1I./I2. November 1939
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
-.265 Drittes Blatt
125 Lahre Universitäts-Frauenklinik in Gießen.
Die ehemalige Entbindungsanstalt in der Senckenbergstraße.
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Walther in seinem Aufsatz mitteilte, als Reservelazarett für Kranke und Verwundete zunächst französischer, später preußischer und russischer Truppen verwandt, bis endlich im Frühjahr 1814 das Lazarett geräumt und die Verwundeten nach Kloster Arnsburg verlegt wurden. Nur die Offiziere blieben noch für einige Monate zurück, bis im Herbst 1814 die vollständige Evakuierung möglich war.
In jener Zeit herrschten in dem neuerrichteten „Entbindungshause" — bekannt unter dem Namen „Accoucheurhaus", im Volksmund nannte man es „Engagierhaus" — schwere Kriegsseuchen mit großen Opfern. Darunter befand sich auch der als Leiter der neuen
Am 15. November 1939 jährt sich zum 125. Male der Tag der Gründung der Universitäts-Frauenklinik und Hebammen-Lehranstalt in Gießen. Wie das hundertjährige Jubiläum am 15. November 1914, so fällt auch der 125. Gedenktag der Gründung dieses Instituts in eine Kriegszeit. Damals wurde im Hinblick auf die Zeitverhältnisse von einer feierlichen Veranstaltung abgesehen, diesmal wird das bemerkenswerte Ereignis gleichfalls in aller Stille verzeichnet.
Anläßlich des hundertjährigen Bestehens der Frauenklinik veröffentlichte der „Gießener Anzeiger" in seiner Nr. 269 vom 16. November 1914 einen Aufsatz aus der Feder des Medizinalrates Professor Dr. Walther, der die wichtigsten Punkte aus der Geschichte der Frauenklinik mitteilte. Aus jenem Artikel ging hervor, daß der Bau des Klinikgebäudes — es war das Haus in der Senckenbergstraße, in dem gegenwärtig das Landwirtschaftliche Institut untergebracht ist — im Jahre 1809 begonnen wurde. Die damaligen Kriegszeiten wirkten auf die Fertigstellung des Baues hindernd ein, so daß erst am 15. November 1814 der endlich fertiggestellte Bau seiner Bestimmung übergeben werden konnte. Die vor diesem Zeitpunkt errichteten Teile des Hauses wurden, wie Professor
Anstalt ausersehene Professor H e g a r, der als Chirurg Chefarzt des Reservelazaretts war und ebenso wie einige seiner Assistenten und Schüler von dem „Lazarettfieber" (vermutlich Typhus?) im Februar 1814 dahingerafft wurde. Nach dem Tode Hegars folgte als erster Leiter der Anstalt der Professor für Geburtshilfe und Chirurgie Ferdinand August Ritgen, der zwar erster Direktor der Anstalt, jedoch nicht deren Gründer war. Wie Ritgen selbst in seinen Jahrbüchern ausdrücklich hervorhebt, muß als Gründer der Anstalt der damalige Professor Dr. Balser, früherer Medizinalreferent bei der Provinzialregierung in Gießen, bezeichnet werden. Dessen Bemühungen war es gelungen, hier in erster Linie zur Ausbildung von Hebammen und Studierenden die Errichtung einer Entbindungsanstalt durchzusetzen, nachdem bereits 1790 der damalige Erbprinz, spätere Großherzag Ludwig L, die Summe von 10 000 Gulden dafür gestiftet hatte. Lange Verhandlungen führten 1808 zur Genehmigung des von Professor Balser entworfenen Planes, zu dem Ritgen „einige wenige Veränderungen und Zusätze" gemacht hat. Professor Walther bemerkt hierzu, die Anregung zur Errichtung einer solchen Anstalt gehe allerdings noch etwa 30 Jahre zurück; hier war es
Professor Nebel, der das Fach der theoretischen Geburtshilfe vertrat und im Jahre 1777 bei der Landesregierung die Gründung einer geburtshilflichen Anstalt als unbedingt erforderlich für die Ausbildung in der Geburtshilfe gefordert hatte.
