P. B.
mernben Glanz schießen.
Dornotizen.
Tageskalender für Samskag.
Stadttheater: 20 bis 22.30 Uhr, Gastspiel der Tegernseer Bauernbühne „Alles in Ordnung". — Gloria-Palast (Seltersweg): „Meine Tochter tut das nicht"; 14.45 Uhr: Wochenschau-Sonder-Vor- stellung „Generalangriff auf Frankreich". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Diener lassen bitten"; Gastspiel russischer Künstler „Feuervogel".
Tageskalender für Sonntag.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Meine Tochter tut das nicht"; 11 Uhr Wochenschau-Sonder-Vorstellung „Generalangriff auf Frankreich". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Diener lassen bitten"; Gastspiel russischer Künstler „Feuervogel". — Kreisfachschaft „Deutsche Schäferhunde", 10 Uhr, am Viehmarktplatz, Sonderschau.
Gastspiel der Tegernseer Bauernbühne.
Am heutigen Samstag gastiert die Tegernseer Bauernbühne von Ander! Schultes mit dem Lust- s^iel^u^d^ba^eri^ch^Ber^er^Mle^r^rdnun^
Aus -er Stadt Gießen.
Juni-Bilderbuch.
lieber ben Gartenpforten ranken Kletterrosen ihre zierlichen Triumphbogen. Manche blühen weiß, als erwarteten sie ben Besuch glücklicher Bräute. Andere prangen zart errötet ober glühen bunteirot wie brennenbe Herzen, bie sich nach Liebe verzehren. Rosen leuchten aus anmutigen Laubkuppeln unb Büschen, bie bie Beete säumen, unb verströmen ihren unvergleichlichen Duft.
Mit starker Leuchtkraft unb verschwenberischem Duft machen sich auch bie Nelken bemerkbar, bie „Feberröschem bes Volksmunbs unb bie „Näglein" bes Liebesliebes. Mit ben stolzen Fackeln bes Rittersporns unb ber Glockenblume weitteifern Golb- mohn unb Golblack, Stiefmütterchen unb Maßliebchen, ben Blütenzauber ber Gärten nicht verlöschen zu lassen, sonbern ihm täglich neue Akkorbe an Farben unb Wohlgerüchen hinzuzufügen.
In Parken unb Alleen hauchen bie weißen unb blaßblauen Blütetrauben ber Akazien unb Robinien ihren köstlichen Atem, unb aus ben mächtigen Wipfeln ber ßinben, wo Bienen unb Hummeln sum- menbe Zecher sinb, quillt in erquicfenben Wogen ber wunberbare Duft. Don ben Wiesen steigt bas kleesüße Aroma ber geschichteten Heuschober auf, unb am Walbranb verbreiten bie Gehölz urnschlin- genben Zweige bes Geißblatts unb bie sehnsüchtig ranfenben Triebe bes Jelängerjelieber ihre weithin lockenben unb betörenben Wohlgerüche.
Abenbs fallen bie verliebt umherschwärrnenben Johanniskäfermännchen in bie Hecken ein, um ihren im Laub grün versteckten Weibchen ben Hof zu machen. Die Nacht aber gehört bem leisen Flug ber kleinen Nachtschmetterlinge unb ber großen Schwärmer. Lautlos unb wegsicher geistern sie durchs Dunkel, von feinsten Witterungswerkzeugen geführt, zu ben Blüten hin, bie sie hochzeitlich erglüht erwarten. Darum haben sie sich nicht wie viele anbere zum Nachtschlaf geschlossen, sonbern halten ihre Duftkammern sehnsüchtig offen, wie bräutliche Herzen, bie ben Erkorenen empfangen.
