Ausgabe 
17.7.1935
 
Einzelbild herunterladen

Nr.M Dritter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Mittwoch, |7. Mi 1955

Aus der Provinzialhauptstadt.

Gewitterfurcht?

Leute, die sich bei Blitzesleuchten und mehr noch bei Donnerkrachen Watte in die Ohren stopfen und sich in die dunkelste Ecke der Wohnung zurück- -iehen, wissen zwar, daß sie nur eine Vogelstrauß- politik treiben. Sie sollten sich lieber einmal dafür interessieren, wie man sich tatsächlich vor Gefahren schützt oder besser: wie man nicht durch seinen Leichtsinn erst Gefahren heraufbeschwört.

In der Stadt ist die Gefahr, daß man vom Blitz getroffen wird, verhältnismäßig gering, obwohl man hier von einem der besten Blitzleiter, dem Metall, überall umgeben ist. Das Netzwerk der Drähte und Leitungen zieht sich über Straßen und Dächer hin und könnte einem Angst machen, wenn es nicht überall sorgfältig abgekabelt wäre oder unterirdisch verliefe und jedenfalls nur selten an den höchsten Erhebungen zutage tritt. Die Rund­funkantenne darf nicht höher sein als der Blitz­ableiter, die Telephonleitungen sind unterirdisch ab­gekabelt, und auch die Straßenbahnleitungen sind gegen die Blitzgefahr gesichert.

Im Freien muß man schon selber einige Vor­sichtsmaßregeln beachten. Da der Blitz, ebenso wie vom Metall, auch vom Wasser angezogen wird, kön­nen durchnäßte Kleider gefährlich werden. Man stelle sich jedenfalls mit nassen Kleidern nicht unter hohe Bäume, ganz gleich, ob es Eichen sind, von denen man weichen, oder Buchen, die man suchen foll. Auf ebener Fläche soll man sich aber auch nicht einsam und allein aufstellen, dann wirkt man nämlich unter Umständen selbst als der höchste Punkt im Raum und fängt den Blitz leicht ein. Man kauert sich dann möglichst dicht an den Boden oder setzt sich in den Straßengraben. Mehr braucht man sich nicht zu merken.

Wer aber erst einmal die Schönheit des Gewit­ters entdeckt hat, wird die Furcht bald verlernt haben und dann auch nicht mehr in die Versuchung kommen, sinnlos zu handeln.

Buchdruckereibesiher Lustus Christ -f.

Nach kurzer Krankheit ist am Montag der hiesige Buchdruckereibesitzer Justus C h r i st im 60. Lebens­jahr gestorben. Unter schwierigen Verhältnissen gründete er nach seiner Rückkehr aus dem Kriege seine heutige Firma, nachdem er vorher, seit dem Jahre 1903, an einer hiesigen Druckerei beteiligt war. Mit ihm ist ein Mann dahingeschieden, der sich durch sein einfaches, bescheidenes Wesen nicht nur die Achtung und das Vertrauen seiner Berufs­kollegen, sondern auch seiner zahlreichen Geschäfts­und anderen Freunde erworben hatte. Er war Obermeister der Buch- und Steindrucker-Jnnung für die Provinz Oberhessen und zweiter Vorsitzen­der des Deutschen Buchdruckervereins im Bezirk Hessen. In selbstloser Weise verwaltete er seine Aemter. Er war stets darauf bedacht, zur rechten Zeit beratend und helfend einzugreifen. Die Hebung seines Berufsstandes ließ er sich sehr angelegen sein.

NSDAP., Gießen-Nord.

Abteilung Hilfskasse.

Cs wird nochmals darauf aufmerksam gemacht, daß die Kassenstunden der Hilfskasse Montags und Mittwochs von 20.30 bis 22 Uhr in der Geschäfts­stelle Gießen, Walltorstraße 16, sind. In Zukunft können Hilfskassenbeiträge nur an diesen beiden Abenden bezahlt werden.

Deutsche Arbeitsfront.

Verwaltungsstelle 19, Gießen.

