Ausgabe 
12.3.1935
 
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Nr. 60 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Dienstag, l2.MSrz 1935

NIVEA

mild, leicht schäumend.

ganz wundervoll in Geschmack

IV

Aus der Provinzialhauptsiadi

weife immerSie ist eine Sagofrau".

den von

Hütten für den Gelehrten eine besondere Hütte, die innerhalb einer Viertelstunde aus einigen Pfählen und der Rinde des Eukalyptusbaumes entstand. Bor

Masken, Menfchenfchädel, Totempfähle häufen sich im Magazin des Berliner Völkerkunde - Museums neben Nachbildungen von Einbäumen und Aus­legerbooten, neben geheimnisvollen Schnit­zereien und präparierten Paradiesvögeln: Dr. Nevörmann packte soeben die letzte der großen Kisten aus, in denen er den reichen Ertrag seiner eineinhalbjährigen Forschungsreise durch die Südsee nach Ber- lin geschafft hat. Er teilte dabei unserem Mitarbeiter interessante Einzelheiten über seine abenteuerlichen Erlebnisse und Ent­deckungen mit.

Oer Forscher mit -er Gagosrau.

18 Monate unter Malaien, Papuas und Melanesiern in der Südsee. Adoptivvater bei den »Kopfjägern^.

Don Or. 3- Rudolf.

Stücke hatte, die verschiedensten Geräte, die diese zum Teil noch auf steinzeitlicher Kulturstufe stehen- Stämme benutzen, Trauerkleidungen seltsamer Eigenart u. v. a. Reiche Funde machte

Oer Verkehrsschuhmann.

Er lenkt, die Hand emporgehoben, den tollen, brausenden Verkehr. Das Hasten, Jagen, Lärmen, Toben rührt seine Seele nimmermehr.

Man sucht ihn, wie den Blitzableiter, wenn man sich nicht mehr retten kann; er ist uns Schutz und Wegbereiter, ist einfach der vollkomm'ne Mann.

Besonders können alle Frauen, ob hübsch, ob häßlich, jung und alt, sich unbedingt ihm anvertrauen als Stütze und als starker Halt. Er lenkt die Frau als Menschenkenner. Sein Wille nur hält sie im Bann, es gibt wohl nicht sehr viele Männer, von denen man das sagen kann.

.Als Freund der Schwachen und der Armen ist er zu Rat und Tat bereit.

Mit Kleinen hat er stets Erbarmen, und für die Fremden hat er Zeit. Er findet Antwort allen Fragen, und kommt, mit ängstlich scheuem Tritt die Mutter mit dem Kinderwagen, geht er als Schutz persönlich mit.

Er weiß, daß der geringste Fehler, den er begeht, ein Unglück bringt. Nur Trunkenbolde und Krakeeler verehren ihn wohl nur bedingt. Wir aber wollen laut ihn loben; und sieht er uns mal strafend an, so steht er doch, die Hand erhoben, vor uns als der vollkomm'ne Mann.

Puck.

Kraftfahrzeug und Führerschein.

Die Motorisierung des Verkehrs wird auch in diesem Jahre einen weiteren gewaltigen Auftrieb erfahren. Es dürfte daher zweckmäßig sein, einmal zusammenfassend das Verfahren darzulegen, das für die Beantragung der Zulassung eines Kraft­fahrzeuges bzw. für die Beantragung eines Füh­rerscheins zum Führen von Kraftfahrzeugen maß- gebend ist.

Wenn ein Kraftfahrzeug in Betrieb genommen werden soll, hat der Eigentümer bei der für feinen Wohnort zuständigen Verwaltungsbehörde (in Land­kreisen das Kreisamt bzw. der Landrat, in Stadt­kreisen die Polizeiverwaltung) die Zulassung des Fahrzeuges schriftlich zu beantragen. Der Antrag, zu dem Formblätter bei der Zulassungsbehörde er­hältlich sind, hat zu enthalten: 1. Name und Wohn­ort des Eigentümers, 2. Herftellungsfirma des Fahrzeuges, 3. Art des Fahrzeuges (Last- oder Personenkraftwagen), 4. Art des Antriebs (Ver­brennungsmaschine usw.), 5. Pferdestärke der Ma-

