Ausgabe 
24.10.1940
 
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geschoben ist. Die Flotte war sa immer die ureigent­liche Waffe Englands. Ihre Manövrierfähigkeit, ihr weitreichender Aktionsradius erlaubte den Englän­dern strategische Punkte dort zu suchen und zu finden, wo die Landmacht selbst durch einen klei­nen Einsatz englischer Truppen unverhältnismäßig gebunden" war. Man denke nur einmal an die Rolle Wellingtons, im spanischen Kampf gegen Na­poleon oder auch an die manchmal übersehene Be­deutung, die Sizilien und Neapel für Nelson hatte. Das ist heute ganz anders. Der Krieg ist in die englischen Gewässer und in den englischen Luftraum selbst hineingetragen. Die Sperre der Straße von Sizilien durch die italienische Flotte und Luft­waffe läßt die starken englischen Flottenstreitkräfte im Dreieck AlexandrienCypernHaifa beiseite.

Die Folgen sind aanz unmittelbar. Während Eng­land noch vor wenigen Monaten an die Eroberung Abessiniens dachte, und den ehemaligen Negus nach Khartum reisen ließ, fühlt sich schon heute die bri- tische Expeditionsarmee in Aegyptenin der Luft hängen". Der italienische Wehrmachtbericht vom 22. Oktober, der die Vernichtung eines englischen Geleitzuges im Roten Meer meldet, ist ebenso wie die wiederholten Bombardierungen von Aden und Perim und nun auch der Bahrein-Inseln ein ein­drucksvoller Beleg, wie der englischen Expeditions­armee im Nahen Osten noch die verhältnismäßig freie Schlagader in dem Indischen Ozean abgebun­den wird. Die Wahrheit über den Besucb Edens in Aegypten ist, daß ihm der dortige englische Ober­befehlshaber Wavell eine lange Liste der fehlenden modernen Ausrüstungen für seine zahlenmäßig zu geringen Truppen überreicht hat.

Das alles haben sich die Engländer ganz an* der s vorgestellt Sie wollten uns in der Lage haben, in der sie jetzt selbst sind. Sie wollten uns das Gesetz des Handelns vom Osten und Südosten her vorschreiben. Sie haben nicht geahnt, daß mii der französischen Katastrophe der Eckstein ihres kon­tinentalen Verteidigungzsystems herausgebrochen würde. Ihre Angst hat gute Gründe. Und eben weil diese Angst so wohlbegründet ist, betreibt die eng­lische Regierung systematisch Verschleierung. Die Hoffnungen auf Moskau sind genau so Derschleie- rungsmanöver wie die Hoffnungen auf die Der- einigten Staaten. Aber der Bluff ist keine Ware, die sich einpökeln läßt. Dr. Ho.

f Zahl der Opfer liege niedrig. Gleichzeitig mußte be- stätigt werden, daß die schlechte Wetterlage in der Nacht zum Mittwoch jede englische Flie- geraktivität verhinderte. Nichtsdesto­weniger hätten die Deutschen ihre An­griffe fortgesetzt.

Wieder britische Bomben auf die Jteichshaupistadi.

Nur leichter Gebäudeschadeu und kleinere

Brande.

Berlin. 24. Oft (DNB.Fmrkspruch.) 3n der Nacht zum Donnerstag versuchten britische Flug- zeuge einen größeren Angriff auf die Reichshaupt- stadk durchzuführen, jedoch nur wenige feind­liche Flugzeuge erreichten den Luftraum von , Groß-Berlin. Es wurde Fliegeralarm gege- I den, und Flakartillerie trat in Tätigkeit. Der Gegner warf Brandbomben und Brandplättchen, vereinzelt auch Sprengbomben ab. An mehreren Stellen insbesondere im Westen der Stadt verursachte er leichten Gebäudeschadea und kleinere Brände, die bald gelöscht wer- den konnten. Einige Verletzte sind gemeldet.

Bomben auf Port Said.

Der italienische Bericht vom Mittwoch.

