Ausgabe 
23.8.1937
 
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DerXI.Milchwirtfchastliche Kongreß in Berlin eröffnet

Berlin, 23. Aug. (DNB.) In der Krolloper fand am Sonntagmittag die feierliche Eröffnung des 11. Milchwirtschaftlichen Weltkon­gresses statt, der mit einer Beteiligung von über 3000 Delegierten aus 53 Ländern zu den größten Wirtschaftstagungen zählt, für die die Reichshaupt­stadt als Tagungsort gewählt wurde. Bon der Bühne grüßten die Fahnen der 53 Länder, die an dem Kongreß teilnehmen. Durch eine großzügige Dolmetscheranlage ist dafür gesorgt, daß die aus­ländischen Gäste in ihrer Heimatsprache den Aus­führungen der Redner folgen können. Reben dem Präsidenten des Milchwirtschaftlichen Weltverbandes und Ehrenpräsidenten des Kongresses I. M a e n - haut und dem Vizepräsidenten Minister a. D. P o ft h u m a sah man Reichsminister D a r r 6 , die Staatssekretäre Dr. Meißner, Dr. Lammers, Willi- kens, den Chef des Amtes für Roh- und Werk­stoffe Oberst Loeb, Reichsärzteführer Dr. Wag­ner, die Landesbauernführer aus allen Gauen des Reiches, Wissenschaftler und Techniker.

Oer Präsident des Milchw.rtschastlichen

Weltverbandes 3. Maenhaut

dankte für die musterhafte Organisation des Kon­gresses. Mehr als 450 wissenschaftliche und technische Berichte liegen dem Kongreß vor, dazu 27 General­berichte, die eine Art moderner milchwirtschaftlicher Enzyklopädie darstellen. Besonderen Dank zollte der Redner dem Reichsminister Darrs, dem Schirm­herrn des Weltkongresses, dem geschäftsführenden Präsidenten Reichsobmann Behrens und dem Generalsekretär Diplomlandwirt Clauß. In einer Darstellung der Entwicklung des Weltmilchverban­des wies Präsident Maenhaut auf die besondere Rolle hin, die Deutschland gespielt hat. Schon bei der Gründung der deutschen Milchaesellschast in Bremen im Jahre 1847 sei der Gedanke einer internationalen Zusammenfassung der Milchwirt­schaft aufgetaucht.

Wir kennen das große Interesse und die Unter­stützung, die das Deutsche Reich und die deutsche Landwirtschaft der Erhöhung und Vervollkomm­nung der landwirtschaftlichen Erzeugung und ins­besondere der Milcherzeugung widmen. Der deut­sche Bauer macht bedeutende Anstrengungen, um den Anforderungen des Vierjahresplanes nachzu- kommen. Wir beglückwünschen ihn wärmstens und wünschen von ganzem Herzen, daß seine Bestre­bungen von vollem Erfolg gekrönt werden. Wir wollen auch die Bäuerin nicht vergessen, die mutige Lebensgefährtin des Bauern, dessen Freude und Sorgen sie teilt.

Ich schließe, indem ich namens aller Kongreß­teilnehmer und aller Mitglieder des Internatio­nalen Milchverbandes dem Staatsoberhaupt der deutschen Nation, dem großen Führer, der mit fester Hand sämtliche Zweige des indu­striellen und landwirtschaftlichen Lebens seines Landes einem höheren Wohlstand entgegenführt, unsere Ehrerbietung und unsere besten Wünsche darbringe. Möge die Vorsehung Ihre hochherzigen Anstrengungen segnen, das Gedeihen Ihres Landes sichern, und möge die gemeinsame Arbeit aller Dauern und Milcherzeuger der ganzen Welt zur Erhaltung des allgemeinen Friedens beitragen, den wir alle von ganzem Herzen ersehnen." Mit leb­haftem Beifall dankten die Anwesenden dem Redner für seine in französischer Sprache gemachten Aus­führungen.

