Ausgabe 
15.11.1935
 
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Ur. 268 Erstes Blatt

185. Jahrgang

Zreitag, 15. November 1935

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Eichener Anzeiger

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Der Luftschutz sichert die deutsche Heimat.

Reichslufifahrtminister Göring ruft in einer großen Kundgebung des deutschen Luftschutzes alle Volksgenossen zur Mitarbeit am Friedenswerk des Luftschutzes auf.

Berlin, 14. Nov. (DNB.) Die Landesgruppe Groß-Berlin des Reichsluftschutzbundes veranstaltete im Berliner Sportpalast ihre erste große öffentliche Kundgebung, bei der in Anwesenheit des Ober­befehlshabers der Luftwaffe, General Göring, die neuen Fahnen geweiht und 18000 Luft- fchutzamtsträger verpflichtet wurden. Der Präsident des Reichsluftschutzbundes, General­leutnant a. D. Grimme, dankte im Namen der 7 Millionen Mitglieder des Reichsluftschutzbundes dem General Göring dafür, daß er den Grundstein gelegt habe zu einer der großen Säulen der Lan­desverteidigung, die das Gebäude der deutschen Wehrfreihelt tragen. Auch der Reichsluftschutzbund sei Görings Werk und die Tatsache, daß der Bund so erfolgreich wirken könne, sein Verdienst.

General Gorina

erinnerte dann an die gewaltige einzigartige Tra­dition, die diesen größten Saal Berlins aus­zeichne. Von diesem Platz aus hätten der Führer und feine Gefolgsleute stets wieder den Glauben und die Zuversicht an eine neue Zukunft verkündet. In dem Geiste dieses Kampfes sei auch der Reichs­luftschutzbund geschaffen worden, der ein Glied dieser Bewegung sei und dessen Angehörige erfüllt seien von dem Glauben an Deutschlands Zukunft.

Im Rahmen der neuen Wehrhastmachung sei die Luftwaffe geschaffen worden in der klaren Er­kenntnis, daß trotz Heer und Marine die Wehr des Volkes ungenügend sei, solange nicht sein Luft­raum geschützt werden konnte. Das Versailler Diktat habe alles vernichtet, was dem deutschen Luftraum auch nur den geringsten Schutz geboten hätte. Deshalb habe die Luftwaffe mit der allergrößten Energie, Geschwindig­keit und technischen Vollendung ge­

schaffen werden müssen. Wenn man heute sagen könne, daß Deutschland nicht mehr schutzlos sei, so sei dies nur kraft jener einzigartigen Entschlossen­heit möglich gewesen, die vom Führer und seinen Mitarbeitern ausgegangen sei.

Diese deutsche Luftwaffe fei von vornherein zum klaren Zweck der Verteidigung ge­schaffen worden, das deutsche Volk zu schützen, damit es im friedlichen Wettbewerb seiner Ar­beit nachgehen könne. Sie sei nicht ausgebaut worden, um andere Völker den Schrecken eines Luftkrieges auszusehen. Sie sei in dem Rah­men gehalten worden, der notwendig war, das eigene Volk zu schützen.Wir wollen den Frieden, der dem deutschen Volke zukom­men läßt, was ihm zukommen muh, einen Frieden der Ehre und der Gleich­berechtigung." Diesen deutschen Frieden könne nur die wiedererwachte deutsche Kraft schützen, zu der die deutsche Luftwaffe gehört.

Aus diesem Gesichtswinkel heraus komme dem Luftschutz eine unendlich wichtige Aufgabe zu: Er habe die Organisation zu schaffen, damit das deutsche Volk, wenn einst das Schicksal furchtbare Zeiten ohne oder gegen seinen Willen heraufbeschwö- ren sollte, vor den schrecklichen Folgen von An­griffen aus der Luft geschützt werde. Der Luftfahrt­minister wies auf die drei großen Gebiete des zivi­len Luftschutzes hin, auf den Sicherheits - und Hilfsdienst, auf den W e r k l u f t s ch u tz , der die lebensnotwendigen Betriebe und die wichtigen Jndustriewerke ingang zu halten habe, und auf den S e l b st s ch u tz , der dem Reichsluftschutzbund über­tragen sei. Gerade dem Letzteren sei die ungeheure Aufgab" auferlegt, zu Hause in der Heimat den unerschütterlichen Glauben an die Armee aufrecht zu erhalten.