Rom. 23. Oft sDRB.) Der italienische Wehr­machtbericht vom Mittwoch hat folgenden Wortlaut:

3n Nordafrika haben feindliche Flieger un­tere Truppen zwischen Sollum und Sidi Baranl angegriffen. Es gab einen Toten und einige Ver­wundete. 3m Gebiet von Bug-Buc hat eines unserer Jagdflugzeuge zwei feindliche Bomber vom Typ Wellington angegriffen und in die Flucht geschla­gen. Siner der Bomber wurde schwer getroffen, fo daß er wahrscheinlich abgestürzl ist.

Unsere Bombeuflieger haben den Flottenstützpunkt Port Said mit Bomben belegt. Das Bombarde­ment der Flotteubasis von Alexandrien, das im Wehrmachtbericht vom Dienstag erwähnt wurde.

Der ASeyrmachlbmcht vom Miwoch.

Berlin. 23. Okt. (DNB.) Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt:

Leichte Kampsverbände belegten während des Tages London und andere kriegswichtige Ziele erfolgreich mit Bomben. Mit Einbruch der Dun­kelheit feh-en schwere Kampsverbände die Ver­geltungsangriffe gegen die britische Haupt­stadt und die Zentren der englischen Rüstvagsin- dustrie fort Zu beiden Seiten der Themse entstan­den neue Brände. 3n Coventry und Bir­mingham erhielten kriegswichtige Betriebe schwere Treffer. Feindliche Einflüge nach Deutsch­land fanden gestern nicht statt

Masvr M o e l d e r s schoß, wie schon bekannt- gegeben. in einem Luftkampf gegen zahlenmäßig überlegene feindliche 3äger seinen 49., 50. und 51. Gegner ab. Zwei deutsche Flugzeuge werden vermißt.

Stockholm, 24. Okt. (Europapreß.) Die deut­schen Luftangriffe im Laufe des Mittwochs haben sich nach den Erklärungen des englischen Luftfahrt­ministeriums bis zu den Abendstunden in engem Rahmen gehalten, weil das Wetter jeder Fluginitiotive überaus ungünstig war. Es heißt lediglich, eine Stadt im Südosten und zwei Punkte im Groß-Londoner Raum seien angegriffen wor­den. Der Schaden wird als gering bezeichnet; die

dauerte insgesamt zwei Stunden und hatte in den Lagern und Depots des Hafens schwere Explosionen und Brände zur Folge. Alle unsere Flugzeuge sind zurückgekehrt

3n Ostafrika haben unsere Flieger den Flug­platz von Bura am Tana-Fluß angegriffen, die Treibstofflager und Flakstellungen mit Maschinen­gewehrfeuer belegt und zerstört

Die feindliche Luftwaffe hat erfolglose Angriffe auf Burgavo und die Flughäfen von Asmara und Gura unternommen.

£>er ital eniiche Angriff auf den Geleifzua im "Noten Meer.

Rom, 24. Okt (Europapreß.) Zu dem kühnen italienischen Torpedobootsanariff gegen einen von überlegenen Streitkräften geschützten britischen Ge­leitzug schreibt Gayda imGiornale d'Italia", der Geleitzug sei in Aden aus zwei verschiedenen Ge­leitzügen zusammengestellt worden, deren einer von Indien, der andere von England rund um Afrika gekommen sei. Der Zug habe 36 große Dampfer gezählt Er habe in lieber- fluß Kriegsmaterial und Taus ende von Menschen mitgebracht, mit den England seine an sich bedeutenden Streitkräfte in Aegypten noch weiter verstärken möchte. Zehntausende britische Sol­daten seien aus Singapore gekommen, eine ganze Kolonialdivision aus England. Die bri­tische Flotte lasse in jedem 'Treffen einige ihrer kostbaren Federn. Die Achsenmächte enthüllten jeden Tag ihre Stärke.

Die Bahrein -Inseln und LlZA. Keine nordamerikanischen Erdölinteressen verletzt.

