Nr. 269 Zweites Blatt
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Montag, lb. November (936
Drallarten verlangen. Die Sorgfalt, die während dem Geschmeide krön des ganzen Betriebs waltet, um ein einwandfreies lichen Wald plötzlich Fadenmaterial herzustellen, findet in der Sortie-fden Festsaal verwanl
in einen einzigen schimmern-
Festsaal verwandeln.
Die Verbrauchergenossenschaft Gießen hatte für den gestrigen Sonntag zur alljährlichen Vertreterversammlung in das Katholische Vereinshaus eingeladen. Der Vorsitzende des Aufsichtsrats, Heinrich Schneider, gedachte zunächst der verstorbenen Genossenschafter, zu deren Ehren man sich erhob.
Sodann erstattete der Geschäftsführer Rudolf Storck den Bericht über dos Geschäftsjahr 1935/36. Dem
Der Grundbesitz der Genossenschaft veränderte sich nicht. Er setzt sich aus 14 bebauten und 1 unbebautem Grundstück zusammen. — Der Gesamtbetrag der abgeführten Steuern belief sich auf 70 818,32 Mark. Von diesem Betrag wurden 7178,49 Mark durch die Gefolgschaft als Lohn- und Bürgersteuer bezahlt. Die Sparkasse der Genossenschaft hat am 30. Juni 1936 einen Bestand von 155 625,44 Mark. Im Vorjahre belief sich der Bestand auf 225 501,27 Mark. Es erfolgte eine Mehrauszahlung von 69 875,83 Mark. Diese Mehrauszahlung wurde aus eigenen Mitteln und eigener Kraft der Genossenschaft durchgeführt. Durch die S t e r b e k a s s e wurden im abgelaufenen Geschäftsjahr 861,50 Mark zur Auszahlung gebracht.
Der Personalbestand betrug am 30. Juni 1936 48 männliche und 35 weibliche Angestellte, zusammen also insgesamt 83 Personen. Die Genossenschaft zählte am 1. Juli 1935 89 83 Mitglieder, der Zugang im Laufe des Jahres 1935/36 betrug 198 Mitglieder. Durch Kündigung schieden 219 und durch Tod 62, insgesamt also 281 Mitglieder aus, so daß d er Mitgliederstand a m 3 0. Juni 1936 8900 Mitglieder betrug.
Die Anzahl der Geschäftsanteile entspricht der Anzahl der Mitglieder. Das Gesamtgeschästsgut- haben belief sich am 1. Juli 1935 auf 205 726 Mark, am 30. Juni 1936 auf 203 676 Mark. Die Gesamthaftsumme lautete nach dem Stand am 1. Juli 1935 auf 269 490 Mark und nach dem Stand vom 30. Juni 1936 auf 267 000 Mark. Die Geschäftsauthaben der Mitglieder haben sich gegenüber dem Abschluß des Vorjahres um 2050 und die Haftsumme der Mitglieder um 2490 Mark v"rmind->rt.
Der Jahresabschluß zeigt auf beiden Seiten die Summe von 928 001,80 Mark. Die Gewinn- und Verlustrechnung schließt in Aufwänden und Erträgen mit je 422 034,83 Mark ab. Die Gewinn- und Verlustrechnung, die bin Versammlungsteilnehmern ebenfalls in allen Einzelheiten gedruckt vorlag, ließ erkennen, daß die Gesamtaufwendungen trotz erhöhter Steuern und trotz höherer Abschreibungen zurückgegangen sind.
In einem Ausblick kam zur Sprache, daß die Entwicklung der Genossenschaft im laufenden neuen Geschäftsjahr als recht günstig zu bezeichnen sei. Die Monate Juli, August, September und Oktober haben bereits eine Umsatz st eigerung von 52 0 00 Mark gebracht. Auch für die kommenden Monate erhofft man durch die Belebung des Arbeitsmarktes eine weitere Verbesserung des Umsatzes.
Oer Bericht des Aufsichtsrates.
