Sonntag den 30. Oktober
1898
Erstes Blatt
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
Amts« und Anzeigeblatt für den Ureis Gieren.
Gratisbeilage: Gießener Famllienblätter
äzMäwo, <t$pfbih»n und Drucker«:
Amtlicher Theil.
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Hose, die Dreyfu« in Eoyevne bestellt habe.
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allein sei schon geeignet, da« ReviflonSgesnch zu rechtfertigen. Dasselbe gelte aber auch von den Gutachten über da« Bordereau. Während im Jahre 1894 drei Sachverständige Dreifu« al« Urheber de«srlben bezeichneten, hatten die experten de« Jahre« 1897 die Möglichkeit einer Durchpausung zugegeben. Bard Verla« die Briese Esterhazy« an den Krieg«- Minister, welcher vor der Denunciatlon lebhaft für Esterhazy« Unschuld eingetreten sei. Esterhazy beruft fich darin auf da« Zeugnitz eine« auswärtigen Souverän«, besten Namen bekannt zu gebeu unnütz sei. Esterhazy sagt von de« Souverän, er sei Soldat wie er selbst, er würde niemal« Verbindungen unterhalten haben, die eine« Militär« unwürdig seien. Bard Verla« auch einen Brief, den Esterhazy au« London au den Justizminister Barrien schrieb und in welchem er mit Tat- hüllungeu droht- er wiste ganz gut, daß man ihn nut deshalb freigeiasten habe, weil sonst hohe Persönlichkeiten bloß- gestellt worden wären, wie die« ohnehin schon eingestaudeu worden sei. — In politischen Kreisen glaubt mau, der Eastatioushof werde fich wegen der daran« entstehenden Folgen weder für die Wiederaufnahme mit einem Ermittlung«- verfahren noch für die Nichtigkeitserklärung aussprechen, sondern fich nur dahin entscheiden, daß unter den vorliegenden Umständen ein Verbrechen des Berrath« nicht vorhanden sei, und die verurtheilung Dreyfu«' daher nicht weiter bestehen dürfe. — Seinen Bericht über die Gefangenschaft des Dreyfu« setzt der „Mattn" fort. Der Gouverneur von Guyana, so erzählt et, habe zugegeben, daß DtehsuS nicht al« Deportittet. sondern al« Zellengefaugenet behandelt werde, weil die Freiheit, welche er in den ersten zwei Jahren genoß, zu groß schien. Denn Dreyfu« habe fich mit einem Bewohner von Cayenne in Verbindung fetzen können- er habe tudesten ein Anerbieten desselben, einen Fluchtversuch zu machen, abgelehnt. — Wie weit der Bericht in« Einzelne geht, zeigt seine Mittheilung, daß Dreyfu« bei seiner Ziegenmilch-Nahrung dicker geworden sei. Der Mitarbeiter de« „flRatin* entnimmt da« wenigsten« au« dem Maß einer —
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Ausland.
Paris. 27. October. Der vor dem SaffationShofe zur z age der Wiederaufnahme de« Drehfu«verfahren« von in Berichterstatter vard am Donner«tag vorgetragene 8e- rti^t besagte einleitend Folgende«: Da« heutige Gesuch um Liederaufnahme eine« Verfahren« ist ein ganz ausnahm«- »ckseS. Hauptmann Dreyfu« wurde wegen eine« Verbrechen« imurtheilt, da« die heftigste Empörung einflöht. Da« Ur- thpil traf einen von jenen Männern, zu denen da» Land un» bedingte« vertrauen haben muß - unter solchen Umständen »ußte e« die größte und berechtigtste Aufregung Hervorrufen, tü ist indeß sofort zu bemerken, daß die Parteileidenschaft w dieser Strafsache gleichfall« eine große Rolle spielte. ö,mge vor dem Unheil, lange ehe der Angeklagte noch ein Gort der vertheldigucig hätte aussprechen können, hatte «au »Ls Publikum gegen ihn aufgehetzt, auch al« da« Wieder- rufuahmegesuch an den Justizminister gerichtet wurde, stachelte ran mit den mannigfaltigsten Mitteln die öffentliche Meinung ruf. Un« aber dürfen die Geräusche von Außen nicht stören - it haben hier vur eine Leidenschaft, Wahrheit und Berechtig' hl, aber um zur Wahrheit zu gelangen, müffeo wir zunächst irt den Märchen aufräurnen, die sich selbst vernünftiger tupfe bemächtigt haben. Wir werden nur den Urkunden k 'dst da« Wort ertheilen. — Dann zergliederte Bard mit fcjfcer Schärfe da« Verhalten bet militärischen Zeugen im Z-laprozeß und kam schließlich zu dem Ergeboiß, daß die Dedetausnahme de« Dreyfu«-Berfahren« ein Gebot bet Noth- > nbigfeit sei. Sensationelle Enthüllungen kamen nicht vor. Loch verla« bet Berichterstatter be« Concept zu einem Brief, eortn Esterhazy einem General al« seinem Retter bankt. Kirnet wirb mügttheilt, bet Oberst Henry, bet burch Selbst- ■ nb endete, habe im verhör vor Cavaignac zugegeben, daß r mittel« eine« echten Briefumschläge« und eine« nichtS- c senden Briefe« eine« fremden Militärattache«, welcher mit ,aon eher ami* avfing, die Fälschung hergestellt habe. In )cn Berichte heißt e« unter Anderem, daß zwei Facta votieren, die Fälschung Henrys von 1896 und da« Gutachten 1*1 da« Bordereau von 1897. Die Fälschung Henry« sei ir-rigntt, die Unschuld von Dreyfu« festzustellen, denn au« der Zälschung gehe hervor, daß Henry die Beweise für die Schuld Dreyfu« für unzureichend erachtete. Der Fall Henry
Gefunden: 1 Brosche, 1 Geldstück, 1 Spazierstock, Ledertäichchen, 1 Hettnrock, 2 Hemden, 1 Taschentuch, schwarzer Hut, 1 Bündel Kleidet, 1 Koppe, 1 Btodbeutel, Bücher, 1 Laterne und 1 HundehalSbaud.
Zogeflogeu: 1 Huhn.
Gießen, den 29. Octobet 1898.
Großherzogliche« Polizeiamt Gießen.
Muhl.
Gegenstand ihrer Neigung wechseln, ist ja nicht ein dem menschlichen Wesen fremder Zauber thätig: Puck« magischer Saft wirkt ja nur im Großen bei den Personen de« Stücke«, dasselbe, wa» da« unberechenbare Spiel der Phantasie un- zähligemal vor unseren Augen im Kleinen wirkt. Nur durch die Einbildungskraft werden Benedikt und Beatrice zum Lieben bewogen, und ihren phantastisch grillenhaften Charakter offenbart die Liebe auch an den vier Hauptpersonen unsere« Stücke«, die immer da lieben, wo sie nicht hoffen können, Gegenliebe zu finden. Der Herzog liebt Olivia, die ihn beharrlich verschmäht, diese verliebt sich in den vermeinten Knaben Viola, die chre Liebe nie erwiedern kann, und Viola'« Schicksal ist efl, den Herzog zu lieben, bei dem sie auf keine Gegenliebe hofft. Zu diesen drei romantischen Schwärmern gesellt sich al« Vierter Malvolio, den die still genährte Meinung von seiner eigenen Trefflichkeit zum Opfer eine« ähnlichen Betrüge« macht, wie zwei andere kluge Leute, Benedict und Beatrice. E« ist merkwürdig, wie oft e« Shakespeare in seinen Lustspielen, namentlich in den früheren, liebt, die menschliche Schwäche und Hinfälliakeit bloßzustellen. Je lauter der Mensch die Stärke seine« Geiste«, die Festigkeit seiner Entschlüffe, die Beständigkeit seiner Gefühle verkündet, um so größere und beschämendere Niederlagen erleidet er. E« braucht hier nur an „Verlorene Liebesmüh'" erinnert zu werden. Gerade au« der menschlichen Schwäche entwickelt Shakespeare mit Vorliebe feine komischen Wirkungen. Aber während im „Sommr rnachtstraum" das Tolle, Ungereimte, den kühlen Verstand Belustigende de« Verhaltens blind Verliebter