Ausgabe 
2.10.1896 Zweites Blatt
 
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Tw Meßmer Aiaiicie«Vtüt1«r eabra dem Anzeiger Wtqentlich dreimal deigelegt.

Freitag den 2. October

Kenerat-Anzeiger.

Zweites Blatt _________________

Aichmer Anzeiger

1896

Lierteljähriger AGonntmcntspreii: 2 Mark 20 Psg. mit Lringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Psg.

Redaction, Expedition und Druckerei: SLukKratze Ar.7» Fernsprecher 51.

Amts- und Anzeigeblatt für den Tiveis Gietzen

chratisbeitage; Gießener KamikienKtätter^ [

Amtlichem Theil

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'Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den Ntzmden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.

Erlös zu verzeichnen, indem für Obst ein Betrag von über 200 Mark erzielt wurde. Diese Summe wäre gewiß be- merkenSwerth größer geworden, wenn das Obst nicht zur Hälfte durch vorauSgegangeue Stürme abgeriffen worden wäre. Auch viel wurmstichiges Obst ist vorhanden. Die Preise sind für Aepfel recht hoch und kam nicht selten der Korb voll über zwei Mark zu stehen. Wenn unsere jungen Obstpflanzungen erst erwachsen find, dann erhält in Obst« jähren die Gemeinde eine Einnahmequelle, die hundertfach die Anlagekosteu ersetzt. Im Allgemeinen kann der dies­jährige Herbst für unsere Gegend nicht als ein an Obst be- sonders reicher bezeichnet werden, besonders fehlen Zwetschen und auch Birnen. Der vorjährige Herbst brachte viel größeren Obstsegen. Deffeuuogeachtet brauchen doch Obstdörre und Honigkelter nicht zu rasten und rosten. Klar erweist sich auch bei der diesjährigen Obsternte wieder, daß dort die besten Erträge erzielt werden, wo die Pflege der Obstbäume nicht außer Acht gelaflen wurde. Bestätigt sich die Kalender­regel:DonnertS im September, so gibt eS im nächsten Jahre viel Obst", so wären die Aussichten für eine nächst­jährige Obsternte vorhanden, denn gedonnert hat eS feste im September. Jedenfalls aber noch bester als dieses Donnern im September ist für unsere Obstbäume jetzt eine gründliche Düngung behufs reicher Bildung von späteren Tragknospeu.

D. Daueruheim, 29. September. Aüfgepaßtl Zu Anfang des Monats Mat theilte ich Ihnen mit, daß hier ein falfckeS Zweimarkstück festgehalten worden wäre, das wahrscheinlich durch Handelsleute oder Arbeiter, denen ihre Löhne in den Städten der Umgegend ausbezahlt wurden, hierher gebracht worden sei. Heute kann ich Ihnen mit­theilen, daß ein Dreimarkstück ergriffen wurde, welches besonders merkwürdig ist. Auf der Vorderansicht befindet sich folgende Inschrift: Gulielmus Uli. D. G. Britanniae Rex F. D., sowie das Btldniß des Königs Wilhelm IV. von England, der von 1830 bis 1837 regierte und zugleich als Wilhelm I. König von Hannover war. Auf der Rück­ansicht befindet fich das englische Wappen und in diesem daS hannoverische und darunter: Anno 1830. Der Thaler fühlt fich fettig an, hat einen schlechten Klang, wenn man ihn auf einen harten Gegenstand fallen läßt und ist nicht sehr geschickt nachgeahmt. Da das Obst-, Frucht- und Kartoffel- geschäft begonnen hat, wird Geld aus verschiedenen Himmels­richtungen hierher gebracht, eS soll daher auch dieses Mal wieder vor falschen Münzen gewarnt werden. Ferner ist

* Wetzlar, 29. September. Die auf den Hütten der BuderuS'schen Eisenwerke geplanten umfangreichen Neu- und Umbauten nehmen ihren planmäßigen Fortgang.

es ein alter Kniff der Falschmünzer, daß sie ihre Falstficate gerne in abgelegenen Orten anbringen, wo die Leute im Unterscheiden der guten und schlechten Münzen nicht sonder­lich geübt find. Man thue daher seine Augen auf beim Geldeinnehmen und merke fich: eS find in letzter Zett Zwei', Drei- und Fünfmarkstücke nachgeahmt worden.