Wir weisen unsere Mitglieder nochmals darauf hin, daß der Einzug der Mitgliedsbücher zwecks Um­schreibung bevorsteht. Sämtliche Rückstände müssen bis zum Einzug der Bucher entrichtet sein. Mitglieds-

Kinderlandverschickung - der Erfolg ist der schönste Lohn.

So urteilen Eltern, Arzt und 7ISA. über den Erfolg der vierwöchigen Erholungskur der Bottroper Kinder in Hessen.

Vom 28. Mai bis 28. Juni weilten durch Ver­mittlung der NSV. 868 erholungsbedürftige Kin­der aus Bottrop/Westf. in unserem Heimatgebiet. 420 davon waren in Stadt und Kreis Gießen, der Rest in den Kreisen Alsfeld und Dillenburg untergebracht.

Wie segensreich die Erholungskur, körperlich wie seelisch, auf die Kinder eingewirkt hat, mögen fol­gende Ausführungen, die uns von der Presse- abteilung der Bottroper Kreisamts- leitungderNS V. zugeschickt wurden, beweisen:

Im Rahmen einer Pressebesprechung wurde zu­nächst der Jungvolkpimpf T., 13 Jahre alt, über seine Erlebnisse in Gießen befragt. T., ein ganz geweckter Junge, beantwortet alle Fragen, die an ihn gestellt wurden, kurz und knapp. Und doch klingt in diesem Jungen die Freude der schön verlebten Wochen nach, wenn er erzählt:

Mit dem großen Kindertransport kam ich nach Gießen. Ich wurde von dem Professor K. herzlich ausgenommen. Sofort fühlte ich mich heimisch. Nach einer Woche bekamen die beiden Kinder des Herrn Professors Ferien. Da ginge nun hinaus an die Lahn. Ich mußte schwimmen lernen. Ich bekam bei einem Schwimmeister Unterricht. Schnell erlernte ich diese schöne Sportart. Bei meiner Rückkehr hatte ich mein Freischwimmerzeugnis in der Tasche. Vier Bottroper Kameraden traf ich an der Lahn. Bei schlechtem Wetter wurden Fische gefangen. Die Beköstigung war sehr aut. Wir aßen alle an einem Tische. Ich hatte ein eigenes Zimmer. Besondere Erleb­nisse waren für mich die Autofahrten am 1. und 2. Pfingsttage. Am ersten Tag fuhren wir zur Rhön zum Modell-Segelflugwettbewerb und am 2. Tage nach Bad Ems. Zum ersten­mal speiste ich in einem Hotel. Am Nachmittag durften wir Kinder uns im Cafe aussuchen, was wir essen wollten. Auf der Lahn wurde gepaddelt und abends ging es heim. Auch die Familienabende waren sehr schön. Ich spielte

die Ziehharmonika oder sonst wurde Radio gehört. Des Morgens machten wir vor dem Frühstück mit dem Herrn Professor unsere Gymnastik. Eine Hose, ein paar Strümpfe und Schuhe habe ich auch erhalten. Meine Pflegeeltern schreiben mir. Dieser Tage haben sie mir noch Photos geschickt. Im nächsten Jahre muh ich wieder hin. Das Fahrgeld schicken sie mir. Ich freue mich sehr darauf."

2Uan sage nun nicht, dies sei ein weißer Rabe. Gewiß haben nicht alle 868 Bottroper Kinder ein so gastliches Professorhaus angetroffen, aber gut haben es fast ausnahmslos alle

Kinder gehabt.

Die Hauptsache ist, die Kinder haben sich erholt und das kann am besten der Arzt bekunden.

Dr. med. Cramer, der am Bezirk Boy-Wel- heim gewiß, sozial gesehen, ein schwieriges Arbeits­feld hat, führte darüber u. a. folgendes aus:

Diese 868 Kinder, die in Hessen und Nassau untergebracht waren, haben sich über­raschend gut in den vier Wochen erhol t."