Rom, 23. Okt. (Europapreß.) Bei der Bespre­chung des italienischen Fliegerangriffs auf die Bahrein-Inseln im Persischen Golf ist in der nordamerikanischen Presse betont wor­den, daß die nordamerikanischen Oelgesellschaften Standard Oil und Texas Oil Company an der Erdölgewinnung auf diesen Inseln mit Ka­pital beteiligt seien. Dieser Hinweis oll offen- sichtlich beweisen, daß durch den italieni chen An- ?riff nordamerikanische Unteres en oer- etzt worden seien. Das laßt man aber in Rom nicht gellen. Man erklärt:

1. Die Inseln der Bahrein-Gruppe stehen unter englischem Protektorat.

2. Die Gesellschaft zur Gewinnung des Erdöls untersteht, wie auch die nordamerikanischen Betrach­ter zugeben, der englischen Rechtspre­chung; ihr Besitz ist somit feindliches Eigen» t u m.

3. England Hai sich durch einen Vertrag mit dem Emir der Inseln nicht nur auf politischem, sondern auch auf wirtschaftlichem Gebiet eine Vorherrschaft gesichert. Deshalb hat es England auch erreichen können, daß die Erdölgesellschaft der Bahrein-Inseln Japan, das bis zu jenem Zeitpunkt der einzige Abnehmer des Erdöls der Bahrein-Inseln war, das Erdöl weggenommen und es nach Aden gebracht hat

lieber die Ergebnisse des italienischen Flieger» angriffs auf die Inseln der Bahrein-Gruppe schweigt man sich in London noch immer aus und begründet dies mit den verspätet einlaufenden Nach­richten infolge der großen Derkehrsschwierigkellen. Da es aber heute eine radiotelegraphische Verkehrs- Möglichkeit gibt, so jagtPopolo di Roma", fei dies nur eine kindliche Ausflucht. In Wirklichkeit wolle London nur wieder Zeit gewinnen, um auszuklü- geln, wie auch der neue Schlag in einen strategischen Rückzug verwandelt werden könne. Infolge des Umfanges der Erfolge der Achse werde dies für London aber von Tag zu Tag schwieriger.

Gesicherte Kohlenversorgung.

Berlin, 23. Okt (DNB.) Der letzte Rekord­winter hat die Aufmerksamkeit auf die Kohlenwirt­schaft gelegt Vereinzelte Haushalte, die noch keine oder erst wenig Kohlen im Keller haben, aber auch die große Mehrzahl, die bereits die Hälfte oder noch mehr ihres Bedarfes eingefahren haben, den­ken mit Sorge daran, ob sie ihre Lieferungen noch rechtzeitig bekommen werden. Reichskohlenkommis­sar Walther erklärte nun der Presse:

Wir haben in den Monaten April bis August 160 Millionen Zentner mehr Kohle für den Haus­brand gefahren als in den gleichen Monaten irgend eines der letzten Jahre. Im Durchschnitt des Reiches befindet sich heute die Hälfte des angemel­deten Bedarfes in den Kellern Der Ver­braucher bzw. auf den Lagerplätzen des Kohlen­handels. Unsere Industrie verfügt heute zu­meist über eine mehrmonatige Kohlen» reserve. Aus der Wehrmacht sind viele Tausende Bergarbeiter während der letzten Wochen in die Bergbaureviere zurückgekehrt Weitere Tausende werden folgen. In den Frühjahrs- und Sommer­monaten haben wir einige Zehntausend auslän­dische Arbeitskräfte im Bergbau angesetzt. Wir wer­den sie vorläufig an ihren Arbeitsplätzen belassen. Auch die Beschaffung von Holz, Eisen und Maschi­nen ist zufriedenstellend.

Es werden in Deutschland ini Jahr rund 7 Mil­liarden Zentner Kohle bewegt Die Kohle belegt ein Drittel aller Transportmittel mit Beschlag. Wir haben im Monat August d. I. ar­beitstäglich 130 000 Tonnen an Kohlen mehr durch die Reichsbahn abgefahren als im vergange- nA- Jahr. Die Versorgungslücken, die hier und da besonders im Osten vorhanden sind, werden in den nächsten Wochen geschloffen werden. Die Kohlenhändler, die in ihrer Belieferung unter dem Reichsdurchschnitt liegen, werden in diesen Wochen auf den Reichsdurchschnitt gebracht. Der Kohlen­handel feinerfeüs ist verpflichtet worden, unter allen Umständen dafür zu sorgen, daß bis zum Ein­bruch der Falten Tage jeder deutsche Haushall über einen Kohlenvorrat verfügt. Hier und da hört man die Ansicht, daß es doch bei dem Kohlenreichtum Deutschlands möglich sein müßte, den gesamten Hausbvandbedarf berells während des Sommers und des Herbstes einzufahren. Wollte man diesen Wunsch erfüllen, so mußte man einen Teil bei Gruben im Winter schließen und ihre Bergmänner nach Hause schicken. Dies wäre auch vom Stand­punkt der Bergbautechnik und unseres Transport­wesens ganz undurchführbar.