Reichsbauernführer undReichsminifter für Ernährung u. Landwirtschaft Darre nahm dann das Wort, um den XI. Milchwirtschaft­lichen Weltkongreß namens des Führers und Reichskanzlers, der Reichsregierung und besonders namens der Schirmherren des Kon­gresses zu begrüßen. Der XI. Milchwirtschaftliche Weltkongreß soll in Fortführung bewährter Tradl- tion früherer Kongresse einen Austausch wissen­schaftlicher Erkenntnis und praktischer Erfahrungen zum Besten der Milchwirtschaft und der Verbraucher in der ganzen Welt ermöglichen. Wir haben uns zur Vorbereitung und Durchführung gern zur Ver­fügung gestellt und freuen uns, daß die vom deut­schen Kongreßveranstalter gestellten 25 wissenschaft­lichen Fragen ein so lebhaftes Interesse in aller Welt gefunden haben._______

Die deutschen Bauern, Landwirte und Molkerei­fachleute werden ihren ausländischen Berufskollegen gern alles zeigen, was für sie von Interesse sein kann. Sie werden ihnen Gelegenheit geben, im An­schluß an die wissenschaftlichen Tagungen prak­tische Betriebe zu besichtigen, sie werden ihnen Einblick geben in die deutschen Viehrassen, in die Milchgewinnung, in die Be- und Verarbeitung, in andere Einrichtungen landwirtschaftlicher Art, in die Kulturarbeiten, mit denen der deutsche Bauer und Arbeitsmann den Bodenmangel zu mildern sucht. Sie werden Gelegenheit haben, die Reichsautobayn und andere Bauten des neuen Reiches zu sehen, ferner historische Stätten und landschaftliche Schön­heiten der verschiedensten Art. In einem Film erhalten Sie eine Uebersicht über die deutschen Vieh­rassen im Rahmen der verschiedenartigen Landschaf­ten mit ihren verschiedenen Dolkstypen, -trachten und Bauweisen.

Sie werden aus allem den Eindruck gewinnen, daß Deutschlands Milchwirtschaft eine besondere Stellung einnimmt; Deutschland ist das zweit- größte Milcherzeugungsland der Welt und gleichzeitig zweitgrößter Importeur milchwirtschaftlicher Erzeugnisse. Der Bestand an Milchkühen, der 10 Millionen überschritten hat, ist noch immer im Steigen begriffen. Es wird aber von der deutschen Agrarpolitik mehr Wert auf Leistung als auf ziffernmäßige Er­höhung der Stückzahl gelegt. Die Steigerung der Leistung wird angestrebt durch Verbesse­rung der Zucht (Körgeseh), Milchleistungskon­trolle, die seit kurzem in Deutschland obligato­risch durchgeführt wird, verbunden mit einer eingehenden Futterberatung, Umstellung auf wirtschaftseigenes Futter. Diese Maßnahmen

Berlin, 21. Aug. (DNB.) Im Ehrenraum der Halle IV des Messegeländes der Reichshauptstadt eröffnete Reichsminister Darrs die aus Anlaß des XI. Milchwirtscyaftlichen Weltkongresses vom Reichsernährungsministerium und vom Messeamt der Stadt Berlin durchgeführte Internatio­nale Milchwirtschaftliche Ausstel- l u n g. Diese Ausstellung, die erste internationale Schau dieser Art, gibt einen Gesamtüberblick über den heutigen Stand der Milch, ihrer Be- und Ver­arbeitung in allen Ländern und über die hochent­wickelte Maschinentechnik, ohne die eine rationelle Ausnutzung des ältesten Volksnahrungsmittels nicht zu denken ist. Zu der Eröffnungsfeier waren ca. 1500 Ehrengäste erschienen. Oberbürgermeister und Stadtpräsident Dr. Lippert drückte seine Freude darüber aus, daß auf dieser Berliner Tagung eine der wesentlichsten ernährungspolitischen, wirtschaft­lichen und sozialen Aufgaben unserer Zeit gefördert und das Weltproblem Milch durch Erfahrungs­und Gedankenaustausch der bestmöglichen Lösung entgegengeführt werde.Wir wissen zu gut", so sagte er,daß die Milch gerade bei derGroß- stadtbevölkerung eine der wichtigsten Er- nährungs- und Gesundheitsgrundlagen bedeutet, um dieser Aufgabe nicht unsere ganze Aufmerksamkeit zu widmen. Allein an Trinkmilch hat die Reichs- Hauptstadt einen täglichen Bedarf von etwa 690 000 Liter. Der gesamte Milchbedarf Berlins beträgt zur Zeit im Jahresdurchschnitt rund 343 Millionen Liter. Es ist klar, daß nur eine bis ins kleinste geregelte Anfuhr die tägliche Milchversorgung der Riesenstadt sichern kann. An der Produktion sind auch die städtischen Güter beteiligt. In ganz Berlin werden nach den letzten statistischen Erhebungen heute immerhin rund 19 000 Kühe gezählt. Ich glaube, daß man nur in wenigen Weltstädten von der Größe und Bedeutung Berlins noch eine so starke Eigenproduktion von Milch und Milcherzeug­nissen finden wird.

Minister a. D. P o st h u m a (den Haag), der Vizepräsident des Milchwirtschaftlichen Weltverban- des, führte dann aus: Es ist nicht das erste Mal,

haben dazu geführt, die Milchleistung zu er­höhen. Auch bei weiterem Ansteigen der Milch­leistung bleibt die Möglichkeit bestehen, die bis­herigen Mengen an Milcherzeugnissen, insbe­sondere Butter und käse, von den Exportlän­dern aufzunehmen, soweit diese bereit sind, deutsche Waren als Gegenleistung zu beziehen, da Deutschland durch eine umfassende Fettbe­wirtschaftung den milchwirtschaftlichen Erzeug­nissen den ihnen gebührenden Platz in der Ver­sorgung gesichert hat.

Im übrigen hat Deutschland ähnliche Probleme der Milchwirtschaft wie die meisten der hier ver­tretenen Länder: Die Frage der Trinkmilch- versorgung und des Werkmilchpreises. Wir haben diese Probleme bewältigt durch Zusam­menfassung aller Gruppen der Milchwirtschaft in einer Hauptoereinigung der deutschen Milchwirt­schaft, durch eine von dieser einheitlich geleisteten Marktordnung, durch Ausschaltung unwirtschaft­licher Kosten, Abgrenzung der Milcheinzugsgebiete und Beseitigung unwirtschaftlicher Konkurrenz. Wir haben die Preise auf einer Höhe gehalten, die- für den Erzeuger die Gestehungskosten deckt und für den Verbraucher tragbar ist. Wir haben von Preis­erhöhungen in Zeiten der Knappheit abgesehen, da­für aber in Zeiten des Ueberflusses den Preis ge­halten. Seit November 1934 ist der Butter- preis in Deutschland jahrein, jahraus trotz schwan­kender Produktion der gleiche. Hand in Hand mit diesen organisatorischen Maßnahmen hat die deutsche Wissenschaft sich mit den Fragen der Er­zeugung, Qualitätsförderung, Haltbarkeit, Be- und Verarbeitung von Milch befaßt und die Praxis mit neuen Erkenntnissen unterstützt. Es ist mir ein Be­dürfnis, der Wissenschaft für diese Arbeit zu danken.

daß mit dem Weltmilchkongreß eine Ausstellung verbunden ist. Wohl aber ist es das erste Mal, daß diese Ausstellung einen Umfang hat wie die dies­malige. Mit der größten Schau auf dem Gebiete des Molkereiausstellungswesens ist verbunden eine internationale Buttersichau, auf der nicht weniger als gut 300 Sorten Butter gezeigt wer­den sollen. Die K ä s e s ch a u hat einen andern Charakter als die Butterschau. Der Redner wies auf die Vielzahl der Herstellungssorte von bekannten Sorten hin, die nach dem Ursprungsort nur noch genannt werden. Er schloß mit den besten Wün­schen für diese Schau von Erzeugnissen der fried­lichen Natur und verband damit noch die Hoffnung, daß gleicher Friede im Leben der Völker herrschen möge. Die Eröffnungsansprache hielt Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft Reichsbauern­führer Darrs. Mit den Liedern der Nation schloß die Eröffnungsfeier.

100-Fahrfeier her Stadt Miltenberg.

