406 Gieflsche wöchentlich- gemeinnötzige Anzeigen
Man ist bisher in unsrer Stadt gewohnt gewesen, in der ersten Nacht dieser heiligen Tage zwischen zwölf uud ein Uhr eine Music aufdem hiesigen Thurme aufzuführen. Ich bin so weit davon entfernt, diese Gewohnheit zu tadeln, daß ich sie vielmehr für sehr vernünftig und lobenswürdig halte. Denn was kann wohl vernünftiger und lobenswürdiger seyn, «ls daß wir zu der Zeit, da sich ehedem der Himmel öfnete und Engel Gottes aus unsre Erde kamen, um dem ganzen menschlichen Geschlechte zu verkündigen, daß in dieser Nacht sein Versöhner Gottes seye gebohren worden, daß nun Friede auf Erden und Wohlgefallen Gottes aus den Menschen ruhe, was kann wohl, sage ich, vernünftiger und lobenswürdiger seyn, als daß wir in dieser heiligsten unter allen Nächten mit vereinigten Stimmen unserm GOtt für die unaussprechliche Wohlthacen, die er uns in seinem Sohne geschenkt hat, lobsingen und mit lauten freudenvollen Jubeln unfern Brüdern Heil und Seeligkeit zurufen ? Nein, ich tadle diese Gewohnheit nicht. Ich habe es selbst oft empfunden, wie geschickt in dieser Nacht die Music ist , ein Herz, das nicht ganz GOtt und die Ewigkeit vergessen hat, zu rühren und zu heiligen Betrachtungen zu erwecken. Allein das kann ich nicht loben, daß man in dieser Nacht den Lärm auf den Strafen so ungestraft hingehen läßt, daß man Mägden und Knechten und andern unartigen Buben die Freyheit erlaubt, um diese stille Mitternacht auf dem Kirchenplatze und um den Thurm herumzustehen und aller- ley Unruhen und Thorheiten anzufangen, daß sich ganze Rotten in Brandtweinhäusern und andern Orten versammlen und Mter dem Vorwand, die Music anzuhören, diese so merkwürdige Nacht mit Spielen und Saufen zubringen, daß man die Stunde von elf bis zwölf zu mancherley Aberglauben und unpernünstigen Experimenten gebrauchet; dieses alles kan ich nicht loben und jeder Vernünftiger wird lieber mit mir wünschen, daß künftig eher diese feyerliche Music unterbleiben, als daß dieselEntheiligung noch länger fortdauern möchte.
Am allerwenigsten aller kann ich das billigen, daß man bey dieser Gelegenheit den Kindern allerley albernes Zeug vorschwätzt, daß man ihnen sagt, das Chrisikindchen werde unter dieser Music auf dem Thurme gewiegt und nach dieser Music käme es in die Häuser und beschere den Kindern eine Menge Spielsachen, Puppenwerck und Kleider. Es kommt mir gar zu abgeschmackt und lächerlich vor, wenn ich Leute, die sonst vernünftig sind, die Neugierde ihrer kleinen Kinder auf diese Weise befriedi- gen höre. Ich mußte vor einigen Tagen laut über ein Gespräch lachen, das