Unter Ritgens Leitung nahm die Entbindungsund Hebammen-Lehranstalt einen starken Aufschwung. R i t a e n starb am 14. April 1867. Unter seinem Nachfolger Professor Birnbaum erfuhr die Anstalt eine wichtige- Erweiterung, ebenso wurde der Unterricht weiter ausgebaut. Im April 1872 übernahm Professor Kehrer mit seiner Ernennung zum Ordinarius für Geburtshilfe auch die Leitung der Entbindungs-Anstalt mit der Verpflichtung, geburtshilfliche Klinik zu halten und Heb- ammen-Unterricht zu erteilen. Professor Birnbaum trat ganz in seine Praxis zurück, bis er im Jahre 1894 verstarb. Professor Kehrer folgte 1881 einem Rufe nach Heidelberg. Sein Nachfolger in Gießen wurde Professor A h l f e l d , der aber bereits 1883 nach Marburg übersiedelte. Am 24. März 1883 wurde Professor Kaltenbach zum Nachfolger ernannt, unter dessen Leitung die Frauenklinik so weitreichend an Aufgaben wuchs, daß sich die Regierung zum Neubau eines Hauses für die Klinik entschließen mußte, mit dem 1887 auf dem Gelände an der jetzigen Klinikstraße begonnen wurde. Kaltenbach übersiedelte 1887 nach Halle an der Saale, sein Nachfolger H o f m e i e r folgte 1888 einem Ruf nach Würzburg.
Von 1888 bis 1901 stand nun Professor Dr. Löh le in als Leiter an der Spitze den Frauenklinik. Unter seiner Führung wurde die neue Klinik am Seltersberg am 28. Juli 1890 eröffnet. Damit vollzog sich der Uebergang der Frauenklinik in die Verwaltung der Universität, während bis dahin die Entbindungsanstalt unter der Verwaltung der Provinzialdirektion der Provinz Oberhessen gestanden hatte. In das Haus in der Senckenbergstraße zog im Jahre 1891 das Physiologische Institut ein, das dort bis zum Sommer 1927 verblieb und dann in sein jetziges Heim in der Friedrichstraße übersiedelte. L ö h l e i n starb im Jahre 1901. Sein Nachfolger wurde Professor P f a n n e n st i e l, der im Jahre 1904 nach Ablehnung eines Rufes nach Freiburg eine Erweiterung des Klinikgebäudes durchsetzen konnte.Damals wurde der westliche Flügelbau errichtet, durch den die Klinik in den Besitz eines modernen Operationssaales, Kreißsaales, Sterilisierraumes und einiger Nebenräume kam, ferner eine Vermehrung der Krankenbetten erfuhr. Pfannenstiel übersiedelte im Herbst 1906 nach Kiel. Sein Nachfolger wurde Professor von Frunque, unter dessen Direktion der Ausbau fertiggestellt
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Blick in den Kindersaal der jetzigen Klinik.
Der große Hörsaal der Frauenklinik.
Der Hörsaalbau und die Privatklinik von der Gartenseite gesehen.
(Aufnahmen [4]: Neuner, Gießener Anzeiger.)
wurde. Nach Franquäs Weggang wurde Professor Dr. O p i tz zur Leitung der Frauenklinik berufen* der zur Zeit des hundertjährigen Bestehens im Jahre 1914 an der Spitze der Klinik wirkte und ebenfalls eine Reihe von Verbesserungen hinsichtlich der zeitgemäßen Ausgestaltung der Klinik herbeiführte.
