Ausgabe 
29.1.1936
 
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Nr. 24 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

Mittwoch, 2Y. Januar 1YZ6

Jugend und Hochschule.

Jungarbeiter und Student am gemeinsamen Werk.

NSG. Die Jugend eines ganzen Volkes marschiert. Die Jugend eines Volkes kämpft. Die Jugend eines ganzen Volkes arbeitet. Es marschiert, es kämpft, arbeitet nicht mehr die Jugend von Parteien und Konfessionen, nicht mehr die Jugend von Jnter- essenoerbänden aller Art, nicht mehr dieStuden­tische Jugend auf der einen,Arbeiterjugend" auf der anderen Seite. Nein! Die g e - samte deutsche Jugend ringt und schafft in einer Front. Und im Reichsberufswett­kampf beweist diese Jugend ihren gemeinsamen Willen zur Leistung durch die Tat.

Es ist daher nur eine Selbstverständlichkeit, daß die deutsche Studentenschaft ihren ersten Reichs­leistungskampf in den Rahmen des Reichsberufs­wettkampfes einfügt. Dieser erste Reichsleistungs­kampf der Studenten ist in vergangenen Tagen an allen deutschen Hochschulen in schlichten Feiern er­öffnet worden, in denen jeweils ein Hitler-Jugend- Führer über den Reichsberufswettkampf und ein Studentenführer über den Reichsleistungskampf sprachen, um so auch äußerlich zu bekunden, daß beide zusammengehören.

Es gab eine Zeit, in der der Akademiker neben seinem Volk herlief. Er verstand das Volk nicht und das Volk verstand ihn nicht. Nicht ohne tieferen Grund entstand im Volkswitz die vielbespottete Fi­gur deszerstreuten", weltfremden Professors. Und Mit dem Studenten war es ähnlich. Nur daß er in zwei Typen herumlief. Einmal war es der feucht­fröhlich-romantische oder dünkelhafte Bierstudent, und zum andern der eigensüchtige Streber, der sich in einem Stoß von Büchern vergrub, möglichst viel Wissen nur um des Examens und der Karriere wil­len in sich anhäufte und im Studium ausschließlich ein Mittel zum späteren Broterwerb und höchstper­sönlichen Vorwärtskommen sah. Beide Typen gibt es noch. Aber sie stehen auf dem Aussterbeetat. Sie geben nicht mehr der deutschen Hochschule ihr Geprache.

Dort steht vielmehr bereits eine junge Mann­schaft im Braunhemd, die nur einen Willen hat, ihrem Volk zu dienen, die auch ihr Wissen in den Dienst an der großen Gemein­schaft des Volkes stellen will und so ihr Stu­dium als Verpflichtung dem Volksgenossen gegen­über auffaßt, eine Mannschaft, die politisch ist. Politisch sein, heißt für uns: wach sein für das Leben unseres Volkes und seine Notwendigkeiten, mitgestalten am Aufbau unseres Reiches.

Schon durch die Aufgabenstellung wird jeder Student, der sich am Reichsleistungskampf betei­ligt, gezwungen, eine politische Haltung zu beken­nen. Vier Hauptaufgaben sind dem ganzen Kampf vorangestellt:

Das deutsche Dorf, Der Betrieb als Einheit, Der Einfluß des Judentums in Wissenschaft und Kunst,

Die völkische Idee als kulturell gestaltende Kraft.

Das sind praktisch-politische Aufgaben, deren Lö­sung gleichzeitig eine intensive wissenschafliche Arbeit erfordert. Man hat uns den Vorwurf gemacht, wir seien Feinde der Wissenschaft. Wir wollten die Wissenschaft politisieren und ihr damit ihre Vor­aussetzungslosigkeit nehmen. Wir haben darauf nur eine'Antwort: Es hat nie eine voraussetzungs­lose Wissenschaft gegeben. Selbst die Naturwissen­schaften arbeiten mit Voraussetzungen, ihren Ar­beitshypothesen. Voraussetzung ist immer die Haltung, mit der jemand der Wissenschaft gegen­übertritt, die Forderung, die er an sie stellt und der Zweck, um den er sie treibt. Und da fordern wir allerdings, daß Wissenschaft nicht wie früher als Selbstzweck betrieben werden darf, sondern daß sie ein Instrument ist, das der Höher­entwicklung des Volkes zu dienen hat, und daß der Forscher mit nationalsozialistischer Haltung an die Wissenschaft herantritt.