M. Aus dem Vogelsberg, 30. September. Bei den in den letzten Monaten dahier stattgehabten Gemetnde-Jagd- Verpachtungen ist durchschnittlich ein annehmbarer, in einigen Gemeinden sogar ein verhältnißmäßig sehr hoher Erlös zu verzeichnen. Nur in einigen wenigen Orten konnten es unternehmungslustige Landwirthe nicht über sich gewinnen, daß die Jagd an Fremde zu einem angeblich nicht entsprechen­den Preise loSgeschlagen wurde- fie haben deshalb bei den Versteigerungen tapfer mitgeboten und in drei Orten unseres Vogelsberges haben sie auch den Zuschlag erhalten. In diesen Orten bildete fich je ein Consorttum, welches die Jagd ge- meinschastlich auSübt. Wenn nun auch diese Thatsache ge- rade nicht so wichtig erscheint, daß fie der Oeffentlichkeit preisgegeben zu werden verdient, so ist doch die Art und Weise lustig, in welcher diese Nimrode die Jagd auSüben. Diese Landwirthe und Jagdpächter verbinden nämlich das Angenehme mit dem Nützlichen. Der eine hat beim Kartoffel- auSmachen die geladene Flinte hinter dem gefüllten Kartoffel­sack stehen und beobachtet daS etwa verborgene Wild. Läßt fich etwas blicken, so saust die Kartoffelhacke zur Seite und in einigen Sätzen steht der Nimrod mit der Flinte zum Schuß bereit und trifft, je nachdem, das Wild, oder schließ- ltch einen Kartoffelsack oder was sonst oder auch gar nichts. Der andere fährt mit seinen Kühen auf die Weide und an seiner Schulter hängt die Jagdflinte. Ein Dritter hat beim Grummetmähen die Flinte in greifbarer Nähe u. s. w.

Ostheim, 27. September. Die Dampfmolkeret Ost- Heim wurde zu dem Preis von 22,000 Mk. von einer Genoffenschaft erworben und geht der Betrieb derselben mit dem 1. Oetober auf die Genosienschaft über.

Bingen, 27. September. Die Stadtverordneten be­willigten 70,000 Mark für die Erweiterung des HoSpitalS.

? Ruppertenrod, 30. September. Obwohl unsere Ge- «etnde-Obstpfla nzungen noch sehr jung find, hat i>,ch die Gemeindekaffe in diesem Jahre einen recht schönen

betreffend: Die Maul- und Klauenseuche- hier Abhaltung von Viehmärkien.

Das Großh. Ministerium des Innern hat die Abhaltung M Viehmarktes zu Ortenberg vom 2. bis 5. November ' I. unter den nachstehenden Bedingungen genehmigt:

1. Für den Auf- und Abtrieb ist je eine bestimmte Stelle zu schaffen. Der Marktort hat das nöthige Aufsichts­personal zu stellen, damit den getroffenen Anordnungen genau nachgekommen wird.

2. Auf den Markt dürfen nur Thiere aus unverseuchten Orten des Großherzogkhums Hessen, Thiere von Händlern aber nur dann, wenn sie mindestens sieben Tage in unverseuchten hessischen Orten in seuchefreiem Zustand zugebracht haben, aufgetrieben werden. Beim Auftrieb der Thiere ist durch eine streng zu handhabende Controle der betreffenden Ursprungsscheine zu verhüten, daß andere Thiere auf den Markt gebracht werden.

3. Außer der Controle der Ursprungszeugnisse hat selbstverständlich auch die thierärztliche Besichtigung der Thiere vor dem Auftriebe zu erfolgen.

Büdingen, den 25. September 1896. Grobherzogliches Kreisamt Büdingen.