hervorgehobtn wird und auch in „Viel Lärm um Nicht»", wo zwei klare, prosaische Naturen sich ehrlich verlieben, bei beiden niemals wirkliche Gesühlstöne erklingen, werden in unserem Stück die von dem Liebesgott gestifteten Wirren von der Gefühlsseite genommen. Die weiche Atmo- sphäre, die unser Stück umwebt und in keinem anderen Werke unsere« Dichter« ähnlich wiederkehrt, verleiht ihm tinen eigenen lyrisch musikalischen Charakter. E« ist bedeutungsvoll, daß e« durch Musik eingeleitet wird, und daß auch in der Mitte de« Stücke« in einer hochpoetischen Scene wieder die Musik erklingt, die doch am besten geeignet ist, die schwebenden, unbestimmten, gegenstandslosen Gefühle auszudrücken. Die Komik, die hier nur gedämpfter erklingt, kommt dafür voller zu ihrem Rechte in den Scenen, wo da« lustige Kleeblatt und ihr nicht allzu beklagenswerthe« Opfer Malvolio vor uns treten. Vielleicht ist hier die Bemerkung verstattet, daß in Malvolio das Puritaner!hum angegriffen wird, von beffen Feindschaft schon damals da« Theater zu leiden hatte, und daß Orsino, besten Betheuerungen über die Tiefe seiner Liebe von dem Dichter mit einer leichten Ironie behandelt werden, ein Gegenstück zu Romeo bildet, der ebenfalls zuerst einer Phantasieleidenschast huldigt, die ein Bedürfniß seine« Gemüthe« anzeigt, ehe er die richtige Wahl trifft. Man sollte nicht vergesten. daß solche GemüthS- zustände, wie die Romeo's und Orfino's, damals viel natürlicher waren, als heutzutage. Der junge Laoafier braucht bei seinem Eintritt in die Welt eine Dame, an die er seine Verse richtet, mit deren Handschuh am Helm er in's Turnier reitet, und er wählt eine solche, ohne oft viel für ste zu empfinden. Man stand überdieß noch unter den Nachwirkungen Petrarca« und war gewohnt, seine echten und falschen Herzensnöthe mit sehr viel Wichtigkeit zu behandeln, liebet Viola ist aller Zauber der Poesie auSgegosten. Sie ist eine jener selbstlosen Frauengestalten Shakespeare'«, die ihr höchste« Glück darin erblicken, dem geliebten Manne nahe zu sein, ihm unerkannt zu dienen und zur Erfüllung jede« seiner Wünsche beizutragen, selbst wenn die« den völligen Verzicht auf eigene« Glück einschließen sollte. Die Gestalt des al« Page verkleideten liebenden Mädchen«, die schon dem Schäfer- roman vertraut war, ist im englischen Drama zur Zeit Shakespeare'« deshalb besonders häufig, weil die Frauen- rollen damals immer von Knaben gespielt wurden und so manche Unzuträglichkeiten wegfielen, die —- solche Künstlerinnen ausgenommen, wie die, die wir vorgestern begrüßen durften — bei Hosenrollen doch meist störend empfunden werden. Von der Kunst der Darstellerin der Viola waren die höchsten Ermattungen rege gemacht worden, die auch vollauf erfüllt wurden. Frau Prasch-Greven- derg, die fich in Rollen, wie Rora, auszeichntt, ist Meisterin de« scharf accentuirenden, pointirten Vortrag«, wie ihn das moderne Gesellschaftsstück fordert Daß Re, ohne ihre übrigen Vorzüge zu vetteugnen die Poefie einer Rolle wie die der Viola in ihrer ganzen Schönheit zur Geltung zu bringen vermag, bewies uns die meisterhafte Leistung de« gestrigen Abmd» und namentlich die Scene, in der sie die« rührende .Komm herbei, Tod" vortrug. Die Kunst, mit der
Hausfrauen
h schwindelhafte Reklame 're leiten zu lassen
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CtcaUs und provinzielles.
Gieße«, 29. Octobet 1898.
