Ausgabe 
14.11.1775
 
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WoPeiiV latt.

Sechs und Vierzigstes Stuck.

Dienstags den 14. V7ovemer i77f.

Mit Hochfürstl. Hessen Darmstädtlscher gnädigster Erlaubniß.

Anekdote von Gellere. v

/*\er redliche Gellert handelte in seinen moralischen Vorlesungen einmal ) von der Pflicht, dem Bedrängten in seinen Bedürfnissen zu Hülfe

zu eilen. Jever Zuhörer wurde bis zu Thränen gerührt, denn wem war es leichter das Herz zu ruhten, als einem Gellert, der so unmittelbar mit dem Herzen zu reden wußte? Emer von seinen Zuhörern geritth aufderr Einfall, Gellerken auf die Probezu stellen, ob wirklich sein Herz mikseinem Vortrage übereinkomme. Er gieng in einem elenden und zerrißenem Klei­de zu ihm, Was verlangen Sie, lieber Freund?" Mein Kleid,sag­te der Jüngling entdeckt ihnen schon, daß ich arm bin; und beynahemöch­te ich sagen, daß dieser armselige Anzug für meine Lage noch zu gut ist. Dem ungeachtet bin ich niemals einem Menschen zur Last gefallen. Einige weniae Zuflüße nebst dem, was ich mit Abschreiben verdiene, ernähren mich kümmerlich Aber jezt - - - Herr Professor! Sie sehen mich in der drin­gendsten Noch. Ich bin gezwungen heute noch eine Summe zu bezahlen, die ich, so mäßig sie ist, doch nicht zusammen bringen kann. Ich habe keinen Freund, keinen Menschen , dessen Hülfe ich anflehen kann - - - ich wage es mich an Sie zu wenden, und, wieviel gebrauchen Sie denn, mein lieber Freund? - zehn Thaler, Herr Professor! und in vier Wo- chm bin ich gewiß im Stande, sie wieder zu bezahlen. -Zehn Th^er, :*T- i / Z z Gott