Stärker als jeher anbere Blütenatem weht ber Duft bes Geißblatts, unb feine wilben Lockungen, feine betörende Süßigkeit reißen bie furrenben Großsegler wie mit magischen Kräften zu sich hin. Unter ihnen ist ber Kiefernschwärmer ber willkommenste Herzensfreunb. Seine schmalen unb langen Vorberflügel geben seinem Flug verblüffenbe Schnelligkeit unb eine anmutige Linie. Nur ein gespen- sterhaftes Vorbeihuschen wirb wahrnehmbar, wenn nicht zufällig ein verräterischer Lichtschein ben eleganten Flieger trifft. Währenb er mit rafenben Flügelschlägen vor ben gelblich-weißen, von zartem Rot überhauchten Blütensttäußen schwebt, bie sich inzwischen waagerecht gestellt haben, um bem Nektarnäscher sein Saugen zu erleichtern, entrollt sich bie zierliche Rüsselspirale unb taucht gierig in bie enge Blütenröhre hinab. Dabei streift sie einmal bie Staubblätter, ein anbermal bie Narbe ber Blüte, bie sich nacheinanber am Eingang vorbrängen. So bezahlt ber von Blüte zu Blüte segelnbe Schwär- ner unbewußt bie süße Zeche boch, inbem er bie Hochzeit bes Geißblattes ermöglicht, bie tausend- fältig gesegnet im Herbst bie lippenroten, saftigen Beeren schenkt.
Ein Fest von Blüten unb Düften tobt sich lautlos aus, burch bas bie grünlichen Funken ber Glühwürmchen wie winzige Sternschnuppen ihren flim-
Pans im Lustbild der Wochenschau.
Die neue Wochenschau vom Kriegsschauplatz im Westen, die wir heute morgen in einer Sonderoor- führung zu sehen Gelegenheit hatten, bringt wieder eine Fülle von eindrucksgewaltigen Bitbern, bie bas Antlitz bes von ben Plutokraten heraufbeschworenen Krieges in allen Zügen erkennen lassen. Zunächst sieht man an Hanb von Trickzeichnungen ben bisherigen Verlaus der Operationen unb erkennt bie geniale Strategie, die ihnen zugrunde liegt. Die nächsten Bilder führen dann sofort in die vorderste Front. Dünkirchen erscheint noch einmal und läßt bewußt werden, wie groß und schwer die englische und französische Niederlage am Kanal gewesen ist. Die Stabt ist ein Trümmerhaufen, der Hafen ein Friedhof der Schiffe, die Kais ein einziges Bild ber Zerstörung, ber Strand ber Spiegel ber panischen Angst in ber Flucht ber englischen Truppen, unb die Straßen nach Dünkirchen mit bem Material vieler Divisionen — das alles schildert bie neue Wochenschau in Bildern von einer Eindringlichkeit, wie sie das gesprochene oder geschriebene Wort nicht zu vermitteln vermag. Weiter verfolgt man den Vormarsch ber Truppen in südwestlicher Richtung, sieht die Panzerdivisionen in ungehemmtem, rasanten Vormarsch, sieht überall Engländer und Franzosen mit erhobenen Händen, waffenlos, geschlagen, zermürbt, sich in bie Gefangenschaft begeben, vereinigt
in Lagern, in denen sie sich zu Zehntaufenden finden.
Und dann sieht man Bilder einer erschütternden kriegsgeschichtlichen Reminiszenz, lieber den Schlachtfeldern von Langemarck wogt Getreide und hohes, Gras. Wir sehen den Führer, umgeben unb stumm gegrüßt von seinen Soldaten im Ehrenmal ber Helden von Langemarck. Wir sehen ihn aber auch am Kartentisch mit ben Offizieren bes Generalstabs, seine Hand gleitet über bie Karten, beutet die großen Bewegungen an, in denen sich ber Feldzug entwickelt unb sieht den tiefen Ernst in seinem Gesicht, wie in ben Gesichtern ber hohen Offiziere. Gerabe aus btefen Silbern erleben wir wie eine Offenbarung ben Satz: Der Führer hat diesen Krieg nicht gewollt!
Wieder begegnen wir endlosen Kolonnen von Gefangenen, fühlen uns an Hand ber eigenartigen Filmbilder in bas Sturzkampfflugzeug versetzt, sehen, wie sich bie Bomben am Rumpf lösen unb sehen dann in wieber anberen Bildern, wie eine einzige Bombe ein Schiff auseinanderreißt, so baß bas Wrack in zwei Hälften im Wasser liegt. Don Kampfflugzeugen aus sieht man die französische Hauptstadt, deren Schicksal sich nun erfüllt hat. Auch die Kundgebungen in Rom und Berlin, ber Eintritt Italiens in den ftrieg, find festgehalten.
von Max Vitus. Neben bem Leiter ber Bühne spielt bas gesamte Personal ber Bauernbühne mit. Als besonbere Einlagen gibt es: Oberbayerische unb Tiroler Jobler, Zithersolo unb oberbayerische Schuhplattler. Anfang 20 Uhr. Enbe gegen 22.30 Uhr. Die Vorstellung finbet außer Miete statt.
Skadttheater-Spielplan vom 18. bis 22. JunL
Dienstag, 18. Juni: „Trockenkursus", Schi-Lustspiel in 3 Akten von Kurt Bortfelb. Spielleitung: Hans Geißler. Bühnenbilb: Karl Löffler. 32. unb letzte Vorstellung ber Dienstag-Miete.
Mittwoch, 19. Juni: „Trockenkursus", Schi-Lustspiel in 3 Akten von Kurt Bortfelb. Spielleitung: Hans Geißler. Bühnenbilb: Karl Löffler. 32. unb letzte Vorstellung ber Mittwoch-Miete.
Freitag, 21. Juni: „Zwei im Busch", Lustspiel in 3 Akten von Axel Joers. Spielleitung: Hans Joachim Büttner (Berlin) a. G. Bühnenbilb: Karl Löffler. 32. unb letzte Vorstellung ber Freitag-Miete.
Samstag, 22. Juni: Einmaliges Gastspiel: Kabarett ber Komiker, Berlin, ^Frühling unb Liebe". Künstlerische Leitung: Willi Schaeffers. Außer Miete!
Boklzen für den 15. JunL
Sonnenaufgang 5.02 Uhr, Sonnenuntergang 21.48 Uhr. — Monbuntergang 2.14 Uhr, Monbaufgang 16.29 Uhr.
Notizen für den 16. JunL
Sonnenaufgang 5.02 Uhr, Sonnenuntergang 21.49 Uhr. — Monbuntergang 2.45 Uhr, Monbaufgadg 17.45 Uhr.
NE> -Frauenschaff/Frauenwerk.
Deutsches Frauenwerk, Gießen Ost
Für bie Zellen 1, 2 unb 3 ist ber nächste Gemein- schaftsabenb am Mittwoch, 19. Juni, für bie Zellen 4, 5, 6 unb 7 am Donnerstag, 20. Juni. Beibe Abenbe stehen unter bem Wort: „Der beutsche Stolz" unb finben statt im Gasthaus „Germania", Kaiserallee 141, von 20 bis 21.30 Uhr.
Lttler-Zugend Bann 116.
Standort Gießen.
Sonntag, 16. Juni, Antreten sämtlicher Gießener Stadtgefolgschaften um 8 Uhr an ber Volkshalle zur K.-Ausbild mg ber 16—18jährigen Jg. unb zum Sport ber 14—15jährigen Jg. Sportzeug ist im Brotbeutel mitzubringen.
BDM., Untergau 116, Wetterau.
Stelle für Leibeserziehung.
Betr.: BD2ll.-Leislungsabzelchen.
Sonntag, 16. Juni, führen wir 25-km-Wan- bern für bas BDM.-Leistungsabzeichen burch. Wir treffen uns dazu kurz vor 8 Uhr am Lubwigsplatz in Kluft. Wir finb bis spätestens 14 Uhr zurück, also Frühstück mitbringen.
Dienstag, 1 8.1uni, beginnt um 20 Uhr im Moeserheim ein Kurzsanikurs für bas Leistungsabzeichen.
Madelgruppe Süd 1/116.
Betr.: Sport.
Der Sport findet am Montag, 17. 6., um 19.30 Uhr auf dem Universitäts-Sportplatz statt.
Rowdys in den Anlagen.
In der Nacht zum Freitag' haben sich üble Patrone in den gärtnerischen Anlagen am Lud- wigsplatz ausgetobt. Sie haben dort, aber auch an manchen Stellen in benachbarten Straßen, an Blumen und Blattpflanzen Schaden angerichtet und durch ihr Tun eine so niedrige Gesinnung bekundet, daß man nur Empörung über derart traurige Gesellen empfinden kann. Oberbürgermeister Ritter prangert diese Flegeleien heute öffentlich an und bittet alle anständigen Volksgenossen, ihn bei seinem Kampf gegen derartige Elemente dadurch Al unterstützen, daß alle Wahrnehmungen über Verschandelungen unserer Anlagen sofort gemeldet werden und die Täter zur Anzeige kommen. Man kann nur hoffen und wünschen, daß dieser Appell des Oberbürgermeisters überall den wünschenswerten Widerhall findet und jeder Volksgenosse sein Augenmerk daraus richtet, auch nach seinen Kräften unseren gärtnerischen Anlagen Schutz und pflegliche Behandlung angedeihen zu lassen.