Das deutsche Geistesleben war zersplittert. Ein Spezialistentum hatte Platz gegriffen, das nur je­weils seine Disziplin und sein Fachgebiet als das

allein wichtige sah. Viele wertvolle Kräfte, die für eine Aufgabe hätten eingesetzt werden können, wurden dadurch verzettelt. Aus dieser Erkenntnis heraus wird der Reichsleistungskampf in der Form der Gruppenarbeit durchgeführt: Eine Gruppe von etwa fünf Mann wählt sich ein Rah­menthema, das der örtliche Wettkampfleiter be­kanntgibt und das Bezug auf eine der vier Haupt­aufgaben hat. Der Gruppe können oder sollen Studenten verschiedener Fakultäten angehören. Im Rahmen des gestellten Themas bearbeitet dann jeder eine Einzelausgabe, die seinem Fachgebiet entspricht. Die Gruppenarbeit ist damit keine gei­stige Kollektivarbeit, sondern jeder einzelne Teil­nehmer bearbeitet selbständig eine Aufgabe, die ein Beitrag ist zu einem größeren Gedanken.

Die nationalsozialistische Weltanschauung ist total. Ihre Totalität erstreckt sich auf alle Lebensgebiete und erfaßt den ganzen Menschen. Wir bekennen uns zu dem Prinzip der Leistung und das bedeutet: die wissenschaftlich-fachliche Arbeit muß sich gründen auf eine politische Haltung, muß sich bewähren im politischen Einsatz und muß getragen sein von einem klaren und festen Eh a r a k t e r. Die Teilnehmer am Reichsleistungkampf werden daher am Schluß des Semesters in Lagern zusammengezogen, um dort zu zeigen, daß sie ganze Kerle sind.

Unser neues Reich setzt seine Ziele fern und weit, darum dürfen wir mit unseren Gedanken weit aus­greifen und auch das Große, Ferne und Weite be­rühren. Wir verlieren uns damit nicht ins Unbe­stimmte und Wirklichkeitsferne. Denn die Ansätze zur Verwirklichung dieses größten Zieles sind heute schon da, dank der Tat des Reichsministers Rudolf Heß, der die Jugendherberge in Altena in West­falen, die erste der Welt, deren Begründung jetzt genau vor einem Dierteljahrhundert erfolgte, aus diesem Anlaß zurW e l t j u g e n d h e r b e r g e" weihte, in der sich die Jugend der verschiedenen Völker ein Stelldichein geben sollte. Welche Aus­sichten, welche Hoffnungen. Die Aufgabe der Völkerverständigung soll hier dem Ränke­spiel derjenigen, die vielfach geradezu an der Zer­fleischung der Völker interessiert sind, entwunden und dem lauteren Sinn der Jugend anvertraut werden.

Der Kameradschaftsgeist, auf den diese Verständigung begründet werden soll, ist der Freund­schaft nahe verwandt. Wie schon Aristoteles in der Nikomachischen Ethik lehrt, ist die Anlage zur Freundschaft besonders stark in der Jugend, wäh­rend sich bei den Erwachsenen oft geschäftliche Interessen einmischen:Auch ältliche Leute und mürrische Gesichter sind wenig zur Freundschaft geeignet. Denn bei ihnen ist wenig Vergnügen zu holen, und niemand kann es lange bei einem un­angenehmen oder auch nur nicht angenehmen Men­schen aushalten. Unter mürrischen Personen aber und ältlichen Leuten werden Freundschaften um so seltener geschlossen, je launenhafter sie sind und je weniger ihnen der Umgang mit anderen Freude macht. Denn freundliches Wesen und Geselligkeit scheinen der Freundschaft vorzugsweise eigen zu sein und ihre Entstehung zu bewirken. Daher be­freunden jüngere Leute sich schnell, ältere aber nicht. Denn man befreundet sich nicht mit solchen, an denen man keine Freude hat ..."