Eine Armee werde nur dann mit dem höchsten Einsatz kämpfen können, wenn ihr die Hei­mat den Rücken stärke, und der Luft- schüher müsse dabei bedenken, dah, wenn er zur rechten Zeit eingreife, er immer ein Soldat in der Feuerlinie fei. Um diesen kommenden Gefahren trotzen zu können, habe der Luftschutz sich zu üben und sich zu stählen, und das um so mehr, als er ohne Waffe seine Pflicht zu tun habe. Der Reichsluftfahrtminister sprach dem Luft­schutz für seine bisherige Arbeit Anerken­nung und Dank aus. Der Reichsluftschuh­bund sei ein bedeutendes Betäti­gungsfeld für die Frau, hier könne die Frau Freundin und Mitkämpferin des Mannes fein. Die deutsche Frau müsse die Bestrebungen des Luftschuhbundes verstehen, für sie eintreten und sie fördern.

Wenn jeder einzelne Volksgenosse auf den Führer blicke, der sein ganzes Leben und seine ganze Arbeit dem deutschen Volke geweiht habe, so werde ihm ein Beispiel gegeben. Wenn jeder Einzelne für das Ganze eintrete, dann sei auch das Ganze für jeden Einzelnen der sicherste Hort.

Mit einem dreifachen Sieg-Heil schloß Reichs­luftfahrtministerium Göring seine mit begeistertem Beifall aufgenommene Ansprache. Landesgruppen­führer Major a. D. v. Loeper nahm darauf die Verpflichtung von mehr als 18000 Amtsträgern und Amtsträgerinnen sowie die Weihe der Fahne der Landesgruppe und der 200 Fahnen der Groß-Berliner Bezirke und Orts­gruppen vor. Der Reichsluftschutzbund zählt in Groß-Berlin heute 760 000 Mitglieder.

Das Ergebnis der Wahlen in England.

Starke Mehrheit für die nationale Regierung

London, 15. Rov. (DRV. Funkspruch.) Rach einer vorläufigen Zusammenstellung haben die Re­gierungsparteien bis gegen 7 Uhr morgens 4 634 529 und die Oppositionsparteien 4 342 948 Stimmen er­halten. 3m einzelnen verteilen sich die Stimmen wie

folgt:

konservative 4 125 176

Rationale Liberale 345 950

Rationale Arbeiterpartei 163 403

Arbeiteropposition 3 721 701

Liberale Opposition 523 562

Unabhängige Partei 22 205

Kommunisten 13 655

Unabhängige 61825

Bei Abschluß der im Laufe der Rächt vorgenom­menen Zählungen um 5 Uhr früh wat der Stand der Parteien wie folgt:

Regierungsparteien: konservative 167, Rationale Liberale 14, Rationale Arbeiterpartei 3, Unabhängige Rationale 0, jufammen 184.

Opposition: Arbeiterpartei 78, Liberale 8, Unabhängige Liberle 0, Unabhängige Arbeiterpartei 0, Wilde 1, zusammen 87.

Die Regierungsparteien haben also insgesamt 6 Gewinne und 40 Verluste, die Opposition 44 Ge­winne und 10 Verluste zu verzeichnen.

3n der dritten Morgenstunde wurde in Regie­rungstreuen erklärt, es sei bereits deutlich, daß die nationale Regierung einen über­wältigenden Sieg errungen habe. Es wurde betont, dah es der Arbeiterpartei nicht gelungen sei, auch nur die hälfte der Sitze zurückzuerobern, auf die sie gehofft und mit deren Verlust die Regierung gerechnet hatte. Da es als unwahrscheinlich gilt, dah die Marxisten in den ländlichen Wahlkreisen, deren Ergebnisse heute nachmittag bekanntgegeben werden, besser abschnei­den werden als in den grohen Städten und Indu­striebezirken, hofft die Regierung zuversichtlich, dah die Regierungsmehrheit nicht, wie bisher erwartet, etwa 150,sondern mehr als 2 00 betragen werde.