Keine Löschung in der Handwerksrolle bei Gemeiuschastshilfe.
Werden Handwerksbetriebe durch kriegswirtschaftliche Maßnahmen stillaelegt, so märe, falls der Handwerker selbst die Löschung nicht beantragt, ber Betrieb von Amts wegen in der Handwerksrolle zu löschen, und zwar auch bann, wenn er aus der Gemeinschaftshilfe bes Handwerks nach der Stilllegung unterstützt wird. Da sich aber aus ber Löschung Schwierigkeiten vör allem auch bei späterer Wieberinbetriebnahme ergeben könnten, ist ber Reichswirtschaftsminister einverstanden, wenn Handwerksbetriebe mit Gemeinschaftshilfe trotz Stilllegung nicht gelöscht werden.
Sonderschau »Deutsche Schäferhunde" in Gießen.
Am morgigen Sonntag, 16. Juni, veranstaltet bie Kreisfachschaft „Deutsche Schäferhunbe" eine Sonberschau auf bem Platz an ber Viehversteigerungshalle Rhein-Main. Zu biefer Schau werben voraussichtlich etwa 30 Hunbe vorgeführt, bie einer eingehenben Überprüfung auf rassische Eigenschaften unterzogen werben. Die Schau wirb voraussichtlich auch Gehorsamsprüfungen, Laufvorführungen usw. bringen. Die Grohen-Busecker Zuchten werben babei befonbers stark vertreten sein.
Gießener Wochenmarktpreise.
* Gießen, 15. Juni. Auf bem heutigen Wochenmarkt kosteten: Markenbutter, % kg 1,80 RM., Matte 30 Rpf., Käse, bas Stück 6 bis 10, aus- limbische Eier 10^ bis 11, Kartoffeln, 5 kg 48 Rpf., 50 kg 4,15 RM., gelbe Rüben 25 Rpf., Spinat 15, Römischkohl 15, Bohnen (grün) 35, Erbsen 55, Misch-
gemüfe 15, Tomaten 55, Meerrettich 30 bis 70, Rhabarber 10 bis 12, Kirschen 65, Stachelbeeren (unreif) 27, Grbbeeren 60 bis 90, Blumenkohl, bar Stück 50 bis 70, Salat 10 bis 18, Salatgurken 50 bis 70, Oberkohlrabi 15 bis 20, Lauch 5 bis 10, Rettich 10 bis 20, Rabieschen, bas Bund 10 bis 1L
Professor i.R. Hermann Sroemerf.
Nach längerem Leiden ist der frühere Direktor des Universitäts-Tierzuchtinstituts Professor Dr. Hermann Kraemer in Bad-Nauheim, wo er seinen Ruhestand verlebte, im 68. Lebensjahre verstorben. Mit ihm ist ein Mann heimgegangen, der als Wissenschaftler und als Praktiker der Tierzucht ber deutschen Landwirtschaft, insbesondere auch ben Zuchtbetrieben in unserer engeren Heimat, stets ein tatfroher unb guter Förderer gewesen ist.