Klietf ch.

Alle Annoncen-Burcaux bei In- und Auslandes nehme» i Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Bekanntmachung.

In der Gemeinde Laufdorf ist die Maul-und Klauen- Wche amtlich festgestellt worden.

In Bon bad en ist die Maul- und Klauenseuche und iiWerdorf die Rothlaufseuche wieder erloschen.

Gießen, den 30. September 1896.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

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Feuilleton.

Gesprengte Fesseln.*^

Von I. Weingartner-Budapest.

(Schluß.)

Sobald der Passagier seinen Fuß in daS Boot gesetzt übernimmt der Steuermann die Führung zu Wasser imb z.a Land, er zeigt lachend auf einen breiten schwarzen Snrtien, den ein am linken Ufer mündendes Flüßchen in H gelben Wässer des Donaustromes zieht. SS ist die lincia (die Schwarze), ein wild brausender Gebirgsbach, im löom HerkuleSbad Mehadia herab sein crhstallklareS Lsscr der Donau schickt. Die Mündung hat eine Land- ;mrge gebildet, an welcher der Kahn zum ersten Male an- liH. Sine kurze Pappelallee führt zu einer kleinen Eapelle: . hn Kroncapelle, die über jenem Stück Erde errichtet worden i Ift, m welchem nach der Flucht CsffuthS dessen Freunde die ivorischen Kroninfignien vergruben. ES ist dies ein Wall- ichlSort der magyarischen Patrioten, die während der ' MemiumSfeier in großen Schaaren hierher gepilgert find.

DaS Boot schneidet quer den Donauarm und hält auf üHiSWel zu, deren nördliches Ufer von einer Ziegelmauer :°Mumt ist, auf welcher, durch weiß gestrichene Ziegelsteine mit rt, schon auf ziemliche Entfernung zu lesen ist: Ada- KIrhi. Am User ist ein schwarz-gelber Flaggenmast errichtet, mtbini welchem der Posten schildert: daS Inselchen, daS ginmloS hier inmitten des Stromes liegt, hat eine ungarische Nutzung von 48 Mann unter dem directen Befehl eines DrülieutenantS. Die Bewohner find mit wenig Ausnahmen Liiksm, ächte Muselmanen, die fich ihre HaremS halten, in ibn Moschee ihre Andachten verrichten und ihre Todten aij eiinem türkischen Friedhof beerdigen. Die Bevölkerung-- j.ijl Iber Insel beträgt etwa 460 Personen, die so ziemlich 1 -«Mei leben, denn fie find Niemandes Unterthan. Der lirfsl gehört die Insel seit 1878 nicht mehr, Oesterreich- Llizmv betrachtet fie aber auch alsAusland", denn eS )|lh mm so mehr auf strenge Zollcontrole, als die Türken - vielleicht zu Unrecht in dem Gerüche kühner

-1»» PMP" Schmuggler stehen, die ein großesGeschäft" in türkischem Tabak machen. Auf dem kleinen Platz, den man erreicht, nachdem man durch die feuchten, halb zerfallenen Kasematten mit ihrem Moderduft gestolpert ist, hat fich ein regelrechtes Lager etablirt, dicht dabei ist ein türkisches Cafo, in welchem die Männer den größten Theil ihrer freien Zeit und fie haben den ganzen Tag freie Zeit verbringen. Der Kaffee wird in der bekannten Weise zubereitet: er schmeckt vorzüglich, erst später verspürt die norddeutsche Zange daS süßliche Aroma- der wider Willen mitgeschluckte Satz klebt am Gaumen und erzeugt ein peinigendes Durstgefühl. Waffer allein spült den Satz nicht hinunter, also Bitu, fünfzig Kreuzer für eine Flasche Bitu. Die Türken zucken die Achseln, schütteln die Köpfe, was ist ihnen Bier? Endlich dämmert» unter einem der Fez, der Träger des- selben winkt und führt mich zu einem Haus eS ist eine Art Höhle, in welcher eine Art Drache zu hausen scheint.

