Ausgabe 
16.1.1936
 
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Nr. 13 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für GberWen)Donnerstag, 1b. Januar (936

Aus Oer Provinzialhauptstadt.

Wehrpflicht und Reifeprüfung.

In einem Schreiben des Generalkommandos des Vll. AK. wird u. a. ausgeführt: In der Regel haben die Wehrpflichtigen des Geburtsjahrganqes 1916 in der Zeit vom 1. Oktober 1936 bis 31 Marz 1937 bzw. vom 1. April 1937 bis 30. September 1937 Reichsarbeitsdienft und vom 1. Oktober 1937 an aktiven Wehrdienst zu leisten. Das würde für einen Wehrpflichtigen, der im Jahre 1936 seine Reifeprüfung macht, bedeuten, das; er erst nach 2l/2 Jahren mir dem Hochschulstudium beginnen könnte. Einer solchen, vom wissenschaftlichen und finanziellen Standpunkt aus gleich zu bewertenden Härte vermag der Wehrpflichtige zu begegnen, indem er sich ent­weder für die Dauer seines Hochschulstudiums vom aktiven Heeresdienst zurückstellen läßt, oder frei­willig in das Heer eintritt. Will der Wehrpflichtige sich zurückstcllen lassen, so muß er tunlichst bereits bei der Anmeldung zur Anlegung des Wehrstamm­blatts seinen Antrag auf Zurückstellung bei der polizeilichen Mcldebehörde seines Wohnsitzes oder dauernden Aufenthaltes stellen. Die Zurückstellung selbst erfolgt nach § 25 der Dienstanweisung für die Musterung und Aushebung durch das Wehrbezirkskommando anläßlich der Musterung. Wenn der Wehrpflichtige des Geburtsjahrgan­ges 1916 von dieser in § 16 des Wehrge­setzes vom 21. Mai 1925 vorgesehenen Ausnahme keinen Gebrauch machen will, kann er sich bei einem Truppenteil seines zuständigen Rekrutierungs­bezirkes zum freiwilligen Eintritt für 1. Oktober 1936 melden. Meldeschluß hierfür ist der 31. Januar 1 9 36 ; Einstellungsgesuche, die bis zu diesem Tag nicht beim Annahmetruppenteil eingegangen sind, dürfen nicht mehr berücksichtigt werden. Welche Truppenteile für den einzelnen Wehrpflichtigen in Betracht kommen, kann beim zuständigen Wehr­bezirkskommando erfragt werden.

Einziehung der Abiturienten zum Arbeitsdienst.

LPD. Der Beauftragte des Hauptamtes III der Deutschen Studentenschaft für H e s s e n , Baden und Saarpfalz gibt bekannt:

Alle Abiturienten 1936, die die Absicht haben, zu studieren, werden zum 1. April 1936 zum Arbeitsdienst cingezogen, gleichgültig welchem Ge­burtsjahrgang sie angehören. Die Meldung zum Ar­beitsdienst hat persönlich oder schriftlich bis zum 31. Januar 19 3 6 bei dem zuständigen Melde­amt des Arbeitsdienstes zu erfolgen.

Die Meldung hat folgendermaßen zu erfolgen: Die Abiturienten haben sich bei dem für sie zu­ständigen Polizeirevier einen Freiwilligenschein für den Arbeitsdienst zu besorgen. Dabei haben sie fol­gende Urkunden vorzulegen:

1. Geburtsschein.

2. Nachweis über arische Abstammung, soweit er sich im Besitze des Bewerbers oder dessen Fa­milie befindet.

3. Schulzeugnisse.

4. Ausweise über Zugehöriger zu nationalsozia­listischen Formationen, Deutsche Lufthansa, Sa­nitätskolonne.

5. Ausweise über Teilnahme an Wehrsportlagern.

6. Nachweis über abgeleisteten Arbeitsdienst oder Wehrdienst (soweit in Frage kommt).

7. Ausweise über den evtl. Erwerb des Reichs- odsr SA.-Sportabzeichens bzw. Führerschein oder Segelflugschein.

Diese Papiere sind bei der Polizei vorzulegen, wonach der Freiwilligenschein ausgehändigt wird. Mit dem Freiwilligenschein und der Erklärung des Erziehungsberechtigten, daß der Abiturient zu stu­dieren beabsichtigt, hat sich der Abiturient bei dem zuständigen Meldeamt des Arbeitsdienstes zu mel­den. Die Untersuchung erfolgt dann nach Maßgabe des Arbeitsdienftmeldeamtes.

Bei Schwierigkeiten oder Unklarheiten erteilt der Beauftragte des Hauptamtes III der Deutschen Stu­dentenschaft für Hessen, Baden und Saarpfalz (bis­her ^.erbindungsreferent), Frankfurt a. M., Vik­toria-Allee 17, Auskunft.

Gemeinschaftsarbeit zwischeuMgliedeni derDAF und Studierenden der Universität Gießen.

Der Nationalsozialismus hat der Arbeit jedes schaffenden deutschen Menschen, die er für die Ge­meinschaft leistet, entsprechende Würdigung und An­erkennung verschafft. Die Arbeit an der Drehbank, oder auf dem Büro ist für den Bestand des Volkes genau so notwendig, wie die wissenschaftliche For­schung an den Universitäten und Hochschulen. In der Zeit des Liberalismus war es jedoch dem schaffen­den deutschen Volksgenossen nicht möglich, sich durch ernsthafte Mitarbeit an der wissenschaftlichen For­schung im Rahmen der Universitäten und Hochschulen zu betätigen, während es anderseits immer mit ge­wissen Schwierigkeiten verbunden war, dem Stu­dierenden die Einfühlung in die Praxis und die Verbindung mit der Praxis zu ermöglichen. Beson­ders für die Studierenden der Wirtschafts- und So­zialwissenschaften ist es unerläßlich, soll ihre Arbeit lebensnahe sein, daß die dauernde Fühlungnahme mit der Praxis aufrechterhalten bleibt.

Der Leiter des betriebswirtschaftlichen Seminars der Universität Gießen, Prof. Dr. A u l e r , richtete deshalb im Einvernehmen mit der Gauwaltung der DAF. an die Deutsche Arbeitsfront die Aufforde­rung, eine Anzahl ihrer Mitglieder an den regel­mäßigen Sitzungen dieses Seminars teilnehmen zu lassen. Die Einladung zur Teilnahme fand bei den aufgeforderten Mitgliedern der Deutschen Arbeits­front freudige Aufnahme, soll doch bei dieser engen Zusammenarbeit zwischen Studierenden der Univer­sität Gießen und der Deutschen Arbeitsfront die

Möglichkeit geboten werden, die Männer der^Zraxis auf das engste mit der wissenschaftlichen Forschungs­arbeit vertraut zu machen, während anderseits dem Studierenden durch die dauernden Aussprachen mit den in der Wirtschaft stehenden Arbeitskameraden Anregungen wertvollster Art geboten werden. Die in dem Seminar behandelten Themen betriebswirt­schaftlicher Art bringen immer wieder neue An­regungen für die sich anschließenden Aussprachen. Abwechselnd werden die verschiedensten Themen durch Studierende oder Teilnehmer der Deutschen Arbeitsfront behandelt.

Es ist klar, daß ein derartiges Zusammenarbeiten nicht sofort in zahlenmäßig großem Ausmaß von- statten gehen kann, sondern der Versuch, wie er in diesem Semester zum ersten Male an der Univer­sität Gießen unternommen wurde, wird die Erfah­rung für die Ausdehnung auf weitere Kreise der Mitglieder der Deutschen Arbeitsfront und das Zu­sammenarbeiten mit diesen erbringen müssen. Bei diesem ersten Versuch hat es sich jedenfalls bereits gezeigt, daß es die Universität bei den Männern der Deutschen Arbeitsfront mit aufmerksamen und eifrigen Mitarbeitern zu tun hat, so daß der Leiter des betriebswirtschaftlichen Seminars, Herr Prof. Dr. A u l e r , bereits feine Absicht, in Zukunft noch mehr Mitgliedern der Deutschen Arbeitsfront die Möglichkeit zu bieten, an den wissenschaftlichen Seminarabenden teilzunehmen, kundtat.

W.M.

Bornotizen.

Tageskalender für Donnerstag

NSG.Kraft durch Freude": 20 bis 21 Uhr und 21 bis 22 Uhr fröhliche Gymnastik, nur für Frauen, im Lyzeum: 21 bis 22 Uhr Reiten, Reitschule Schömbs. Gloria-Palast, Seilersweg:Pygma­lion". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:'Ein Wal­zer um den Stephansturm". Oberhessischer Ge- schichtsoerein: 20.30 Uhr Vortrag von Priv.-Doz. Dr. H. Richter:Die Glauburg". Oberhessi­scher Kunstverein (Turmhaus am Brandplatz): 11 bis 18 Uhr Ausstellung des KünstlerbundesIsar". Kneipp-Bewegung: 20 Uhr imBayerischen Hof" Vortrag von Frau Nicolai.

Stadttheaier Gießen.

Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Infolge Erkrankung ist es Kapellmeister Paul Wal - t e r nicht möglich, die ersten Vorstellungen der Ope­retteDie Fledermaus" zu dirigieren. Professor Stefan T e m e s v a r y hat sich liebenswürdigerweise bereit erklärt, die Leitung der Aufführung zu über­nehmen.

Die Schulgesundheitspflege.

Die Landesregierung Abteilung II hat den Direktionen der höheren Schulen, der gewerblichen Unterrichtsanstalten und den Kreis- und Stadtschul­ämtern eine Verfügung über die Schulgesundheits­pflege zugehen lassen, in der es u. a. heißt:

Der Herr Reichs- und Preußische Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung weist aus gegebener Veranlassung erneut auf die ernsten Ge­fahren hin, denen die schulpflichtige Jugend durch das Zusammensein mit tuberkulosekranken Mit­schülern und Lehrern ausgesetzt ist.

Die Möglichkeit schwerer Erkrankungen und nach­haltiger Gesundheitsschädigungen einzelner wie gan­zer Klassen legt allen Verantwortlichen die strenge Verpflichtung auf, der gesundheitlichen lieber« wachung tuberkulosekranker oder tuberkuloseverdäch­tiger Schüler und Schülerinnen sowie Lehrer und Lehrerinnen aller Schularten peinlichste Aufmerk­samkeit zuzuwenden.

Mit Nachdruck verweise ich auf die Notwendigkeit, die geltenden Vorschriften über die Schulgesundheits- pflege gewissenhaft zu handhaben.

Ich lege Ihnen die Verpflichtung auf, bei jeder Art von Begegnung zwischen Lehrer- und Schüler­schaft die gesundheitlichen Belange peinlichst zu be­achten, und erwarte selbstverständlich, daß in allen Fällen des Verdachtes auf ansteckende Krankheiten, insbesondere auch tuberkulöser Art, sofort bestim­mungsgemäß das Weitere veranlaßt wird.

Ausscheidende GenchSsaffessoren.

Der Reichsjustizminister hat angeordnet: Die dem Jahrgänge 1929 angehörenden Gerichtsassessoren scheiden mit.dem 30. September 1936 aus dem Ju­stizdienst aus, sofern sie bis dahin weder als An­wärter übernommen noch im Justizdienst planmäßig angestellt sind. Falls sie am 30. September 1936 noch zum Reichs-, Staats- oder Parteidienst beurlaubt sind, endet ihr Beamtenverhältnis erst mit Beendi­gung dieser Beurlaubung, spätestens jedoch mit dem 31. März 1939. Die Angehörigen dieses Jahrganges einschließlich der Beurlaubten auch soweit sie zum Reichs-, Staats- oder Parteidienst beurlaubt sind können den Antrag auf Uebernahme als Anwärter nur bis zum 1. Mai 1936 stellen.

Schußwaffen für Genchtsvottzieher.

In einer Verordnung des Reichsjustizministers wird bekanntgegeben: Die Gerichtsvollzieher (Obex- gerichtsvollzieher, Vollstreckungsobersekretäre, Ge- richtsoollzieherdiätare usw.) können ermächtigt wer­den, während der Ausübung des Dienstes, auf Dienstgängen und auf Dienstreisen eine Schußwaffe zu führen. Die Ermächtigung soll nur erteilt wer­den, wenn der dem einzelnen Beamten zugewiesene Bezirk eine besondere Gefährdung des Beamten und der seiner Obhut anvertrauten Vermögenswerte mit sich bringt. Dabei wird es sich vornehmlich um solche Bezirke handeln, in denen der Gerichtsvollzieher ausgedehnte und einsame Wege zurückzulegen hat oder in denen erfahrungsgemäß mit besonderer Ge­fährdung zu rechnen ist.

Zweiie Rate

der Reichsnährstandsbeiiräge fällig.

ZdR. In Nr. 11 desDeutschen Reichsanzeigers" vom 14. Januar 1936 ist der erste Nachtrag zur Bei­tragsordnung des Reichsnährstandes für die bäuer­lichen und landwirtschaftlichen Betriebe veröffent­

licht. Nach § 1 des Nachtrags wird der zweite Iah- resteilbetrag des Reichsnährstandsbeitrages für die bäuerlichen und landwirtschaftlichen Betriebe in der gleichen Höhe erhoben wie der erste Teilbetrag. Der zweite Teilbetrag ist, wie bereits in der Bei- tragsorbnung vom 25. September 1935 bestimmt ist, am 2 5. Januar 1936 zu entrichten, sofern nicht die Präsidenten der Landesfinanzämter einen ande­ren Fälligkeitstag bestimmt haben. Besondere Bei­tragsbescheide ergehen nicht. Die Beiträge sind an die zuständigen Finanzkassen zu entrichten. Die Bei­tragspflichtigen werden durch öffentliche Aufforde­rungen der Finanzämter an die Zahlung erinnert werden.

Nationalsozialistische KnegSopferversorgung e. V. Ortsgruppe Gießen.

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Am Samstag, 18. d. M., 20 Uhr, findet im Katho­lischen Vereinshaus, Liedigstraße, eine General- mitglieder - Versammlung statt.

Es spricht Kamerad Professor H a e n ch e n über Reichsgründung Frontsoldatentum und Natio­nalsozialismus."

Gleichzeitig Einführung der neuen Zellenleiter (Neuaufbau der Ortsgruppe) und Ausgabe der ein­gezogenen Mitgliedskarten. Erscheinen ist Pflicht und Ehrensache.

Außerdem Generalmitgliederappelle für Stützpunkte Lollar und Mainzlar am Sonntag, 19. Januar 1936, um 14.30 Uhr in Lol- lar imSchwanen", Besitzer Hettche, Hauptstraße;

für Stützpunkte Großen-Buseck, Alten- B u s e ck und Rödgen am Sonntag, 19. Januar 1936, um 17 Uhr, in Großen-Buseck, Lokal: Bahnhofswirtschaft, Besitzer Kamerad Gans:

für Stützpunkte Lang-Göns, Holzheim, Großen-Linden, am Sonntag, 19. Jan. 1936, um 20 Uhr, in Lang-Göns, Lokal Hebbel

und für Stützpunkt Watzenborn-Stein­berg am Samstag, 18. Januar 1936, um 20 Uhr, in Watzenborn - Steinberg.

Heil Hitler!

Nationalsozialistische Kriegsopferversorgung e. V., Ortsgruppe Gießen.

Halbroth, Ortsgruppen-Obmanm Erster Kameradschastsabend der Gruppe Verkehr.

Am Samstag fanden sich die Angehörigen der GruppeVerkehr" im Hause der Deutschen Arbeits­front Gießen zu einem ersten kameradschaftlichen Zusammensein ein. Es war wie man uns be­richtet der erste Kameradschaftsabend, den die GruppeVerkehr" veranstaltete, und es war zum erstenmal, daß Betriebsführer und Gefolgschaftsmit­glieder gemeinsam einige frohe Stunden verbrachten.

Pg. W e h r u m begrüßte im Namen der Deut­schen Arbeitsfront die zahlreich Erschienenen und hieß sie herzlich willkommen. Als Vertreter des Gaues sprach zu den versammelten Kameraden der Gaufachgruppenwalter für das Kraftfahr- und Fuhrgewerbe Pg. Knecht. Er betonte die Notwen­digkeit des Verbundenseins von Betriebsführer und Gefolgschaftsleuten zu gedeihlicher Zusammenarbeit im Betriebe. Sie alle sollen sich fühlen wie die Mit­glieder einer großen Betriebsfamilie, und jeder soll auf das Wohl des anderen bedacht fein. Erst durch das Gefühl des Zusammengehörens kann jeder Be­triebsangehörige seine Arbeit so verrichten, wie dies zum gedeihlichen Aufbau unerläßlich ist. Auch die Entlohnung, die zur Zeit noch stark unterschiedlich ist, muß eine einheitliche Regelung erfahren, denn auch hierin soll die Arbeit jedes schaffenden deut­schen Menschen ihre Würdigung finden. Es ist zu erwarten, daß in aller Kürze ein Tarifvertrag her­auskommt, der einheitlich und für alle Teile gerecht sein wird.

Pg. M e r t e s von der Abteilung für Arbeits-

Erlebn'S im Hamtei-Gchloß

-33on Werner Schumann

Vor einigen Jahren wohnte ich in Espergjaerde am Oeresund und fuhr am Tage vor der Heimreise, um zu Hause nicht eines unverantwortlichen Ver­säumnisses geziehen zu werden, nach der alten, schönen Handelsstadt Helsingör. Hier steht das Heiligtum der Dänen, Schloß Kronborg, und wer Hamlet liebt, muß auch diese ehrwürdige Feste lieben, wo der geheimnisumwitterte Dänenprinz u)en Geist seines Vaters umgehen sah und noch lheutzutage um Mitternacht eine weiße Frau auf Den Zinnen erscheint.-

Aber ich ging nicht zu mitternächtlicher Stunde lkronborgwärts warum sollte ich die Schildwache «rschrecken, sondern an einem himmelblauen Vor­mittag, als alle Türme in der Sonne funkelten und foie Frauen von Helsingör mit großen Markttaschen V um Arm lustig schwatzend zu Mittag einkauften.

Neber drei Zugbrücken führt der Weg, durch ver­witterte Renaissancetore, er führt immer tiefer aus Der Tageshelle ins Nachtdunkle, aus der Gegen­wart ins Mittelalter, in die hallenden, modrig -iechenden, trostlosen Steinschluchten und Gewölbe, wo der uralte Holger Danske mit dem langen Barte haust.

Ich hatte mich der ungeschriebenen Führung :urch das Museum mit dem Hinweis auf ein Trink­geld entledigte um das Bild, das ich von Hamlet, von er armen Mathilde, unglücklichen Königin, und Däne- narks Barbarossa in mir trug, nicht durch Kastel­langeschwätz zerstören zu lassen.

Ich suchte das Alleinsein, und fand es seltsamer- v»eise auch, wohl eine gute Stunde lang. Ich stand im Halbdämmer der Kasematten, in denen man ? lug und Waffenlärm und dröhnendes Kartenspiel iter Soldaten zu hören meint und manchmal auch, vie in eine Muschel, den dumpfen Brauseton des h er nicht mehr fernen Meeres. Ich stand vor den emgeferbten Zeichen einer Füsiliershand und legte d«e meine auf das eisigstarre Gestein, an dem viel- liicht die Hellebarden lehnten, wenn die Wache sylläsrig in der Ecke lag. /

Da näherten sich Schritte, die Schritte des Wär- t<trs wohl, dem ich mich glücklich entronnen glaubte. Laer ich entdeckte bald meinen Irrtum: es waren bi= Schritte und Flüsterstimmen zweier Frauen, ines sehr jungen Mädchens und, wie es schien, sei- ur Mutter. Sie hatten mich freilich kaum entdeckt,

als sie eilends, und wer verstünde dies nicht in solcher spukhaften Umgebung? kehrtmachten und erschrocken verstummt in Richtung des Ausgangs davongingen.

Die Junge trug ein helles, einen schlanken, kräf­tigen Körper zart umglockendes Kleid und dazu, über kastanienbraunem Gelvck, eine Kappe aus weißem Stroh, das von einem farbigen Band durchzogen war. Mehr sah ich nicht. Genügte es nicht der in so einer Gruft, wo die Steinquadern ewig feucht sind und die Vergangenheit in allen Ecken sich räuspert, doppelt erregbaren Phantasie? AlsWeiße Dame", wie es die Helsingoerer wissen wollen und die Schulkinder lernen, in der Kronbor­ger Unterwelt herumzugeistern, dazu war sie wahr­haftig zu jung, ein halbes Kind noch, züchtig am Arm der Mutter. Doch Ophelia, o ja, noch ehe der Hohn des Prinzen sie verwandelte!

Es blieb nicht die einzige Begegnung. Ich dachte an Caroline Mathilde, die hier vor ihren Richtern stand, weil sie sich einem kühnen und starken Mann hingegeben, um nicht nur an der Seite eines Ver­rückten leben und leiden zu müssen. Wie viel Trä­nen tranken doch diese Wände, wie viel Hilfe- und Angstrufe sind an diesen alternden Mauern zer- jpellt. Es wäre nicht gut, wenn sich die Anmutige im weißen Glockenkleid solchen Gedanken hingäde.

Aber nein, sie lächelte, sie schien glücklich zu sein. Sie stand jetzt, ich konnte es von der Flaggenbat- terie aus sehen, auf der Plattform des Schlosses, sie streckte den nackten Arm aus und wies auf den Sund und zum trotzigen Kärnan von Helsingborg hinüber: ein leuchtender, kleiner Schmetterling auf einem ungeheuren Steinberg. So sah Ophelia aus, als fiaertes Abschied nahm: behütet, ein vertrauen­des, liebenswürdiges Kind. In diesem Augenblick sprang das Fahnentuch herum, wehte meerroärts, die Brise hatte sich gedreht. Und ein wundervolles Schauspiel begann sich langsam und feierlich zu ent­falten: als hätte ein geheimes Kommando sie er­reicht, lichteten unzählige Schiffe im Sund die Anker, wie ein Schwarm von hellen Riesenvögeln erhoben sich die Segel und zogen in heiter gelösten Gruppen über das mittäglich glitzernde Wasser. Don der schwedischen Seite gellten die Schifftirenen her­über, Möwen stürmten mit mißtönigem Gekreisch nordwestwärts, wo die krumme Nase des Kullen- Gebirges Habichtshaft ins Kattegatt vorspringt, und der Aufbruch, ja Aufruhr der See war so allgemein und plötzlich, daß selbst die Wachen auf ihrem monotomen Gang den lässigen Schritt verhielten.

Ich sah hinauf: der Schmetterling hielt sich an der Brüstung. Und abermals, wenn mirh nur eine

Sekunde ober zwei, trafen sich meine Augen und Opheliens, einen Herzschlag lang in Verwunde­rung und heimlichem Einverständnis: daß man der unterwüschen Spukwelt entflohen und endlich mit­ten in die Herrlichkeit der Gegenwart gestellt war!

Die Welt ist über alle Maßen schön", mochte sie in dieser Sekunde gedacht haben um dann wieder einzutauchen in den endlosen Treppen­schacht, 143 Stufen herabzuschweben, denn die Mut­ter würde sie wohl unten erwarten.

Das Schloß ist groß, ein Labyrinth von Gän­gen, Höfen, Türmen, Brücken, Terrassen, Kasemat­ten, Kammern, Treppen und Prunkräumen. Und doch zu klein fast für zwei Menschen, von denen man nicht annehmen sollte, daß sie die Begegnung hartnäckig suchten, sie raffiniert vorausberechneten. Wer weiß, welche Gedanken damals in uns poch­ten. Wir schienen wirklich allein dies verschollene, sagenhafte Schloß zu durchstreifen, ja, wenn man will, beinahe gemeinsam, obzwar auf verschiedenen Wegen: Unsere Schritte klangen plötzlich auf dem totenstillen Schloßhof ineinander, verliefen sich hier­hin und dorthin und kamen wieder auseinander zu in irgendeinem, nach Kampfer riechenden Staatsraum.

Noch einmal, auf dem Wege zu Mathildens, der blutjungen, Gemächern, sollte ich sie sehen, wenn auch unter der strengen Aussicht des Kastellans. Zu kurz freilich, um sie mit Muße betrachten, lange genug, um aus einem blinden Spiegel, den sie am Arm ihrer Mutter mit zwei, drei Schritten durch­maß, ihr rasch aufblitzendes Lächeln mit mir neh­men zu können. Es läutete gerade von der Ma­rienkirche in Helsingör, und gewiß wollte sie mit ihrem Lächeln sagen:

Es ist Zeit, Hamlet, daß wir an unfern Hun­ger denken".

So irdisch war ßaertes schöne Schwester nun, wie eben die Däninnen sind.Ich esse Luft; ich werde mit Versprechungen gestopft" hielt Ham­lets Unmut dem falschen König Claudius vor. Aber, nicht wahr, er meinte es symbolisch. Und er hatte wirklich Kummer, dieser liebenswerteste, mensch­lichste aller Prinzen. Wo war Ophelia geblieben?

Im Hotel Strandborg gab es einen saftigen Kalbsbraten. Ich sah mich unter den Fremden um: sie fehlte ... Und wettete, gleichsam als Trost, bei mir im stillen, daß sie bestimmt ganz in meiner Nähe sitzen würde, vielleicht gar in der Konditorei nebenan, und dort das Nationalgericht der Jahres­zeit schleckte: Erdbeeren und Schlagsahne (Jordbaer med Floede).

Oer Zirkushund.

Ich habe diese kleine Geschichte von einem Freunde, sie hat sich in einem französischen Städt­chen wirklich ereignet und läßt mich fragen:Ver­dienen es die Tiere nicht, daß man in ihnen Wesen mit einem gewissen Verstände sieht und sie schützt vor Unverständnis und Roheit?"

Da war in jenem Städtchen ein Zirkus angekom­men, von der Art, wie sie kleinere Orte zu besuchen pflegen. Ein armseliges Unternehmen, das ein paar Menschen und Tieren ein karges Brot öfter ver­spricht als sichert. Während die Zirkusleute damit beschäftigt waren, bas kleine Leinwandzelt aufzu­stellen, stahl sich ein Pudel, der auch zu der Künstler­gruppe zählte, abseits, die Sehnsucht trieb ihn zu seinesgleichen und irgendwo auf einem Anger sam­melte sich um den fremden Gast, der bei seinen Art- gcnossen wohl auch durch seine reine, weiße Wolle Ehrfurcht erweckte, bald eine Schar von Hunden.

Konnte er sich nun der Zudringlichkeit feiner Brü­der nicht erwehren ober hatten es sich nach ber ersten Scheu einige rauflustige Köter vorgenommen, den schöneren Bruber zu zausen, geschah es nun aus Eifersucht ober Reib, ober brängte ben Pubel ber Ehrgeiz, ben anberen Hunbeherrschaften zu bewei­sen, wie sehr er sich von ihnen unterschiebe, ober aber regte sich in ihm etwas wie Zirkusblut {ebenfalls geschah etwas Köstliches, was jemanb, ber gut verborgen war, von ferne mit ansehen konnte, unb so ist bie hübsche Begebenheit nicht unter Tieren allein geblieben.

Alle bie Köter hatten sich in einen Kreis zurück­gezogen unb inmitten bieses Ringes vollbrachte nun ber Pubel seine Kunststücke, eines nach bem anbern, als geschähe es vor Zuschauern, bie sich feine Kunst etwas kosten ließen. Er stanb auf bem Kopse, stol­zierte halb auf ben Dorberfüßen, halb auf ben Hinterfüßen herum, er überschlug sich in ber Lust, kurz unb gut er vewies in seiner großartigen Tätig­keit ben minberen Brübern ihre ganze jämmerliche, nichtssagenbe, nutzlose Geringfügigkeit.

Unb alle bie schmutzigen, verhungerten, trief­äugigen, aber auch bie glücklicheren Hunbe, für bie ein Herr sorgte, sie glotzten erstaunt ihren rounber* baren Bruber an, ber nicht mübe würbe, ihnen vor­zutanzen, vorzuspringen. Unb zuletzt schlich einer nach bem anberen, als wäre er tief beschämt wor­ben, als trauere er über sein eigenes Unvermögen, bavon, unb übrig allein blieb nur mehr ber Pubel, ber allen Entschwunbenen ein paarmal nachbellte, als spräche er bamit:So, baß ihr es nur wißt."

Wahrhaftig geschehen in einer kleinen französi­schen Stabt. Josef Friedrich Perkoni^.