Eine zweite Frage ist, ob es nicht möglich wäre, die Zwangsbewirtschaftung der Hausbrand- kohle aufzuheben und wieder jedem das zu geben,

was er anfordert. Denn wenn auch der bei weitem größte Teil unseres Volkes, der mit verhältnis­mäßig vielen Menschen wenige ofenbeheizte Räume bewohnt, kaum Einschränkungen durch Das Punktsystem unterworfen ist, so sind doch Famllien zweifellos benachteiligt, Die mit wenig Menschen viele Zimmer bewohnen. Alle Haushalte in z e n tralbeheizten Gebäuden müssen auch in diesem Winter noch gewisse Einschränkungen auch bei Der Warmwasserversorgung in Kauf nehmen. Ohne Zwangsbewirtschaftung hätten sich Die Kreise unseres Volkes mit überdurchschnittlichem Kohleverbrauch während Der Sommermonate so zu bevorraten versucht, Daß sie selbst einen Winter wie Den letzten ohne Einschränkungen in der Hei- zung hätten Überstehen können. Die Folge wäre, daß ein Teil unseres Volkes über sehr reichliche und Der andere Teil über geringe oder gar keine Vorräte verfügt hätte. Durch die Zwangsbewirt­schaftung ist heute mit ganz geringen Ausnahmen jeder deutsche Haushalt im Besitz eines angemesse­nen Kohlenoorrats. Insbesondere die Arbeiter­schaft unserer Großstädte, die früher hinsichtlich der Kohle von der Hand in den Mund lebte, ver­fügt heute über Kohlenoorräte. Solange die Ge- famthett des Volkes noch nicht über Mengen ver­fügt, die jedem Haushalt mindestens einen gut be­heizten Raum garantieren, darf in einem Kriegs- winter der über größere Wohnungen verfugende Teil unseres Volkes nicht verlangen, daß auf seine Bequemlichkeit oder seinen erhöhten Wohnraum­bedarf Rücksicht genommen werden kann.

3ch bin allerdings bereit, um die 3ahres- wende eine Lockerung in der Bewirtschaf­tung von S t e 1 n k o h l e zu prüfen. 3nwieweit dies auch bei Braunkohlenbriketts und Steinkohlenkoks möglich sein wir-, ftrnn noch nicht gesagt werden. Für die Dauer des Krieges muh sich jeder sagen, daß der Zentner Kohle, den er spart, im 3nteresse Deutschlands gespart wird. Wir entlasten damit Bergmann und Transportwesen. Dir sichern dadurch den erhöhten Kohlenbedarf unserer Kriegswirtschaft und schaffen Möglichkeiten, Kohle im Auslande gegen die für die Kriegführung und die Ernäh­rung unseres Balkes notwendigen Rohstoffe einzutauschen, d. h. also, daß wir mit jedem Zimmer, das wir weniger Heizen, mit jedem Brikett, das wir sparen, unserem Daterlande helfen, den uns aufgezwungenen Krieg zu ge­winnen.

Gießener Giadttheaier.

Kleist:Das Käthchen von Heilbronn."

