111 Mestsche wSchElich - gemeinnützige Attzetzm
de begleiten würden. Man muß seinen Feinden getrost ins Angesicht sehen, und je öfterer man sich an ihren Anblick gewöhnt hat, je weniger werden sie uns furchtbar werden. Dergleichen Besorgnisse würden gegründet seyn, wenn man forderte, daß alle Leute auf die nemliche Art mir einander umgehen sollten. Aber so wie die wahren Freunde unter Personen ejnerley Geschlechts sehr selten sind, und nur wenige liebreiche und zugleich redliche Gemüther sich hierzu schicken, eben so wird auch fteylich nur eine kleine Anzahl Frauenzimmer und Mannspersonen mit einander auf diesen Fuß Freundschaft haben können. Nur wenig edeldenkende Seelen , die ihrer Neigungen Meister sind, und wovon niederträchtige Leute keine Begriffe haben, werden mit einander vertraut werden können, ohne jemahis die Schranken der Ehre und der Tugend auch in ihren kleinsten Handlungen zu überschreiten. Diejenige die hierzu nicht fähig sind, sind überhaupt auch nicht einmal zur Freundschaft mit Leuten ihres Geschlechts geschickt. Sie werden ihre Pflichten bey jeder Gelegenheit aus den Augen setzen, obgleich ihre Vergehungen von einer andern Art seyn werden. Sie werden nicht in den Fehler verfallen, den man bey dem Umgang zweyer Personen von ver-. schiednem Geschleckt besorgt: aber sie werden andre begehen, die vielleicht oben so gros seyn können.
Also vorausgesetzt, daß eine solche Freundschaft nur unter Tugendhaften möglich sey, so werden beyde Theile auch solche Maasregelrr nehmen, daß sie sich von dem Pfade der Tugend nicht entfernen. Der Mann wird keine genaue Frrundschaft mit einem Frauenzimmer suchen , das nicht zugleich eine Freundin von feiner Frau ift, ober doch bey der ersten nähern Bekanntschaft werden kann. Eben so wenig wird die Frau eine Vertraulichkeit mit Mannspersonen anfangen, von denen sie nur vermuthen könnte, daß ihr Gemahl nicht die besten Gesinnungen von ihnen hatte. ES ist also nickt genug, daß die zwey Personen, welche eine Freundschaft unterhalten, Leute von einer rechtschafnen Gemükhsart sind; sondern die dritte oder vierte Person, die allenfals mit in das Spiel kommen könnte, 'wüste ebenfals einen solchen edlen nnd zärtlichen Character haben. Denn ich bin versichert, daß ein rechtschafner Mann, der das Unglück hätte, und wie viele haben cs nicht > eine argwöhnische und niederträchtige Frau zu haben viel lieber den Umgang einer Freundin, wenn sie auck noch so liebenswürdig wäre, gänzlich vermeiden würde, als daß er sick denen obgleich ungerechten Vorwürfen seiner Frau, und andern darausfließenden Verdrres- lichkeiten aussetzen sollte. So sehr ist ein Tugendhafter Herr über, sich selbst:


