Nr. 76 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Montag. 1. April M0
Ein Dokument aus dem Weißbuch.
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Die Aufnahme zeigt den Erlaß des polnischen Ministeriums für Handel und Gewerbe in Warschau an die polnischen Handelsräte in Paris und London vom 13. Juli. 1939. — (Scherl-Bilderdienst, Berlin.)
Die Setze in USA.
Dokument 6.
Bericht des polnischen Botschafters in Washington. Grafen Jerzy Potocki, an den polnischen Außenminister in Warschau vom 12. Januar 1939.
Botschaft der Republik Polen in Washington.
Nr. 3/Sz —Tjn —3.
Washington, den 12. Januar 1939. Betr.: Jnnerpolitische Lage in USA.
(Die Stimmung gegen Deutschland, Judenfrage.)
Geheim.
An den Herrn Außenminister
in Warschau.
Die Stimmung, die augenblicklich in den Bereinigten Staaten herrscht, zeichnet sich durch einen immer zunehmenden Haß gegen den Faschismus aus, besonders gegen die Person des Kanzlers Hitler und überhaupt gegen alles, was mit dem Nationalsozialismus zusammenhängt. D i e Propaganda ist vor allem in jüdischen Händen, ihnen gehört fast zu 100 v. H. das Radio, der Film, die Presse und Zeitschriften. Obgleich diese Propaganda sehr grob gehandhabt wird und Deutschland so schlecht wie möglich hinstellt — man nutzt vor allem die religiösen Verfolgungen und die Konzentrationslager aus —, wirkt sie doch so gründlich, daß das hiesige Publikum vollständig unwissend ist und keine Ahnung hat von der Lage in Europa. Augenblicklich halten die meisten Amerikaner den Kanzler Hitler und den Nationalsozialismus für das größte Uebel und die größte Gefahr, die über der Welt schwebt.
Die Lage hierzulande bildet ein ausgezeichnetes Forum für alle Art Redner und für die E m i - grantenausDeutschlandundderTsche- cho-Slowakei, die an Worten nicht sparen, um durch die verschiedensten Verleumdungen das hiesige Publikum aufzuhetzen. Sie preisen die amerikanische Freiheit an, im Gegensatz zu den totalen Staaten. Es ist sehr interessant, daß in dieser sehr gut durchdachten Kampagne, die hauptsächlich gegen en Nationalsozialismus geführt wird, Sowjetrußland fast ganz ausgeschaltet ist. Wenn es überhaupt erwähnt wird, so tut man es in freundlicher Weise und stellt die Dinge so dar, als ob Sowjetrußland mit dem Block der demokratischen Staaten zusam- menginge. Dank einer geschickten Propaganda ist die Sympathie des amerikanischen Publikums ganz auf Seiten des roten Spaniens.
Außer dieser Propaganda wird auch noch k ü n st- lich eine Kriegspsychose geschaffen: Es wird dem amerikanischen Volk eingeredet, daß der Frieden in Europa nur noch an einem Faden hängt, ein Krieg sei unvermeidlich. Dabei wird dem amerikanischen Volke unzweideutig klar gemacht, daß Amerika im Falle eines Weltkrieges auch aktiv vorgehen müßte, um die Losungen von Freiheit und Demokratie in der Welt zu verteidigen.
Der Präsident Roosevelt war der erste, der den haß zum Faschismus zum Ausdruch brachte. Er verfolgte dabei einen doppelten Zweck: 1. wollte er die Aufmerksamkeit des amerikanischen Volkes von den schwierigen und verwickelten innerpolili- schen Problemen ablenken, vor allem vom Problem des Kampfes zwischen Kapital und Arbeit. 2. Durch die Schaffung einer Kriegs- ftlmmung und den Gerüchten einer Europa drohenden Gefahr wollte er das amerikanische Volk dazu veranlassen, das enorme Aufrüstungsprogramm Amerikas anzunehmen, tann es geht über die Verteidigungsbedürf- nrsse der Vereinigten Staaten hinaus.