Nach der Berufung Opitz' nach Freiburg int. Jahre 1918 übernahm der gegenwärtige Direktor der Frauenklinik, Professor Dr. Edler von Jaschke, die Leitung der Klinik. Seit 1. April 1912 wirkte Professor von Jaschke bereits als Ober-- arzt an der Klinik. Im Juli 1912 habilitierte er sich hier, und am l.Juli 1916 wurde er zum außerordentlichen Professor ernannt. Am 1. April 1918 erfolgte nach primo-loco-Vorschlag seine Berufung als Ordinarius und Direktor der Universitäts- Frauenklinik zu Gießen. Seinem Wirken sind der seit jener Zeit zu verzeichnende starke Aufschwung und die Vermehrung des Ansehens dieser Klinik weithin in Deutschland in erster Linie zuzuschrei- den. Im Sommer 1920 lehnte Professor von Jaschke einen Ruf nach Wien ab, nachdem es ihm unter Darlegung der dringenden Notwendigkeit gelungen war, bei der damaligen Regierung einen großzügigen Erweiterungsbau der Klinik durchzusetzen. 'Dieser Bau, der östliche Flügel, wurde 1921 bis 1923 errichtet und verschaffte der Frauen» klinik einen bedeutsamen Platz in der vordersten Reihe der modern ausgestalteten deutschen Kliniken. Durch den Erweiterungsbau wurde erreicht, daß der Unterrichtsbetrieb räumlich vollkommen von dem übrigen Klinikbetrieb getrennt werden konnte; es entstand ein großer und neuzeitlich ausgestatteter Hörsaul, weiter wurden moderne Räume und klinische Einrichtungen geschaffen. Als besonders bedeutsam ist hervorzuheben, daß von trief em Zeitpunkt ab auch eine moderne, allen hygienischen Erfordernissen entsprechende Unterbringung der
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espgrighl du Jarl Duntfer Verlag, Berlin w 62
(Schluß.)
21. Kapitel.
Ein paar Tage später überrascht Severin Fräulein Ferber beim Kirscheneinmachen. Er nimmt ihr die Schüssel mit den entfernten Früchten weg und sagt kategorisch:
„Schluß! Sie haben sich jetzt genug abgeplagt. Das andere soll die Gunda besorgen oder Luis. Die strolcht so bloß den ganzen Tag herum. Ich fahre jetzt hinaus zu den Arbeitern. Dg ist heute großer Betrieb. Haben Sie nicht Lust, mitzukom- men?"
Nikotine hat gar feine Luft, was soll ihr das Moor und das Gaudium der anderen? Aber sie n>agt es nicht zu sagen und erwidert: „Oern!"
Sie bürstet ihre rotfleckigen Finger mit Bimsstein und Zittonensäure, sie wechselt das Kleid und setzt das schiefe Hütchen auf. Dabei denkt sie höhnisch: Sieh mal einer an! Also Autofahren darf ich mit ihm — jetzt fehlen nur noch die Mohrenköpfe, dann sind die „drei Wünsche" komplett. Aber die Tage rinnen so hin, und es geschieht nichts, und ich bin «ine schamlose Närrin, weil ich nicht Schluß mache. — Mit malträtierter Unterlippe und meuternden Gedanken steigt sie ins Auto und preßt sich in ihre Ecke.
Lucki wird alle Tage klappriger, und auch der «ine neue Kotflügel vermag ihn nicht zu verschönern. Aber er tut seine Pflicht und befördert sie zum Gemeindegefpann, wo es nach Völkerwanderung ausfieht. Ganz Efchelbrunn ist auf den Beinen, um die denkwürdige Stunde des ersten Spatenstiches nicht zu versäumen. Und alle sind da, die Arbeiter und die Zuschauer, die Gutgewillten und die Meckerer.
„Dreihundert Erwerbslose haben sie eingestellt", triumphiert die Silberhorn, als wäre es ihr Verdienst. „Manchen wird das Bücken hart ankommen", wispert die Einbirn Emmerenz.
Severin steuert Lucki vorsichtig durchs Gelände und erläutert: „Zuerst werden Gräben gezogen, damit das Wasser ablaufen kann. Und diese Kanäle müssen das richtige Gefälle haben, das ist das schwerste. Wenn der Boden trockengelegt ist, wird er umgebrochen und gedüngt. Und dünn muß man halt sehen, was wächst."
Nikoline hat sich aufgestellt und bettachtet das Gewimmel der Arbeitskolonnen. Die einen legen Schienen für die Kippwägelchen der Feldbahn, andere zimmern an Balken herum, die Baracken und Kantinen ergeben sollen, und die dritten hantieren an eisernen Baggerungetümen, vor denen die Efchelbrunner die Mäuler aufreißen. Die Mehrzahl aber handhabt Pickel und Schaufel, Grund auswer- fend in schnurgeraden Richtungen und mit wohlausgewogenen Schwüngen. Die flirrende Luft hallt wider von Lärm und Geschrei, von Spatengeräusch und Hammerschlägen. Bekassinen flattern auf, und verstörte Häschen machen spaßhafte Sprünge.