Der Führer der liberalen Opposition, Sir Herbert Samuel, ist in Lancashire von dem Konserva­tiven Russell geschlagen worden. Rüssel! hatte 15 200 Stimmen, Sir Herbert Samuel 14 135 Stim­men. Bei den letzten Wahlen betrug die Mehr­heit für Sir Herbert Samuel über 4000 Stimmen. S j r Au st en Chamberlain ist in seinem Wahlkreis Birmingham-West wiedergewählt worden. Seine Mehrheit hat sich von 7000 auf 11000 erhöht. Der frühere Erste Lord der Admi­ralität, Alexander Arbeiterpartei) hat ferne* Sitz in Sheffield wiedergewonnen, indem er den konservativen Vertreter mit einer Mehrheit von 3500 Stimmen schlug. Der Arbeiterführer eig­nes konnte in Manchester seinen früheren Sitz, ben er bei den Wahlen von 1931 verloren hatte,

wiedergewinnen. In Liverpool wurde der Sohn Winston Churchills, Randolf Churchill, von dem arbeiterparteilichen Gegenkandidaten g e - schlagen; das Stimmenverhältnis war 18 500 zu 16 400.

Das Echo der presse.

London, 15. Nov. (DNB. Funkspruch.) In den Spätausgaben mehrerer Morgenblätter wird be­reits zu den bekanntgewordenen Wahlergebnissen Stellung genommen. Der konservativeDaily Telegraph" glaubt bestimmt, daß eine starke Mehrheit für die Regierung erreicht sei und sagt, auf jeden Fall stehe schon jetzt fest, daß es keine Umwälzung gegeben habe und daß von einer arbeiterparteilichen Mehrheit keineswegs die Rede fein könne.Time s" beurteilt den mög­lichen Verlust von etwa 30 Sitzen, den die Regie­rungsparteien haben, in gelassenem Ton und sagt, etwas anderes sei nicht erwartet wor­den. Jeder gut unterrichtete Beobachter habe mit einer sehr großen Verminderung der überwälti­genden Mehrheit von 1931 gerechnet. Der Verlust

sei aber erheblich hinter dem erwarte­ten zurückgeblieben. Schon die bisher vor­liegenden Teilergebnisse zeigten, daß die Wähler­schaft keine Wiederherstellung einer Parteiregierung wünsche. Das Experiment mit der nationalen Re­gierung werde in England noch eine Weile fort­gesetzt werden.

Der liberaleNews C h r o n i c l e" bekundet bittere Enttäuschung über die bisherigen Ergebnisse und setzt seine Hoffnung darauf, daß der heutige Tag eine nachdrückliche Verurteilung der Regierung bringen werde, der es mißlungen sei, Frieden im Auslande und Wohlfahrt im Innern zustandezubringen. Das Blatt gibt aber offen zu, daß die Regierung im kommenden Parlament über einewesentliche Mehrheit" verfügen werde. Der arbeiterparteilicheDaily H e r a l d" drückt seine Befriedigungüber den jähen Niedergang" der Regierungsstimmen aus, und spricht von einer großartigen Erholung der Arbeiter­partei von den Folgen der Katastrophe von 1931. Das Blatt sagt, wie auch das Endergebnis aussehen möge, die Hauptsache sei, daß die Arbeiterpartei sich wieder auf sich selbst besonnen habe.

Grundsätze natwnaisoz aliffMer Staatspolitik.

Reichsleiter Alfred Rosenberg vor der ausländischen Diplomatie und preffe

Berlin, 14. Nov. (DNB.) Der Chef des Außen­politischen Amtes der NSDAP., Reichsleiter Alfred Rosenberg, sprach vor der ausländischen Diplo­matie und Presse überGrundsätzliche Forderungen, die wir Nationalsozialisten an nationalsozialistische Staatsmänner stellen". Das Problem, das ewig bleibt, so führte Rosenberg u. a. aus, ist das Raumproblem mit seiner ihm innewohnenden Gesetzlichkeit. Weil Deutschland offen ist, muß die deutsche Lebensform und der deutsche Staattypus grundsätzlich anders aussehen als das englische, amerikanische oder japanische Lebensgefühl, also der Staaten, die Jnselvölker umschließen. Das alles in seiner Gesetzmäßigkeit zu erkennen ist not­wendig für den nationalsozialistischen Staatsmann, der sich aber auch bemühe, d i e innere Gesetz­lichkeit im Handeln der übrigen Vol­ke r zu begreifen. Dächten andere Völker ebenso, so könnten sie sehr gut darauf kommen, daß alles, was in Deutschland geschieht, den Abschluß einer 400jah- riqen preußisch-deutschen Geschichte darstellt, und daß sich Deutschland nun z u seiner Lebensform durchqerungen hat.