Im Bericht des Aufsichtsrates, der von der Versammlung durch den Aufsichtsratsvorsitzenden Heinrich Schneider erstattet wurde, wurde betont, daß die Verbrauchergenossenschaft zunächst den Nachweis chrer Leistungsfähigkeit erbringen mußte. Die
form gebrachte Kunstseide wird noch einmal einer Nachbehandlung unterzogen und gelangt nach einem nochmaligen Trocknen in einen Sortier- und Packraum, von wo aus der Versand der verschiedensten Qualitäten vorgenommen wird. Die Vielseitigkeit der Qualität ist deshalb so groß, weil die einzelnen Verarbeitungsgebiete besondere Fadenstärken und
durchbrechen, das Gewoge mit köstlichem funkelndem Geschmeide krönen, wenn sie den ganzen Herr-
Weitere ist nun Sache der Spinnereien, Webereien und Wirkereien, aus diesem schneeigen Vließ die verschiedenartigsten Stoffgebilde herzustellen.
Ungemein reizvoll ist es auch, in Premnitz die Viskose-Spinnerei der Kunstseide-- f a b r i k zu verfolgen. Dort laufen Tausende von Fäden ujit) jeder dieser Fäden läuft für sich allein auf eine Spule. Die auf diesen Spulen befindlichen Fadenlagen werden nach dem Auswaschen und Trocknen in textilen Betrieben gezwirnt, d. h. mit einem Drall versehen. Die dann weiter in Strang-
Jahresbericht
der Verbrauchergenossenschaft, der den Versammlungsteilnehmern auch gedruckt oorlag, sei folgendes entnommen:
Das abgelaufene Geschäftsjahr ist das erste nach dem Erlaß des Gesetzes über die Verbrauchergenossenschaften vom 21. Mai 1935. Dieses Gesetz brachte im wesentlichen zwei Feststellungen. Diejenigen Genossenschaften, bei denen eine Wiederherstellung ihrer Wirtschaftlichkeit aussichtslos erschien, mußten sich auflösen. Den gesunden Genossenschaften dagegen wurde die volle Gleichberechtigung ihrer wirtschaftlichen Stellung zugestanden. Die Verbrauchergenossenschaft Gießen gehörte nicht zu denjenigen Vereinigungen, die es nötig hatten, von der nach dem Gesetz erleichtert möglichen Auflösung Gebrauch zu machen. Daß die Gießener Genossenschaft die Fährnisse der letzten zwei Jahre erfolgreich Überstand, verdankt sie der Treue und der aenossen- schaftlichen Einsicht ihrer Mitglieder. Durch das vorerwähnte Gesetz ist der Weg für eine positive Weiterarbeit frei. Die Entwicklung im Berichtsjahr wird manchen Zweifler davon überzeugt haben, daß ängstliche Erwägungen über das Schicksal der Genossenschaft unangebracht waren.
Der Gesamtumsatz der Verbrauchergenossenschaft Gießen betrug im Berichtsjahr 1 683 526.34 Mark gegenüber dem Vorjahre mit einem Umsatz von 1 690 874,99 Mark. Das bedeutet eine Minderung um 7348,65 Mark (0 43 v. H.). Der Umsatzverlust ist durch die Schließung der Verteilunqs- stellen Neuen Bäue und Kinzenbach sowie durch die Aufhebung der Fleischverteilungsstelle ab 1. Januar 1936 entstanden.
Der Bäckereibetrieb zeigte im abgelaufenen Geschäftsjahr eine günstige Entwicklung. Der Umsatz in diesem Betrieb betrug 165 968.26 Mark gegenüber dem Vorjahre mit einem Umsatz von 153 763 39 Mark. Die Steigerung beläuft sich auf 12 204,87 Mark, um 7,9 v. H. Diele Mitglieder wurden im abgelaufenen Geschäftsjahr wieder treue Abnehmer der eigenen Bäckerei. Die Fleischerei wurde am 31. Dezember 1935 geschlossen. Bedingt durch die schwierige Lage ließ es sich nicht länger verantworten, die Fleischerei aufrechtzuerhalten. Das Kohlengeschäft gestaltete sich im abqelaufenen Geschäftsjahr zufriedenstellend. Der Gesamtumsatz der Kaffeerösterei bewegte sich mit 56 261 Mark auf der Höhe des Vorjahres.________________
Iahresrückschau der Verbraucheraenossenschast Gießen
Wie die Bistra-Faser entsteht
Ein Werkbesuch in Premnitz.
Von Dieter von der Schulenburg.
gewaltigen Kesseln, Tanks und Rohren, an denen Ventile und Druckmesser auf allerlei geheime Vorgänge schließen lassen, die hier im Innern, unseren Blicken entzogen, vor sich gehen. Luftdicht muß alles verschlossen sein, denn hier tritt nun der flüchtige Schwefelkohlenstoff hinzu, geht mit unserer Natronzellulose eine Verbindung ein, und das Erzeugnis aus dieser ist nun nicht mehr der weißliche Faserstoff, sondern ein ganz neues, braungelbes Produkt, das die Chemiker Tanthat nennen. Der Name ist dem Griechischen xanthos, gelb, entnommen. Wird nun Tanthat abermals mit Natron-
V. A. Ganz in der Nähe von Rathenow, etwa auf < der Hälfte der nach Brandenburg weiterführenden ' Straße, liegt das Dorf Premnitz. Hohe, rauchende < Schlote, weitläufige Werkanlagen, Hallen, Säle und ' Verladeschuppen mit Prähmen, Eisenbahngleise, । Heizräume und Kesselhäuser mit gewaltigen Rohrleitungen von der vielfachen Dicke einer Python- ' schlänge weisen schon von weitem den Weg und , verraten nach wenigen Minuten, wo man sich befindet. Im Musterzimmer steht man zunächst betroffen vor der unerhörten Fülle und Vielseitigkeit des ' Materials, das hier in Premnitz, wenigstens im Rohstoff, hergestellt wird.
Da liegen auf langen Tischen Damen st offe aller Art, Unterwäsche, Strümpfe, namentlich Damenstrümpfe von einer Feinheit und Weichheit der Seidenqualität, daß sie sich wie Oel anfassen. Da befinden sich schwere Anzugstoffe auf den Tischen, stärksten Strapazieranforderungen gewachsen, wie für Militär zw ecke, Arbeitsdienst usw. Da sind ferner Mischstoffe mit Leinen oder Kunstseide, Wollstoffe unter Zusatz von XT-Faser her- gestellt, die nach einem neuen Verfahren erzeugt wird. Und es ist eine prächtige, ebenfalls ganz weiche Wolle, die an Hasenwolle oder Kamelhaar erinnert, an das bekannte Angora-Kasha etwa, dem Tierprodukt nicht nachstehend. Um so wirkungsvoller aber ist die Erklärung, daß schon 25 v. H. Zusatz von Vistrafaser zu den in Deutschland verarbeiteten Baumwollmengen und Wollmengen eine Devisenersparnis von 100 bis 20 0 Millionen Reichsmark ausmacht. Sehr interessant ist auch, daß die Vistrafaser schon früher zu Millionen Kilo nach Amerika ging. Das seinerzeitige Abgehen der angelsächsischen Länder vom Goldstandard hat die weitere Entwicklung dieses deutschen Absatzgebietes gehemmt. Bezeichnend ist aber die Tatsache, daß ein Land wie die Vereinigten Staaten, die selbst Baumwolle als natürlichen Rohstoff im Ueberfluß besitzen, die nächst Aegypten und wenigen anderen Gebieten auf der Erde Anbau- und Hauptausfuhrland von Baumwolle sind, Vistrafaser von uns bezogen. Der Bedarf nach ihr wächst drüben stetig, so daß man dazu übergegangen ist, sie dort selbst herzustellen.
Die erste Anregung, eine Faser künstlich zu erzeugen, gab 1734 Reaumur. Anfangs der 80er Jahre gelang es dann dem Grafen Chardonnet, Kunstfäden fabrikatorisch herzustellen, die er „künstliche Seide" nannte. Verbesserungen folgten, bis die vier Hauptverfahren: das Nitrat-, Kupfer-, Viscofe- und Acetatkunstseideverfahren technisch in großem Stil zur Durchführung gelangten. Allen ist das gleiche Grundmaterial, die Zellulose, zu eigen, die man entweder in Form von Sinters (d. H. Baumwollfäden.) vL^wend^t oder aus dem Fichtenholz, neuerdings sogar aus der Rotbuche gewinnt. Das Holz wird geschält, von Aesten befreit, naß geschliffen und mit Sulfitlauge gekocht. In großen Papptafeln kommt es dann zur Verarbeitung in Vistrafaser.
Zur größten praktischen Bedeutung gelangte das Viskoseverfahren, das die Engländer Croß, Bevan und Beadle entdeckten. Nach diesem wird auch in dem großen Werk von Premnitz gearbeitet. In der „Sägerei" sehen wir zunächst die mächtigen Stapel der weißen Pappe, der Zellulose, wie sie hier angeliefert wird. Mit Aetznatronlauge behandelt, wird sie zu Natronzellulose. Stapel für Stavel, auf Karren herbeigeschafft, wandert io in die lange Reihe eiserner, mit dieser Sauge gefüllter Tröae. Wie Söschpapier saugt jede Tafel gierig die Flüssigkeit auf, bis am Ende der Tröge sich die Backen einer Presse zusammenschieben, die Flüssigkeit herauspressen und nun die feuchten Tafeln im Riesentrichter einer Zerkleinerungsmaschine, einer Art von Fleischwolf im Großen, verschwinden.
Unter dem Gedröhn von Walzen, an denen sich scharfe Messer und Hacken befinden, werden sie nun in dieser Zerfaserungsmaschine in Stücke gerissen, bis zu einer lockeren, flauschigen Masse. Diese gelangt wieder weiter in ein oberes Stockwerk mit
lauge und Wasser aufgelöst, gewinnt man eine sirupartige, klebrige Flüssigkeit, die in ihrer Beschaffenheit und Farbe genau dem Bienenhonig ähnelt. Sie heißt nun Viskose, nach dem lateinischen Wort viscosus - klebrig, zähe, und ist nun die begehrte Spinnflüssigkeit, genau wie sie die Seidenraupe als Fibroin in ihrem Selbe produziert.
Jetzt treten wir in eine der riesigen Werkhallen, in der hohe kastenartige Spinnmaschinen stehen. Man sieht Spulen über die Fäden laufen. Und merkwürdig, scheinen nicht diese aus einer Flüssigkeit zu steigen, die in einer Rinne mählich dahinfließt? All diese Dutzende und aber Dutzende von zuerst zwirnsfeinen Fäden, die da aus dem Rinnsal wie feine Fontänen emporsteigen, vereinen sich am Ende der Spinnmaschine zu einem Strang, laufen weiter, nehmen Nachbarn auf, um endlich einer Walzenanlage zugeleitet zu werden, die ihnen den Ueberschuß der Spinnlösung abquetscht. Dann sieht man noch das weiße, nun breite Band in einen schier endlosen Kanal untertauchen, der nichts weiter als eine Klär- und Reinigungsanlage, zuerst mit allerlei Säuren, dann mit heißem Wasser gefüllt, darstellt.
Treten wir aber noch zunächst einmal an die Spinnmaschinenkästen mit ihren Rinnen, sehen wir vor unseren Augen, wie sich ein neues unfaßbares Wunder vollzieht. In dieses sogenannte Fällbad hinein tauchen gebogene Rohre, an deren Ende sich jedesmal eine Düse befindet. Diese ist ein unerhörtes Meisterstück von Präzision und wurde zuerst von einem Uhrmacher namens Eilfeld aus Gröbzig hergestellt. Sie besteht nämlich aus Edelmetall- Legierungen, oder aus einem ganz eigenartigen Metall, einem neuen Werkstoff, dem Tantal, das von der Glühlampenindustrie her bekannt ist. Die Düsen aus diesem Metall haben winzige Oeff- nungen, bis zu 0,1 mm feine, und je nach der Stärke des erstrebten Fadens befinden sich nun 24 bis 50 derartige Löcher auf ihrem Kopfende oder bei größeren Düsen 1000, ia sogar 2000 Oeffnun- gen. Bei der Feinheit des Fadens zählt man nach ,',Denier". Die Zahl des Denier gibt das Gewicht -eines Fadens von 9000 m Fadenlänge an. Der aus einem Düsenloch kommende Faden kann heute bis zu einer Feinheit von 1 den. hergestellt werden, d. h. 9000 m des einzelnen Fadens wiegen nur 1 g. Durch so unendlich feine Deffnungen der Düsen wird die Viskose hinausgedr-'-ckt und springt nun als Kapillarfaden fontänenhaft aus dem Svinnbad empor, vereinigt sich mit 700 anderen, um dann zu einem normalen Strang von rund IV2 Millionen Einzelfäden anzufchw"llm. Hat nun ein solcher Strang die gesamte Kläranlage mit ihren etwa sechs Bädern durchlaufen, fo schneidet eine Schneidmaschine den endlosen «Strang, in kleine Stücke von 30 bis 40 mm Länge, einer Stapellänge, wie sie die Baumwolle verarbeitende Industrie am besten verwerten kann.