baumes. Diese Dämonen haben nach dem Volks­glauben die ganze Kultur in das Land gebracht, den ersten Sagobaum, die erste Kokospalme gepflanzt und schließlich sehr viele Kinder gehabt. Durch diesen Totemismus sind auch die sozialen Verhältnisse im Lande stark bestimmt. So ist es einem Mitglied eines Totems nicht gestattet, eine Frau aus dem gleichen Totem zu heiraten; ein Känguruh- Mann darf kein Känguruh-Mädchen ehelichen, und hätte er sie noch fo lieb. Dr. Nevermann, der durch feine Adoption nun zum Kotostotem gehörte, wurde denn auch oft gefragt, aus welchem Totem feine Frau in der Heimat fei. Er sagte dann vorsichtiger­

fast gar nicht, und eine auffällige Verkümmerung ihrer Waden führt Dr. Nevermann auf die man­gelnde Bewegung der unteren Extremitäten zurück. Die Insel ist sozusagen ein Venedig der Süd- s e e. Dort, wo sich mehr fester Boden anhäufen ließ, sind Ortschaften entstanden, die zum Teil bis zu tausend Einwohner zählen.

IO Menschen haben eine eigene Sprache.

Für sein Museum hat Dr. Nevermann hochbedeut­sames Material sammeln können. Masken aus großen, reich beklebten Brust platten und hohem Kopfputz, die bei den Mannbarkeitsfeiern die Ahnen-Dämonen darftellen und von denen das Völkerkunde - Museum bisher nur unvollständige

Rein! Ich habe keine große Expedition aus­gerüstet! Ich hatte mich schon lange um die Mittel 1 zu einer Forschungsreise in b i e Südsee 1 aus der Baeßler-Stiftung zur Beschaffung von Neu­erwerbungen bemüht, und als im Frühjahr 1933 der zusagende Bescheid eintraf, bin ich sogleich im Mai abgereist. Erst in Neu-Guinea selbst habe ich mir als Helfer und Begleiter einen früheren malaiischen Vogeljäger engagiert. Ali Ben Halim hat dann für mich die Träger angeworben, war mein Berater, mein Koch, kurz dasMädchen für alles".

Dr. Nevermann hat von Java aus zunächst die Molukken besucht und sich dann nach Neu-Gui- nea gewandt, wo er ein halbes Jahr im südlichsten Teil von Holländisch-Neuguinea arbeitete. Dann reifte er über Australien nach Neu-Kaledonien, zu den Neuen Hebriden und nach Tahiti. Den weitaus größten Teil seiner Sammlungen hat aber Neu- Guinea geliefert, etwa 2500 Stücke. Und hier hat er auch Gebiete erforscht, die bisher selbst von euro­päischen ober chinesischen Vogeljägern kaum heim­gesucht worben finb.

Kurze Hosen als Zahlungsmittel.

Standquartier war zunächst der Hauptort von Holländische-Neu-Guinea, Merauke, wo etwa 200 Malaien, ein paar Chinesen und vier Europäer wohnen. Im ganzen Süden von Neu-Guinea wohnen einschließlich der Missionare vielleicht 15 Weiße. Teils mit den kleinen Segelbooten, die sich die chinesischen Kaufleute für ihren Küftenhandel halten, hie und da, wenn es gerade paßte, auch mit dem Motorboot der Missionsstation machte Dr. Nevermann Entdeckungsfahrten an der K ü ft e ber Hauptinsel unb auf ben brei Flüssen dieses Gebietes, bem Digul, bem Maro unb bem Dian. Vielfach mußte sich ber Forscher aber auch zu Lanbe burchkämpfen. Das ist besonbers schwierig, weil hier nur sumpfiges Anschwemmungsgebiet ist. Diejungen Krieger" unb bieverheirateten Män­ner" aus ben Küstenbörfern waren allerbings bereit, Trägerbienste zu tun. Immer zu zweien tragen sie die Lasten an einer Bambusstanae. Nur bie Frauen dürfen bie Packen auf bem Kopf ober Rücken tragen. Für Männer ist bas bei ben Papuas un­schicklich. Entlohnt würben bie Träger mit Kau­tabak unb javanischer Betelnuß, bie größer ist als bie von Neu-Guinea unb ben Eingeborenen auch besser schmeckt. Außerbem hatte sich Dr. Never­mann reichlich mit Glasperlen, Messern unb kurzen Hosen versehen; benn kurze Hosen finb bort ein beliebtes Zahlungsmittel.