Mit dieser Neuinszenierung hat sich die Theater- leitung ein unbestreitbares Verdienst erworben; seit vielen Jahren (zuletzt 1927) ist DasKäthchen" hier nicht mehr gespielt worden, Das volkstümlich7-' unter allen Stücken Kleist s, Das heiterste unD märchenhafteste unter seinen ernsten Dramen.Ein großes romantisches Ritterschauspiel": imKäth­chen von Heilbronn" hat eine heute lange verschol­lene, einst ungeheuer beliebte unD verbreitete Gat- tung von Theaterstücken ihre Krönung und Un­sterblichkeit gefunden, obwohl wir heute auf die­sen Gattungsbegriff gewiß kein besonderes Gewicht mehr legen werden. Zwar trägt die Handlung mit Fehmgericht, und Traumerscheinungen, mit Feuer- lärm und Zweikampf und manchen anderen Zügen durchaus die charakteristischen Merkmale jener Gat- tung, aber darauf kann Ton und Nachdruck so wenig liegen wie auf Dem im landläufigen Sinne Romantischen", Das bei Kleist hier wenig mehr bedeutet als bei Schiller in derJungfrau von Orleans" und vor allem besagt, daß hier nichts quellenmäßig historisch zu begreifen oder aufzu­spüren sei.

Die sehr junge Heldin ist eine der zartesten und lieblichsten Mädchengestalten, welche die deutsche Dichtung überhaupt hervorgebracht hat, in manchen Zügen Dem Gretchen bei Goethe benachbart und verwandt, aber im Reigen der Kleistschen Frauengestalten folgt sie unmittelbar auf die Penthesilea, als deren vollkommenes Gegenbild sie am schärfsten Umrissen ihren Platz im Seelenraume und Weltbilde eines großartigen dichterischen Gesamt- wertes behauptet: es gibt keine krasseren Gegensätze als die amazonische Fürstin einer sagenhaften An­tike und das schwäbische Bürgerkind, Die heimliche Kaisertochter des deutschen Mittelalters; Das einzige, was beide, aus Dem Denken unD Dem Lebensgefühl Kleists üerbinbet, ist Dies, Daß in ihnen Die äußersten Gegenpole und Steigerungen jener berühmten tra­gischen oDer nah ans Tragische streifenden Verwir­rung des Gefühls sichtbar und magisch wirksam werden, Die als eine Der immer wiederkehrenDen, untergründigen Triebkräfte in Kleists Dichtung er- kannt wurde.

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In der kleinen Heilbronnerin wie in der von rasendem Stolz und beleidigtem Weibgefühl bis zum Wahnsinn entzündeten Griechin sind Die ewig ge­heimnisvollen, dunklen Seelenmächte wach, die man nicht erklären, sondern nur hinnehmen kann; aber während sich in der Amazone die natürlichste und urälteste Gesühlsbeziehung zwischen Weib und Mann in das blutige und tödliche Widerfviel ent­setzlich entfesselten Hasses verkehrt und besinnungs-

los überschlägt, erniedrigt sich in Katharina Die reinste unD zarteste Regung eines mädchenhaften Herzens bis an Die letzte, kaum noch überschreitbare Grenze Der Demütigung. Weil aber ihr Gefühl ebenso tief und unschuldig wie unbeirrbar unD un­zerstörbar ist, well es nicht nur gläubig, sondern auch beständig ist, geht das kindlich rührende Ge­schöpf mit traumwandlexischer Sicherheit unver­sehrt durch jedes Fegefeuer hindurch. Wie im Traume oder nachtwandlerisch: Das ist Das entschei- DenDe Wort; Die Heilbronnerin handelt unter hem gleichen zauberischen Zwang wie das Mädchen von Orleans, wie Der preußische Prinz von Homburg. Man kann kaum sagen, daß sie handelt; was sie tut, tut sie unterbewußt, fast schon ohne eigenen Willen, es geschieht chr, sie könnte gar nicht anders und sie ist durch keine Anfechtung ernstlich zu verwirren oder zu erschüttern: sie muß diesen Ritter lieben. Der ihr im Traume erschien, muß chm folgen wie fein Knecht, fein Hund, sein Schatten, ihm gehorchen, ihn retten, immer und allein für ihn Da jein: so ist es ihr bestimmt.

Solche UnbeirrbarfeU des visionär entflammten Herzens, solche unfehlbare und unanfechtbare Liebes­kraft eines jungfräulich-zärtlichen Geschöpfes macht Den unvergänglichen Zauber dieser Dichtung aus, Die zum Deutschesten und Innigsten gehört, was Kleist in seinem kurzen Leben geschrieben hat; ein ^dyll wie Die Holunderstrauch-Szene am zerfallenen Mauerring Der Burg,Dort, wo Der Zeisig sich Das Nest gebaut. Der zwitschernde", gibt es in Der ge­samten Literatur nicht wieder; sie ist Das blühende Herzstück Des Dramas und überstrahlt und sam­melt, auch dramaturgisch entscheidend, in sich alles, was sonst in diesem figuren- und erfindungsreichen Märchenstück sich begibt.