Zu dem ersten Punkt muß man sagen, daß die innere Lage auf dem Arbeitsmarkt sich dauernd verschlechtert, die Zahl der Arbeitslosen beträgt heute schon 12 Millionen. Die Ausgaben der Reichsund Staatsverwaltung nehmen täglich größere Ausmaße an. Nur die großen Milliardensummen, die der Staatsschatz für die Notstandsarbeiten ausgibt, erhalten noch eine gewisse Ruhe im Lande. Bisher kam es nur zu den üblichen Streiks und lokalen Unruhen. Wie lange aber diese Art staatliche Beihilfe durchgehalten werden kann, kann man heute nicht sagen. Die Aufregung und Empörung der öffentlichen Meinung und die schweren Konflikte zwischen den Privatunternehmungen und enormen Trusts einerseits und der Arbeiterschaft andererseits haben Roosevelt viele Feinde geschaffen und bringen ihm viele schlaflose Nächte.
Zum zweiten Punkt kann ich nur sagen, daß der Präsident Roosevelt als geschickter politischer Spieler und als Kenner der amerikanischen Psychologie die Aufmerksamkeit des amerikanischen Publikums sehr
bald von der innerpolitischen Lage abgelenkt hat, um es für die Außenpolitik zu interessieren. Der Weg war ganz einfach, man mußte nur von der einen Seite die Kriegsgefahr richtig inszenieren, die wegen des Kanzlers Hitler über der Welt hängt, andererseits mußte man ein Gespenst schaffen, das von einem Angriff der totalen Staaten auf die Vereinigten Staaten faselt. Der Münchener Pakt ist dem Präsidenten Roosevelt sehr gelegen gekommen. Er stellte ihn als eine Kapitulation Frankreichs und Englands vor dem kampflustigen deutschen Militarismus hin. Wie man hier zu sagen pflegt, hat Hitler Chamberlain die Pistole auf die Brust gesetzt. Frankreich und England hatten also gar keine Wahl und mußten einen schändlichen Frieden schließen.
Ferner ist es das brutale Vorgehen gegen die Juden in Deutschland und das Emigrantenproblem, die den herrschenden Haß immer neu schüren gegen alles, was irgendwie mit dem deutschen Nationalsozialismus zusammenhängt. An dieser Aktion haben die einzelnen jüdischen Intellektuellen teilgenommen, z. B. Bernard Baruch, der Gouverneur des Staates Neuyork, Lehmann, der neuernannte Richter des Obersten Gerichts, Felix Frankfurter, der Schatzfeckretär M o r genthau und andere, die mit dem Präsidenten Roosevelt persönlich befreundet sind. Sie wollen, daß der Präsident zum Vorkämpfer der Menschenrechte wird, der Religions- und Wortfreiheit, und er soll in Zukunft die Unruhestifter bestrafen. Diese Gruppe von Leuten, die die höchsten Stellungen in der amerikanischen Regierung einnehmen und die sich zu den Vertretern des „wahren Amerikanismus" und als „Verteidiger der Demokratie" hinstellen möchten, sind im Gr^lnde doch durch unzerreißbare Bande mit dem internationalen Judentum verbunden. Für diese jüdische Internationale, die vor allem die Interessen ihrer Rasse im Auge haben, war das Herausstellen des Präsidenten der Vereinigten Staaten auf diesen „idealsten" Posten seines Verteidigers der Menschenrechte ein ganz genialer Schachzug. Sie haben auf diese Weiss einen sehr gefährlichen Herd für Haß und Feindseligkeit auf dieser Halbkugel geschaffen und haben die Welt in zwei feindliche Lager aeteilt. Das ganze Problem- wird auf mysteriöse Art bearbeitet: Roosevelt sind die Grundlagen in die Hand gegeben worden, um die Außenpolitik Amerikas zu beleben und auf diesem Wege zugleich die kolossalen militärischen Vorräte zu schaffen für den künftigen Krieg, dem die Juden mit vollem Bewußtsein zustreben. Inner- politisch ist es sehr bequem, die Aufmerksamkeit 'des Publikums von dem in Amerika immer zunehmenden Antisemitismus abzulenken, indem man von der Notwendigkeit spricht, Glauben und individuelle Freiheit vor den Angriffen des Faschismus zu verteidigen. Jerzy P o t o ck i,
Der Botschafter der Republik Polen,
London redet von „aktiverer Politik".