Sagen wir es unumwunden und ganz offen, daß wir von dem echten, von Geschäftsinteressen noch ungetrübten, Kameradschaftssinn der I u - g e n d mehr als von allem anderen die Verständi­gung der Völker erwarten!

Unsere Aufgabe, unsere Sendung aber ist es, hier voranzugehen (ganz so wie auf Vorschlag der Hitler-Jugend am 27. Oktober unter dem Titel Jugend singt über die Grenzen" die erste Gemein­schaftssendung der Jugend aller Nationen statt­

Organisatorisch wird der Reichsleistungskampf durchgeführt von der Deutschen Studentenschaft. Die gesamte weltanschaulich-politische Ueberwachung obliegt der Parteigliederung an der Hochschule, dem NSD.-Studentenbund. In den Durchführungs- und Bewertungsausschüssen treten neben Vertretern der Wissenschaft in erster Linie Vertreter der Partei zusammen. Der ganze Reichsleistungskampf wird in engster Anlehnung an den Reichsberufswett- kampf' der Hitler-Jugend und in steter Fühlung­nahme mit ihr durchgeführt.

Wir nationalsozialistische Studenten stellen uns bewußt in die Reihen der gesamten schaffenden deutschen Jugend, weil wir wissen, daß neue Ideen immer nur von innerlich jungen Menschen vorgetragen und neue Wege nur von der Jugend beschritten werden. Die Jugend an Deutschlands Hochschulen muß im Kampf um eine neue Welt­anschauung und neue Lebensformen vorangehen. Wir haben daher den festen Willen, diesen ersten Reichsleistungskampf zu einem Erfolg werden zu lassen, um mit den praktischen wissenschaftlich­politischen Ergebnissen dieses Kampfes von der Ju­gend her Anstoß und Anregung zu geben, die Wis­senschaft in neue Bahnen zu lenken und so unseren Teil beizutragen zum Neubau unseres Reiches.

fand). Nicht zufällig, sondern mit innerer Not­wendigkeit wird deutsche Art durch Jugendgestalten symbolisiert. Unser Volk hat am ausgeprägtesten von allen den Jugendgeist und seine Eigentümlich­keiten, wozu vor allem der Sinn für Kame­radschaft und Freundschaft gehört. Unsere Bewegung, die sich auf den deutschen Geist und darum vor allem auf den Jugendgeist stützt, wird auch diesen Kameradschaftsgeistlieber die Gren­zen" in den Dienst ihrer Ziele stellen, denn sie lehrt nicht nur ritterliche Selbstachtung, sondern ebenso ritterliche Fremdachtung alles edel gearteten Men­schentums, und sie weist nur diejenigen weit von sich, die uns auf irgendeinem Wege zum Unter­menschentum hinführen möchten. Die deutsche Nei­gung, sich besonders leicht mit den Fremden anzu- sreunden charakteristisch dafür ist das Wort Das und das ist nicht weit her", hat viel Schaden angerichtet; hier könnte sie auch einmal in den Dienst hoher Ziele gestellt werden. Kul­turpropaganda mit lebendigen Mitteln, wirksam und billig zugleich, andere geben Millionen für diesen Zweck aus!