Biel Porwürfe aus dem Auslande ließen ledoch erkennen, daß di- jetzt gefestigte deutsche Lebens­form von außen her noch nicht immer be- arifsen werde. So sei immer wieder behauptet worden daß doch die nationalsozialistische und die k o m m u n i st i s ch - S t a a t s f o r m eigent­lich gleichlautend seien. Man sagt beide Staaten hätten keine Meinungsfreiheit ,n beiden herrsche die Diktatur und in beiden seien Religionsverfol- gungen zu verzeichnen. Wir sind der Ueberzeugung. daß es eine absolute äußere Freiheit in der

Welt nicht gibt. Uni) daraus hat der National­sozialismus die Konsequenz gezogen, daß, wenn es schon notwendig ist, daß der Mensch Opfer an per­sönlicher Freiheit zu bringen hat, er besser nicht einer Privatperson, sondern stets dem Volks- gangen und dem Staat gegenüber ver­antwortlich gestellt wird.

Der Nationalsozialismus sei aus dem Volke entstanden und nicht wie der Kommunismus die Diktatur einer kleinen Kaste. Der Nationalsozia­lismus erhalte die Tradition, der Kommunismus zerstöre sie. Der Nationalsozia­lismus bekämpfe asoziale und staats- feindliche subjektive Bestrebungen, der Kommunismus predige die Entfesselung dieser Triebe für eine einzige Klasse. Der Nationalsozia­lismus stelle sich auf die Grundlage eines ernsten religiösen Gefühls, während der Kommunismus für die Vernichtung jedes Religionsgefühls kämpfe. Der Nationalsozialismus betonte den Schutz nationaler Kultur, während der Kommunismus die Zersetzung aller Völ­ker fordere. Nicht nur politisch, sondern auch geistig sei deshalb der Nationalsozialismus der schärfste Gegner des Kommunismus. Der Nationalsozialismus fei kein geistiger Welt­imperialismus, sondern hoffe, daß einmal ver­wandte 1 kersysteme geistig ver­bündet und deshalb bodenverwurzelt sich in or­ganischer Zusammenarbeit gegenüberstehen. Diese Entwicklung fördere der Nationalsozialismus, und dies sei der Beitrag, den der Nationalsozialismus im Ringen um den Frieden in der Welt gebe.

Stalins neuedewegung".

Von unserem Tl.-Berichierstaiier.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Moskau, November 1935.

Der Name Stachanow tauchte zuerst Ende August in der Sowjetprefse auf. Meteorhaft stieg sein Träger empor aus der grauen Masse der schuftenden und darbenden Sowjetproletarier, bis dahin unbekannt und sein kärgliches Dasein mühsam fristend. Einer wie Millionen anderer... Und heute, zwei Monate später, ist das Bild dieses Man­nes den Arbeitern und Angestellten in der Sowjet­union ebenso bekannt und vertraut wie das Bild Molotows oder gar Stalins selbst. Heute blickt den Lesern der Sowjetpresse der Kopf Stachanows mit der niedrigen Stirn, den dicken Lippen und dem breiten ordinären Lachen jeden Tag aus jedem Blatt entgegen. Heute istStachanow" bereits ein Begriff geworden.

In den beiden Monaten, die feit der Entdeckung dieses Namens vergangen sind, ist ein unvor­stellbares Trommelfeuer von Agita­tion und Reklamemacherei auf das Land niedergegangen. Acht Wochen lang füllten nicht mehr nur Spalten, sondern ganze Seiten der Blät­ter aller Formate dieSiegesberichte" der Stacha­now und seiner Nachfolger. EineBewegung" wurde geschaffen, die mit den zweifelhaftesten Re­klametricks arbeitet. Volkskommissare und Industrie- führer treten auf den Plan, Briefe und Ergeben- heitsadressen decken das Land zu. Zusammenkünfte kleinen und größten Stils finden jeden Tag statt, von einem Industriezweig springt dieArbeitsme­thode" Stachanows auf den anderen über kurz: das ganze riesige Land ist in einen förmlichen Stachanow-Taumel", in einen Rausch gera­ten, und mit jedem Tag schwillt die Flut immer mehr an.

