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Arbeiter, und man wird die unverkennbarsten Spuren der Entbehrung und des tiefsten Kummers auf der Stirne derselben wahrnchmen; aber die Sucht nach irdischem Mammon läßt kein Gefühl für sie übrig, sie kann sie ermatten und hinsinken sehen, ist nur der eigene Heerd von Ueberfluß begütert, der fremde mag untergehn und verderben!
Der Bastard von Gemappe.
Historische Erzählung von F Mcnk.
(Fortsetzung.)
„Das Erste was ich höre!" rief Jeoffroy, sich gleichgültig stellend, obgleich es in seinem Innern lobte; „Ihr wäret da und seyv wirklich schon so weit voran? Nun, ich gestehe, Ihr scyd Meister in Allem. Die Politik, die Menschen, den Himmel und Euer» königlichen Vater — Ihr wißt sie Alle zu überlisten."
Ludwig lachte laut. „Tiens, das nimmt Dich Wunder. Du sollst bald noch andere Dinge hören." Er schwieg einen Augenblick still und setzte sich auf die Bettlehne. seines Vertrauten. Jeoffroy strikte seine Miene scharf, denn sie halte so etwas von dem hämischen Ausdruck einer Tigerkatze angenommen. „Weißt Du schon," nahm dann der Prinz wieder das Wort, „ich will Dich an den Hof meines .Vaters schicken. Ich brauche dort durchaus Jemanden, auf den ich mich verlassen kann und der mir zugleich auch' über Alles, was vorgeht, Bericht abstattet."
Jeoffroy richtete sich erschrocken mit halbem Leib aus dem Bette auf. „Diancrc!" rief er, nachdem er stch von feinem ersten Entsetzen erholt hatte, „eine saubere Commission das, bei der man leicht fein letztes Ave gestammelt haben könnte. Was denken Ew. königliche Hoheit — soll ich immer die Katze seyn, die Euch die Kastanien aus dem Feuer holt ? Ist da nicht der Tristan, der braune Pierre du Plessis, sind da nicht zehn andere, die alte, mehr 'Witz und Schlangenklugheit besitzen, als ich?".
Eine solche kühne Sprache aus denr Munde eines Dieners darf den Leser nicket frappiren. Wer die Geschichte Ludwigs XL kennt, weiß auch, welche Macht gerade die Leute niederen Standes, die zu seiner, nächsten Umgebung gehörten, , über ihn hätten. Wir lesen in Segür, Düclos, Mezcrai u. A. die auffallendsten Anekdoten, welche Belege zu unserer Bchaup- ' tung sind.
Ludwig war auch über die Frechheit Jeoffroy's anscheinend nicht im Geringsten aufgebracht, er wußte gar zu wohl, daß es ihn nur ein ernstes Wort koste, um Alles um sich her zittern zu machen.
„Ach, mein guter Getreuer!" rief der Prinz, anscheinend demüthig lächelnd, aber hinter diesem Lächeln lauerte die Kralle, „Du wirst Deinem Ludwig doch nicht eine kleine Bitte abschlagen? Sieh wir sind ja
zusammen ausgewachsen, wir sind so zu sagen Brüder, und Brüder, mein süßer Jeoffroy, das weißt Du: Brüder müssen einander gefällig seyn. Bin ich nicht auch gegen meinen Bruder Carl so liebevoll, obgleich es mir der Undankbare schlecht lohnt? Nicht wahr, Du wirst gehen — oder soll ich den Tristan schicken?" Bei diesen letzten Worten blitzte sein Auge aber so diabolisch, daß Jeoffroy alsbald wußte, was er zu' thun habe. Er sah sehr kleinlaut zu seinem Herrn empor und dieser fuhr auch gleich wieder fort:
■ „Aengstlge Dich nicht, mein süßer Jeoffroy, die ' Sache ist bei Weitem nicht so gefährlich , ai§- sie das Ansehen hat. Ach, der Dauphin von Frankreich ist jetzt in einer weit übleren. Lage, als der geringste seiner Diener. Dieser Philipp von Burgund, unter dessen Schutz ich an ich begeben habe, läßt mich Alles fürchten. Unterhält nicht mein Vater Karl VII einen steten Briefwechsel mit ihm? Ich zittere por jedem Söldling, der die Burgundischen Farben trägt, und weiß ich denn, was bei Hofe vorgehl? Kann nicht jeden Augenblick ras gräßlichste Unheil über mich, einbrechen?
Dieser Karl VII. — er will ewig leben, und ver- rälb mich der Burgunderherzog, so wird er bereitwillig meinen Bruder Karl zum Erben seines Thrones tin- setzen. Ja, Jeoffroy, Du mußt nach Paris und mir immer Bericht abstatten , was sie. dort treiben. Lieber Jeoffroy, die Leute, die meinem-Vater so recht besonders schmeicheln , die schreibe Dir auf. Ich werde doch einmal König werden und ihre Treue belohnen können!"
In Jeoffroy's Seele ward es dunkler und immer dunkler; was kümmerten ihn in diesem Augenblick die Ränke jenes schlechten Sohncö gegen seinen Vater? das Schicksal Jeanettens lag ihm weit mehr am Herzen; und was hatte er nicht zu befürchten, wenn er dem Prinzen freien Sptelraum ließ! Er versuchte deshalb noch einmal einige Zweifel laut werden 'zu lassen, allein der Prinz gab ihnen, kein Gehör. Schon den folgenden Tag bestimmte er zur Abreise und wider diesen Machtspruch ließ sich nichts einwenden..
Kaum röthete am andern Tag die Sonne nur schwach die Thurmspitzen von Gemappe, so schwang sich Jeoffroy mit einem Herzen voll Gram und Besorg- niß auf sein" Roß und trabte fort.
" 3.
Der Herbst verstrich, der Winter fegte rauh und kalt über die Fluren von, Brabant, auch her Frühling kehrte endlich wieder und trieb seine tausend Knospen und machte die Felder grün. In Gemappe war so ziemlich Alles beim Alten geblieben. Der Dauphin 'fuhr fort die nicht-^würdigsten Pläne zu schmieden und machte sich deti unglücklichen Feldzug seines Vaters nach Italien, jenes Grab der Franzosen, wie es gleichzeitige Geschichtschreiber nannten, zu Nutze, den Herzog von Burgund immer mehr gufzureizen. Der greise Philipp