Das Netz der Autostraßen, das uns unser Führer geschenkt, hat vor allem auch die Auf­gabe, Deutschland dem Fremdenverkehr zu erschlie­ßen. Dem Netz der Autostraßen muß und wird das Netz der Jugendherbergen entsprechen. Hierdurch wird Deutschland den anderen Völkern erst ganz erschlossen werden, nicht nur äußerlich, sondern innerlich, im Herzen, durch seine Jugend. Bauen wir unsere Jugendherbergen aus zu Stätten unserer werdenden deutschen Kultur des Jugend­geistes, und öffnen wir sie auch der Jugend anderer Völker!

Die Erwachsenen werden dann auch davon hören und zu uns kommen. Schon jetzt kann man beobach­ten, daß Fremde, die Deutschland bereisen, vor allem auch an unserer Jugend Gefallen finden. Eröffnen wir den Europäern wieder den Blick für die Werte der Jugend, die die Werte des Leben­digen sind! Wir werden sie dadurch für uns ge­winnen.

Siehst du nun, Kamerad, daß es mit unseren Jugendherbergen eine große Sache ist? Wenn du nun etwa einen Bürgermeister oder sonst ein gro­ßes Tier kennst, das Einfluß besitzt, dann heißt es: diese Sache einspannen und in unserem Sinne ge­hörig bearbeiten!

Berufswahl und Berufsberatung

Don Kurt Blauhorn

Fünfzehn in der Oberprima büffeln fleißig zum Abitur. Hoffen wir, daß sie es alle bestehen mögen. Die Klasse will dann gemeinsam der Arbeits- und Militärdienstpflicht genügen.

Und bann? --

Das ist eine Frage, die jeden jungen Menschen früher oder später einmal berührt, gleichgültig, ob er nun der Volksschule entwachsen ist oder von der mittleren ober höheren Schule kommt. Wir haben einen Abschnitt hinter uns unb wollen nun mit ben Kräften unb Fähigkeiten, bie uns gegeben sind, und die in der Schule entfaltet wurden, i n s Leben des Volkes treten, jeder an feine Stelle, an eine Aufgabe, zu der er sich berufen fühlt. Berufswahl ist demnach die freie Ent­schließung eines jeden zu einem Beruf, der seinen Anlagen und Fähigkeiten am meisten entspricht.

Da ist unser Unterbannführer, der will die Offi­zierslaufbahn einschlagen, desgleichen Heini Westen­dorff, der schon die psychotechnische Prüfung bestan­den hat. Helmut Backhaus,Altmeister" im Segel- lug, der auch unsere Fliegerschar aufgezogen hat, geht natürlich zu den Fliegern. Doch weiter! Ernst und Hannes wollen Volksschullehrer werden.

Und die übrigen? Die bleiben zunächst stumm, weil sie sich noch nicht endgültig haben entschließen können.

Leicht ist die Entscheidung ja nicht! Mancher möchte gern diesen ober jenen Beruf ergreifen, doch treten bann hier oft finanzielle oder andere Schwie­rigkeiten auf, bie eine notwendige Fortbildung un­möglich machen, ober es kommen noch Bedenken und Abreden der Eltern hinzu, die schwerwiegend in die Waagschale fallen. In diesen Fällen soll bie Berufsberatung bann helfen, den Weg ins Leben zu finden. Daraus erhellt, welche Verantwortung dem Berufsberater zuzumessen ist: er muß nicht allein über alle Berufsfragen Auskunft geben, son­dern sich auch über die Fähigkeiten des einzelnen ein genaues Urteil bilden können. Was nutzt die Neigung, wenn einer schließlich das Zeug zu einem Beruf nicht mit sich bringt. Verständnisvol- l e s Beraten kann manchen Fehlentschluß noch rechtzeitig rückgängig machen.