Nur nichts umkommen lasten!

In ben (Singeborenenbörfern mürbe bie Expebition meist. recht gut ausgenommen. Vielfach bestehen Schutzhütten ber Polizei, in benen Dr. Never­mann übernachten konnte. Sonst errichteten die Ein­geborenen nach bem Vorbilb biefer Polizei-Rast-

frr namentlich auf bem bisher unerforschtem Frederik- Hendrik-Lanb, wo er besonbers unter ben flachen Dächern wertvolle Stücke herausholte. Außerbem kamen bie Leute oft schon aus ben Nachbarbörsern an, um bem seltsamen Mann ihre Habe anzubieten, der die alten Sachen so gern kaufte. Besonders eingehend widmete sich Dr. Nevermann der Auf­nahme der einzelnen Sprachen. In Neu-Guinea gibt es unzählige verschiedene Sprachen, die schon von Dorf zu Dorf wechseln. Ein Dorf von nur etwa 70 Einwohnern hatte z. B. feine völlig eigene Sprache. Die Eingeborenen fühlten sich meist sehr geehrt, wenn Dr. Nevermann Sprachaufnahmen machte und ihre Worte verzeichnete. Don rund 40 Sprachen hat er solche Aufzeichnungen gemacht. Gegen Schädelmessunaen dagegen waren sie sehr mißtrauisch! Kein Wunder in einem Lande, wo der Kopf ein so begehrter Artikel ist.

den berüchtigten Kopfjägern brauchte Dr. Nevermann übrigens keine Furcht zu haben, ob- wohl bei den Stämmen des Binnenlandes diese unfreundliche Angewohnheit noch durchaus im Schwünge ist. Es find nur seltene und besondere Fälle bekannt, in denen die Eingeborenen den Kopf einesAusländers" abgeschnitten haben. Einen Chinesen freilich, den sie in einem Dorf beim Mäd­chenraub ertappten, haben sie erst vor kurzer Seit umgebracht unb bann auch aufgefressen. Als bie Mörber aber ergriffen wurden, war es nicht leicht, sie von der Scheußlichkeit ihrer Tat zu über­zeugen. Daß man einem Menschen den Kops nimmt, zumal wenn er eine der an sich schon recht knappen

Sin Venedig der Güdsee.

Auf bem Freberik-Henbrik-Lanb herrschen sehr merkwürbige soziale Zustänbe. Diese Insel hat von jeher ein kaum gestörtes Eigenleben geführt unb auch zur Hauptinsel abgesehen von etwaigen Ueberfällen burch Kopfjäger kaum Beziehungen gehabt. Sie besteht eigentlich aus nichts anberem als aus einem Küstenwall, ber sie gegen ben Schlick begrenzt, auf bem einige Mangroven unb im Süben ber Insel auch einige Häuser stehen. Im Innern ist bas Lanb vollkommen versumpft; bas Wasser ftnbet nur burch wenige Flußläufe einen Abfluß. In ber trockenen Zeit haben bann bie Bewohner ben Sumpsboben aufgeschichtet unb mit Palm- ftämmen unb Sagoblättern befestigt. Daburch finb kleine Inseln entstauben, auf benen Hütten stehen unb ein kleiner Gemüsegarten Raum hat. Dazwischen fährt man burch bie Dörfer, wie burch bie ganze 11nsel auf Einbäumen. Die Bewohner gehen