Dieses Kinder werden durch die Lehrer nam­haft gemacht. Meist sind es unterernährte, schwache Kinder aus großen Familien. Sie werden dann dem Arzt vorgestellt. Der stellt meist Unterernährung, schlechte Konstitution des ganzen Körpers, Mandelwucherungen ufw. fest. Nun überraschte uns allgemein das gute Aussehen der zurückgekehrten Kinder, und wir prüften die Sache einmal nach. Zunächst konnte man eine Durchschnitts­gewichtszunahme von 6 bis 7 Pfund, bei den Mädchen oft bis zu 10 Pfund feststellen.

Einige Kinder haben nichts zugenommen. Es handelt sich bei diesen um erbbiologisch belastete Kinder, deren Körper einfach nicht empfänglich für eine solche Erholung ist. Nun haben wir nicht nur Gewichtszunahmen bei 97 Prozent der Kinder zu

verzeichnen, sondern auch, und das ist wichtig, e i n starkes Zurückgehen der skrofulösen Krankheitsmerkmale.

Das Mittelgebirge mit seinem starken Wald­bestand, den vielen Grünflächen, Wiesen und Wasser und der mildwürzigen Luft, hat gerade auf unsere Jndustriejugend wohltuend eingewirkt. Es ist darum erstrebenswert, daß unsere Kinder in solche Mittelgebirgslagen kommen.

Erfreulich ist es, und das wurde uns bei den Schulbesuchen in den letzten Tagen gesagt, daß allein an einem Schulsystem 14 Kinder in den großen Ferien wieder zu ihren Pflegeettern nach Hessen zurückfahren. Eine solche Nachkur ist natürlich von unschätzbarem Wert.-

Diese grundsätzliche Stellungnahme eines prakti­schen Arztes zur Kinderlandverschickung ist sehr zu begrüßen.

Denn die Kinderlandoerschickung ist ein so wichti­ges Gebiet, daß nur bei einem Zusammenarbeiten aller beteiligten Kräfte eine Segensquelle für die Kinder und damit für unser Volk daraus wird.

Auch die Eltern haben sich lobend über den Transport nach Hessen geäußert. Viele haben bei einem Besuch, den sie der Kreisamtsleitung mach­ten, ihrem Dank in herzlichen Worten Ausdruck ver­liehen.

Soweit der Bottroper Bericht.

Der Unbeteiligte mag sich durch diese Ausführun­gen davon überzeugt fühlen, wie wichtig die Arbeit der NSV. ist und mag sie in Zukunft gern und reichlich unterstützen oder sich sogar entschließen, durch zur Verfügungstellung einer Freistelle für die Kinderlandverschickung aktiv mitzuwirken. All denen aber, die durch die herzliche Ausnahme der Bottro­per Kinder diese schönen Erfolge erst ermöglichten, dürfen sich durch diese tief beglückt fühlen.

Das ist wahre Volksgemeinschaft

Die unser Führer und mit ihm wir alle sie wollen.

bücher, welche größere Rückstände aufweisen, werden wertlos.

Wir bitten unsere Mitglieder, ihre Mitglieds­bücher auf den Rückstand zu prüfen und evtl. Rück­stände bei den Ortsgruppen durch Nachzahlung auf­zuholen.

Die Gießener Ortsgruppen der DAF. haben wie folgt Sprechstunden:

Gießen-Mitte: Goethestraße 29: Montag, Donnerstag, Freitag von 17 bis 21 Uhr.

Gießen-Nord, Ederftraße (Wirtschaft Nohl): Montag und Freitag von 17 bis 21 Uhr.

Gießen-Süd, Frankfurter Straße 23: Mon­tag, Mittwoch, Freitag von 17 bis 21 Uhr:

Gießen - Ost: Licher Straße 17: Freitag von 19 bis 21 Uhr.

Ortsgruppe Gießen-Ost, Licher Straße 17.