Eine Gefahr jedoch taucht in der Berufsberatung selbst auf: sie ist leider allzu leicht geneigt, ihre Auf­gabe nur als vorbeugende Regelung vonAnge­bot und Nachfrage" aufzufassen. Es ist be­kannt, daß gegenwärtig die Aussichten im Reichs­heer für Offiziersanwärter unb dergleichen günstig find. Grundverkehrt wäre es trotzdem, einen jungen Menschen, der nach Zeugnis und Aussehen geeignet erscheint, kurzerhand für diesen Beruf zu bestimmen. Ebenso verfehlt wäre es, einem Abiturienten, der wohl Neigung zum Journalismus hegt, aber mit großen wirtschaftlichen Hindernissen zu kämpfen hat, in der Weise entgegenzukommen, daß man ihm ein­redet: Werde doch Volksschullehrer, junger Nach­wuchs ist gerade hier sehr gesucht, unb in einigen Jahren hast bu eine gesicherte Stelle.

Jener Offizier, jener Volksschullehrer wirb in seinem Beruf doch niemals bie vollkommene Be­friedigung finden, die ihn zu Höch st lei st ungen treibt weil er eben nur zwangsläufig an diese Stelle kam. Abgesehen von der rein menschlich un­glücklichen Lage, die dem einzelnen daraus er­wächst, ist die Gefahr für die Gemeinschaft noch viel großer. Brauchen wir doch gerade in den genann­ten Berufen berufene Männer, die bei ihrer zweifellos sehr bedeutenden Aufgabe für ben na­tionalsozialistischen Staat mit ganzem Herzen stehen.

Bei ber Berufswahl unb Berufsberatung soll in erster Linie der Neigung als bem gesunden, in­stinktiv richtungsweisenden Faktor Rechnung ge­tragen werden. Es muß immer unb unter allen Umständen möglich gemacht werden, daß jeder cm die Stelle kommt, die ihm kraft seiner Fähigkeit unb Veranlagung gebührt. Auf jeben Fall brauchen wir ganze Kerls in jebem Beruf.

Echte Kameradschaft der Zungen ein Weg zur Verständigung.

Von Or. Erich Iaensch, o. ö. Professor der Philosophie an der Universität Marburg.

Abessinien im Unterricht.

Von Or H. Ouvrier.

Jeder Erdkundelehrer kommt heute mit der Be­handlung Abessinien im Unterricht ben Bitten seiner Jungen entgegen. Er wirb sich allerbings in bezug aüf die täglichen Kriegsereignisse mit den Nachrich­ten begnügen müssen, die bie Jungen aus ben Zei­tungen entnehmen. Dabei geben sie je nach ber Altersstufe entweder eine Anhäufung abenteuer­licher Kriegshandlungen, vom Abschuß eines Flie­gers oder ber Ermordung italienischer Gefangener wieder, ober sie erzählen Einzelheiten von ben Schwierigkeiten und Vorteilen, die das Land den kriegführenden Parteien bietet. Aeltere geben Auszüge aus politischen Leitartikeln wieder, die die Abessinienfrage innerhalb der Weltpolitik behandeln.

Kein Lehrer darf dabei in den Fehler verfallen, die Flut der Mitteilungen am Ende nur zusam­menzufassen. Er muß soll die Stunde mehr brin­gen als eine bloße Wiedergabe der Zeitungsnach­richten von vornherein den Schülern Gesichts­punkte geben, nach denen sie ihr Wissen aus der Zeitung darstellen können.

In der Mittelstufe sind schon größere Zusammen- bie Kampfhandlungen, die verwendeten Waffen und die Eigentümlichkeiten des fremden Landes Blick­punkte der Betrachtung sein. So geben z. B. Sex­taner sehr lebendige Berichte wenn man sie die Bewaffnung der Abessinier und Italiener schildern läßt, die sie in illustrierten Zeitschriften und m Filmen gesehen haben. Man wird dabei selbstver­ständlich sich nicht die Möglichkeit entgehen lassen, die Bewaffnung unb Ausrüstung dieser Truppen mit ber unseres Reichsheeres zu vergleichen.