schine, 6. Hubraum, 7. Nummer ber Maschine, 8, Eigengewicht bes Fahrzeuges unb 9. Belastung bes Fahrzeuges in Kilogramm ober Personenzahl. Die- em schriftlichen Antrag ist als Unterlage beizufü­gen bei fabrikneuen Wagen ber Kraftfahrzeugbrief, bei gebrauchten Fahrzeugen ber frühere Zulassungs­chein bzw. eine Abschrift unb eine Bescheinigung bes letzten Besitzers, baß er ben Kraftfahrzeugschein unb ben Kraftfahrzeugbrief an ben neuen Besitzer ausgehänbigt hat, bei umgebauten Fahrzeugen ein Gutachten bes Dampfkesselüberwachungs - Vereins. Im Falle ber Zulassung wirb bem Eigentümer ein polizeiliches Kennzeichen zugeteilt, bas von ber Zu­lassungsstelle polizeilich abgestempelt wirb, habet wirb gleichzeitig ber Zulassungsschein bem Eigen­tümer ausgehänbigt.

Wer auf öffentlichen Straßen ein Kraftfahrzeug führen will, bebarf ber Erlaubnis ber zuftänbigen Verwaltungsbehörbe. Kraftfahrzeuge bis zu 20 Kilo­meter je Stunbe Höchstgefchwinbigkeit unb solche bis ZU 200 ccm Hubraum finb führerscheinfrei. Das vor­geschriebene Minbestalter für Kraftfahrzeugführer ist 18 Jahre. Der Antrag ist vor Beginn ber Aus- bilbung burch einen behörblich zugelassenen Fahr­lehrer formularmähig unter Beifügung einer Ge- burtsurtunbe ober eines sonstigen amtlichen Aus­weises unb eines Lichtbilds (Bruftbilb 6X8 cm) bei ber zuftänbigen Verwaltungsbehörbe einzurei­chen. Da ein ärztliches Gutachten nur noch in be- fonberen Fällen geforbert werben kann, muß ber Antrag persönlich bei ber Verwaltungsbehörbe ab­gegeben werben. Die Prüfung wirb vor einem amt­lich anerkannten Sachverstänbigen abgelegt. Der Führerschein wirb sofort nach abgelegter Prüfung dem Prüfling ausgehändigt.

Die Gießener SS. in Saarbrücken.

Am vergangenen Sonntag weilte unsere Gieße­ner SS. in Saarbrücken, um dort am großen Aufmarsch der SS.-Standarten 2, 35, 83, M. 30 und Pi. 30 teilzunehmen. Fand dieser Aufmarsch gerade im Saargebiet statt, so sollte er mit ein kleiner Dank für die Opfer unserer Brüder unb Schwestern an der Saar sein. Dem Werbemarsch sämtlicher Formationen mit ihren Feldzeichen schloß sich nachmittags der Vorbeimarsch vor dem Führer des SS.-Oberabschnitts Rhein, SS.-Gruppenführer Heißmeyer, an. Ueberall wurden die schwär«

Frauen rauben will, erschien den Kopfjägern nicht mehr als recht und billig, und ist ein Stammes- fremder schon einmal totgeschlagen, dann kann man das Fleisch doch nicht verkommen lassen! So argumentierten sie.

Oer Adoptivvater und die Sagofrau.

Bei einem dieser Kopfjäger-Stämme erregte übri­gens Dr. Nevermann berechtigtes Aufsehen: Er hatte sich für menschenkundliche Studien von den holländischen Behörden einige Schädel geben lassen und geriet nun selbst in den Ruf eines großen Kopfjägers. Darauf bat ihn ein Junger Mann vom Stamm ber Kamum, ihn boch zu aboptieren. Da Dr. Nevermann seine Bitte erfüllte, geriet er in ben ganzen Totemismus biefer primitiven Völkerschaften. Sein zwanzigjähriger Abvptivsvhn stammte nämlich aus einer sogenannten Kokos- familie, b. h. einer Sippe, bie ihre Abstammung auf ben Kokosbämon zurückführt. Alle Familien auf bem Neu-Guineischen Festlanb verehren als ihren Stammvater einen solchen Dämon, sei es ben Krokobil-Dämon ober ben Dämon bes Sago-

Die Tabaksdosen Friedrichs des Großen.

Von Ernst v. Niebelschüh.