Die alte kurmainzische und nunmehr mainfrän­kische Stadt Miltenberg wurde vor 700 Jahren erst­mals als Zollstätte und Marktplatz erwähnt. Seit jenem Jahr begann die Bedeutung der vorher un­scheinbaren Siedlung, die dann als Haupt des main- zischen Städtebundes, als Stapel- und Umschlage­platz am Main, an den großen Derkehrsstraßen nach Augsburg, Nürnberg und Frankfurt und dem Rhein gelegen zu Wohlstand und Ruhm gelangte. In der Festhalle entbot Bürgermeister Burkhart den Gästen herzlichen Willkomm. Er anerkannte rühmend die Leistungen der Jahrhunderte, wies aber auch auf die Wohlstand vernichtende Wirtschaft der System­zeit hin. Der Nationalsozialismus habe zur alten Schönheit wieder neue Werte gefügt: Arbeitsdienst­lager, Siedlungs- und Straßenbauten, Forstschule, Beseitigung der Arbeitslosigkeit und vor allem neue Hebung der Rotsandsteininoustrie, die Ende des

vorigen Jahrhunderts einen durchschnittlichen Jah­resumsatz von 5 Millionen Mark brachte In Kurze werde nun ein Gemeinschaftshaus erstehen.

Festspiel und Festzug versetzte am Sonntag die Stadt in die Schwedenzeit. Vom Eichenbühl her rückte das Schwedenheer an. Am Würzburger Tor, wohin sich die Miltenberger Bürgerwehr Zurück­gezogen hatte, kam es zu erbittertem Kampf. Von den Mauern herunter drohten die Verteidiger mit flammenden Bränden. Dann erfuhr das Spiel eine kleine unbeabsichtigte Unterbrechung. Der Posten auf dem Tore meldete Feuer, da eine kleine Scheune in nächster Nähe des Turmes in Brand geraten war. Die Freiwillige Feuerwehr, unterstützt von SA., SS. und Reichsarbeitsdienst, konnte den Brand rasch auf seinen Herd beschränken, so daß lediglich ein kleines altes Stall- und Scheunen- gebaude den Flammen zum Opfer fiel.

An dem ganzen Festspiel nahm der Schirmherr der 700-Jahrfeier Miltenbergs Gauleiter und Re- gierungspräsident Dr. Otto Hellmuth mit großem Interesse teil, begleitet von Mitgliedern des Gau­stabes. Am Engelplatz der Stadt wurde von Gustav Adolf die Vernichtung der Stadt verkündet. Die Bitten einer tapferen Bürgersfrau erweichten des Königs Herz, er ließ Gnade walten. Nun rückte der endlose Zug von Landsknechten, Reitern, Troß­wagen und Trompeter in imposanter Heerschau vor dem Schwedenkönig vorbei zum Marktplatz, wo dem König die Schlüssel der Stadt übergeben wur­den. Dann ging es zum Begnadigungsfest auf den Festplatz, wo man dem König den Friedenstrunk reichte. Fröhliches Leben beendete das Spiel. Nach­mittags erfolgte auf dem Feftplatz der Anschnitt eines 12 Zentner schweren am Spieß gebratenen Ochsen. Abends waren Militärkonzert, Tänze und großer Vergnügungsbetrieb.

Aus aller Welt.

Auto fährt in marschierende Kolonne.

Ein SS.-Mann getötet. Der Fahrer des Wagens in Mainz festgenommen.

Lpd. Alzey, 21. Aug. Arn Freitag kurz nach 21 Uhr ereignete sich auf der Weinheimer Land­straße in der Nähe der Rechenmühle ein schweres Unglück, das ein Menschenleben forderte. Eine zehn Mann starke SS. - Kolonne befand sich auf dem Marsch nach Alzey und ging auf der rechten Straßenseite. Die Kolonne wurde von zwei Per­sonenwagen überholt. Während der erste Wagen glatt an den SS.-Männern vorbeikam, fuhr der zweite Wagen, der in rasendem Tempo gefahren fein soll, in die Kolonne hinein. Der hintere linke Flügelmann, der 18 Jahre alte SS.-Mann Karl Steinmüller von Alzey, wurde dabei so schwer verletzt, daß er auf dem Transport ins Kreiskrankenhaus starb. Ein weiterer SS.-Mann aus Kettenheim wurde ebenfalls ins Krankenhaus eingeliefert, konnte aber nach Anlegung eines Ver­bandes entlassen werden. Der Fahrer des Unglücks­wagens raste davon, ohne sich um die Angefahre­nen zu kümmern oder auf dem Polizeiamt Meldung zu erstatten. Durch Verständigung der umliegenden Polizeistattonen gelang es aber schon nach kurzer Zeit, den Flüchtigen f e st z u st e l l e n. Es han­delt sich um einen Mann aus Mainz, der in Mainz fest genommen wurde. Der Wagen wurde be­schlagnahmt.

»Die deutschen Stämme huldigen der Reichshauptstadt."

Die Trachtengruppen der deutschen Stämme zogen am Sonntagnachmittag in langem Zug zur großen Abschlußkundgebung der 7 0 0 - Jahrfeier der Stadt Berlin zum Luftgarten, um der Reichshauptstadt ihre Huldigung darzubrin­gen. Während die 10 000 Mitglieder der in Ber­lin ansässigen Landsmannschaften zusammen mit Abordnungen aus Opferreich, Sudetendeutschland und dem Cgerland aufmarscyierten, hielten unge­zählte Taufende von Berlinern trotz strömenden Regens eisern stand, um sich dieses letzte große Schauspiel der Jubiläumswoche nicht entgehen zu lassen.

Nach Ansprachen des Reichsstellenleiters für Trachtenpflege und Landsmannschaften K a p l a - neck und des Ratsherrn Protze dankte Ober­bürgermeister und Stadtpräfident Dr. Lippert allen Mitwirkenden an dieser schonen Veranstal­tung, die zeige, wie aus viel deutschen Lebens­äußerungen gerade auch die Reichshauptstadt 3ufam- mengesetzt sei. Das nationalsozialistische Deutschland

Eine große internationale Ausstellung her Mlchlvirlschast.

Feistzeit.

Von Hermann Brederlow.

Den ganzen Abend hatte Wetterleuchten über den fernen Bergen im Süden gedroht; schwüle Butze tauchten in raschem Wechsel die walddunklen Hohem züae in ein schnell verrinnendes Lichtmeer, doch stand die tiefschwarze Wetterbank lange Zeit unbe­weglich. Um Mitternacht trieb das Unwetter vor dem Sturm näher, die geballte Wand, aus der schwefelgelbe Hagelwolken aufsprangen, zerriß, und ein stürzender Gewitterregen prasselte mit hartem Schloßenschlag herab. Auf Augenblicke lohte der Wald in dem brausenden Wehen, als standen Stämme und Kronen in hellem Feuer, aber der Aufruhr dauerte nicht lange. Das Wetter zog eilig weiter, nach einer Stunde funkelten die Sterne wie­der am Himmel, zwischen den Bäumen wehte kühle klare Luft und verhieß einen schonen Morgen. Noch gurgelte es in den Gräben und Rinnen und m den Wagengleisen standen dunkle Lachen, doch nach langer Dürre versickerte das Wasser schnell und der Tropfenfall hort auf ...

Die Ruhe und Schonung, die der Rothirsch während der Kolbenzeit genießt, vor allem aber die reiche Aesung der reifenden Getreidefelder der Kartoffeläcker und des frischbegrunten Laubwaldes, haben den flüchtigen König der Walder zu einem faulen Genießer und behäbigen Bärenhäuter ge­macht, der die heißen Tage 'M Schlaf oder Halb- fchlaf in der sicheren Deckung dichter Mischbestände oder Nadeldickungen verbringt und sie nur bei vo ­riger Dunkelheit verläßt, um aus den Grummet­wiesen und Kleebreiten zu äsen. Zu keiner ande­ren Zeit führt der Hirsch ein so verborgenes Leben zwischen Sonnenunter- und -ausgang wie etzt, wo er den stärksten Feist angesetzt hat- Er lst^das Waldgespenst, das du nur ahnst, doch niemals kennst; denn wo er geht, da steht er mcht, unä w er steht, da geht er nicht, und ist bloß hoch bei Sternenlicht".

Noch ist es stockfinster, doch ich bin meiner Sache sicher: die fünf Feisthirsche mit dem starken Zwölf­ender treten allnächtlich nach dem Schwinden des Büchfenlichts aus dem Larcheniungholz das die weite Berghalde unter der verwitterten 3unt|ano fteinkuppe bedeckt und ziehen durch en H nach den bruchigen Moorwiesen zwischen Waio uno

Schilfsee und im ersten Dämmer wieder zu Holze. Heute ist zu hoffen, daß sie ihre von dem Gewitter­guß gründlich durchgeweichte Decke im Freien zu­vor ein wenig trocknen lassen und den Rückwechsel später antreten werden als sonst. Der Pfeifenrauch zeigt guten Wind. Der Himmel hat sich von neuem bezogen, leichter Dunst breitet sich aus, das regen­nasse Heidekraut unter den Jungbirken am Wege schimmert durch das Dunkel wie Silber und die orangefarbene Blüte des Habichtskrauts wie mattes Gold. Jetzt schiebt sich in unsicheren Umrissen das breite Wiesenmoor heran, das ein eigenes Nacht­leben hat und in dem es auch in den Stunden des tiefften Dunkels niemals ganz still wird önten streichen schattenhaft über mich weg und fallen klatschend in den See ein, Moorfrosche quarren, verlorene Mövenschreie bringen herüber, Goldregen­pfeifer lassen ihren schwermütigen Ruf vernehmen der Morgen ist nicht mehr fern.

Was sind das für schwarze Schatten draußen in den Wiesen? Bewegen sie sich nicht. L^buschafi und Einbildungskraft führen das Auge in solchen Stunden gern in die Irre und lassen es Dinge sehen, die nicht da sind; doch unversehens haben sich die dunklen Schemen um einen vermehrt, wahr­scheinlich ist ein Stück hochgeworden, das stch nieder­getan hatte. Jedenfalls steht dort Wild, es sicher anaufprechen aber ist nicht möglich. Auch bas fSi? mnAtalas gibt noch keine Antwort. Eine W S nun erflW ««& ®"Wr nraue Dämmerung, ein blasser ßuf)tftreifen hegt über bem Horizont, um bald hinter einer Wolke mieber zu erlöschen. Allein bas kurze Zwischenspiel ät genügt - ich habe burch bas Glas em Geweih

Wie oft bei Sonnenauf- unb =nubergang dreht GrhiPht der Winb schlagartig um 180 Grab, so baß M au bas Mo^or zusteht. Also schnell zurück, um d°n Rii-kwechsel unter ben Buchen mihWen. qm Laufschritt geht es burch ben grauschattenben Lalb dem Hochholz -U. Ein roter Ball, steht bie (ännne kurze Zeit über bem Himmelsranb, boch vermittelt hüllt eine buntle Wanb alles von neuem n °fe Dämmerung. Dort, hunbert Schritte Sor mir" wo bie buschige Espe steht oerlaust ber Wechsel zwischen Buchausschlag, Besenkrau unb rotblübenber Heibe. Eine bleierne Viertelstunde Gleicht vorüber; bie ersten Vogelstimmen werben wach eine Heibelerche bubett, Steinschmätzer schnar­

ren, ein aufgeschreckter Eichelhäher grätscht erbost. Irgendwo rasselt eine Eichkatze an einem Stamm in die Höhe und faucht und schimpft wie unklug. Meisen und Goldhähnchen melben sich schüchtern in den Kronen und im feuchten Altlaub jagen sich Mäuse, als ob es Frühling wäre.

Jetzt ein Ton, als fiele Elfenbein auf hartes Holz eine Geweihstange strich an einem Ast ent­lang. Nun erscheinen auf dem Wechsel in Abstän­den lautlos vier wuchtige Schatten, verhalten sich kurz, rupfen ein paar junge Triebe von den Bü­schen und wenden wie auf Kommando die Häupter nach rückwärts. Eine Weile stehen sie so und äugen zurück, dann trollt der letzte sachte an ben anberen vorbei unb nimmt bie Spitze. Alles jagdbare Hirsche, boch ber Erwartete ist nicht barunter.

Da steht er plötzlich breit unb blank wie hin­gezaubert wenige Schritte vor bem Espenbusch unb äst von bem Ginster. Ein leiser Anruf, blitzschnell fährt bas mächtige Haupt in bie Höhe, bas Faben- kreuz bes Büchserifernrohrs bohrt sich in bas Blatt, ich höre ben Kugelschlag, eine meterhohe steile Flucht, prasselnbes Brechen in ben nahen Jung­föhren, bann roieber atemverhaltenbe Stille...