Stachanow verbesserte seine Arbeits- lei st u n g , und sein Rekord fiel in eine Zeit, als die Jnhustrieführer des bolschewistischen Staates vergeblich nach einer Möglichkeit suchten, die Produktion rentabel zu gestalten, als der Arbeiter über die Verteuerung des Lebens immer mehr und vernehmlicher murrte, als es offenbar wurde, daß die Aufhebung der Lebensmittelkarten nicht zu der erhofften Besserung auf dem Er­nährungsmarkt führte, als das Grauen vor dem bevorstehend en Winter sich wieder des Sowjetrussen zu bemächtigen begann. Da wur­den Volkskommissare und Jndustrieführer, Presse und Rundfunk, Ingenieure und Arbeiterverbände, Stadt und Land mobil gemacht. Der Name Stacha­now flog in die Redaktionsstuben, die behördlichen Büros, die Parteiorganisationen, in die Arbeiter- Dcrfammlungen, in die Fabrikräume und in die Werkstätten. Acht Wochen lang wurde er zum Held proklamiert, als Jdealgestalt gezeichnet unddie Bewegung" war da.

Wer ist Stachanow und worin besteht seineAr­beitsmethode", die für neif und wichtig genug er­kannt wurde, um als Beispiel für ein 165 Mil­lionenvolk hingestellt zu werden? Es ist selt­sam: man suchte wochenlang vergeblich nach einem Anhaltspunkt in den Sowjetblättern, die Stachanow über den grünen Klee lobten, wodurch er seine Arbeitserfolge errungen und was daran eigentlich beispielhaft wirken soll. Als Steiger in einer der Däne z-Kohlengruben tätig, war Sta­chanowBrigadier", d. h. Anführer einer Arbeits­gruppe von 8 bis 10 Häusern. Als solcher förderte er eines Tages 102 Tonnen Kohle und überflügelte damit die feftgelegte Norm um ein Beträchtliches. In der nächsten Zeit übertraf er sich selbst und for­derte 160 Tonnen in einer Arbeitsschicht. Dieser Erfolg ließ seine Kameraden nicht schlafen. Der Steiger Isotow brachte es auf 240, ein anderer so­gar auf 310 Tonnen.

Das Beispiel Stachanows wurde durch den Schmied Bussygin in der Maschinenindu- st r i e nachgeahmt, bei den Eisenbahnen war es der Lokomotivführer Kriwonow, der die angeordnete Kilometerzahl weit übertraf, in der T e x t i 1 i n d u st r i e hat dann die Weberin Weno- gradowa auf mechanischen Webstühlen 100, ja 150 Spindeln allein bedient und einenWeltrekord" aufgestellt. Und so weiter... Denn seitdem geht die Stachanow-Methode" von Industriezweig zu In­dustriezweig, von Werk zu Werk, ja von Behörde zu Behörde, von Büro zu Büro. Und s e l b st in der Schule wollen die Lehrer jetzt nur noch Stachanowitsch" arbeiten, die wissenschaftliche Aka­demie trachtet danach, sich einzuschalten und es den Kohlentrimmern gleichzutun, in der Fliegerei, beim Stiefelbesohlen und beim Kuhmelken überall ist nur noch von Stachanow und seinem System die Rede.

Aber diesesSystem"? Was hat es damit auf sich? 4 Wir zitieren das Blatt des Jndüstriekom- miffarsSa Jndustrialisaziju":Stachanowisch zu arbeiten heißt, seine Arbeit so zu organisieren, um aus der Technik alles Herauszupres­se n , w a s sie nur hergeben kann; das ist eine Spezialisierung der Arbeit, eine Arbeitstei­lung, die den Arbeiter entlastet; eine Hebung der Ergiebigkeit der Arbeit und der Maschinen. Das ist die Schaffung von Arbeitsbedingungen, unter denen es an der Maschine keine überflüssigen und also im Werk keine überschüssigen Arbeitskräfte gibt, unter denen die Maschinenzeit und das FordscheMi- nut-Kost" genauestens berechnet sind... Wir müssen die Ergiebigkeit der menschlichen und der Maschi­nenarbeit genau berechnen und dürfen in unseren Berechnungen vor allem die Rolle des subjektiven Faktors, die Rolle des Menschen, nicht unterschätzen... Wir sind ein Land der unwahr­scheinlichsten Möglichkeiten..."

Mil aller nur wünschenswerten Deutlichkeit gebt aus diesen Bekenntnissen hervor, was itt