bes Fafzismus gemacht hatte, ist ja eine gewisse Nervosität nur burchaus berechtigt gewesen. UeberaU war sie berechtigt, aber nur nicht in Sübtirol, besten Deutschtum sich in ber Geschichte noch nie anarchistischer ober nihilistischer Methoben
bebiente, um ben Gegner aus bem Wege zu räumen. Warum also bie Verhaftungen? — Nur so zum Spaß, währenb eine Südtiroler Aborbnung in landesüblicher Tracht bem Hochzeitspaar feierlichst ein Geschenk überreichte? — Warum nur dies alles, in einem Staate mit „lateinischem Recht?"
*
Wie ruhig ist doch alles im Lande verlaufen! Eine Woche lang hatten natürlich bie italienischen Geschäfte, bie Banken unb die Regierungsgebäube geflaggt. Auch bie beutschen Hotels waren gezwungen, bie Trikolore zu zeigen, unb auf ben Bergen leuchteten in turmhohen Bauten die Rutenbündel des Faszismus. In den Straßen Bozens war es nur am Samstag vor ber Hochzeit bes Kronprinzenpaares etwas lebhafter. Von überall her nahten bie Züge ber Bauern unb Bäuerinnen, bie um die Mitternachtsstunbe mit einem Extrazug nachRom beförbert würben, um an ber großen „Defikier- cour aller Stämme Italiens" vor bem Kronprinzen- paar teilzunehmen unb mit „Evviva!" zu rufen. Bor ber Präfektur gaben bie Bauernkapellen bem 35jäh- rigen Oberfaszisten, ein Stänbchen. Abenbs sah man bie Bauern gruppenweise in den Gasthäusern ber Stabt, selbst im Ratskeller. UeberaU waren sie von
beim Winde — und mußten uns nach den Segeln richten. Wenn die Luvfchot des Reul zu klappen anfing: dann war es Zeit, in die Speichen zu greifen. Aufpassen, immer aufpassen, oder das Schiff drehte in den Wind und die Segel schlugen back.
Das ist nun alles eine Lektüre für die reifere Iugend, die sich vermutlich nicht viel dabei denken kann. Sie wird sich auch nicht vorzustellen vermögen, wie wir lebten, ilnfere Leiden und kleinen Freuden während ununterbrochener fünfmonatiger Segelschiffsreise — beispielshalber von Hamburg nach der Westküste von Mexiko — wenn man davon fingen und sagen wollte: es gäbe wirklich ein Buch. (Vielleicht gibt es noch eins.) Der Zentralpunkt, um den dieses Leven kreiste, war die Kombüse. Erbsen mit Speck, Dohnen mit Salzfleisch, Büchsenragout mit Sauerkraut, Pflaumen mit Klößen: da habt ihr das gesamte Küchen- repertoire, das sich von Woche zu Woche, von Monat zu Monat wiederholte. Aber am Sonntag gab es ein Stück frischgebackenes Weißbrot, 15 Zentimeter lang, fünf Zentimeter breit und drei Zentimeter hoch. Der Sonntag war ein feiner Tag! Die heute auf den Dampfern fahren, würden in einer Dauerstreik treten, wenn sie auch nur einen einzigen Tag das essen sollten, was wir stets gegessen haben. Und der Teufel soll mich holen: es hat geschmeckt. Salzfleisch und christliche Seefahrt: das war einmal eins, nicht voneinander zu trennen. Smutje, der Koch, und fein Labskauschstampfer waren Bestandteile einer Romantik, die nun unter Kohlen verschüttet, in Oel ersäuft ist.
Dann die Nächte im.Passat. Wer sie nie erlebt hat, auf einem Segelschiff, weih nicht, was berauschend ist. Die Masse der prallen Leinwand grell beleuchtet vom Mond. Das glitzernde Meer. Schweigen, Schweigen, Schweigen. Hin und wieder knarrt eine Stange. Leises Rauschen. Der Atem Gottes streicht über die See...
Da kann man nicht weiterschreiben. Da versinkt man in sich selbst. Du hast es erlebt. Es ist gewesen. Der letzte Windjammer zerschellte an den Kapverdischen Klippen.
Oer wirkliche Schluck.
Gerhart Hauptmanns Schauspiel „Schluck unb Sau“ behandelt bekanntlich eine Geschichte, bie überall in ber Weltliteratur auftritt, nämlich bie von dem armen Schlucker, ber zum Spaß von einer ausgelassenen Gesellschaft in einen hohen Herrn ver
wandelt unb bann wieder in fein Elenb zurück- gestoßen wird. Die berühmteste Gestaltung ist bie von dem Kesselflicker in Shakespeares „Zähmung der Widerspenstigen". Man hat verschiedentlich geschichtliche Vorbilder für dieses Motiv nachzuweifen versucht unb auf derartige Spässe hingewiesen, bie sich Kaiser Karl IV. und Herzog Philipp der Gute geleistet haben sollen. Aber erst jetzt wird dieser grobe Spaß historisch belegt durch eine französische Veröffentlichung über einen Grandseigneur des 17. Jahrhunderts, ben Parlamentsrat Gaspard de Venel, der ein großer Spaßvogel war und den Bewohnern von Aix sehr viel Stoff zum Lachen gab. Von ihm wird in den Archiven der Provence ein Dokument bewahrt, das berichtet: Eines Tages wurde ein Lastträger sinnlos betrunken im Rinn- stein bei bem Palast des Herrn de Venel in Aix gefunden, und auf Befehl 'Venels wurde er in das Palais gebracht, wo man ihn entkleidete, säuberte, mit feinster Wäsche versah unb in einem ber schönsten Zimmer des Hauses zur Ruhe bettete. Bei seinem Errvachen fanb sich der arme Teufel auf einem köstlichen Lager, von zahlreichen Bediensteten umgeben unb fragte: „Wo bin ich?" „Aber doch in Ihrem Schloß, Monseigneur," lautete die Antwort. Alle wetteiferten darin, ihn davon zu überzeugen, daß er der Herzog von Mercoeur, Gouverneur ber Provence, sei. Das gelang auch völlig. Der Lastträger fanb sich in bie Rolle, die man ihn spielen ließ, nahm bie Ehrungen entgegen, ohne mit ber Wimper zu zucken, präsidierte einem Festessen, bei bem er bie Gesundheit des Königs ausbrachte, und wohnte des Abends einer großen Gesellschaft bei, zu der zahlreiche Freunde Venels geladen waren. Die Poss« erreichte ihren Höhepunkt, als bie Frau bes Trägers, bie ihn, unruhig über sein Verschwinden, überall suchte und erfahren hatte, daß er sich im Palais de Venel befände, plötzlich erschien und in derber Weise aufforberte, sofort nach Hause zu kommen. Der vermeintliche Gouverneur wandte ihr entrüstet den Rücken und befahl ben Dienern, sie hinauszuwerfen. Man gab ihm nach dem Fest ein Schlafmittel, zog ihm wieder seine schmutzigen Lumpen an, und legte ihn dann in die Gosse, in der man ihn betrunken gefunden hatte. Als er erwacht«, sah er sein« Frau in drohender Haltung vor sich. „Du," sagte er, „ich habe einen großartigen Traum gehabt. Denke dir, ich war ber Herzog von Mercoeur, ich wohnt« in einem herrlichen Palais, alle Welt dienerte vor mir, unb ich gab ein prächtiges Fest.. / „Unb ich?" fragte die Frau. „Was war ich denn dabei?" „Du?" erwiderte er, „aber du warft doch natürlich die Herzogin von Mercoeur!..."