In ber Mitelstufe sind schon größere Zusammen- hänae erfaßbar. So kann eine Erdkundestunde ganz unter dem Thema stehen: 2B eld)es Äl1 m a herrscht in Abessinien? Dabei lassen sich fast alle Eigenheiten des tropischen Klimas aus bem lebenbigen Wissen heraus abtelte' b°5 Jungen aus ben Zeitungen herauslesen Der Leh­rer hat bann bie Aufgabe, bas Wissen nut allgemei­nen klimatischen Begriffen zu füllen unb zu festigen.

Auch hier wirb ber Vergleich mit ber Hei - m a t eine beutlichere Anschauung vermitteln. In einer anderen Stunde kann man, allein von den Truppentransporten, die Verschiebungen unb An­sammlungen der Seestreitkräfte im Mittelmeer aus­gehend, Grenzen, Ausdehnung, Teile und Form des Mittelmeeres behandeln, Entfernungen im Hinblick auf Flugzeugaktionsradien messen unb eine Faustskizze bes Mittelmeeres anfertigen lassen. Auf ber Mittelstufe muß die lebendige Anschauung zum Tatsachenwissen hin geführt werden. Denn erst auf der Grundlage eines guten Wissens laßt sich po­litische Schulung weiterbauen. Ohne in bie Gefahr der Schlagworte zu verfallen, wird man als weitere Gesichtspunkte der Besprechung Abessi­niens die Bewässerung Ost-Afrikas, das Siedlungs­bedürfnis Italiens, den natürlichen Festungscharak- ter des abessinischen Hochlandes, die Bedeutung des Suezkanals und die Frage der Sanktionen heran­ziehen können.

Auf der Oberstufe ist auf das Tatsachenwissen natürlich nicht zu verzichten. Dies muß wiederholt und der Rahmen der Themen weiter gespannt werden. Man kann etwa von der verschiedenen Einstellung der europäischen Mächte zu den afri­kanischen Kolonien ausgehen. Frankreich braucht seine Kolonien hauptsächlich als Menschenreservoir für seine Heere, England als Rohstoff- und Absatz­gebiet unb zur Sicherung des Weges nach Indien. Italien will neues Siedlungs-, Rohstoff- und Absatz­land erkämpfen. England würde sich von einem ita­lienischen Abessinien an entscheidenden Stellen be­einträchtigt fühlen: Am Suezkanal, atn Roten Meer und an den Quellen des Nils am Tanasee. Die abessinische Frage, vom Standpunkt Englands aus betrachtet, ist ein ebenso dankbares Thema wie die Fragen der Sanktionen, des Völ­kerbundes, der tropischen Rohstoffe und des Erdöls.

In allen Altersstufen soll das Streben vorherr­schen, das lebendige Gegenwartswissen der Jun­gen nicht nutzlos in Gerede ober Schlagworten ver­puffen zu lassen, fonbern es in georbnetem, fest- geleqtem Arbeitsplan zu einem festen Tatsachen­wissen über erkundliche unb politische Dinge wer­den zu lassen. Aus ihm heraus soll ber Junge geopolitisch benfen lernen, d. h. erleben

und begreifen, wie die Völker von ihrem Lebens­raum abhängig sind und wie sehr Raum und Po­litik eine Einheit bilden. Er kann unb muß rich­tig geleitet biefe Einheit an ausländischem Ge­schehen ebenso begreifen wie durch Erlebnisse auf Fahrt in seiner Heimat.

Hochschule im Urwald.

Von Heinz Teske.