Blütenhafter Flockenschnee rieselt auf der anderen Seite von der Schneidmafchine herab. Er stürzt in ein neues Bad, die Schneeflocken werden zu wollarkigem Faserstoff, der sofort zu einer gewaltigen Trockenanlage weitertransvortiert wird, bis er dann im Verpackungsraum als weiche blütenweiße Flocke wieder zum Vorschein kommt und zu großen Ballen von etwa 150 kg verpackt werden kann. Die Produktion der Zellwolle hat damit ihr Ende erreicht, sie ist versandfertig. Das
rung ihre Vollendung, indem vor dem Verpacken die Seiden noch einmal genauestens durchgesehen werden. Die feinen weichen geschulten Frauenhände und geschulte Frauenaugen sorgen dafür, daß nur ganz glatte Fäden zum Versand weitergegeben werden, und daß auch nicht das winzigste Härchen den fertigen Strumpf oder das fertige Gewebe stört.
Nach dem ungewöhnlichen Erlebnis des Betriebsrundganges durch die großen Hallen der Viftra- Abteilung und die weiten hellen Räume der Kunstseidefabrik steigt in uns die Vision des Fichtenwaldes auf, wie er dasteht, jetzt zur Herbstzeit im ersten Frühlicht, wenn die Morgennebel vom feuchten Moosgrund auffteigen, die glatten nassen Stämme in hauchdünne Spitzenschleier einhüllen, wenn die ersten Sonnenstrahlen das Waldesdunkei
Die preußische Oisziplm.
Aus den Papieren eines alten friderizianischen Offiziers.
Die Disziplin unter Friedrich II. hatte einen große Strenge und Spannung in sich tragenden, ernsthaften Charakter. Sie war auf die Anstrengung aller Willenskräfte gegründet und stellte das Interesse des königlichen Dienstes auch bei unbedeutend scheinenden Gelegenheiten als das höchste Ziel aller Bestrebungen des ganzen Lebens eines preußischen Soldaten dar. Schon Friedrich Wilhelm I betrachtete die Disziplin von einem solchen Gesichtspunkt und wollte seinen Thronerben der ganzen Strenge militärischer Gesetze unterwerfen, wenn ihm nicht Vorstellungen gemacht worden wären. Gewiß war es nicht Grausamkeit, zu der dieser Fürst keine Anlagen hatte, sondern der Be- griff von verletzter Pflicht, der ihn vermochte, den jugendlichen Freund Friedrichs II, den ungluck. lichen Kutte, Grotzsohn eines Feldmarschalls und Sohn eines Generalleutnants, auf dem Schaffot
sterben zu lassen.
Die preußische Disziplin sollte weiter dringen, als es eine gewöhnliche Vorschrift vermag. Sie war darauf berechnet, bis in das Innerste des, Gemütes zu wirken, wohin keine menschliche Macht zu reichen pflegt, und dort ganz andere Vorstellungen hervorbringen als diejenigen sind, die auf die sonst gebräuchliche Art von treuer Pflichterfüllung erzeugt werden. Deshalb gab es viele Gewohnheiten und, außer dem Reglement für die Offiziere und den Kriegsartikeln für die Unteroffiziere und Soldaten, wenig Gesetze und Verordnungen. Durch die Gewohnheit innerhalb eines gewisftn Geleises und Vorstellungen, von Pflichten und Rechten und überhaupt einer Haltung, die das ganze Leben umfaßte, sollte die Armee zu ihrer Selbständigkeit Gelangen, und weder die Neigung noch den Willen haben, von der vorgezeichneten Bahn abzuweichen Reglement und Kriegsartikel, leicht zu übersehende Vorschriften, umfaßten die Hauptgesetze für die Armee; das übrige lag zum größten Teil in ererbten und fest bestehenden Gewohnheitsrechten, unter der Garantie des streng abgemessenen Pflicht- begrifts. Die Wirkungen, welche hieraus hervorgiN- gen, mußten von einer ganz eigentümlichen Art fein, um die Armee zwar keineswegs zum Staat im Staate, wohl aber auf eine solche Art zu konstituieren, daß sie als ein befattderes und abge-lon»
bertes Institut, das des Besten, des Ganzen wegen vorhanden war. betrachtet werden konnte.