Bitu!" schreit der Türke und gestikulirt lebhaft auf den gebildeten Europäer ein. Da löst fich eine dunkle Masse vom Hintergründe, bet Licht betrachtet ist'S eine Frau, dick, unbeholfen, von keinerlei Sauberkeit.A Flaschl Bier wünschens? Kann ich dienen .... Mein Seliger, schaunS, der, wann sein Flaschl Bier net hatte . . ." und schlüffelraffelnd watschelte fie von bannen. Ich war in Ver­legenheit, wohin ich mich setzen sollte. Endlich jagte ich ein Huhn von dem einzigen Stuhle, der vorhanden war und wartete geduldig, gleich meinem Türken, der in der Zeit bereits die fünfte Cigarrette verqualmt hatte. Da erschien die Wirthin wundermild wieder, fie schnaufte gleich einem Blasebalg.AuS den Kiffematten . . . ganz frisch, mein Seliger trank nur frische Flaschl . . ." und eilfertig hatte sie GlaS und Pfropfenzieher herbeigeyolt. Alle Achtung, der Trunk that wohl!. Ich kam wahrhaftig in die Ver­suchung, den Seligen der wackeren Dame leben zu lassen, besann wich aber noch rechtzeitig auf die Frivolität dieses Vorhabens. Das aber steht fest, so gut wie dieses Flaschl Steinbrucher Bier aus den Kasematten von Ada-Kaleh hat mir selten ein Trunk gemundet. Außer den 50 Kreuzern, die ich damals auf den Tisch, auf welchem sie sofort kleben

blieben, niederlegte, sei der Wittib von Ada-Kaleh auch an dieser Stelle noch ein Dank dargebracht.

Der Bootsführer drängte zur Weiterfahrt und so schifften wir uns denn wieder ein, um im Tone der Afrtkareisenden zu reden. Läng» der Insel entlang steuerten wir anscheinend mitten in die Strudel und Stromschnellen. Der Wasserstand war hoch, so daß das flache Boot wenig Gefahr lief, aufzurennen. Immerhin aber bedurfte eS einer so kundigen Hand, wie der unseres Steuermannes, um un­gefährdet am Canal zu landen. Der reißende Strom droht das Schtfflein schier zu verschlingen, da» schwankt und schliggert wie auf hoher See.

Beinahe sechs Jahre laug Dröhnten die Dhnamitschüffe durch die stillen Berge, raffelten die Bagger, sägten die Bohrmaschinen und jetzt haben sie ihr schwierige» Werk vollendet. Durch das wohl 2500 Meter lange Gewirr von FrlSbarriören haben fie einen Canal gebrochen, der längs des serbischen UferS läuft, 80 Meter breit und 3 Kilometer weit geführt ist. 5«/a Millionen Gulden mußten zur Vollendung dieses Culturwerkes aufgebracht werden. Am 15. September 1890 wurde mit den Arbeiten begonnen, am 27. September 1896 ist die Eröffnung deS Canals officiell erfolgt, weil dieses Datum gerade in den Rahmen der MillentumSfestlichkeiten hineinpaßt. In Wirklichkeit aber ist die Fertigstellung schon Anfang März erfolgt, allerdings, fehlte die officielle Weihe. Für dies Jahr wird der Canal der Schifffahrt keine großen Vortheile mehr bringen, da sie einige Wochen später gewöhnlich ganz eitigestellt oder wenigstens auf das äußerste Maß beschränkt wird. Auf jeden Fall aber ist mit der ftaunenSwerthen Thatsache zu rechnen, daß die großen Dampfer vom Wiener Donaucanal an bis in daS Schwarze Meer fahren können, ohne auf der langen Reise auch nur einmal auf ein SchifffahrtShinderniß tu dem klippenreichen Strom zu stoßen. Seit die Feffeln des ^Eisernen Thores" gesprengt find, ist die Donau frei für den Dampferverkehr, frei von Paffau bis zum Schwarzen Meere.