Die Hochschulen hier in Kanada sind noch jung. Ich hatte durch Bekanntschaft mit Professoren in letzter Zeit mehrmals Gelegenheit, die hiesige Universität zu besuchen. Sie liegt weit draußen vor ber Stadt, ein Omnibus befördert mich hin­aus. Mit jener Großzügigkeit, wie sie nur im nordamerikanischen Westen möglich ist, wurde mit­ten im Urwald ein mächtiges Gebiet abgesteckt unb der Wald abgeholzt, soweit er noch nicht herunter­gebrannt war. Noch jetzt ragen die riesigen verkohl­ten Baumstümpfe unmittelbar neben ber gepflegten Autostraße hoch. Nach diesen geringen Vorbereitun­gen hat die reiche Provinz Britisch-Colurnbia eine aufs modernste eingerichtete Universität aufgeführt, mit chemischen und physikalischen Laboratorien, ausgedehnten Lehr-, Verwaltungs- und Biblio­theksgebäuden, großen Sportplätzen, zahllosen Versuchsfeldern für Garten- und Feldfrüchte, mit Zucht- unb Bruthäusern für Geflügel und tausen­derlei Dinge mehr, die sich unmöglich alle auf­führen lassen. Ein Student geleitete mich zuerst in ein Kolleg, bas ein junger Gelehrter über neuere Geschichte las. Der junge Professor man kann hier überraschend schnell Professor werden war gerade dabei, ein Bild ber Persönlichkeit Bismarcks zu entwerfen und die Vorgeschichte der Reichsgrün­dung klarzulegen. Es ist wohl für jeden Ausländer schwierig, zu verstehen, wie Bismarck, der zwar aus dem preußischen Junkertum stammte, gleich­zeitig kraft seiner Genialität alles Begrenzte unb Enge ber Herkunft überwand. Ich bin einigerma­ßen im Zweifel über bie Wirkung, bie bie doppel- gesichtige Schilberung Bismarcks in ben Köpfen der Studenten hervorgebracht haben mag.

Der Zufall führte mich darauf in ein Shake­speare-Kolleg. Heinrich der Vierte wurde gelesen. Der Saal war gedrängt voll von Damen haupt­sächlich; denn während die naturwissenschaftlichen Fächer fast ausschließlich von Männern betrieben werden,' herrscht in allen geisteswissenschaftlichen Disziplinen die Studentin. Der Vortrag des glän­zenden Interpreten zog sofort alle in seinen Bann. Die Shakespeareschen Gestalten gewannen mit all ihrem Witz und ihrer Lebensnähe so saftvolle Wirklichkeit, daß das Stundenzeichen viel zu früh ertönte.

Mein Mut hatte sich gefestigt, und ich begab mich in eine Vorlesung, die der Leiter der deutschen Abteilung überFaust", 1. Teil, hielt. Von draußen sehen noch die Stümpfe der Urwaldbäume durchs Fenster, und drinnen erklingen vor einer kleinen, aber erlesenen Schar die unsterblichen Verse des Prologs im Himmel. Und sie klangen wirklich. Es gab keine Vokabelbesprechungen. Die Kenntnis der Wortbedeutungen wurde einfach als bekannt vor­ausgesetzt, obgleich an ungebräuchlichen Worten imFaust" kein Mangel ist. Die gesamte Zeit wurde darauf verwandt, den künstlerischen und gei­stigen Gehalt der Dichtung auszuschöpfen. Die Stu­denten arbeiteten lebhafter und mit größerer Teil­nahme, als ich es aus gleichartigen deutschen Kol­legs gewohnt war.

Philosophie schien mir nicht sehr hoch im Kurse zu stehen. Dafür sah ich aber dicke deutsche phy­sikalische und chemische Tabellen aufgeschichtet, ohne die man anscheinend nicht auskommen kann und um derentwillen allein viele Deutsch lernen.

Seitenlang ließe sich über die himmelweiten Un­terschiede in der geistigen Verfassung amerikanischer und europäischer Studenten, über die vorzüglichen Einrichtungen der Klubs der Hochschullehrer, der bequemen Arbeits- und Unterhaltungsräume der Studenten berichten. Aber was die amerikanischen Universitäten vor den deutschen auszeichnet, ist eben nicht größeres Können, sondern mehr Geld. Ein Professor, mit dem ich lange über all diese Dinge sprach, sagte zum Schluß zu mir:Lassen Sie uns den Ruhm, viel Geld zu haben, und pflegen Stt den Ihren, so viel mehr niit so viel weniger Geld zu fein!"