Andere Armeen hatten ebenfalls ihre Eigentümlichkeiten, allein diese wichen wesentlich von denen der Armee Friedrichs II. ab. In dieser war der Monarch selbst der erste Befehlshaber; in jenen wurden die Befehle der Herrscher durch besonders dazu bestimmte Organe erlassen. Hier sah und ordnete der König alles selbst: dort ließ der Monarch durch seine höheren Diener ordnen und größtenteils auch nachsehen. Hier kannte der König den allergrößten Teil seiner Offiziere, und zwar insbesondere die Generale und Stabsoffiziere; dort waren sie nicht immer, sondern selten von dem Herrscher gekannt. Hier war die Ovrganisation, es war das Korps der Ofsiziere, auf eine originelle Art beschaffen; dort wurden die Armeen durch Behörden verwaltet, es galt Gunst und Ungunst, auch die Kabale und die Intrige vom General bis zum Subalternen, und jeder suchte sein Glück zu machen, sich vorzudrängen, bemerkt zu werden, wogegen die ruhiae Haltung der preußischen Offiziere gewaltig abftach. Kurz, der Verschiedenheiten waren sehr viele in den größten wie in den kleinsten Dingen, bis auf Benennungen und Namen, Zahlen und Abzeichnunasarten, Orden und Uniformen; alles in dem Grundprinzip, in dienstlichem Verhältnis, von dem in anderen großen Armeen Vorhandenen total abweichend.
Man hat sehr viel darüber geredet, wie grausam man mit den Rekruten bei dem Exerzieren umge- qangen wäre, wie man sie mit dem Stock mißhandelt und wegen des kleinsten Fehlers geschlagen habe. Die Wahrheit aber ist, daß dies keineswegs stattfand, und daß junge Offiziere und Unteroffiziere, die sich dergleichen zuschulden kommen ließen, dafür hart mitgenommen wurden. Man dachte an fein Mißhandeln, sondern man verlangte von dem Unterrichtenden Geduld. Was würde denn auch aus solchen mit dem Stock lediglich und allein dressierten Rekruten geworden sein, und wie hätte man den Menschen nach und nach zum wahren Soldaten (denn das war doch das Ziel) bilden können, wenn man ihn von Hause aus durch die Furcht einge- schüchtert hätte?
Der Rekrut wurde mit einem alten Soldaten zusammen in ein Quartier gelegt und von diesem gewissermaßen zu seinem Stande erzogen. Es wurde ihm nicht allein das Putzen der Waffen, des Pferdes, der Ausrüstungsstücke, der Anzug und dergleichen gelehrt, sondern er wurde in feinem Benehmen gegen den Offizier, den Unteroffizier, gegen
seinen Kameraden, gegen den Bürgersmann und gegen andere Stände, durch Wort und Beispiel und nicht nach einem Lehrbuch unterwiesen. Man lehrte ihn zu kommen und zu gehen, zu fragen und zu antworten, zu grüßen und zu danken, und überhaupt diejenige Haltung in seinem Betragen zu gewinnen, die man von einem preußischen Soldaten zu fordern gewohnt war.