Als Sohn bes aus Berleburg (Wittgenstein) stammenden Professors an der Technischen Hochschule in Zürich Dr. Adolf Kraemer in Zürich geboren, fühlte sich Hermann Kraemer schon von Jugend aus stets als Deutscher. Im Jahre 1890 bestand er am Humanistischen Gymnasium in Zürich bas Maturitätsexamen. Er wollte bann die Offizierslaufbahn einschlagen, wurde aber durch einen Sturz dienstuntauglich, und wandte sich hierauf dem Studium zu. Nach zwei Semestern Jura und drei Semestern Volkswirtschaft und Naturwissenschaften bereitete er sich vom Herbst 1895 ab an der Technischen Hoch- sckule in Zürich durch das Studium der Landwitt- schaft auf seinen Lebensberuf vor. Im Herbst 1898 bestand er die Diplom-Prüfung, im Herbst 1899 folgte die Promotion zum Dr. phil. an der Universität Zürich. Sodann war er als Landwirtschaits» lehrer in Hagen (Westfalen) tätig. Im Jahre 1901 habilitierte er sich in Bonn-Poppelsdorf. Anschließend folgte am 1. Mäm 1901 seine Berufung nach Bern (Schweiz) als Oroinarius für Tierzucht, Beurteilungslehre, Hygiene der Tiere und allgemeine. Biologie. Dort wirkte er bis zum 1. März 1908. Dann war er bis zum 1. Oktober 1909 als Geschäftsführer der neu gegründeten „Deutschen Gesellschaft für Züchtung stunde" und zugleich als Dozent an der Tierärztlichen Hochschule in Berlin tätig. Von dort ging er nach Süddeutschland als Ordinarius für Tierzucht an ber Landwirtschaftlichen Hochschule in Hohenheim und als Dozent an ber Tierärztlichen Hochschule Stuttgart bis zu deren Auflösung; in dieser Stellung war er bis 1. März 1921. Während seiner Tätigkeit in Hohenheim uni) Stuttgart war er Vorsitzender des Kepler-Blockes Württemberg, während des Weltkrieges wirtte er in der Presseabteilung des Stellv, ©eneralfomman- dos in Stuttgart, ferner war er Landesvorsitzender des Deutschen Vereins für Volksernährung. Mit dem Sommer-Semester 1921 übersiedelte er nach Gießen als Ordinarius für Tierzucht und Direktor bes Tierzuchtinstituts der Universität. Sein Arbeitsfeld war das Universitäts-Versuchsgut Oberer Hardthof, daneben hielt er Vorlesungen in den Räumen des Landwirtschaftlichen Instituts in der Senckenbergstraße ab. Mehrere Berufungen ins Ausland, so z. B. nach Montevideo, lehnte er ab. Als Direktor des Tierzuchtinstituts der Universität Gießen wirkte er bis zum 1. Oktober 1934. Dann trat er in den Ruhestand und verlegte bald daraus seinen Wohnsitz nach Bad-Nauheim, um sich dort seinen vielfältigen wissenschaftlichen Jnterefien in aller Muße zu widmen.
In den langen Jahren seiner Tätigkeit entfaltete Professor Kraemer eine außerordentlich umfangreiche wissenschaftliche Tätigkeit. Seine Studenten erhielten von ihm bestes geistiges Rüstzeug. Durch eine stattliche Anzahl bedeutsamer wissenschaftlicher Bücher, durch vielfache Mitarbeit an landwirtschaftlichen Fachblättern, durch sein jahrelanges Wirken als Berichterstatter für Tierzucht in den früheren „Mitteilungen der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft" und durch eine sehr umfangreiche Vortragstätigkeit hat er zur Förderung der deutschen Landwirtschaft, insbesondere in allen Fragen der Tierzucht, erheblich beigetragen. Seine großen wissenschaftlichen Verdienste wurden u. a. im Februar 1929 von der Amerikanischen Gesellschaft für Vererbungswissenschaft durch die Ernennung zum Mitglied der Gesellschaft anerkannt. Die Förderung der Landwirtschaft, besonders in allen Fragen der Tierzucht, ließ er sich auch in unserer engeren Heimat stets sehr angelegen sein. Als Sachverständiger der ftuhe«
Wenn Augen versagen Magnus-Brillen tragen!
Keine Spur von Hauck.
Roman von Sharlotte Kaufmann.
17. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
Sibylle war merkwürdig froh heute. Der beschwerliche Weg, die Kälte, die in die Wangen biß, ließen chre Lebensfreude auflodern, ihre Lust am Kampf, all das Starke, Kräftige, das in ihr lag.
Sie war überhaupt lange nicht mehr froh gewesen wie in diesen vergangenen Wochen. Die Leute in der Gegend merkten dies auch, und sie fühlte, daß man über sie sprach.
Man sprach wohl nicht sehr gut über sie. Sie merkte es an den Blicken, die ihr begegneten, wenn sie einkaufen ging. An dem Lächeln der Frauen und den aufmerksamen Augen der Männer. Es war etwas Feindseliges, was ihr entgegengetragen wurde, als hätte sie etwas Schlechtes getan, als wäre sie treulos gewesen, als hätte sie jemanden verraten.
War es schlecht, was sie tat? War es verboten, ja zu sagen, wenn Joachim Keit sie in die Berge führen wollte, um sie das Lachen wieder zu lehren?