Amsterdam, 1. April. (DNB. Funkspruch.) Die Forderung nach einer „attioereren Politik" der Wcstmächte wird auch in der Londoner Sonntags- prcsse wieder mit allem Nachdruck gestellt, oder aber es wird der Vermutung Ausdruck gegeben, daß dieses Aktivwerden der englisch-französischen Politik unmittelbar bevorstehe. In einem „Balkan-Kaleidoskop" des „Observer" heißt es, daß die Westmächte auf dem Balkan kühn ihre Karten ausspielen müßten. Sollten sie „aufgerufen werden, die Freiheit auf dem Balkan aufrechtzuerhalten" (!), so würden sie nicht zögern. Der diplomatische Krieg werde in dieser Woche in ein neues Stadium eintreten, in dem die Westmächte „nicht die zweite Geige hinter den Nazi spielen würden". Das Blatt behauptet, daß die englischen Gesandten auf dem Bal- k a n den Auftrag bekommen haben, vor ihrer Abreise nach London die Regierungen, bei denen sie akkrediert seien, zu warnen (!), den „deutschen Drohungen" nicht nachzugeben. Im mittleren Osten hätten die Wejtmächte große Armeen und Luftstreitkräfte, die, gestützt durch die Flotte, die Balkan-Länder unterstützen würden.
Der „Daily Expreß" meint, daß die entscheidende Phase des Krieges jetzt bevorstehe. Sie beginne mit dem Entschluß Englands und Frankreichs, jeden rechtmäßigen Schritt zu tun, um die Blockade zu verschärfen, und zwar auf See undauf Land. ,
Rur gegen Hitler...
Englands Parolen und Methoden sind immer die gleichen. Zu Beginn des Krieges hieß es: „Der Krieg geht nur. gegen Hitler ..." 1914/18: „nur gegen den Kaiserismus!" 1899 bis 1900: „nur gegen den Krügerismus!" So hat England alle seine Kriege geführt. Sein Kampfmittel war die Entzweiung und Zersetzung der Völker. „National Review", London, war im Oktober 1939 ausnahmsweise ehrlich:
„Es muß endlich Schluß gemacht werden mit dem dummen Geschwätz von den lieben guten Deutschen, die von dem verruchten Hitler verführt worden seien ..."
Inzwischen haben alle Gegner des Reiches begriffen: Wer gegen Hitler kämpft, kämpft gegen das ganze deutsche Volk. Sie haben die Maske fallen lassen und den Vernichtungskampf gegen das deutsche Volk proklamiert. Wir aber wissen:
Unsere stählerne Gemeinschaft ist stärker
Wir Deutsche sehen dieser „aktivereren Politik" höchst nervös gewordener Plutokraten mit der Ruhe entgegen, die Die Folge der zielsicheren und erfolgreichen Politik unserer Führung gibt
Wirtschaftskrieg mit verschärften Mitteln.
Amsterdam, 1. April. (Europapreß.) Von einer gut unterrichteten Seite wurde das Ergebnis des Kriegsrates der Westmächte wie folgt Umrissen: ,
Der Wirtschaftskrieg soll mit verschärften Mitteln fortgesetzt werden. Zu diesem Zweck wird der Druck auf die Neutralen in der nächsten Zeit sehr viel stärker werden. Außerdem werde die diplomatische und Auslandspropaganda der Westmächte eine viel lebhaftere und wahrscheinlich auch skrupellosere Tätigkeit als bislang entfalten. Die militärischen Risiken, die sich aus diesen Entschlüssen ergeben, sind die Westmächte bereit, auf s i ch zu nehmen.
Oer Führer an Franco.
Berlin, 1. April. (DNB.) Zum ersten Jahrestag der siegreichen Beendigung des spanischen Freiheitskrieges hat der Führer dem spanischen Staatschef General Franco 'das nachfolgende Glückwunschtelegramm übermittelt:
„Am Jahrestag des denkwürdigen 1. April 1939, an dem der Freiheitskampfdes spanischen Volkes unter Ihrer Führung durch ein siegreiches Ende gekrönt wurde, sende ich Eurer Exzellenz meine herzlich en Grüße und Wünsche. Wie in den Jahren des Kampfes nimmt das deutsche Volk auch jetzt aufrichtig Anteil an der Aufbauarbeit des Friedens, welche die Grundlage für eine glückliche Zukunft des spanischen Volkes sein möge. Adolf Hitle r."
Aus dem gleichen Anlaß hat der Reichsminister des Auswärtigen von Ribbentrop dem spanischen Minister des Auswärtigen Oberst Beig^ b e d e r ein Glückwunschtelegramm übersandt.
Generalfeldmarschall Göring spricht znf deutschen Lugend.