Es ist ganz natürlich, daß in einer solchen Armee, wie es die Friedrichs II. war, die Unterordnung einen bedeutenden Grad erreicht hatte. So wie man in der ganzen Kriegsgeschichte dieses Heeres kein Beispiel findet, daß diese Folgeleistung und dieses unbedingte Biegen unter dem Willen des Befehlshabers jemals auf eine zweifelhafte, oder gar auf eine empörende Weife mißbraucht worden wäre und zum Spiel eines Oberen gedient hätte, ebenso läßt sich auch begreifen, daß diese Unterordnung um des Dienstes willen keine Grenzen kannte. Der Grund, auf dem sie stand, war daher sehr fest, er war eisern. So ist der Fall bekannt, daß ein Regiment im Siebenjährigen Kriege das Dorf Kleinburg bei Breslau während der Schlacht wegnehmen sollte und deshalb dagegen vorging, während es aus dem Dorfe beschossen wurde. Der Kommandeur, Oberst von K l i tz i n g, ließ darauf mit Bataillonen im Vorgehen chargieren (Ladeübungen machen); weil aber die Leute schlecht anschlugen, mehrere Male absetzten, bis endlich das Anschlägen gut und vorschriftsmäßig geriet, ohne daß die mindeste Unordnung entstanden wäre, oder gar ein Mann vorgeschossen hätte. Diese an sich unbedeutende und wenig bekannte Anekdote beweist, wie sehr ein Kommandeur sein Regiment in der Gewalt hatte. Solche Truppen behielten denn auch bei jedem Mißgeschick eine große Haltung und konnten schnell wieder gesammelt und in Ordnung gebracht werden. Das bewies das Beispiel nach der verlorenen Schlacht von Kunersdorf, wo ein General imstande war, durch zwei Grenadiere die in Unordnung fliehende Menge aufzuhalten und zu formieren. — Es bedarf keines Hinweises, daß eine solche Armee nicht in Sklavensinn versunken sein konnte, sondern vielmehr den wahren Soldatengeist in sich trug, und daß dieser ihr notwendig durch ihre Institutionen eingeimpft worden war.
Jedem das Seine, vor allem aber den Soldaten als Soldaten behandeln, als einen Menschen, der sich selbst um des Ganzen willen vergessen soll. Das war der Gesichtspunkt in der Armee Friedrichs II.
F. E.
OerSiegeszug des „Gchifferklaviers".
Kürzlich gab es in London einen Tag der Ziehharmonikaspieler, und wenn man nach dem Eindruck der außerordentlichen Begeisterung bei den Wettbewerbern und den Zuhörern in den beiden großen öffentlichen Sälen urteilen will, in denen der nationale Meisterschaftskampf und das große internationale Fest der Ziehharmonikaspieler zugleich stattfanden, so muß man zugeben, daß die Engländer im Begriff sind, leidenschaftliche Liebhaber des „Schifferklaviers" zu werden, und das bis jetzt Erreichte konnte wohl gefallen. Taufende füllten die Zentralhalle, und Hunderte lauschten noch draußen, als der Saal gefüllt war.
Noch vor fünf Jahren hörte man falten, wenn überhaupt, eine Ziehharmonika aus einem englischen Hause klingen. Jetzt hat sie aber in England eine neue Heimat gefunden und ist das Lieblingsinstrument des ganzen Familienkreises in so manchem Heim geworden. Die ersten hundert Jahre nach ihrer Erfindung in Wien im Jahre 1829 wurde die Ziehharmonika in der Welt nicht mit der gebührenden Schätzung behandelt. Erst vor wenigen Jahren erkannte ein Mitglied einer Tanzkapelle in Neuyork die Möglichkeiten, die dieses Instrument in sich barg, und nun begann ihre Beliebtheit in aller Welt zu wachsen. Ziehharmonika-Klubs taten sich überall zusammen, auf dem Festland, in den Vereinigten Staaten wie auch in Groß-Britannien, und Überall erklangen nun die melodischen, klassischen und weniger klassischen Weisen, für die sie so wohl geeignet ist.
Die Engländer beklagen es, daß vorläufig der Ruf „Baut mehr Ziehharmonikas" in England keinen nennenswerten Aufschwung brachte. Ziehharmonikas müßten vielmehr aus Deutschland und Italien eingeführt werden. Englische Instrumentenbauer haben den Kunstgriff noch nicht recht heraus, wie man die stählernen Zungen des Instrumentes am vollendetsten zum Klingen bringt. Jedenfalls zeigten die englischen Ziehharmonikakünstler dieser Tage ihrer Zuhörerschaft, wie man den Jnstrumen- ten den Ton inniger Empfindung abzulocken ver- mag, und ein Zusammenspiel von 200 Könnern in farbenprächtigen Kostümen bot auch äußerlich ein schönes Bild. Unter den Wettbewerbern befanden sich Kinder von sieben Jahren. Auch ein Blind-r spielte vor dem beifallsfreudigen Publikum. Die beiden Siegerinnen waren 16 Jahre alt.