Unter ben kunstgewerblichen Kostbarkeiten bes Berliner Hohenzollern-Museums in Schloß Mon­bijou fesselt besonbers eine Serie von breizehn mit Brillanten geschmückten Steinbosen, bie nicht nur künstlerisch unb technisch zum Vollendetsten gehören, was die Berliner Juwelierkunst um bie Mitte bes 18. Jahrhunberts hervorgebracht hat, sonbern bie uns auch vor allem beshalb teuer finb, weil sie aus dem persönlichen Besitz Friebrichs bes Gro- ßen stammen. Dieser Monbijou-Schatz wirb er­gänzt burch eine Reihe ähnlicher Dosen in Museen unb Schatzkammern, so baß wir heute etwa zwei Dutzenb solcher Prachtbosen kennen, bie sich burch ihre Form unb bie besonbere Art ihrer Verzierung als zu ber gleichen Gattung gehörig ausweisen, aber gewiß nur einen kleinen Bruchteil einer ehe­mals weit größeren Sammlung darftellen. Der sparsame König hat in bem Zeitraum von 1752 bis 1775, wo sie in ben Schatullenrechnungen mit genauer Kostenangabe immer roieber auftreten, be» beutenbe Summen für biese Gattung von Klein- obien angewenbet. Ihr Wert schwankt zwischen 4200 unb 12 000 Reichstalern, was immer noch wenig genug ist im Vergleich 311 den Riesensummen, bie etwa bie französischen Könige bafür ausgaben.

Meist wohl als Tabatieren für ben persönlichen Gebrauch benutzt, würben bie Dosen auch als Ge­schenke für frembe Höfe ober befreunbete Fürstlich­keiten verwenbet ober bienten als kostbare Schau­stücke, bie auf Tischen zur Augenweibe auslagen. So erfahren wir z. B. aus bem Testament von 1769, baß Dosen im Werte bis zu 10 000 Tatern ber Prinzessin Amalia unb ben beiben Schwestern in Ansbach unb Schweben vermacht würben. Auch ber Prinz Ferbinanb von Braunschweig unb oer- schiebene Nichten bes Monarchen erhietten Legate in biefer Form bes persönlichen Erinnerungsstücks.

Daß in ber Schlacht bei Kunersborf einEtui", also boch wohl eine Tabaksbose, bem Könige bas Leben gerettet hat, inbem eine Kartätschenkugel daran abprallte, daran verdient in diesem Zu­sammenhänge erinnert zu werden.

In der Geschichte der Berliner Galanteriewaren- Industrie bes 18. Jahrhunberts spielen biese fribe- rizianischen Tabaksbosen eine bebeutenbe Rolle. Da bas Einfuhrverbot von 1740 bas frembe Gewerbe von ben preußischen Märkten ausschloß, mit ein­heimischen Kräften aber ber Bedarf an Bijouterien nicht gedeckt werden konnte, griff auch hier Friedrich zu bem bewährten Mittel des Merkantilismus, aus-

länbifche Künstler durch Versprechungen in seinen Staaten seßhaft zu machen. Dabei war sein Augen­merk vor allem auf Paris, den Hauptsitz bes euro­päischen Kunstgewerbes dieser Zeit, gerichtet, unb in ber Tat gelang es ihm, ben französischen Orna­mentzeichner unb Emailmaler Jean Guillaume Georg Krüger nach Berlin zu berufen unb mit biefer glücklichen Erwerbung bie einheimische Ju- welierkunst allmählich auf eigene Füße zu stellen. Nach Ausweis feiner noch heute im Berliner Kupferstichkabinett aufbewahrten, höchst sorgfältig mit Bleistift unb Tuschpinsel ausgeführten Entwürfe für Miniatur- unb Schmelzmalereien, die ber Juwelierfirma von Jorban unb Baubesson als Vorlagen dienten, ist Krüger der künstlerische Inspi­rator gewesen, dessen Geschmack die Tabatieren- inbuftrie in Berlin ihre Hochblüte vorzugsweise zu verdanken hat. Neben Krüaer haben auch ber Buch- iüuftrator Johann Wilhelm Meil unb ber be­rühmte Zeichner unb Kupferstecher Daniel Cho- b 0 w i e ck i biefer aüerbinas nur kurze Zeit unb in Abwesenheit Krügers für Jorban unb Bau- besson unb bamit für ben königlichen Auftraggeber gearbeitet. In ber Hauptsache hanbelt es sich um Emailbilbchen für ben Dosenbeckel, bereu allego­rische ober mythologische Motive vielfach ben Haupt­meistern ber französischen Malerei wie Watteau, Laueret, Boucher, Coypel u. a. entnom­men finb, boch würbe ben ausführeubeu Juwelieren meist auch ber Entwurf für bie ornamentale Be­gleitmusik durch Brillanten und andere Edelsteine geliefert. Die Forschungen von Martin Klar, der sich dieses bezaubernden Kunstzweiges mit hin­gehender Liebe angenommen hat, geben darüber nähere Auskunft.