Sie war drei Jahre allein gewesen mit ihrer Jugend, und hatte Tag und Nacht an den Mann gedacht, der sie verlassen hatte. Endlos hatte sie an ihn gedacht und auf ihn gewartet. Mußte da die Hoffnung nicht einmal zu Ende, die Kraft des Wartens erschöpft fein?
Sie stieg einen Augenblick ab, um zu verschnaufen. Aus der Ferne drang das Schlagen einer Kirchturmuhr. Sie zählte mit.
Sie mußte sich beeilen. Sie träumte zuviel. Siel- zuviel träumte sie.
Sibylle fiel ein Märchen ihrer Kindheit ein. „Die Moorfrau braut", hieß es, und sie dachte: Wenn ich einmal mein Kind habe, dann werde ich es ihm erzählen.
Aber wie konnte sie so unsinnige Gedanken haben. Sie war doch allem. Mitten im Nebel stand sie allein.
Ihre Hand griff in der Dunkelheit nach dem Geigenkasten, ob er noch da war. Dann stieg sie wie
der auf. Der Boden klirrte unter den rollenden Reifen, und die gefrorenen Wasserpfützen zersprangen wie Glas.
Ach, diese häßlichen, hartgefrorenen Wagenfurchen! Sie hätte doch über. Stein fahren sollen.
Aus dem Nebel hervor schoben sich spärliche Lichter. Dörup.
Sibylle atmete auf. Sie wollte das Rad nach rechts wenden, da kam ihr ein Mensch aus dem Nebel entgegen, und sie glitt aus, ehe sie aus- weichen konnte. Sie fiel, schlug gegen den Zaun, der hier Hülsens Anwesen gegen Die Aecker ab- grenzte, und rutschte zu Boden.
Im ersten Augenblick dachte sie, es wäre Huith, der nach ihr Ausschau hielt. Ein verwehender Schimmer aus dem Küchenfenster von Hülsens Haus drang durch den Nebel und beleuchtete das Gesicht des Fremden.
„Entschuldigen Sie", sagte er, „ich sah Sie zu spät. Haben Sie sich weh getan?"
Da blieb Sibylles Herz eine Sekunde lang stehen. Der Mann, ber Fremde, der aus dem Nebel kam, und nun vor ihr stand, war der Kunstmaler Detlef Hauck. Sie irrte sich nicht. Es war ihr Mann.. nein, nicht ihr Mann! Der Kunstmaler Detlef Hauck, sonst nichts.
Sie griff nach ihrer Mütze, die sich verschoben hatte, und fühlte gleichzeitig einen Schmerz im Arm.
„Haben Sie sich weh getan?" wiederholte der Mann. „Es tut mir leid." Er sah sie an, ihr Ge- sicht, bas im Nebel verschwand, kaum erkenntlich im fernen Lichtschimmer. Seine Stimme klang ruhig, höflich, fremd.
„Nein", erwiderte sie leise, „es war nicht schlimm. Es ist mir nichts geschehen. Danke." Und sie nahm das Rad aus der Hand des Fremden, fühlte hastig nach dem Geigenkasten, schob ihn zurecht.
Der Mann trat zur Seite, als sie an ihm vorbeiging. Sie begegnete eine Sekunde lang feinem Blick. Er lächelte entschuldigend, wie ein Fremder lächelt, der sich ungeschickt benommen hat, und sie fühlte, daß sie sein Lächeln in gleicher Weise erwiderte. Verzeihend, höflich, fremd.
Vier Schritte weiter — unb ber Nebel hatte bie Umrisse bes Fremben verschluckt.
Als sie eine Stunbe später, nach Beendigung ber Schulstunbe, bei bem Tierarzt Dr. Philipp ihre Geige auspackte, trat Huith neben sie.
„Was ist mit Ihnen?" fragte er.
Sie hob ben Kopf. „Nichts. Was soll mit mir sein?"
„Sie finb so mertroürbig heute. Schon drüben in der Schule. Macht es Ihnen keinen Spaß, mit- zuspielen?"
„Doch, natürlich. Ich war lange nicht mehr babei. Ich bin schon ganz aus ber Uevung."
Dr. Pyllipp kam heran, eifrig schmunzelnd. „So, Kinder", rief er, „heute abend soll es schon werden. Marie tut ordentlich Rum in den Tee, daß wir Stimmung bekommen."