Ausschneiden und aufhebenl Nach­stehend veröffentlichen wir die Namen der Zellen- walter, die für die einzelnen Straßenzüge zuständig sind. Ebenso geben wir die Namen der Blockwalter bekannt. Wir bitten unsere Mitglieder, soweit sie nicht pünktlich kassiert werden oder sonstige Diffe­renzen bestehen, sich an die genannten DAF.-Walter zu wenden, wo sie die nötige Aufklärung erhalten und auch die Beiträge bezahlen können. Wir bitten weiterhin dringend, diesen Weg einzuhalten, da der Verkehr auf der Geschäftsstelle mit sonstigen Ange­

legenheiten sehr stark ist und dort Beiträge nicht mehr entgegengenommen werden. Die Mitglieder wollen dafür sorgen, daß alle Rückstände beglichen werden, da in aller Kürze die alten Mitgliedsbücher eingezogen und neue Bücher nur ausgehändigt wer­den, wenn keinerlei Rückstände bestehen. Auch ma­chen wir ausdrücklich darauf aufmerksam, daß im­mer die richtigen Beitragssätze, die nach den Ein­kommen gestaffelt sind, geklebt werden müssen, da sonst alle Unterstützungen usw. bei Antragstellung abgelehnt werden müssen. Die DAF.-Walter werden hierüber bereitwilligst Auskunft erteilen.

Zelle 1: Zellenwarter: Richard Herrnbrodt, Gießen, Friedensstraße 14. Die Zelle umfaßt fol­gende Straßenzüge: Licher Straße 45 bis 106, Anneröder Weg, Doeringstraße, Memeler Straße, Posener Straße, Schlesierstraße, Danziger Straße, Alter Steinbacher Weg, Georg-Philipp-Gail-Straße. Blockwalter: Ludwig Häuser, Friedensstraße 19, Karl Balser, Friedensstrahe 10, Friedrich Heusinger, Licher Straße 57.

Zelle 2: Zellenwalter: Albert Mandler, Friedensstr. 13. Die Zelle umfaßt folgende Sträßen- züge: Am Kugelberg, An der Kaserne, Friedens­straße. Blockwalter: Gotthold Scheffler, Am Kugelberg 20, Friedrich Henn, Am Kugelberg 48, Wilhelm Rentmeister, Friedensstraße 29.

Zelle- 3: Zellenwalter: Walter Lotz, Röd-

gener Straße 4. Die Zelle umfaßt folgende Straßen­züge: Rödgener Straße, Grünberger Straße, Heyer- weg, Alter Rödger Weg, Kaiserallee 28 bis Ende, Wolfstraße 1 bis 18, Eichgärten, Schlageterstraße. Blockwalter: Ernst Martin, Kaiserallee 67.

Zelle 4: Zellenwalter: Ernst Martin, Kaiserallee 67. Die Zelle umfaßt folgende Straßen­züge: Karl-Vogt-Straße, Landmannstraße, Licher Straße 1 bis 43, Wolfstraße 19 bis Ende, Kaiser­allee 1 bis 27. Blockwalter: Rudolf Geller, Wolfstraße 27, Hermann Schmidt, Kaiserallee 6 H., Walter Jrle, Kaiserallee 38.

Zelle 5 : Zellenwalter: Heinrich Mack, Roon- straße 31. Die Zelle umfaßt folgende Straßenzüge: Moltkeftraße, Roonstraße, Großer Steinweg, Eich­weg. Blockwalter: Hans Fegbeitel, Moltkestraße 28. Derselbe vertritt auch zur Zeit den Zellenwalter Mack.

jumvnu, wundervoll

Mr sanden zueinander.

Vornan von Klothilde v. Stegmann.

Urheberrechtschutz: Fünf-Türme Verlag Halle (S.)

Nachdruck verboten!

4 Fortsetzung.

Karla wa* mehrere Jahre jünger als er, aber sehr viel reifer. Das machte wohl ihr schweres Schick­sal. Er konnte sich gar nicht denken, daß sie früher einmal wie ein Junge gewesen sein sollte früher, ehe sie den schweren Unfall hatte. Mit zehn Jah­ren war sie beim Reiten von einem durchgehenden Pferde gestürzt und hatte sich eine schwere Ver­letzung der Wirbelsäule zugezogen. Jahrelang war sie in Behandlung der berühmtesten Aerzte lag monatelang in Gips. Als sie endlich die Klinik verlieh, konnte sie zwar gehen. Aber der eine Futz schleppte leicht nach, und die linke Schulter war ein wenig höher als die rechte.