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Wenn die Holunderstrauch-Szene nicht allein, wie oben angedeutet wurde, als das dichterische Herz- stück, sondern als dramatisch entscheidender Wende- und Höhepunkt Des Schauspiels begriffen wird, dann war Die von Hans Joachim Büttner ge­leitete Aufführung sinnvoll auf Diese innere Mitte bin komponiert und alle übrigen Szenen in einer schön aufsteigenden und sich Dem märchenhaft glück­lichen Ende zuneigenden Linie beziehungsreich an- geordnet; Das ergab ein erfreulich geschlossenes Ge- samtblld. Dieser inneren Linienführung entsprachen Herrn Löfflers Szenenbllder, die ohne lieber- treibung und lleberlahung zwischen Märchenstil und freundlicher Wirklichkeit einen harmonischen Aus- gleich fanden; besonders anmutig die Holunder- strauch-Szene, an die Sllhouette des Braunfelser Schlaffes erinnernd die Strahlburg, angenehm ge- dämpft und ohne wilde Theatereffekte die nächtliche Feuersbrunst.

Daß dieses Stück, wie alles von Kleist, nicht nur szenisch, sondern vor allem sprachlich sehr hohe An­

forderungen stellt, dürfte bekannt sein; auch ihnen wurde Die Inszenierung im wesentlichen, jedenfalls in Den entscheidenden Szenen und tragenden Rollen, gerecht. Darüber hinaus ist der Regieführung zu danken, daß sie spürbar bemüht war, von außen nach innen zu spielen, auf billige Pointen verzich- tete und im romantischen Ritterschausviel das Seelendrama aufspürte und sichtbar werden ließ.

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Solche Absicht steht und fällt mit der Verwirk­lichung der Titelrolle. Hannelore Hinkel spielte Das Käthchen. Wenn, wie für Shakespeares Julia Die Balkonszene, hier wiederum die Holunderstrauch- Szene als Prüfstein gelten soll. Dann hat sie Die Probe schön und vollgültig bestanden: sie bringt im halblauten, schüchternen, dennoch unbeirrbaren Ton­fall, in Der scheuen Kindlichkeit Der Erscheinung unD der zarten Kraft Des Gefühls alle Voraussetzungen für dieses rührende Geschöpf dichterischer Phan- taste mit; man muß ihren Worten glauben, wie sie in jeder Regung und Bewegung gläubig dem Ge­schick vertraut, das ihre Wege so traumhaft-wunder­bar lenkt und zum guten Ende führt.

Herr Caninenberg gab den Grafen Wetter vom Strahl. Der Spielleiter hat im Programm­heft einige Anmerkungen gemacht, die, wie uns scheint, die Auffassung der Rolle glücklich beeinflußt haben: sie wurde, geflissentlich abseits Der land- läufigen Bühnentradition, jugendllcher angelegt, als man sie gemeinhin sieht, nicht nur auf Den schrof­fen, stahlrasselnden Kontrast zu der schreckhaften Zartheit des Mädchens, wovon ohnehin noch genug übrig bleibt. Der Ritter wurde auf solche Weise zu. gleich tiefer In die Märchenwelt einbezogen, beut- licher noch, auch er, ein Geschöpf Kleists, ein Mensch, her sich aus anfänglicher großer Sicherheit unver- sehens selbst in Geheimnis und Zauber verstrickt sieht.

Die Kunigunde, ooÄ Hilde Heinrich gespielt, ist, wenn nicht die undankbarste, so doch im Gefüge Des Ganzen gefährlichste Rolle. Sie kann, was man selten erlebt, unter den Händen einer klugen und geschickten Darstellerin, unheimlich wirken. Fräulein Heinrich griff die Figur von einer an- Dem Seite her an und nahm sie theatralisch bis an die Grenze des Selbstironischen, was zu billigen ist, wenn die Gestalt dadurch, wie es hier geschah, bei aller Falschbeit und schillernden Bosheit peinlicher Komik entrückt bleiben soll. (Man hatte chr gerech­terweise einige fatale Passagen gestrichen.)