Ich schiebe eine neue Patrone in das Rohr, brenne die Pfeife an und lagere mich geduldig ins Heidekraut, denn ich bin bes Schusses sicher. Jetzt kommt bie Sonne burch, bas Zwielicht zerrinnt unb wirb zu Golbglanz. Auf bem Anschuß stchen tiefe Schaleneingriffe in bem lettigen, feuchten Grunb, auf einem Zweigenbe am Efpenbusch liegt hellroter Schweiß, Schnitthaare finben sich auch bie Nachsuche mit bem Hund wird nicht lange dauern...

Dom Besen und der Gilde der Besenbinder.

V. A. Der »Urbesen ist die kunstlos zusammenge- bundene Rule aus Birken- oder Tannenzweigen. Bürstengriffe aus frühgeschichtlicher Zeit unb Dür- stenböden sind uns mehrfach erhalten, nur die Borsten sind stets ausgefallen und herausgefault. Daß es aber auch schon Pinsel in der Jungsteinzeit gegeben bat. kann der Fachmann aus der Bemalung von Töp^ereierzeugnisien mit ziemlicher Sicherheit er­kennen; selbst alte Höhlenzeichnungen des arischen Kullurkreises erlauben nach Art der Zeichnung die

Annahme der Pinselbenuhung. Pinsel dürften ihr Urbild im zerfaserlen Pflanzenstengel haben.

Die Bol stümlichkeit des Gewerbes spiegelt sich im Märchen wider. Kinder armer Besenbinder sind Helden mancher Maren. Der Besen als Hausgerät und »Reittier der Hexe ist altes Sagengut. Drum kehrt er auch in Brauch und Sprichwort ständig wieder. Man soll in der Walpurgisnacht keinen Besen im Freien liegen lasten, sonst stehlen ihn die Hexen zum Dlocksbergritt. Der Besen, den man als »Schandmaie" einem un auberen Mädchen zum Maitag vor die Tür pflanzt, ist das Gegenstück zum Maibaum. der Freude und Freundschaft bezeigt. Der Zauberbefen - wie Goethe ihn besingt - ist ein anrüchiges Attribut unholder Geister. In der deutschsprachigen Schweiz stellt die Gemeinde dem aus dem Dienste scheidenden Beamten, mit dem sie nicht zufrieden war, Befen an den letzten Weg von der Arbeitsstätte zum Heim. »Besentragen" war eine Strafe für keifende Weiber im deutschen Mittel- alter. Ein Waidmann wird sein Gewehr nicht an einen Riegel hängen, daran ein Besen hängt. Das alles aber ist nicht im geringsten ein Zeichen der Geringschätzung für das biedere Handwerk und seine nützlichen Gaben. Der Besen ist eben vielbe­achtet und oft sogar vielgeebrt. 3n Ostpreusten führte man bis in die neueste Zeit hinein eine junge Frau unmittelbar und geradewegs vom Traualtäre zum Herde der Ehewohnung und übergab ihr dort feierlich den Besen als Zeichen der Haushaltsübernahme. Geht in Niedersachsen die Familie auf Feldarbeit, will aber nicht, daß irgendein Fremder in die - meist offene - Haus­diele tritt, so stellt man einen Besen umgekehrt an die Tür. Verletzung dieses Eintrittverbvtes würde gröblichen Hausfriedensbruch bedeuten.Neue Be­sen kehren gut.

Alte Besen wirft die Jugend ins Sonnenwend­feuer oder schwingt brennende Besen in glühenden Kreisen zu nächtlicher Stunde. Beien band man an der Nord eeküste ehedem an den Schiffsmast, wenn es zur Seeschlacht ging. Ein altes Wort erinnert noch an diesen seltsamen Brauch: »Der Besen ist am Mast, um die See zu fegen. Der Ausdruck »mit fremdem Besen fegen erklärt sich von selbst. Verständlich sind auch die Redensarten: Wenn die Bürste zu scharf ist. nimmt sie die Wolle und Was sich nicht bürsten läßt, wird ausgeklopft.