Von diesem Tage an, so hatte Hauptmann Weckenroth Dietrich erzählt, war mit Karla eine völlige Veränderung vorgegangen. Mit geradezu bewundernswertem Heroismus hatte sie sich damit abgefunden, für ihr Leben entstellt zu sein. Aus dem wilden, jungen Menschenkinds dem Sport und körperliche Betätigung über alles gingen, wurde ein sanfter, ruhiger Mensch, der sich in Lernen und Forschen eine neue Welt aufbaute.

""Dietrich besann sich noch ganz genau, mit welcher Angst er Karla nach ihrem Unfall wiedergesehen hatte. In den Ferien vorher waren sie noch beide miteinander durch die Wälder der

waren miteinander geritten. Hatten Wettlaufe gemacht und an den Turngeräten im Parke des Weckenrothschen Gutes Wettkämpfe veranstaltet. Nun sollte er Karla Wiedersehen, krank, em Krüp­pel, abgetrennt von allen jugendlichen Spielen.

Doch Karla war es gewesen, die den Uebergang ganz leicht und wie selbstverständlich gefunden hatte. Mit keinem Worte klagte sie über ihr Schicksal. Sie ging sofort auf Dietrichs Leben ein, fragte nach allem, was er erlebt hatte, und ließ keinerlei Verlegenheit aufkommen. Da hatte ihn ein tiefer Respekt vor der Seelenkraft Karlas erfaßt.

Die Freundschaft zu ihr vertiefte sich immer mehr. Er konnte es kaum erwarten, bis er in den Ferien xu Karla kommen konnte. Wäre Karla gesund ge­wesen sie und keine andere hätte er geheiratet. Sie war die einzige Frau, bei der man an das Wahre und Edle glauben konnte. Er hatte sie seit fe;ner Rückkehr aus Südamerika noch nicht wreder- aesehen Denn bei seiner Landung in Hamburg erreichte ihn sofort die Nachricht vom Tode Tante Albe^as und die Bitte Justizrat Niemanns un­verzüglich nach Schloß Veltheim zu kommen. Aber morgen mürbe er Karla aufsuchen. Vielleicht wurde sie ihm einen Rat geben können. Freilich sie kannte auch sehr wenig junge Mädchen. Sie lebte

ja feit ihrem Unfall ziemlich zurückgezogen und machte nur alljährlich ihre Badereisen nach Wies­baden.

Innerhalb eines Jahres mußte die Testarnents- beöingung Tante Albertas erfüllt fein. Und er würde sie erfüllen. Seit der tiefen Enttäuschung durch Jutta hatte er den Gedanken an eine Ehe weit zurückgeschoben. Nun konnte er diesen Gedan­ken verwirklichen, wenn es auch schwer wurde. Aber schließlich schlossen so viele Menschen eine Formehe aus ganz anderen Gründen. Warum sollte er es nicht tun, um Veltheim zu erhalten? Es geschah ja nicht aus Habgier, es geschah um der heißen Liebe zu diesem Stück deutschen Bodens.

Die Gedanken bewegten Dietrich so stark, daß er immer schneller ausschritt und Regen und Kälte kaum noch spürte. Er war jetzt an einer Weg- biegung, an der die Chaussee sich teilte. Der eine Weg führte nach der Stadt, der andere in einem Bogen um die benachbarten Dörfer herum. Er wollte über Birkenfelde wieder nach Hause zurück­kehren. Da tauchten plötzlich aus dem Dunkel die grellen Lichter eines Autos auf. Ein lautes Hu­pen erscholl. Er hatte gerade noch Zeit, zur Seite zu springen.

Hinter der regennassen Scheibe sah er undeutlich, wie der Chauffeur den Wagen herumriß. Das Auto tat einen Sprung, bann hatte ber Lenker es wieber in ber Gewalt. Schon war es an Dietrich vorbei.

Die Insassen bes Wagens waren erschreckt zu­sammengefahren, so jäh wechselte bas Auto auf bie anbere Seite des aufgeweichten Weges herüber.