_Herr Geiger war, von echtem väterlichen Ge- fühl bewegt, der redliche alte Waffenschmied Friede- '1orn; besonders seine große Anklagerede in der Fehmgerichtsszene war mtt Bedacht aufgebaut und sprachlich wohlgegliedert. Herr Dolck machte, von leiser Heiterkeit umwittert, vortrefflich den gemütvoll biederen Knecht Gotti^ fp Die Erzählung der Bri­gitte svrach Hella H e n z k y , Frau S t i r l umgab die Gräfin Helena mit ruhiger Würde« j)err

Büttner, nicht ohne einen wohltuenden Anflug von Humor, war der Kaiser.

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Die Aufführung sand verdientermaßen herzlichen

Beifall. Hans Thyriot

»Kleider machen teufe."

Gottfried Kellers köstlich-schalkhafte Geschichte von dem Schneidergesellen aus Sridwyla, den ganz wider seinen Willen der Eifer der biederen Bür­ger von Golbach zum geheimnisumwitterten polni­schen Grafen avancieren läßt, und der nach feiner Entlarvung doch noch fein Glück macht, hat Helmut Käutner, mtt einigen Zutaten versehen und zu einem behaglichen Biedermeieridyll ausgesponnen, im Filmmilieu angesiedelt. Der kleine Schneider, der so unversehens zum Mittelpunkt der Haute­volee eines ganzen Städtchens wird, ist nicht ganz der reine Tor geblieben wie in der Keller scheu Novelle. Seine rege Phantasie hatte ihm schon bei seinem Seldwyler Meister manchen Streich ge­spielt, so findet er sich recht schnell in Die ihm auf- gedrungene Rolle, und als dann noch das schöne Nettchen ihn bestrickt, ist es ganz um ihn geschehen. Schließlich wird der von Käutner neu einaesührte echte Graf zu feinem Entrepreneur und Fürsprecher, so daß ihm selbst die Rache eines hellhörigen Nebenbuhlers nicht mehr zu schaden vermag. Die Seldwyler, die aetommen sind, durch einen großarti­gen Mummenschanz den hochgestochenen Sohn ihrer Stadt wieder auf hie Ebene des nüchternen All­tags zurückzuführen, müssen in Goldach eine gründ­liche Abfuhr einstecken, und das schöne Nettchen hält ihrem Erkorenen auch als Schneidergesellen die Treue. Es ist ein besonderes Verdienst Der Regie Helmut Käutners, Der Kamera Ewald Daubs und der Bauten 'Robert H e r 11 h s, daß etwas von her vergnüglich lächelnden Ironie Gott­fried Kellers auch der Film mitbekommen hat. Es ist keine boshaft witzige Satire geworden, sondern hie heitere Kleinstadtidylle geblieben, wie sie uns Keller behaglich schmunzelnd erzählt. Heinz Rüh - mann macht das in seinen Träumen versponnene Schneiderlein, das man gleichsam zum Hochstapler preßt, mit einem feinen, stillen Humor. Das schlechte Gewissen steht ihm im Gesicht geschrieben, aber man läßt ihn nicht aus seiner Rolle, kein Wider­streben hilft, er muß sie zu Ende spielen. Ilm ihn herum die behäbigen Bürgersleute, höchst geschmei­chelt von der Ehre des gräflichen Besuchs, sind in famosen Typen liebevoll skizziert (wir nennen nur Hans © tiebner als gefd)äftiaen Wirt, Hans Sternberg und Aribert Wäscher). Das Nett­chen itt Hertha Feiler, ein sehr reizendes Die- dermeleriigürchen, Hilde S e s s a k macht die leicht überspannte Dame Serafin, Fritz O d e m a r ist sehr charmant, mit weit ausladender Geste der echte Graf, Rudolf Sch und le r, verkniffen und bissig, der eifersüchtige Kollege von der Elle.

Dr, Fr. W. Lange»