Berlin, 30. März. (DNB.) Im Rahmen der Aktion für die geistige Betreuung der Hitler-Jugend spricht Generalfeldmarschall Göring am Mi t t - w o ch, 3. April, 8 Uhr, zur deutschen Jugend. Anläßlich dieser von sämtlichen Reichssendern übertragenen Rede finden für die Schulen Morgenfeiern und für die werktätige Jugend B e - triebsappelle statt. Die Reichsjugendführung
übernimmt wiederum die feierliche Umrahmung der Veranstaltung. Das Jugendamt der DAF. hat für die schaffende Jugend Gemeinschckftsempfang angeordnet. Die Betriebsführer und Meister werden aufgerufen, in Zusammenarbeit mit den Dienststellen der DAF. dafür Sorge zu tragen, daß alle berufstätigen Jugendlichen die Rede des Generalfeldmarschalls hören.
Vüchertifch.
— So kämpfen deutsche Soldaten. Von Major A. Kropp. (Wilhelm LimperdDer- lag), Berlin. Kart. 1,— RM.) — (11b) — Der Autor erzählt ind iesem Buche von Rittern des goldenen und brillantenen Spanienkreuzes, von den deutschen Heldentaten im Krieg in Spanien, bei dem unsere Legion Condor den Spaniern unter General Franco wirksame Waffenhilfe leistete. Wenn auch inzwischen unsere deutsche Wehrmacht bei dem Polenfeldzug unvergängliche Ruhmestaten vollbracht hat und zahlreiche Kriegsbücher darüber berichten, so darf doch dieses fesselnde Buch starkes Interesse beanspruchen. Denn hier tritt deutsches Soldatentum, deutscher Heldengeist so herrlich in den Vordergrund, daß ganz Deutschland allen Grund hat, auch diese Erinnerung mit aller Liebe und Aufmerksamkeit zu pflegen. Man kann daher das Erscheinen dieses Buches nur begrüßen, und ihm die beste Empfehlung mitgeben.
Ernst Blumschein,
Bismarcks Weg zum neuen Deutschland.
Zum 125. Geburtstag des Altreichskanzlers.
Uns, die wir die Schaffung Großdeutschlands erlebt haben, drängt sich am 125. Geburtstag Bismarcks am 1. April 1940 die Frage auf, wie der Altreichskanzler das größere Deutschland gedacht und was er zu feiner Verwirklichung getan hat. Arn 1. April 1815, kurz vor Waterloo und vor der Deutschen Bundesakte in Wien, wurde er geboren, an der Wende einer neuen Zeit. Das alte, morsche Reich war ersetzt durch einen lockeren Bund, die deutschen Einzelstaaten waren nur schwach miteinander verknüpft durch eine Bewegung, der die Zukunft gehören sollte; das Volk war ohne nationalen Halt, das einst zur nationalen Einheit bestimmte Bürgertum mar erst ipi Entstehen begriffen.
Das wirtschaftlich schwache, landschaftlich und politisch zerrissene Land wurde nur zusammengehalten durch eine geistige Bildung, die von Königsberg, Jena und Weimar her wirkte. In dieser Zeit wuchs Bismarck auf.
Nach den Universitätsstudien und einigen „juristischen Jahren" in Berlin, Aachen und Potsdam lebte er von 1839 bis 1848 auf dem väterlichen Gut als Landwirt und lernte Boden und Menschen, Dorf und Gutshaus und alle Kräfte greifbarer Wirklichkeit kennen. Hier hat er in einsamen Stunden sich zu tiefer Menschlichkeit durchgekämpft und die wachsenden Aufgaben gefunden für seine nach außen drängende Kraft: den politischen Beruf. Der Heimatboden stählte ihn für den großen Kampf mit Welt und Zeit.