Hergott", sagte Marlen Korda erschrocken,was war denn da los?"

Karla Weckenroth schob die Scheibe zum Chauf­feursitz zurück:

Was passiert, Arndt?"

""Nein, Baroneß, da ist nur wieder einer so richtig übern Weg geduselt und dann ist natürlich wie­der der Fahrer schuld!"

Nun wir müssen doch bald da sein, Arndt?" ''Noch fünfzehn Minuten, Baroneß."

Dann fahren Sie mal vorsichtig, Arndt.

Karla nickte dem Chauffeur freundlich zu und schloß die Scheibe.

Wir hätten vielleicht lieber doch morgen bei Ta'aeslicht fahren sollen, Karla", meinte Marlen. Es ist wirklich ein halsbrecherisches Wetter heute. Und außerdem", sie sah bie Freunbin besorgt an, bie feuchte Luft ist gar nichts für dich Was würbe Doktor ßanggiffer jagen wenn er dich bet diesem Wetter unterwegs sähe?

^Er^würde"sagen: Recht, daß Sie sich etwas Zutrauen! Außerdem sind Sie ja bei JhrerFreun- Sin Marlen gut aufgehoben! Sie griff nach Mar­len Kordas Hand.Und hatte er damit nicht recht?

Ein Rot ber Freunde lief über Marlens klares Ge­

sicht. Aus den Worten fühlte sie wieder, wie Karla an ihr hing, und daß sie ihr etwas sein konnte.

Aber allmächtig bin ich ja auch nicht, Karla. Hoffentlich schadet dir ber Weg nicht!" Besorgt zog sie ben weichen Pelzkragen an Karlas Mantel enger um bereit Hals.Warum haben wir eigent­lich nicht bis morgen gewartet?"

Weil ich Sehnsucht habe, Dietrich zu sehen. Er hat sicher ben Kopf voll unb schrecklich viel zu tun. Sonst hätte er bestimmt schon bei uns angerufen. Aber ich wollte nicht noch länger warten. Vergiß nicht, Marlen, Dietrich ist ja mein einziger Ju- genbfreunb. Außer ihm habe ich niemanben in meinem Alter gehabt. Ich war ja seit meinem Un­fall sehr einsam, Marlen, bis ich bich gefunden habe."

Liebevoll sah sie Marlen Korda an.

Wirst doch nicht eifersüchtig sein, kleine Marlen, daß ich mich so schrecklich auf Dietrich freue? Du sollst mal sehen, du wirst auch ganz begeistert sein, wenn du ihn kennenlernst."

Nun lächelte auch Marlen froh:

Ich kenn' ihn ja schon, Karla. Ich kann ihn mir aus deinen Erzählungen so lebhaft vorstellen."

Aber nicht, wie er wirklich ist. So ernst und so fein! Und so liebebedürftig! Ach Marlen, er und ich haben ja in gewisser Weise ein ähnliches Schick­sal. Er ist einsam geworden, weil er nicht Vater noch Mutter hatte ich bin einsam geworden, weil ich krank wurde. Siehst du, und diese Her­zenseinsamkeit, die hat uns so zusammengeführt. Kannst du begreifen, wie ich mich freue,, ihn wie- berzusehen? Es finb ja jetzt brei Jahre her. Zwei Jahre war Dietrich braußen in Sübamerika, unb bas Jahr zuvor war ich noch im ©üben."

Wenn sich bein Jugenbfreunb nur nicht ba brau­ßen in ber Welt oeränbert hat, Karla! Es waren doch gerade jene Jahre, die einen Mann entschei­dend formen. Ich will dir ja deine Vorfreude nicht stören, Liebes. Aber ich glaube, zwischen dem zweiundzwanzigsten und fünfundzwanzigsten Jahre kann sich ein Mann sehr ändern."

Karla schüttelte den Kops:

Der Dietrich Veltheim sich ändern? Ausge­schlossen! Der ist heute noch genau so wie damals. Nun. du wirst ja bald sehen", schloß sie.