Das Material ber Dofeukörper ist nicht überall bas gleiche, aber wer heute von ben Tabatieren Friebrichs bes Großen spricht, hat boch vor allem bie Monbijou- unb bie ihnen verwanbteu Dosen im Auge, bie fast alle aus Halbebelsteiueu gefertigt finb, unter benen außer bem Achat, bem Jaspis unb bem Karneol auch ber blaue Lapislazuli unb besonders ber ßieblingsftein des Königs, der apfe.l- grüne Chrysopras, bevorzugt wurden. Fast alle Dosen haben die Form einer kleinen Kommode, mit stark geschweiften Wandungen, abgerundeten Ecken und stark betonter Lippe. Das Format ist relativ groß. Kennzeichnend für die Berliner Herkunft ist aber besonders die überschwenglich reiche Rokoko­dekoration mit Blumen, Blättern und Früchten in geschnittenen Edelsteinen wie Smaragden unb Ru­binen, deren farbige Pracht bei den reichsten Stücken wundervoll mit dem hellen Feuer der weißen, in Silber gefaßten Diamanten wetteifert und sich mit der Grundfarbe des Dosenkörpers zu vornehmster Wirkung vereinigt. Selbstverständlich

richtet sich der materielle Wert des Steinbesatzes nach den veranschlagten Herstellungskosten. Wo diese bescheiden waren, mußten durchscheinende Halbedelsteine oder billige Glasflüsse die echten Steine ersetzen, wurden dann aber meistens zur Steigerung ihres Glanzes mit Metallplättchen unterlegt und damit auch farbig bereichert ein Verfahren, dessen nachhelfende Wirkung übrigens auch den großen hellen Brillanten es gibt bis achtkarcitige sehr zustatten kam. Auf jeden Fall war das Ziel immer der denkbar größte koloristische Reichtum mit Hilfe verschiedenfarbiger Steine, doch auch in Verbindung mit gemalter Schmelzarbeit. Wo Blumen und Früchte, einzeln oder in Sträu­ßen und Girlanden vereinigt, zur Verwendung kommen, wird dem geschliffenen und geschnittenen Edelstein immer jene täuschend naturalistische Wir­kung abgewonnen, die auch den Zimmerdekoratio- nen in Sanssouci und dem Potsdamer Stadtschloß den ausgesprochenen sriderizianischen Charakter verleiht.

Aus den noch erhaltenen Stücken dürfen wir auf eine hohe Leistungsfähigkeit der Berliner Hof- juweliere um die Mitte des 18. Jahrhunderts schließen. Diese Leistung wäre im Zeitalter bes Absolutismus an ber Spree nicht möglich gewesen ohne bie Hilfe fremberKünstler unb Duoriers", aber auch nicht ohne ben persönlichen Geschmack unb bie Sammelleibenschast eines Monarchen, bem bie Kunst, bie er als echter Liebhaber pflegte, zu­gleich ein Mittel zur Hebung bes materiellen Wohl- ftanbes seiner Untertanen war.

Der Soldat ohne Gedächtnis.