Der Hilfsarbeiter Siebenttitt, an dessen Gruppe sie eben vorübergehen, hat die Mütze im Genick und spuckt in die Hände.
„Na, Siebentritt, was macht der Stammhalter?" erkundigt sich Severin.
„Dank der Nachfrage. Ein Mordskrawatt. Wenn der so weitermacht, frißt er mich arm", lacht Siebentritt herüber. Sie mögen alle Doktor Severin, weil er gutmütig ist und nicht viel Wesen von sich macht, obschon er ein Studierter ist.
„A Bluatshitz is heut und gwohnt ist man's auch nimmer", sagt ein anderer. „So, du Hunding!" keucht er und haut verbissen auf eine zähe Weidenwurzel los, die nicht auseinander will. Die Leute sind in guter Laune und froh, daß die jahrelange Herumhockerei ein Ende hat.
An einer anderen Stelle werkeln sie an einer höchst sonderbaren Maschine, die drehbare Krane, Raupenräder wie ein Tank und gezähnte Greff- werkzeuge hat, dann dreht sie sich schwerfällig und spuckt die Erde zentnerweise in die bereitstehenden Loren. Es gibt aber noch mehr anzustaunen. Die Lastautos, deren Boden durch ein sinnreiches Gewinde schräg gestellt werden kann, damit der Inhalt von selbst abgleitet, die Liliputlokomotive, die riesigen Stapel der Werkzeuge, die Feldschmiede und anderes.
lieber all dieser Geschäftigkeit schwebt etwas Festliches. Nicht nur wegen der Reden vorhin, wegen der Uniformen und Fahnen. Die versammelten Menschen empfinden mehr oder minder stark dasselbe: hier vollzieht sich ein symbolischer Akt. Deutsche Arbeiter gehen deutschem Boden zuleide, damit deutsche Bauern neue deutsche Scholle erhalten. Und jeder denkt: was ich hier sehe, ist nur ein Ausschnitt, ein Teilchen von dem vielfältigen Geschehen im ganzen Reich.
Severin zumal spürt dieses Unausgesprochene sehr hefttg. Er saugt an seiner billigen schwarzen Zigarre, gibt Gas und sagt mit einer komisch belegten Stimme:
„Na schön, gehen wir ein Haus weiter. Ich will mal mein Grundstück besehen. Es wird Ihnen nichts ausmachen."
In seinem Innern schaut es wüst aus. Diese Nikoline hat beträchtlichen Unfug darin angerichtet. Er hat sich zwar nicht auf den ersten Blick in sie verliebt, sondern es war ein spätes Erkennen und ein schrittweises Sichhinfinden, auf Umwegen und allerlei Jrrgängen gewissermaßen; aber zum Schluß war Nikoline aus feinen Zukunftsplanen überhaupt nicht mehr wegzudenken. Er braucht sie, wenn nicht wieder alles in, die Brüche gehen soll; noch mal neun Jahre ohne Frau, ohne Kamerad, ohne Zuflucht hält er nicht aus. Er war letzthin ziemlich sicher, keinen Korb zu bekommen, und fchmeichelt sich, ihr nicht ganz gleichgülttg zu fein. Und nun stellt sich heraus, daß sie die ganze Zeit her einen andern im Kopf hat. Wamm tut sie ihm diese Heimlichkeiten an, anstatt klipp und klar zu sagen, mit mir und Friedrich steht es so und so? Das wurmt Severin, das verschlägt ihm die Sprache, das treibt ihn herum und macht ihn unlustig zu jeder Arbeit. Er möchte Klarheit schaffen, aber es gebricht ihm an Mut, die entscheidende Frage zu tun. Unglücklich, eifersüchtig und trotzig kaut er auf seiner Zigarre herum. Sie sind auf dem Spital- grundstück angelangt.
„Das ist ja die richttge Wüste", kritisiert Niko- line. „Sogar die Ziegen sind genäschig und überlegen sich, ob sie das Zeug fressen sollen."