In Frankfurt am Main begann Bismarcks politische Laufbahn. Das Sturmjahr 1848 zerbrach das alte, absolutistische Preußen und wühlte alle Gewalten Deutschlands zukunftsmächtig auf. Die deutsche Idee begann den alten Königsstaat hineinzuzwingen in den Dienst der ganzen Nation. In diese für damalige Begriffe unerhörte Zett der Wandlungen, als Preußen zum ersten Male die Wege zur Beherrschung des Nordens gewiesen wurden, mußte sich auch Bismarck langsam hineinfinden. Dann aber hob er sich hoch über die Bezirke alt- preußischer Politik hinaus, wurde Diplomat, lernte auf Reisen Deutschland und Europa kennen und benutzte jede Gelegenheit als Hebel für die Erhöhung seines Staates. Schrittweise löste er sich von allem Hergebrachten, von allen Hemmnissen und Grenzen, er glaubte an fein Land, und dieser starke Glaube stelÜe ihn über alle Kleinheit eines rein technischen Diptomatentums und ganz auf sich selbst
Als Gesandter in Petersburg und später 'm Paris lernte er den breiteren Wellenschlag der Politik im Osten und Westen kennen und beachten, sah Men- schen und Mächte aus lehrreicher Nähe, ahnte Krisen voraus und spürte bereits die Knoten der inneren deutschen Entwicklung deutlich. Doch — wer sollte sie lösen? Wer wagte es damals, die Notwendigkeit preußischer Führung durchzudenken? Und diejenigen, die eine Führung Preußens, also eine Einigung Deutschlands unter Preußen wollten, begriffen kaum die damit verbundene Unoermeidbarkeit ernster, ja kriegerischer Verwicklungen. Die deutsche Geisteshaltung und die lebenswichtigen Interessen des Bür-i gertums forderten geradezu den Einheitsstaat, ihre Vorarbeit war unerläßlich und fruchtbar gewesen, aber der nationale Gedanke in Preußen blieb int Anblick der vielen Gegner unfähig zum Handeln. Der Gegensatz wurde immer bedrängender, in Berlin spitzte er sich bald zum Aeußersten zu. Da rief man Bismarck nach Berlin, wo seine Stunde schlug. König Wilhelm ernannte ihn nach dem denkwürdigen Babelsberger Gespräch vom 22. September 1862 zum Minister, womit der Wirkenstag „des unberechenbaren Helfers" begann.
Zunächst führte er den innerpreußischen Konflikt zu Ende. Dann focht er den deutschen Kamps durch, zwang den König und'das Land, Preußen, Deutschland und Oesterreich, sowie alle Widerstrebenden, ihn auszufechten; er führte den Kampf inmitten Europas und hielt Europa von ihm, fern. 1864 führte er das bezwungene Oesterreich mit Preußen vereint nach Schleswig-Holstein und dann die beiden Sieger zu der letzten Auseinandersetzung mit den Waffen, ohne die es für die Nation keine heilende Zukunft gab. In diesen Jahren dehnte sich sein Pflichten- und Herrschaftsbereich und lehrte ihn nach und nach ganz deutsch denken; sein Streben war fortan ge-- sarntdeutsch. Er entschied sich, die deutsche Einheit ohne und gegen das im Volke verabscheute Frankreich zu vollenden, mit rein deutschen Kräften im Einvernehmen mit der Nation. Er kämpfte im stillen mit der ringsum wühlenden Feindseligkeit Napoleons III., und als dieser sich der deutschen Einigung entgegenstellte und zum Schlage ausholte, kam ihm Bismarck durch seinen Gegenschlag zuvor und machte den Angreifer zum Besiegten. Das Volk jubelte ihm zu, denn es spürte in ihm den Mann, der Deutschland wollte und Deutschland war.
In den Kriegsmonaten von Herbst und Winter 1870 fyat er die Friedensverhandlungen vorbereitet, geleitet und das Reich vollendet, dazu, wie früher die Norddeutsche, jetzt die Deutsche Reichsversassung geschaffen. Gewalten von rechts und links wirkten mit, hindernd und fördernd. Er mußte immer wieder aus Hemmungen und Uebertreibungen daS Echte, Gesunde und Nötige herausheben und durchdrücken, er mußte ausgleichen und lenken und konnte schließlich die Ernte einbringen. Er war einen Weg gegangen voller Rätsel, voller Wendungen, doch im Letzten einheitlich und klar und, obwohl er nur das jeweils Erreichbare ergriff, zum höchstmöglichen Ziele hin. Er konnte allein auf sich selber bauen, nur so gelang ihm sein Werk, das Muster und Maß in sich trug, wirkungskräftig und zukunftsreich. Er lebte in seinem Werk und diente ihm weiter. Als Erfüller der größten Sehnsucht der Nation schritt er mit Ruhm und Einfluß ohnegleichen in die Jahre des neuen Reiches hinüber.
Bismarck hat nicht nur die Größe, sondern auch die Grenze des von ihm errichteten Reiches erkannt, er hat geahnt, daß „noch viel, sehr viel zu tun bleibe", und nach seinem Sturz 1890 hielt er sich immer wieder das Wort des Freiherrn vom Stein vor Augen: „Mein Glaubensbekenntnis ist Einheit!" Mit Stein gehört Bismarck zu den wenige« großes Staatsmännern des 19. Jahrhunderts,