Vor ihnen tauchten die Umrisse des Schlosses auf. Zwei große, leuchtende Laternen flankierten den Eingang. Der Wagen fuhr durch ein großes Steinportal in einen weiten Vorhof. Nun hielt er vor ber Schloßrampe von Veltheim.

4. Kapitel.

In ben Gastzimmern bes Schlosses Delcheim, bie Jutta seit Wochen bewohnte, brannten alle elektrischen Lampen. Sämtliche Schränke unb Schübe waren geöffnet. Zwei große Koffer stau­ben aufgesperrt in ber Mitte ber Zimmer.

Soll ich bem gnäbigen Fräulein helfen?" fragte das Stubenmädchen Lisbeth, das soeben mit dem Diener Juttas Koffer vom Boden gebracht hatte.

Danke, ich möchte allein fein."

Der Diener und Lisbeth gingen hinaus.

Dicke Luft", sagte der Diener leise zu Lisbeth. Mit der Herrlichkeit der schönen Jutta scheint's hier auch aus zu fein."

Na, wenn der junge Herr ein paar Augen im Kopfe hat, sieht er doch, was das fürne Schlange ist. Wenn er sich von der hätte einfangen lassen, das wär' doch zu schade gewesen. So ein hübscher und freundlicher Herr!"

Die kleine Lisbeth sah ordentlich begeistert aus.

Na nu sachte vergucken Sie sich nur nicht, Lisbeth. Für Sie ist das schon lange nichts."

Brauchen Sie mir gar nicht zu sagen", kam es sehr schnippisch,weiß ich ganz von allein. Aber für gewisse Leute bin i ch nun wieder nichts."

Wen meinen Sie denn damit?" fragte Paul. Er war erst seit einem halben Jahre hier auf Schloß Veltheim angestellt, unb Lisbeth hatte es ihm an­getan.

Wen ich meine? Immer ben, ber so bumm baherfragt!" lachte Lisbeth.

Wart nur, du Racker!" Paul wollte nach Lis­beth greifen, aber mit einer geschickten Bewegung war sie ihm unter dem Arm durchgeschlüpft, lief lachend den Korridor entlang.

Jutta stand mit finsterem Gesicht in ihrem Zim­mer. Sie hatte die neugierigen Gesichter nicht mehr ertragen können. In Lisbeths Augen, auch in denen des jungen Dieners, glaubte sie eine heimliche Schadenfreude zu sehen. Die freuten sich wohl alle, daß sie abreisen wollte, ober vielmehr, baß sie abreifen mußte!

Wut unb Haß tobten in ihr. Kaltblütig hätte sie Dietrich umbringen können. Sich selbst aber hätte sie ohrfeigen mögen, ob ihrer eigenen Dumm­heit. Was hatte sie nur bazu bestimmt, nicht auf eine anbere Fassung bes Testaments zu bringen? Es hätte sie ja nur ein paar Worte gekostet. Dann hätte Tante Alberta folgenbermaßen geschrieben:

Ich ernenne meinen Neffen Dietrich von Veltheim zu meinem Universalerben, unter ber Bebingung, baß er innerhalb eines Jahres meine Nichte Jutta von Bergfelbe heiratet."

Sicher hätte Tante Alberta bas Testament auch so gefaßt. Die alte Frau war ja in den letzten Tagen viel zu schwach, um ihrem Einfluß irgend­wie zu widerstehen.

Finster starrte Jutta vor sich hin. Sie hatte so fest damit gerechnet, daß Dietrich sie immer noch liebte. So fest darauf gebaut, daß er ein Gent­leman wäre. Nicht mit einem einzigen Gedanken hatte sie daran gedacht, daß er das Testament an­ders auslegen könnte, als sie selbst es innerlich ge­meint hatte. So berechnend sie selbst war, so fest hatte sie bei Dietrich an jenen Idealismus geglaubt, ben sie bespöttelte. Dietrich unb eine Ehe schlie­ßen, nur um bas Erbe sich zu erhalten biese Vorstellung war ihr gerabezu absurd erschienen.

(Fortsetzung folgtI)