An ben Wänben reihten sich fremdartige Musikinstrumente, ein chinesisches Kin, eine Doppelflote, ein Sistrum aus Alt-Aegypten.
„Wir spielen heute Brahms", sagte der Tierarzt, während er zur Türe eilte, um den Pastor aus Teek zu empfangen, der eben ankam.
Sibylle strich über bie O-Saite ber Geige. Der Steg schien verbogen zu fein.
„Was ist?" fragte Huith. „Kaputt?"
„Es scheint so."
Er streifte ihr Gesicht, bas blaß war, weiß wie bie gestrichene Wanb.
„Haben Sie bie Geige hingeworfen?"
„Ich bin vom Rab gefallen." Sie brehte sich um unb begrüßte ben Pastor aus Teek.
Huith sah jetzt zwei rote Flecke auf ihren blassen Wangen unb ärgerte sich. Möchte wissen, was ihr wieber fehlt, bachte er roütenb. Vielleicht hat sie sich geftritten mit bem Neuen ba. Wahrscheinlich wollte er nicht, baß sie hierher kommt. Vom Rab gefallen! Oh, biefe Frauen wissen immer eine Ausrebe.
Sibylle kam zurück. „Ich muß Ihnen noch banke schön sagen für Ihre Besorgung, Huith." Sie nahm ihm bas Instrument aus ber Hand. „Warum sind Sie denn nicht ins Haus gekommen, nachdem Sie schon so weit herausgefahren waren?"
„Ich wollte nicht stören." Er sah sie finster an.
Die Frau Doktor kam unb reichte ben Tee herum. „Setzen Sie sich boch, Frau Hauck. Hier ist ein Stuhl."
Der Pastor griff in bie Tasten bes Klaviers unb phantasierte ein bißchen.
„Warum schauen Sie so böse?" fragte Sibylle ben Lehrer.
„Ich möchte wissen, was mit Ihnen los ift Sind Sie krank?"
„Ach nein, Sie sehen immer Gespenster."
„Sie finb so blaß. So grau."
„Die Kälte. Ich habe mich ein wenig gefürchtet heute abenb. Es war so dunkel und so neblig.
„Warum fahren Sie auch immer über die Feb> ber. Es braucht Ihnen nur einmal jemand aufzulauern."
Sie sah ihn erschreckt an.
„Was sagen Sie da, Huith? Wer soll mir auf« lauern? Ich führe boch keine Schätze bei mir."
„Ach, weiß Gott! Es fiel mir eben ein. Es passiert soviel in ber Welt. Jeben Tag kann man es in ben Zeitungen lesen."
Sie schüttelte ben Kopf. „Unsinn!"
Sie trank ben Tee in kleinen Schlucken, begegnete bem freunblichen Lächeln ber Doktorin unb lächelte zurück. Aber es war ein mechanisches Lächeln, bas sie zurückgab, ein leeres, angelerntes Spiel. Ihre Wangen, auf benen bie zwei roten Flecke brannten, waren eiskalt, unb ihr Herz fror.
„Sie haben Fieber", sagte Huith neben ihr. „Sie haben sich erkältet. Man barf mit bem Wetter hier nicht spaßen. Sie müssen sich in acht nehmen. Ober wollen Sie in ben Weiynachtsferien im Bett liegen?"
„Nein", ermiberte sie leise unb babete eine Se- kunbe lang ihr Gesicht in bem Dampf, ber aus der Tasse aufftieg, ehe sie trank. „Nein, ich wollte Weihnachten wegfahren. Ich bin eingeladen worden. Ich soll ein Bergbild malen."
„Ein Bergbild", wiederholte Huith. „Ein Berg- bild." Er wußte nichts weiter zu sagen.
„Nehmen Sie noch einen Zwieback?" fragte bie Doktorin, und Huith griff mit Händen, die ihm zu groß schienen, in die zierliche Schale. „Danke."
Der Doktor hatte schon fein Cello in der Hand. Der Pastor blätterte in den Noten.
„Also, fangen wir an!"
Huith stellte die Tasse zur Seite, daß der Löffel an das Porzellan flirrte. Er faßte nach seiner Violine. Und sie ist doch krank, schoß es ihm durch ben Kops.
(Fortsetzung folgt)