•• Da» Zohreßfest bei Oderheffifchen »ereinl für taiere Miffio« ist nun auf den 16. und 16. November festgesetzt. Die Festpredigt in dem am 16. November, Abend« 6^, Uhr, la der Stadtklrche staUfindenden FestgotteSdienste« wird Herr Profeffot D. Flöring au« Friedberg halten. Vorher um 3 Uhr wird im Eonfirmandenfaale in der Neustadt eine vorstandsfitzung gehalten, zu der auch andere Mitglieder und Freunde Zutritt haben. SS wird dabei u. A. auch über „Evangelisation und GemeinschaftSpflege in Ober Helsen", ein Gegenstand, der gegenwärtig viele Ge- müther bewegt, berathen werden. Herr Pfatter Weber aus Lich wird die Beratungen einleiten. Am Abend wird wieder, wie alljährlich, eine Abendverfammlung in Stein« Gatten gehalten, bei bet bedeutsame Ansprachen vorgesehen find. Die am 16., Vormittag« 10 llht, im Eonfirmandensaale der JohanneSkitche tagende Jahresversammlung wirb fich mit der Frage: ,Wirth«hau« und Volksleben^ beschäftigen. Herr Pfarrer Fritsch von Ruppertsburg hat da» Referat übernommen.
— Theater verein. Mit einer glänzenden Aufführung von Shakespeare's ,,Wa« Ihr wollt" hat vorgestern Abend der Theaterverein die Vorstellungen dieses Winter« eröffnet. Eine solche Aufführung wäre in früheren Jahren ein Wagniß gewesen, da« Gelingen, das doch zu einem guten Theile dem erfahrenen Mitwirken der einheimischen Kräfte zu danken war, bewies, welchen Fortschritt das Theaterwesen in unserer Stadt gemacht hat. Die Wiedergabe eines von der zartesten poe- tischen und malerischen S:immung ettüllten Luftsptel« wie „Was ihr wollt" stellt höhere Anforderungen an eine Truppe und namentlich an die Regie, als die der meisten Trauerspiele und besonders der auf die Charakterschilderung ausgehenden komischen oder ernsten Siltenstücke. Wir glauben, der Erfolg de- vorgestttgen Abend« dürfte den Theaterverein und die Direction Kruse-Helm ermuthigen, manche Stücke in das Rcpottoire aufzunehmen, die au« Gründen, wie fie einer früheren Aufführung von ,,Wa« ihr wollt" entgegenstandcn, bisher hier nicht gegeben wurden. — Shakespeare beschäftigt fich gern mit dem Phantafieelement in der Liebe, da» un- abhängig von Verstand und Willen und meist gegen die Entscheidungen beider die ra'che Entstehung und die leichte Uebertrogung der Neigung von einem Gegenstand zu einem andern bewii kt. — Im „SommernachtStraum", wo Lysander, Demetrius und Titania zweimal in wenig Stunden den
Deutsches Reich.
M.P.C. Berlin, 29. October. Wie wir au« bet Provinz «estpteußeu erfahren, gibt man fich in ihr sowie in der tznovinz Posen bet Hoffnung hin, baß e« gelingen werbe, für bl« Ansiedlung von Zweigstellen Großindustrieller- Unternehmungen be« Westen« in bet beutschen Ostmark «tdesoodete auch ba« Bankcapltal so zu intetesfiteo, baß ben ,c,üglichen Unternehmungen von vornherein eine weitgehende l igfiche auf Erfolg zur Seite steht.
M.P.C. Berlin, 29 Octobet. wegen der Hypo- lhekenbankordnun g besteht, wie wir hören, hauptsächlich btt Schwierigkeit, baß auf Wunsch bet agrarischen kreise eine Wete veleihbarkeit bet ländlichen Grundstücke vorgesehen ift Die süddeutschen Hypothekenbanken erheben hiergegen Sidetsptuch. Die Hypothekenbanken, welche ländliche Grund- Hefe überhaupt beleihen, befindet; fich denen gegenüber, welche i|ne Geschäfte nur mit städtischen Grundstücken machen, ent- Weden in der Minderzahl.
M.P.C. Berlin, 29. Oktober. Wenn mehrfach bezweifelt «erben ist, ob die zum Zwecke der Veranstaltung einer nm- sagenden Productiv uSstatiftik veranlaßten Erhebungen lütt die heimische Sütererzeuguvg auch in den Kreisen der kleinen Industrie so unterstützt werden würden, daß ein chhtige« Gesammtbild entstehen könne, so gibt die Bethei- Igang namentlich der kleinen Webereien an der wichtigen 8 tbett eine sichere Beruhigung in dieser Hinsicht. Gerade Ms den mittleren und kleineren Widerkreisen heran« sind Le Fragen, bis gestellt wurden, sehr prompt beantwortet oi irben.
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