In diesen Tagen macht nicht nur in ber franzö­sischen, sonbern auch in ber Tagespresse anberer Nationen ein Fall viel von sich reben, bei bem es sich um einen Soldaten hanbelt, ber im Kriege sein Gebächtnis verloren hat.

Als nach bem Waffenstillstanb im Jahr 1918 Deutschland) mit ber Auslieferung französischer Kriegsgefangener begann, war unter ihnen auch ein Solbat, der keine Ausweispapiere besaß und ber sich auf nichts, auch nicht auf seinen Namen, besinnen konnte. Man glaubte von ihm den Namen Anselm Mangin verstanden zu haben und brachte ihn in ein Staatsheim für Schwerkriegsbeschädigte. Nichts ließ man unversucht, seine Persönlichkeit fest- zustellen, die Presse brachte sein Bild und tatsäch­lich meldete sich eine Anzahl von Familien, bie in ihm ben Bruber, Vater ober Sohn wieberzuerken- nen glaubten.

Im Jahre 1933 melbete sich ein ehemaliger Kriegsgefangener, ber in bem Soldaten ohne Ge­

dächtnis einen gewissen Octavius Monjoin aus Saint Maur wiedererkennen will. Man brachte da­her den Kranken nach diesem Ort, und tatsächlich schien er sich in ihm ohne weiteres zurechtzufinden, aber die Familie Monjoin erkannte ihn nicht. Nach einiger Zeit wollte eine Frau aus Nantes in ihm ihren Sohn wiedererkenncn. Eine andere Frau aus Collonge behauptet, es handele sich um ihren Mann. Seit 1920 erklärt eine Frau Mazat, es handele sich bei dem Kranken um ihren seit 1915 vermißten Sohn Henry.

Seit dem Sommer vorigen Jahres meldet sich auch die Familie Monjoin wieder, die auf Grund von Schriftproben ihn nun doch roiebererfennen will, auch sie hat baher ben Antrag gestellt, ber Kranke möge an sie ausgeliefert werden.

Um endlich zu einem Ergebnis zu kommen, hat das Gericht, das sich mit diesem Fall zu befassen hat, beschlossen, der Kranke soll je drei Monate bei einer ber Familien, bie auf ihn Anspruch erheben, wohnen, natürlich unter Aufsicht einer Kommission. Man Hofft, baß auf biese Art bas Rätsel gelöst werben könne, bas ihn umgibt.

Zeitschriften.

Die Kun st", Monatshefte für Ma ter ei, Plastik und Wohnkultur, Verlag F. Bruckmann AG. München, bringt in ihrem Märzheft einen reich- bebilberten ArtikelDie Bilder von Martin Lauter­burg". Dem Gebiete der Raumgestaltung wendet sich der ArtikelDas Wandbild" von Theodor Fi­scher zu, der in verschiedenen Abschnitten die Pro­bleme der Wandmalerei behandelt; er wird int Aprilheft fortgesetzt. Ebenso interessant ist die Ver­öffentlichung überDie Gustav - Adolf - Kirche in Charlottenburg" von Architekt Professor Dr. Otto Bartning mit schönen Ausnahmen. Olaf ©ulbranf- son ist ein Artikel von Konrad Weiß mit charakte­ristischen Reproduktionen gewidmet. Der Aussatz Das Bildnis in der deutschen Plastik" von Fritz Hellwag bringt eine erläuternde Uebersicht über einige hervorragende Ausstellungsstücke mit ein­dringlichen Bildwiedergaben. Im zweiten Teil des reichhaltigen Heftes wird an herrlichen Bildbeispie- ten die Umgestaltung eines alten Gartens gezeigt. Vom Stil im Kleinhaus" ist das Thema einer nützlichen Plauderei von Architekt Pütz, die sich, ebenso wie die Besprechung einesWohnhauses ant Zürichberg" und der AufsatzGestaltwandel des .Hauses" mit Fragen moderner Wohnkultur befaßt. Eine Reihe schöner Bilder erfreut auch hier ben Leser.Neue Dekorationsstoffe .Zinngefäße" untz Neue Zimmer der Deutschen Werkstätten A<A Hellerau" nehmen ferner unsere AufmerksamkeiT gefangen.