„Stimmt. So wie es daliegt, ist es Dreck. Nun lassen Sie es aber mal kultiviert sein, und Sie werden sich wundern", verteidigt er seinen Boden. Er zeigt ihr die Grenzen. „Ganz passables Stück, nicht? Eine Goldgrube wird diese Praxis trotzdem nicht; ist auch nicht nötig. Ich bin zufrieden, wenn ich mit Anstand durchkomme. Heute haben's die meisten nicht leicht, und etwas Sicheres ist es doch. Die gröbsten Sorgen bin ich Gott sei Dank los.
„Das finde ich auch", sagt Nikoline. Sie sieht geradeaus, bis ihre Augen schmerzen. Man kann nicht lebenslänglich einem Mann nachlaufen, von dem man verschmäht wird; man muß den Schneid aufbringen und Schluß machen, denkt sie zornig. „Es geht jetzt ohne mich. Deshalb mochte ich kündigen. Wir haben zwar nichts ausgemacht, aber vielleicht paßt Ihnen der Erste?"
„Wie? Ja, aber warum denn? Gefällt es Ihnen denn nicht mehr bei uns?" stottert er erschrocken.
„Gott, ich mochte mich yalt mal wieder verändern", sagt sie und wundert sich selbst über ihre Ruhe.
„Herrgott, ich bin wie vor den Kops geschlagen! So aus heiterem Himmel wollen Sie meutern? Da
steckt sicher dieser Friedrich dahinter", schreit er roü« tend. „Ich weiß schon, wie das war! Sie haben sich verkracht mit ihm, und nun ist Ihnen Efchelbrunn verleidet."
„Sie tun Herrn Friedrich unrecht. Wie kommen Sie überhaupt auf den?"
„Ich habe so was läuten Horen. Den Kragen konnte ich dem Kerl umdrehen, weil er mir ein Bein nach dem andern stellt. Oder soll ich annehmen, daß Sie der schuldige Teil bei diesem Zerwürfnis waren?
„Wir haben uns ja gar nicht überworfen. Wtt find ganz friedlich auseinandergegangen", erklärt Nikoline.
„Ja, aber weshalb denn?"
„Weil ich ihn nicht heiraten mag."
„Warum verloben Sie sich bann zuerst mit ihm? Das ist doch unlogisch, wenn Sie gestatten!" ruft Severin und bremst den Wagen. Der Kuckuck tarnt bei eines solchen Disput chauffieren.
Nikoline dreht ihr Gesicht zur Seite und schweigt. Sie will nicht weinen, aber sie muß es doch. Sie kann dieses Herumspielen aus ihren Nerven nicht mehr ertragen. Ihr Weinen geschieht zaghaft und voller Rücksicht, und Severin erkennt es nur an der leisen Erschütterung ihrer Schultern. Er schleudert seine Zigarre weg und legt seinen Arm um Nikoline.
„Wie wäre es, wenn Sie etwas Vertrauen zu mir hätten? Nicht mehr heulen, geh. Schütten Sie Ihr Herz aus, und es wird sich schon Rat schaffen lassen", drängt er zart und gebraucht noch viele gute Worte, die indes an der tatsächlichen Lage ziemlich vorbeischießen. Bis Nikoline den Kops hebt und zornig erklärt:
„Das ist ja alles ganz anders, als Sie denken! Ich mag Friedrich doch gar nicht! Ich wollte ihn ja nur heiraten, damit Ihre Geldgeschichte in Ordnung kommt."
Nun begreift Severin, und zwar so vollständig, daß er gleich aufs Ganze geht. Er nimmt ihr Gesicht in seine großen Hände und küßt es. Er tut sich keinerlei Zwang an, obwohl in der Ferne Kopse auftauchen und näherkommen.
„Haft du mich denn'so gern, Nikoline?"
„Natürlich!"
Sie küßt ganz anders als die Fabri, muß et flüchtig denken, sehr andächttg und sehr unschuldig ...
Als Nikoline aus dieser Kußveranstaltung aus- taucht, sagt sie rasch:
„Du, ich hab dich schon immer lieb gehabt. Aber ihr Männer seid ja jo dunM und merkt rein gac Nichts!"


